IngenieurstudiumAbgeschreckt

Fast die Hälfte der Ingenieurstudenten verlässt die Uni ohne Abschluss. Eine Schande, findet Jan-Martin Wiarda von 

Auf den ersten Blick ist es nur eine weitere langweilige Statistik. 48 Prozent. Auf den zweiten allerdings, wenn man sich klarmacht, was für ein Skandal sich hinter der Zahl verbirgt, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie kann es sein, dass fast jeder zweite Ingenieurstudent an Deutschlands Universitäten sein Studium abbricht, und alles, was die verantwortlichen Professoren dazu zu sagen haben, erschöpft sich in müden Ausreden?

Der Reihe nach. Alle paar Jahre untersuchen die Forscher vom Hochschul-Informations-System (HIS) , wie erfolgreich sich die jeweils aktuelle Studentengeneration in Richtung Abschluss vorgearbeitet hat. Diesmal haben sich die Experten den Erstsemesterjahrgang 2006/07 angesehen. Dabei sind die Ergebnisse insgesamt ziemlich durchwachsen. Während die Fachhochschulen ihre Abbrecherquote im Bachelor im Vergleich zu vor vier Jahren auf 19 Prozent nahezu halbiert haben, ist sie an den Universitäten um zehn Punkte auf 35 Prozent in die Höhe geschnellt.

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Um zu verstehen, was diese Zahlen im wirklichen Leben bedeuten, muss man sich zunächst von einem häufigen Missverständnis verabschieden. »Studienabbrecher«, zumindest dem Verständnis der Statistiker nach, sind nicht etwa jene, die nach einem Semester oder zwei bemerken, dass ihre Studienwahl falsch war, und sich für ein anderes Fach einschreiben. Nein, wer das tut, was bei den Ingenieuren gerade mal auf acht Prozent der Studenten zutrifft, fällt laut den Experten unter die sogenannte Schwundquote. Studienabbrecher sind ausschließlich diejenigen, die so entnervt sind von ihrem Studium, so frustriert und desillusioniert, dass sie der Uni ein für alle Mal Lebewohl sagen. Die sozusagen lebenslang verloren sind für eine Hochschulausbildung.

Und jetzt kommen wieder die Ingenieure ins Spiel: Als wäre es nicht bereits ein Drama, dass die Universitäten im Durchschnitt ein Drittel ihrer Bachelorstudenten vergraulen, ist es bei ihnen die Hälfte. Und sogar mehr: Die Bauingenieure kommen auf 51 Prozent, die Maschinenbauer und Elektrotechniker sogar auf 53 Prozent.

Eine Schande – und eine gesellschaftliche Riesendummheit noch dazu. Landauf, landab warnt die Wirtschaft vor einem angeblichen Ingenieurmangel, Zehntausende Stellen blieben jedes Jahr unbesetzt, heißt es. Mit allen möglichen Förderprogrammen und manchmal fragwürdigen Kampagnen versucht die Politik, mehr Schüler schon frühzeitig für die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu begeistern – doch die, die dann freiwillig kommen, werden von den Universitäten behandelt wie unnötiger Ballast, der nur beim Aufstieg zu intellektuellen Höhenflügen hindert.

Da glauben dann Professoren, es sei ein Ausweis ihrer Qualität, wenn 70 Prozent der Studenten in ihren Klausuren durchfallen; andere erachten »Rausprüfen« als legitimes Mittel , um die ihres Erachtens viel zu hohen Anfängerzahlen auf ein erträgliches Maß zu stutzen. Gemeinsam ist beiden Gruppen die Auffassung, dass die Ingenieurwissenschaften nur etwas für eine absolute Elite seien, ganz sicher aber nicht für die »Massen«. Wenn die am Studium scheitern, waren sie eben nicht schlau genug. Selber schuld.

Natürlich gibt es auch jede Menge Professoren, die sich ihrer Verantwortung stellen. Die wissen, dass gerade die Ingenieurwissenschaften häufig von Studienanfängern gewählt werden, die nicht aus einem begüterten Elternhaus stammen. Denen die akademische Bildung nicht in die Wiege gelegt wurde und auch nicht die finanzielle Ausstattung, um sich ohne Nebenjobs voll aufs Studium konzentrieren zu können. Die deshalb aber lange noch nicht dumm sind, im Gegenteil: Wie sonst hätten sie es über die vielerorts existierenden Numerus-clausus-Barrieren geschafft. Die Hochschullehrer, denen das alles klar ist, sehen auch, dass das Ingenieurstudium womöglich sogar mehr Betreuung als andere Studiengänge erfordert und nicht weniger.

Wenn man sich in der Bundesrepublik umschaut, kann man jedoch die Zahl der Universitäten, die ihre Studienmodelle entsprechend angepasst haben, an einer Hand abzählen. Alle anderen haben offenbar kein Interesse daran, den Empfehlungen führender Hochschuldidaktiker zu folgen, das Ingenieurstudium endlich umzustricken. Würde das doch bedeuten, flächendeckende Auswahl- und Beratungsgespräche für alle Bewerber einzuführen, Mentoringprogramme für alle Studenten und Überleitungskurse für jene, die mit Lücken aus der Schule kommen.

Aber nein! So ein »Babysitting« verträgt sich nicht mit dem wissenschaftlichen Freiheitsanspruch des Studiums, raunen die Lordsiegelbewahrer – und vergessen dabei, dass wissenschaftliche Freiheit nur ausleben kann, wer zunächst das selbstständige Arbeiten hat lernen können. Die Studienreform, die Umstellung auf die neuen Abschlüsse Bachelor und Master, wäre für all diese Veränderungen eine gute Gelegenheit gewesen. Wobei diese natürlich Geld gekostet hätten. Viel Geld. Und, ja, die meisten Hochschulen sind krass unterfinanziert. Doch viel mehr noch als an Geld mangelt es bislang an der notwendigen Mentalität.

Allein deshalb haben die Ingenieurwissenschaften ihre alten Studiengänge einfach in die neue Form gepresst und ihre Zeit lieber damit verbracht, über die vermeintlich so schlimme Abschaffung des »Diplom-Ingenieurs« zu lamentieren. Mit dem Ergebnis, dass immer noch fast überall die schwierigsten Grundlagenfächer, der Großteil an Mathematik und Theorie, wie zur Abschreckung in die ersten Semester fallen. Und anstatt wenigstens jetzt angesichts der katastrophalen Abbrecherzahlen loszulegen, erklären sie die Bildungspolitik für schuldig – und machen ebenjene Studienreform verantwortlich, deren Grundphilosophie sie sich bis heute verweigert haben.

Wie sich diese Grundphilosophie beschreiben lässt? Mit einem Satz: Denkt an die Studenten! Was brauchen diese wirklich, um nach einem dreijährigen Bachelorprogramm auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu haben? Wohin gehört wie viel Theorie, wohin wie viel Praxis? Was kann man weglassen, weil es nur die Studienpläne verstopft? Und was passt besser in den Master?

Eine solche Haltung würde auch endlich zur Kenntnis nehmen, dass angesichts von nur noch zwölf Jahren Schule plus Wegfall der Wehrpflicht die heutigen Studienanfänger 17 oder 18 Jahre alt sind . Mit allen Konsequenzen für ihre persönliche Reife – und für die Anforderungen an die Hochschuldidaktik in den ersten Semestern. Das kann man finden, wie man will: Es bleibt eine Tatsache.

Natürlich sind miese Bologna-Studiengänge keine Spezialität allein der Ingenieure. Auch andere Fächer haben die Studienreform aus Unlust vergeigt. Doch nirgendwo so folgenschwer wie bei den Ingenieuren, die jedem zweiten ihrer fast 500.000 Studenten achselzuckend zurufen: Du bist zu blöd für uns, also raus hier! Oder die ihre Studenten einfach so lange auflaufen lassen, bis sie freiwillig die Segel streichen.

Vielleicht hilft nur noch Druck von außen. In Form neuer Finanzierungsmodelle zum Beispiel, wie die ehemalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn sie vorschlägt. Oder indem man öffentlichkeitswirksam die wenigen positiven Beispiele lobt, die es bereits gibt, von der TU Darmstadt bis zur TU München. Vor allem aber, indem man sich von den Fachhochschulingenieuren etwas abschaut, die gerade dabei sind, nach ähnlich katastrophalen Zahlen die Kurve zu kriegen. 

Mal ehrlich: Wenn Ingenieure nur halb so schlau sind, wie sie selbst von sich glauben, werden sie irgendwann begreifen, dass ihre wertvollste Ressource die Menschen sind, die ihnen anvertraut wurden. Und wenn sie nur halb so gute Tüftler sind, wie sie den Rest der Welt glauben machen wollen, werden sie sich dann an die Arbeit machen und die intelligentesten, die effizientesten und die motivierendsten Studienprogramme zusammenbasteln, die man sich überhaupt wünschen kann. Sie müssen es nur noch wollen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

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Leserkommentare
    • mutant
    • 04. Juni 2012 16:43 Uhr

    aber meiner Meinung nach ist der Artikel ein Witz! Ständig diese "lasst die Leute doch durchkommen" und "seid doch nicht so unfair" da kommt mir die Galle hoch. Und nein, man kann nicht einfach mal die Hälfte der Studieninhalte aus Spass streichen! In welcher Welt lebt der Autor?
    Das Problem der Politik und der Vorteil der Prof.'s die sich gegen das durchwinken von unfähigen Studenten wehren ist, dass man in den ingenieur-wissenschaftlichen Grunddisziplinen in der Regel klar sagen kann "das ist richtig und das ist falsch". Da wird nicht in einer mündlichen Prüfungen irgend ein auswenig gelernter Rotz diskutiert und reflektiert oder für alle Seiten angenehm geschwafelt...das ist eine Prüfung verdammt nochmal!

  1. Der Autor liegt genau im Trend der heutigen Zeit, die totale Ausrichtung der universitären (Nicht-)Bildung auf wirtschaftliche Belange wird angestrebt. Dabei waren die Universitäten seit jeher auch ein Hort der schwierigen Theorie, die nicht unbedingt sofort praxisrelevant sein muss. Wo sonst, wenn nicht an deutschen Universitäten sollte zum Beispiel die höhere Mathematik noch gelehrt und betrieben werden? Und dass eine solide mathematische Ausbildung zum geistigen Fundament eines jeden Ingenieurs gehört, steht eigentlich außer Frage.
    Ich kann nur sagen: Zum GLÜCK haben die Unis auch nach der Umstellung auf Bologna im Großen und Ganzen ihre alten Prinzipien beibehalten (zumindest einige). Wo kämen wir denn dahin, wenn die Hochschulen bereits heute dermaßen "durch-proletarisiert" wären, dass das Studium eher aus persönlichkeitsbildenden Beratungsgesprächen besteht als aus solidem Stoff.
    Nein, ich würde anders ansetzen: Nicht bei den Universitäten liegt der Fehler, sondern in der Politik! Es ist heute politisch gewollt, dass die breite Masse möglichst mühelos durchs Abitur kommt und dann die Hochschulen flutet. Das darf so nicht sein. Wo bleibt die intellektuelle Elite? (Natürlich darf man von "Elite" schon gleich gar nicht sprechen, das ist politisch natürlich völlig unkorrekt. Es sind ja alle gleich, alle haben genau das gleiche Talent und Bildung hängt nur von der Finanzierung ab...)
    Haarsträubend ist das, Herr Wiarda, wirklich haarsträubend. Wo steuern wir da bloß hin...?

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    im märchenwald wo sie schon immer lebte
    zusammen mit den edlen prinzen, gütigen königen...
    ...und meiner oma die das alles für real hielt

  2. im märchenwald wo sie schon immer lebte
    zusammen mit den edlen prinzen, gütigen königen...
    ...und meiner oma die das alles für real hielt

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    Lieber "Lentz",
    was ich mit "Elite" ausdrücken wollte, war lediglich, dass es schon zu allen Zeiten Leute gab, die anderen in geistiger, intellektueller Hinsicht voraus sind (ob das nun politisch ungewollt ist oder nicht). Letztendlich kann das natürlich auch etwas mit Intelligenz zu tun haben, aber das muss nicht einmal zwingend der Fall sein.
    Wenn Sie dies bestreiten und von Anfang an behaupten alle Menschen hätten von Grund auf die gleichen Fähigkeiten, dann leugnen sie, dass es Unterschiede tatsächlich gibt. Warum sonst gibt es Wunderkinder, Genies und absolute Könner auf ihrem Gebiet? Beschäftigen Sie sich doch einmal mit namhaften Wissenschaftlern und großen Denkern, die wirklich etwas für ihre Zeit geleistet haben. Diese sind bestimmt nicht durch Persönlichkeits-Schulungen zu dem geworden, was sie waren.

  3. Lieber "Lentz",
    was ich mit "Elite" ausdrücken wollte, war lediglich, dass es schon zu allen Zeiten Leute gab, die anderen in geistiger, intellektueller Hinsicht voraus sind (ob das nun politisch ungewollt ist oder nicht). Letztendlich kann das natürlich auch etwas mit Intelligenz zu tun haben, aber das muss nicht einmal zwingend der Fall sein.
    Wenn Sie dies bestreiten und von Anfang an behaupten alle Menschen hätten von Grund auf die gleichen Fähigkeiten, dann leugnen sie, dass es Unterschiede tatsächlich gibt. Warum sonst gibt es Wunderkinder, Genies und absolute Könner auf ihrem Gebiet? Beschäftigen Sie sich doch einmal mit namhaften Wissenschaftlern und großen Denkern, die wirklich etwas für ihre Zeit geleistet haben. Diese sind bestimmt nicht durch Persönlichkeits-Schulungen zu dem geworden, was sie waren.

    Antwort auf "Wo bleibt die Elite?"
  4. der großteil der elitären an den universitäten haben bekanntlich nur eine narzistische persöhnlichkeitsstörung, bestenfals mit der fähigkeit für prüfungen auswendig zu lernen
    alles was man dazu braucht um die zu ersetzen ist eine datenbank und einen guten verkäufer
    die intelektuel herausstechenden schaffen hingegen selten das abi wegen den üblichen jammergründen der hochbegabten in deren förderung ja nicht diese sondern die kinder durchsetzungsfähiger eltern sitzen
    um diese zu bekommen, wenn sie das mit elite meinen,müssten die lehrer und professoren erstmal lehren lernen und am besten psychologische supervision bekommen den ansonsten lassen sie sich nicht gerne durch kinder demüten wenn sie im verhältnis zu diesen wie ein trottel dastehen
    aber ist ja alles alt-bekannt
    psychologische stabilisierung
    persöhnlichkeitsbildung
    didaktik
    daran haperts

    zuviel haben wir von:
    selbstbeweihräucherung
    wegbeissen von (gefühlter)konkurenz
    druck um des druckes willen

    [...]

    Gekürzt. Bitte argumentieren Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mk

  5. Ich hatte 1962 an der Staatlichen Ingenieurschule Frankfurt/Main nach 6 Semestern Feinwerktechnik mein Examen gemacht. Da war ich 23 Jahre alt. Von Anfang an habe ich in der Elektroindustrie in Entwicklungsabteilungen gearbeitet. Den Zugang zur Ingenieurschule (heute FH) fand ich über den II. Bildungsweg (mit Mechaniker-Lehre). Das waren gute Voraussetzungen für mein Berufsleben. Kollegen, die von der TH kamen, hatten keine anderen Aufgaben zu lösen, wie ich sie auch hatte. Mit vielen neuen Technologien musste ich mich genau so erst vertraut machen. Entscheidend war bei allen Problemlösungen immer die sichere Funktionalität mit geringstem Fertigungsaufwand.
    Ich verstehe manchmal die ganzen Diskussionen nicht um Fachhochschule und Universität. Den angstrebten Weg in NRW halte ich für sinnvoll und richtig.
    Josef Ullrich, Dipl.-Ing.

    • leihing
    • 02. Oktober 2013 21:47 Uhr

    Man nehme Hochschule X, suche sich eine Fakultät raus und bringt in Erfahrung die Anzahl der Studienplätze für die angebotenen Studiengänge. Diese Anzahl an Studienplätzen gibt die finanzielle Ausstattung der betreffenden Fakultät wieder. Also wieviele Professsoren, Mitarbeiter, studentische Hiwi`s und die Ausstattung mit Hörssälen und Labore durch das Wissenschaftsministerium finanziert wird. Diese Zahl geteilt durch die Regelstudienzeit ergibt die Absolventzahl pro Semester. Setzt man die in Verhältnis zur Zahl der Studienanfänger, so erhält man haargenau die Abbrecherquote.
    Diese Quote habe ich selbst erleben dürfen!
    Im Normalfall darf eine Studiengruppe zwischen 15-25 Studenten umfassen. Meine Abschlußstudiengruppe hatte 18 Leute, mit den anderen beiden Gruppen kam unser Semester auf ca. 60 Mann (war keine Frau dabei). Das war an einer FH in Bayern im Jahr 1991. 1987 haben wir mit ca. 350 Leuten im Wintersemester angefangen!

    So einfach geht Quote!

  6. was soll das Gejammere

    deutsche Studenten haben keinen Biss mehr.
    Nur weil sie 9 Prüfungen in 2 Wochen haben jammern sie auf hohem Niveau

    Als Ingenieur mit 25 Jahren Berufserfahrung kann ich nur sagen, das es sinnlos ist Studenten, die sich solchen Herausforderungen nicht stellen wollen, ein Diplom zu verleihen.

    Sie würden in der Praxis scheitern.
    Die Wirtschaft ist kein Zuckerschlecken, wenn es um Geld geht wird hart gekämpft.

    Der Markt verzeiht keine Fehler.

    Es ist besser wenn man solche Kandidaten frühzeitig heraussiebt.
    Je früher desto geringer ist der Schaden.

    Außerdem gibt es Ingenieure genug - die unter weit schlechteren Bedingungen ihr Studium geschafft haben, die dringend Arbeit brauchen. Wir müssen sie nur hereinlassen.

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