KabinettsumbildungBube. Dame. Macht

Für die Kanzlerin oder gegen sie? Wie die Freundschaft von Peter Altmaier und Norbert Röttgen zerbrach. Ein politisches Beziehungsdrama.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Amtsübergabe von Umweltminister Norbert Röttgen (rechts) auf den neuen Minister Peter Altmaier

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Amtsübergabe von Umweltminister Norbert Röttgen (rechts) auf den neuen Minister Peter Altmaier

Skrupellose Politiker, kalt genossene Rache, brutale Entscheidungen – so was gibt es in der Politik. Aber viel seltener, als es in amerikanischen Serien oder in manchen deutschen Magazinen dargestellt wird. In Wirklichkeit ist es meist komplizierter, interessanter, zwiespältiger – und tragischer.

Peter Altmaier, Norbert Röttgen und Angela Merkel vertreten seit Jahren in fast allem dieselben politischen Ziele, sie sind Liberale in einer konservativen Partei, sie haben sich gemeinsam für eine neue Familienpolitik eingesetzt und für die Energiewende, eigentlich für alles, was die CDU modernisiert hat. Alle drei sind außergewöhnlich begabte Politiker, die einander lange gemocht und geschätzt haben. Wer mit ihnen in diesen Tagen spricht, der hört von Respekt, von Zuneigung, und tiefer Freundschaft: alles in der Vergangenheitsform.

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Äußerst gegenwärtig sind die Gefühle: ein über den Redefluss sein Essen fast vergessender, immer wieder auf Röttgen zurückkommender Altmaier, ein in den Telefongesprächen mal aufgeräumt, mal gerührt wirkender Norbert Röttgen – und sogar aus dem Kanzleramt dringt Betroffenheit.

Doch nun, es ist Dienstag, treffen sie aufeinander, in einem kleinen Raum des Schlosses Bellevue – gleich soll der eine vom Bundespräsidenten entlassen, der andere ernannt werden –, und warten, dass die Begegnung schnell vorübergeht, Röttgens Frau ist dabei, mit dem Bundespräsidenten kommt die Kanzlerin herein, sie ist blass und wortkarg, niemand weiß, ob es der Jetlag nach der USA-Reise ist oder der Zustand ihrer Kanzlerschaft. In der Mitte dieser kleinen Gruppe befindet sich ein unsichtbarer Scherbenhaufen, während draußen in den Cafés und Hinterzimmern der Hauptstadt die jeweiligen Spindoctoren die Deutungsschlacht um den Röttgen-Rausschmiss schlagen.

Wie konnte es so weit kommen? Was sagt das über die drei? Und über die Politik in der Ära Merkel?

Ihre beste Zeit hatten Altmaier und Röttgen nach Kohls Sturz

1994, als alles anfing, da waren Röttgen und Altmaier noch ziemlich junge Männer, frisch gewählte Bundestagsabgeordnete inmitten der Kohl-Dämmerung. Wer jung ist, neigt dazu, Freundschaft als etwas Einfaches zu betrachten, erst später merkt man, dass Freunde ganz ähnlichen Schwierigkeiten ausgesetzt sein können wie Liebende. Besonders dann, wenn die Freundschaft sich mit dem Beruflichen verbindet, erst recht, wenn dieser Beruf Politik heißt.

Peter Altmaier und Norbert Röttgen jedenfalls stürzten sich in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre in dieses Abenteuer Freundschaft, wurden, wie einer der beiden das noch heute fast schulhofhaft ausdrückt: beste Freunde. Dabei waren sie so verschieden, wie man nur verschieden sein kann, wenn man sich im selben, im liberalen Flügel der CDU bewegt. Altmaier, äußerlich nicht von unmittelbar einnehmendem Wesen, aus dem kleinen Landesverband Saarland stammend und Single. Röttgen, der Modell-Unionist, telegen, verheiratet, Kinder und aus NRW stammend, dem mitgliederstärksten Landesverband. Erkannt haben sie einander, weil sie zu den wenigen gehörten, die in der autoritär geführten Kohl-Truppe mit klugen Fragen und dosierten Provokationen auffielen.

Leserkommentare
  1. sich mit den persönlichen Befindlichkeiten zu befassen.
    In diesem komplexen Geflecht aus Interessen, "Freundschaft, Karriere, Macht und Abhängigkeit ist es schwer "gut" von "böse" zu unterscheiden. Wer in diesem Geschäft ganz nach oben will, bekommt Dreck an den Stecken, früher oder später.
    So ist Politik, spätestens im internationalen Masstab.

    NRW: abgehakt. Röttgen: abgehakt.
    Es muss jetzt um die Sache gehen: Energiewende.

    5 Leserempfehlungen
  2. Altmaier versagt genauso wie Röttgen. Schwarzgelb und Merkel sind unfähig überhaupt etwas in dieser Richtung zu leisten weil sie eben alle inkompetent sind.
    Die Schwarzengelben wie der Fuchs u. Brüderle kommen nun auch schon wieder mit Atomkraftlaufzeitverlängerung und Neubau von Kohlekraftwerken.
    Einfach nur erbärmlich!

    8 Leserempfehlungen
    • sudek
    • 27.05.2012 um 9:42 Uhr

    Wichtig ist doch nicht das Beziehungsdrama zwischen Röttgen und Altmaier, sondern das Beziehungsdrama zwischen Merkel und ihrer Partei!

    Es wird von einer "autoritär geführten Kohl-Truppe" gesprochen. Und wie nennt man diese Führung der Bundeskanzlerin? Autoritär wäre da eine komplette Verharmlosung!

    Helmut Kohl hatte Biedenkopf, hatte Geißler. Die Partei diskutierte!

    Heute gibt es eine Anweisung, einen Rausschmiss...

    Gibt es eigentlich noch eine CDU, die demokratisch lebendig diskutiert, welche die tatsächlichen Ursachen der NRW-Niederlage waren?

    Statt Beziehungsdrama Röttgen/Altmaier wäre ein Besuch in einigen Ortsvereinen der CDU in NRW sicher erkenntnisreicher hinsichtlich der Machtbasis der Bundeskanzlerin! Hat sie in der Partei überhaupt noch eine Machtbasis?

    6 Leserempfehlungen
    • oet
    • 27.05.2012 um 9:46 Uhr

    ein ganz feinsinniger, menschlicher Artikel im immer ruppiger werdenden Klima der Politik. Danke.

    4 Leserempfehlungen
  3. Merkel ist eindeutig die Rache von Kohl an seiner Partei. Er hat sie sozusagen bei seinem Abschied der CDU als Kuckucksei ins Nest gelegt.

    Seitdem arbeitet sie dort auch ähnlich; wirkliche Köpfe sind um sie herum kaum noch wahrnehmbar.

    Wieso hatte Röttgen denn in NRW den Wahlkampfauftrag überhaupt angenommen, wo er doch indirekt erklärt hatte, er wolle dies nicht so gern? Möglicherweise wollte Merkel ihn schon vorher aus der Ministerrunde entfernen - nun hat sie das eben nachgeholt.

    4 Leserempfehlungen
  4. die Diskussion führt entschieden am Problem "Energiewende" vorbei.

    Die von Frau Merkel propagierte "Energiewende" unter der vom Verbraucher direkt finanzierten "Erneuerbaren Energie" ist unglaubwürdig weil sie die Energie Lobby stützt.

    Das kann jeder Verbraucher auf der eigenen Stromrechnung nachsehen - der einzige der profitiert sind die Energiekonzerne.

    Es gibt genügend Eigeninitiativen von Bürgern, Gemeinden, die das Gegenteil beweisen.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    nicht mehr zum Aushalten. So zu tun als ob die PV's und die Windmuehlen ohne "Lobby" in die Lage versetzt wurden bei den Verbrauchern abzusahnen ist Volksverdummung pur.

    nicht mehr zum Aushalten. So zu tun als ob die PV's und die Windmuehlen ohne "Lobby" in die Lage versetzt wurden bei den Verbrauchern abzusahnen ist Volksverdummung pur.

    • rugero
    • 27.05.2012 um 10:26 Uhr

    Ich glaube nicht, daß es in dem Umfeld wahre Freunde gibt. Letztlich zählen Macht und Pfründe.

    Aber über die Karriere des Herrn Hern Altmaier muß man auch nicht lange reden. Wenn Frau Merkel mit ihrer wackeligen Koalition so weiter macht und der Gegenwind aus Europa und USA anhält, macht da bald keiner mehr Karriere.

    3 Leserempfehlungen
  5. Ein hervorragend geschriebener Artikel.
    Eine Frage drängte mich schon immer auf und zwar genau an dem Tag, als Röttgen sich zum Kandidaten für NRW entschlossen hat.

    Damit hat er doch auch gleichzeitig bekundet, dass er um der Macht willen das Umweltamt aufgeben würde!

    Dieser Aspekt kam in den letzten Wochen nie hervor.

    Überzeugend war Röttgen in seinen Äusserungen doch nie wirklich, und seine rethorischen Versuchskapriolen waren einem einigermaßen gebildeten Menschen eh nur lästig.

    Ich denke, es wurde Merkel sehr klar, dass Röttgen nur seine Karriere vor Augen hatte, weniger die Inhalte.
    Ich nehme Röttgen die Ernsthaftigkeit als Umweltminister i.d.T nicht ab.

    P.S.
    (Während der Wahlkampfphase bemerkte man einen eigenartigen Röttgen, der durch seine Art der Satzvernebelung selber garnicht merkte, was er da eigentlich sagt. es schien fast so, als glaubte er an seine genialen Satzverrenkungen).

    Eine Leserempfehlung

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