DIE ZEIT: Herr Khorchide, Salafisten streben einen Gottesstaat an, der sich nach Regeln der islamischen Welt des 7. Jahrhunderts richtet. Warum gibt es in Deutschland Jugendliche, die das anziehend finden?

Mouhanad Khorchide: Diese Jugendlichen sind hier geboren, hier aufgewachsen, sie haben große Erwartungen an die Gesellschaft. Sie wollen ein "Ihr gehört dazu" hören. Stattdessen hören sie während ihrer Sozialisation ein "Wir, die Deutschen – ihr, die Muslime". Verbunden mit einem negativen Unterton.

ZEIT: Inwiefern?

Khorchide: Es heißt: Muslime schneiden schlechter in der Schule ab , die Arbeitslosenquote unter Muslimen ist höher als bei Nichtmuslimen...

ZEIT: ...manche Studien zeigen das.

Khorchide: Aber das hat nichts mit der Religionszugehörigkeit zu tun. Da werden soziale Phänomene islamisiert. Und das spiegeln die Jugendlichen wider. Fragt man sie: "Als was fühlt ihr euch?", antworten sie nicht: "Als Deutscher", oder: "Als Türke", sondern: "Als Muslim."

ZEIT: Aber bis in die radikale Ecke der Salafisten ist es dann doch noch ein weiter Weg?

Khorchide: Viele dieser Jungen und auch Mädchen sind auf Identitätssuche. Was die Rekrutierung für die Salafisten einfacher macht, ist eine Enttheologisierung bei den Jugendlichen. Ich habe während meiner Arbeit als Jugend-Imam Jungen getroffen, die haben mit Drogen gedealt und gleichzeitig gesagt, dass sie stolze Muslime sind. Sie haben einen Koran aus der Tasche gezogen und gesagt: "Den habe ich immer bei mir, mit dem bin ich stark." Als ich sie fragte, was drinsteht, antworteten sie: "Ich kann kein Arabisch, ich weiß nicht, was drinsteht." Die Jugendlichen greifen auf etwas zurück, das ihnen Halt geben soll, eine Identität. Aber es ist eine Schalenidentität, ohne Kern, ausgehöhlt.

ZEIT: In dieses Vakuum stoßen die Salafisten?

Khorchide: Und sie argumentieren dabei nicht einmal religiös oder theologisch. Die sprechen nicht über Gott oder darüber, wie man zu Gott findet. Sie sagen: "Die Ungläubigen hassen uns, die wollen uns nicht, weil wir Muslime sind. Haltet euch von ihnen fern." Ihr Zugang zur Religion ist eigentlich ein Abschied von der Gesellschaft. Jugendliche, die sich an den Rand gedrängt und nicht angenommen fühlen, bekommen da ihre Bestätigung. Die Kategorie "Muslimsein" wird von ihnen als Erklärungsmuster für die eigene Ohnmacht und Perspektivlosigkeit verwendet: "Ich bekomme keinen Job, weil ich Muslim bin; ich bekomme schlechte Noten, weil ich Muslim bin." Dass es bei der Sache auch um eigene Anstrengung geht, wird dann vernachlässigt.