Auf den ersten Blick ist es nur eine weitere langweilige Statistik. 48 Prozent. Auf den zweiten allerdings, wenn man sich klarmacht, was für ein Skandal sich hinter der Zahl verbirgt, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie kann es sein, dass fast jeder zweite Ingenieurstudent an Deutschlands Universitäten sein Studium abbricht, und alles, was die verantwortlichen Professoren dazu zu sagen haben, erschöpft sich in müden Ausreden?

Der Reihe nach. Alle paar Jahre untersuchen die Forscher vom Hochschul-Informations-System (HIS) , wie erfolgreich sich die jeweils aktuelle Studentengeneration in Richtung Abschluss vorgearbeitet hat. Diesmal haben sich die Experten den Erstsemesterjahrgang 2006/07 angesehen. Dabei sind die Ergebnisse insgesamt ziemlich durchwachsen. Während die Fachhochschulen ihre Abbrecherquote im Bachelor im Vergleich zu vor vier Jahren auf 19 Prozent nahezu halbiert haben, ist sie an den Universitäten um zehn Punkte auf 35 Prozent in die Höhe geschnellt.

Um zu verstehen, was diese Zahlen im wirklichen Leben bedeuten, muss man sich zunächst von einem häufigen Missverständnis verabschieden. »Studienabbrecher«, zumindest dem Verständnis der Statistiker nach, sind nicht etwa jene, die nach einem Semester oder zwei bemerken, dass ihre Studienwahl falsch war, und sich für ein anderes Fach einschreiben. Nein, wer das tut, was bei den Ingenieuren gerade mal auf acht Prozent der Studenten zutrifft, fällt laut den Experten unter die sogenannte Schwundquote. Studienabbrecher sind ausschließlich diejenigen, die so entnervt sind von ihrem Studium, so frustriert und desillusioniert, dass sie der Uni ein für alle Mal Lebewohl sagen. Die sozusagen lebenslang verloren sind für eine Hochschulausbildung.

Und jetzt kommen wieder die Ingenieure ins Spiel: Als wäre es nicht bereits ein Drama, dass die Universitäten im Durchschnitt ein Drittel ihrer Bachelorstudenten vergraulen, ist es bei ihnen die Hälfte. Und sogar mehr: Die Bauingenieure kommen auf 51 Prozent, die Maschinenbauer und Elektrotechniker sogar auf 53 Prozent.

Eine Schande – und eine gesellschaftliche Riesendummheit noch dazu. Landauf, landab warnt die Wirtschaft vor einem angeblichen Ingenieurmangel, Zehntausende Stellen blieben jedes Jahr unbesetzt, heißt es. Mit allen möglichen Förderprogrammen und manchmal fragwürdigen Kampagnen versucht die Politik, mehr Schüler schon frühzeitig für die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu begeistern – doch die, die dann freiwillig kommen, werden von den Universitäten behandelt wie unnötiger Ballast, der nur beim Aufstieg zu intellektuellen Höhenflügen hindert.

Da glauben dann Professoren, es sei ein Ausweis ihrer Qualität, wenn 70 Prozent der Studenten in ihren Klausuren durchfallen; andere erachten »Rausprüfen« als legitimes Mittel , um die ihres Erachtens viel zu hohen Anfängerzahlen auf ein erträgliches Maß zu stutzen. Gemeinsam ist beiden Gruppen die Auffassung, dass die Ingenieurwissenschaften nur etwas für eine absolute Elite seien, ganz sicher aber nicht für die »Massen«. Wenn die am Studium scheitern, waren sie eben nicht schlau genug. Selber schuld.

Natürlich gibt es auch jede Menge Professoren, die sich ihrer Verantwortung stellen. Die wissen, dass gerade die Ingenieurwissenschaften häufig von Studienanfängern gewählt werden, die nicht aus einem begüterten Elternhaus stammen. Denen die akademische Bildung nicht in die Wiege gelegt wurde und auch nicht die finanzielle Ausstattung, um sich ohne Nebenjobs voll aufs Studium konzentrieren zu können. Die deshalb aber lange noch nicht dumm sind, im Gegenteil: Wie sonst hätten sie es über die vielerorts existierenden Numerus-clausus-Barrieren geschafft. Die Hochschullehrer, denen das alles klar ist, sehen auch, dass das Ingenieurstudium womöglich sogar mehr Betreuung als andere Studiengänge erfordert und nicht weniger.

Es mangelt bislang an der notwendigen Mentalität

Wenn man sich in der Bundesrepublik umschaut, kann man jedoch die Zahl der Universitäten, die ihre Studienmodelle entsprechend angepasst haben, an einer Hand abzählen. Alle anderen haben offenbar kein Interesse daran, den Empfehlungen führender Hochschuldidaktiker zu folgen, das Ingenieurstudium endlich umzustricken. Würde das doch bedeuten, flächendeckende Auswahl- und Beratungsgespräche für alle Bewerber einzuführen, Mentoringprogramme für alle Studenten und Überleitungskurse für jene, die mit Lücken aus der Schule kommen.

Aber nein! So ein »Babysitting« verträgt sich nicht mit dem wissenschaftlichen Freiheitsanspruch des Studiums, raunen die Lordsiegelbewahrer – und vergessen dabei, dass wissenschaftliche Freiheit nur ausleben kann, wer zunächst das selbstständige Arbeiten hat lernen können. Die Studienreform, die Umstellung auf die neuen Abschlüsse Bachelor und Master, wäre für all diese Veränderungen eine gute Gelegenheit gewesen. Wobei diese natürlich Geld gekostet hätten. Viel Geld. Und, ja, die meisten Hochschulen sind krass unterfinanziert. Doch viel mehr noch als an Geld mangelt es bislang an der notwendigen Mentalität.

Allein deshalb haben die Ingenieurwissenschaften ihre alten Studiengänge einfach in die neue Form gepresst und ihre Zeit lieber damit verbracht, über die vermeintlich so schlimme Abschaffung des »Diplom-Ingenieurs« zu lamentieren. Mit dem Ergebnis, dass immer noch fast überall die schwierigsten Grundlagenfächer, der Großteil an Mathematik und Theorie, wie zur Abschreckung in die ersten Semester fallen. Und anstatt wenigstens jetzt angesichts der katastrophalen Abbrecherzahlen loszulegen, erklären sie die Bildungspolitik für schuldig – und machen ebenjene Studienreform verantwortlich, deren Grundphilosophie sie sich bis heute verweigert haben.

Wie sich diese Grundphilosophie beschreiben lässt? Mit einem Satz: Denkt an die Studenten! Was brauchen diese wirklich, um nach einem dreijährigen Bachelorprogramm auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu haben? Wohin gehört wie viel Theorie, wohin wie viel Praxis? Was kann man weglassen, weil es nur die Studienpläne verstopft? Und was passt besser in den Master?

Eine solche Haltung würde auch endlich zur Kenntnis nehmen, dass angesichts von nur noch zwölf Jahren Schule plus Wegfall der Wehrpflicht die heutigen Studienanfänger 17 oder 18 Jahre alt sind . Mit allen Konsequenzen für ihre persönliche Reife – und für die Anforderungen an die Hochschuldidaktik in den ersten Semestern. Das kann man finden, wie man will: Es bleibt eine Tatsache.

Natürlich sind miese Bologna-Studiengänge keine Spezialität allein der Ingenieure. Auch andere Fächer haben die Studienreform aus Unlust vergeigt. Doch nirgendwo so folgenschwer wie bei den Ingenieuren, die jedem zweiten ihrer fast 500.000 Studenten achselzuckend zurufen: Du bist zu blöd für uns, also raus hier! Oder die ihre Studenten einfach so lange auflaufen lassen, bis sie freiwillig die Segel streichen.

Vielleicht hilft nur noch Druck von außen. In Form neuer Finanzierungsmodelle zum Beispiel, wie die ehemalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn sie vorschlägt. Oder indem man öffentlichkeitswirksam die wenigen positiven Beispiele lobt, die es bereits gibt, von der TU Darmstadt bis zur TU München. Vor allem aber, indem man sich von den Fachhochschulingenieuren etwas abschaut, die gerade dabei sind, nach ähnlich katastrophalen Zahlen die Kurve zu kriegen. 

Mal ehrlich: Wenn Ingenieure nur halb so schlau sind, wie sie selbst von sich glauben, werden sie irgendwann begreifen, dass ihre wertvollste Ressource die Menschen sind, die ihnen anvertraut wurden. Und wenn sie nur halb so gute Tüftler sind, wie sie den Rest der Welt glauben machen wollen, werden sie sich dann an die Arbeit machen und die intelligentesten, die effizientesten und die motivierendsten Studienprogramme zusammenbasteln, die man sich überhaupt wünschen kann. Sie müssen es nur noch wollen.

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