Im Stadtviertel, das "Sowjetisch" heißt, schlängeln sich schmale Gassen zwischen den einstöckigen Häusern aus Lehm oder Stein. Frauen verkaufen frisches Brot durchs Fenster, Händler stellen kitschige Gemälde auf der Straße aus. Eine steile Treppe führt in eine Teestube hinunter. Obwohl Aserbaidschan ein muslimisches Land ist, bietet der Wirt auch Wein an. 69 Jahre ist er alt. Es sind die letzten Tage seiner Teestube.

Das Viertel werde bald abgerissen, erzählt er gleichmütig. Wann genau die Abrissbagger kommen, weiß er nicht. Er nimmt es hin wie ein Unwetter, vor dem es kein Entrinnen gibt. "Ich denke", sagt er, "nach dem Eurovision Song Contest."

Der Gesangswettbewerb ist das Ereignis des Jahres in Aserbaidschan – er bietet dem unbekannten Land die Chance, sich in Europa zu präsentieren. Eine neue Konzerthalle, den Kristallpalast, hat es in der Hauptstadt Baku auf einer Landzunge ins Kaspische Meer gebaut. Davor weht eine Riesenflagge Aserbaidschans am 160 Meter hohen Mast. Ein paar Marineschiffe am Ufer mussten weichen, und die Abrissbirne räumte Wohnhäuser aus dem Weg, die das moderne Bild der geraden Linien und reinen Flächen störten.

Aserbaidschan hat das Verwirrende an sich, das viele Grenzgebiete auszeichnet: Die frühere Sowjetrepublik liegt am östlichsten Zipfel Europas und rühmt sich zugleich, der westlichste Ort der islamischen Welt zu sein. Die Sonnenbrille im Haar ersetzt bei vielen Aserbaidschanerinnen den Schleier. Sie trinken in der Öffentlichkeit keinen Alkohol, dafür gibt es auf den Toiletten einiger Restaurants eine Bar für den Cocktail zwischendurch. Und in der Kabine mancher Busfahrer kleben Heiligenbilder gleich neben Pin-up-Mädchen. Wie europäisch ist dieses Land? Wie demokratisch?

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In der Politik, klagen Oppositionelle, zeigten die Regierenden eine Doppelmoral: Nach außen präsentiere sich der Präsident Ilham Alijew im maßgeschneiderten Anzug und mit apartem Englisch, nach innen behandele er seine Untergebenen wie ein Feudalherr. Alijew hat das Amt von seinem Vater geerbt, einem ehemaligen KGB-Chef der Sowjetrepublik. Die politische Opposition ist unterdrückt und im Dissidentendasein isoliert. Viele ihrer Führer sind zerstritten und gelähmt von einem moralisierenden Weltbild, das pragmatische Politik als ehrenrührig ablehnt.

Die Erfahrung der sowjetischen Zeit, dass der Mensch kaum eigenständig handeln darf, sitzt auch bei den Beherrschten tief. In einer Meinungsumfrage gaben 49 Prozent der Aserbaidschaner an, Menschen hätten nicht das Recht, zu sagen, was sie denken. Das Regime garantiert jedem, der sich anpasst, ein ungestörtes Leben und die Hoffnung auf ein besseres Auskommen. Aserbaidschan verfügt über Öl- und Gasvorräte im Kaspischen Meer. Für Alijew ist Europa vor allem ein Absatzmarkt, kein politisches Vorbild.

Die meisten Aserbaidschaner leben zwei Leben: ein öffentliches, das genau den Vorstellungen der Gesellschaft entsprechen muss, und ein privates, das oft ganz anders aussieht. Kamran Rsajew kennt das gut. Der 40-Jährige schiebt sich seine Sonnenbrille auf die Stirn und wuchtet vier Kisten mit Kondomen in sein Kellerbüro: Sie sind mit aserbaidschanischen Staatszuschüssen finanziert, um Aids unter Homosexuellen zu bekämpfen. Rsajew, schwul und muslimisch, ist Vorsitzender der Organisation für Homo-, Bi- und Transsexuelle, die offiziell als "Sozialverein für Geschlechterrollen und Entwicklung" registriert ist. Er wohnt mit seinem Freund in der Altstadt von Baku und verdient sein Geld mit einem Schönheitssalon samt Epilationsservice. "Man kann gut leben als Schwuler in Baku", sagt Rsajew.