InformationsgesellschaftAm Medienpranger

Warum wirken die Medien in ihrem Urteil oft so konformistisch? Lassen sich Journalisten und Politiker von der Macht des Internets treiben? Sind die Piraten gut oder schlecht? Und welche Verantwortung trägt die Generation "Babyboomer", zu der auch Frank Schirrmacher und Giovanni di Lorenzo gehören? Ihr Gespräch moderiert Katrin Göring-Eckardt

Katrin Göring-Eckardt: Herr Schirrmacher, worüber regen Sie sich auf?

Frank Schirrmacher: Das ist die erste Frage? Überraschend.

Göring-Eckardt: Das war der Plan.

Schirrmacher: Es gibt vieles, worüber ich mich aufrege. Über Konformismus zum Beispiel.

Giovanni di Lorenzo: Mir macht die Frage, wie heute öffentliche Diskurse organisiert werden, Sorgen. Ich beobachte in den deutschen Medien seit einiger Zeit einen besorgniserregenden Hang zum Gleichklang. Das Merkwürdige dabei ist, dass der Konformitätsdruck nicht von bösen Regierungen oder finsteren Wirtschaftsmächten ausgeübt wird. Vielmehr kommt er aus unserer eigenen Mitte, er geht von den Journalisten, Lesern und Zuschauern aus. Gleichzeitig entsteht etwas, das vor allem die etablierten Parteien bedrohlich finden, während es mich erst einmal neugierig und teilweise auch erwartungsfroh macht: die Piraten.

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Göring-Eckardt: Was erwarten Sie von dieser neuen Partei?

Di Lorenzo: Gesellschaften brauchen offenbar Seismografen für Verkrustungen. Man kann die Schwächen und Fehler dieser Bewegung zu Recht kritisieren, aber sie weist auf etwas hin, das bei uns in der Tat veränderungsbedürftig ist. Ich bin neugierig, weil ich davon auch etwas lernen kann.

Frank Schirrmacher
Frank Schirrmacher

Der 52-Jährige ist Herausgeber der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. In seinem 2009 erschienenen Buch »Payback« geht es um den Einfluss der modernen Informationsmedien

Schirrmacher: Die Piraten sind, das müssen sich alle klarmachen, keine Modeerscheinung. Sie sind eine Form von regenerativer Energie, die sowohl in die Gesellschaft als auch in die Politik fließt. Plötzlich sehe ich ganz normale Leute in den Talkshows und Nachrichtensendungen, Leute, die ich sonst auf der Straße sehe, und die streiten mit anderen über Themen wie das Urheberrecht. Bei aller Kritik im Einzelnen: Was wir durch die Piraten erleben, ist das Erlöschen der »Zugangsberechtigung« für gesellschaftliche Diskurse. Die »Wildcard«, mit der man jeden Raum betreten kann, ist ein sicheres Verfahren, um bürokratische Machtakkumulation zu verunsichern.

Göring-Eckardt: Machtakkumulation verunsichert man doch eher durch echte Beteiligung, und zwar auch derjenigen, die nicht automatisch sprechfähig und online sind. Man muss doch auch die mitnehmen, die nicht überdurchschnittlich gebildet und vernetzt sind. Selbst bei den Piraten machen überhaupt nur zwei Prozent der Mitglieder mit.

Giovanni di Lorenzo
Giovanni di Lorenzo

Der 53-Jährige ist Chefredakteur der ZEIT und Mitherausgeber des »Tagesspiegels«. Für Radio Bremen moderiert er die Talkshow »3nach9«

Di Lorenzo: Kürzlich gab es diesen Auftritt von Johannes Ponader, dem neuen Geschäftsführer der Piraten, bei Günther Jauch. In den ersten Minuten habe ich gedacht: Nach dieser Sendung werden die Piraten gleich um ein paar Prozentpunkte in der Wählergunst abrutschen. Herr Ponader saß da in einer Kleidung, dass ich dachte, die stammt aus der Requisite dieser durchgedrehten Zalando-Werbung. Und dann hatte er auch noch einen Schuh auf dem Sitz!

Göring-Eckardt: Er konnte sich Ihrer Meinung nach also nicht benehmen?

Di Lorenzo: Mir war das wurscht, aber viele Zuschauer haben sich bestimmt aufgeregt. Außerdem guckte er die ganze Zeit auf sein Smartphone...

Schirrmacher: ...weil er nebenbei twitterte.

Di Lorenzo: Erst dachte ich: Oh Gott! Aber dann war es doch so, dass er sanft im Ton und klar in der Sache auf Dinge hingewiesen hat, sodass selbst professionelle Beobachter des politischen Betriebes sagen: Er hat immer wieder einen Punkt gemacht. Plötzlich sahen die Figuren, die zum Inventar des Talkshowzirkus gehören, ziemlich alt aus.

Katrin Göring-Eckardt
Katrin Göring-Eckardt

Die 46-Jährige ist Bundestagsabgeordnete der Grünen und Vizepräsidentin des Parlaments. Normalerweise wird sie selbst interviewt; diesmal ist sie Moderatorin

Göring-Eckardt: Denen wird aber auch vor jeder Sendung mindestens dreimal gesagt, sie hätten jetzt ihre Smartphones dringend auszuschalten, weil es sonst Probleme mit der Technik gibt...

Schirrmacher: Ich verstehe nur nicht, warum sich alle darüber wundern, wie eine Partei angeblich ohne Inhalte diesen Erfolg haben kann. Der Content der Piraten – was immer daraus wird – ist Partizipation. Die Menschen haben seit den Finanzkrisen gelernt, dass es keine Kompetenz gibt, die wir noch ohne Weiteres anerkennen können. Das ist auch ein Produkt von Frau Merkel, die in einer Mediengesellschaft durch Schweigen regiert. Die Erfahrung, dass zweimal die Weltfinanzsysteme fast zusammenbrechen – von Fukushima ganz zu schweigen! – und selbst Eingeweihte sagen, sie wissen nicht, was wirklich passiert, schürt das Misstrauen einer Gesellschaft gegenüber Kompetenz. Odo Marquard hat das mal »Inkompetenzkompensationskompetenz« genannt. In einer solchen Situation kommt jemand, der sagt: »Wir sind Lernprozess, nicht Ergebnis«, natürlich wahnsinnig gut an. Wenn ich heute 18 wäre – das sage ich ohne jeden Konformismus –, würde ich mich zu den Piraten hingezogen fühlen: Sie mögen Technologie und vermitteln das Gefühl, ich kann mitmachen. Sie haben keine Metaphysik, aber die Besten von ihnen haben Science-Fiction, und die muss wirklich kennen, wer über die Gegenwart nachdenkt. Ich hätte nur gern mehr Technologiekritik, und über den Wert von Kunst und die Bezahlung von geistiger Arbeit, die digitalen Selbstausbeutungssysteme von Google und Facebook würde ich auch gerne mit ihnen reden.

Di Lorenzo: Meiner Erinnerung nach war das bei uns so: Wenn es eine politische Kraft, eine Autorität gab, die dir etwas wegnehmen wollte, was du ganz alltäglich gemacht hast – laute Musik hören, lange Haare tragen, rauchen –, dann war man automatisch erst mal dagegen.

Göring-Eckardt: Sind wir liberaler heute? Gibt es das nicht mehr?

Di Lorenzo: Doch, es gibt das Paradigma: Ich lade mir etwas runter – und das soll jetzt kriminalisiert werden. Natürlich kann man dagegen anführen, dass die großen Portale, von denen man sich kostenlos etwas runterladen kann, nichts anderes sind als Geschäftsmodelle. Die machen das nicht wegen eines besonderen Freiheitsbegriffs, sondern weil sie durch Werbung finanziert werden.

Göring-Eckardt: Mich irritiert, dass es den Piraten offenbar nicht mehr darum geht, zu sagen: Ich habe eine Meinung, für die ich kämpfe und argumentiere. Ein solcher individueller Standpunkt wird geradezu abgelehnt. Stattdessen befürworten sie ein Modell, bei dem alle so lange umherschwärmen, bis sich nach und nach, im Rudel, eine Durchschnittsmeinung herausbildet. Wo ist da die Vision?

Leserkommentare
    • agffm1
    • 28. Mai 2012 19:24 Uhr

    Mal ganz ehrlich gefragt: Mussten Sie das sehr interessante Gespräch überhaupt zu Ende lesen, um dieses völlig verquaste Proseminaristen-Geschwurbel als Antwort zu posten? Foucault et al. würden sich zurecht im Grabe umdrehen bei diesem fahrlässigen und undifferenzierten Gerede von "Macht", "System", "Staatsmacht" und "Konzernmacht". Und wäre es Ihnen zuviel abverlangt, wenigstens ein paar eigene Gedanken dazu zu formulieren?
    Ich für meinen Teil fand, das war ein hervorragendes und gedankenreiches Gespräch zwischen drei klugen Leuten, die ihr mediales Handeln ernsthaft hinterfragen und reflektieren. Vielen Dank an die Zeit! Es wäre schön, an dieser Stelle ab und an mehr mediale Selbstreflexion zu finden - die Massenmedien neigen sonst dazu, ihre eigene Rolle und ihre Wirkung zu vernachlässigen.

  1. wenn das nicht mal ein bildschöner leitartikelnder Shitstorm gegen die öffentliche Meinung war!

    Ich finde es völlig in Ordnung, das Grass-Gedicht nicht abgedruckt zu haben - eine Erklärung dazu hätte ich mir aber auch gewünscht - statt Herrn Joffes Kommentatoren-Pöbelei als 'haßerfüllt, menschenverachtend' nebst Ausschluß aus der 'nachdenkenden Öffentlichkeit'.

    Die von den Leitartiklern gewünschte Diffamierung von Günter Grass setzte sich auch unterhalb der Artikel fort - mir ist nicht bekannt, daß eine Schreibweise von Grass mit zwei großen s bei ZO je moderiert wurde. Während nicht in Agenda, Laune, Bildungshorizont der Community-Redaktion passende Meinungen fleißig 'unveröffentlicht' werden.

    Mir scheint, wichtige Journalisten sind sich immer noch nicht darüber im Klaren, wie sie das Leben unter ihren Artikeln nun eigentlich beurteilen sollen: ist das nun der Lieferant für ihre narzisstischen Kicks, der 'menschenverachtende haßerfüllte' Mob im Gegensatz zu ihrer 'nachdenkenden Öffentlichkeit' oder doch vielleicht eine interessierte und mündige Leserschaft?

    Soweit das mich betrifft: ich freue mich ja mittlerweile schon, wenn hier Artikel erscheinen, die mehr als 8000 Anschläge haben, keine allzu groben inhaltlichen und auch nicht allzu üble stilistische/orthographische Fehler enthalten.
    Sonst: Qualitätsrückgang durch das Gehechel nach Tagesaktualität mittels konformer, kaum überarbeiteter Agentur-Meldungen.

    'Investigatives Ressort'? Eine sehr gute Entscheidung!

    Antwort auf "Haltung zu Grass"
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    da empfehle ich doch die Printausgaben von FAZ, Spiegel und Zeit. Die sind um Klassen besser als die Online-Produkte, kosten allerdings Geld.

  2. Was macht ein Hauswart? Er sorgt sich um den Wertbestand des Hauses, in dem er wohnt. Er sorgt durch sein schimpfen und maßregeln dafür, dass sein Haus "in Schuss" bleibt. Ob er denunziert, das weiss ich nicht.

    Was macht ein Beamter? Er sorgt sich um die Einhaltung der Normen und vorgegebenen Abläufe der gesetzlichen Möglichkeiten für den einzelnen Bürger. Er ist dem Staat und dem Gesetz verpflichtet.

    In meiner Jugend konnte ich mit beiden nichts anfangen. Der eine hat gemeckert, und der andere hat mich so oft nach Hause geschickt fehlende Unterlagen zu besorgen, bis ich vor Wut gekocht habe. Jetzt sehe ich die Beiden mit älteren Augen. Ohne den meckernden Hauswart macht jeder, was er will. Das beginnt mit den Mülltüten neben der Tonne, geht weiter mit Hundekacke vor der Eingangstür und endet bei sinnlosen Graffiti an den Wänden. Auch das Beamtentum bekam von mir eine Aufwertung durch mein älter werden. In Deutschland macht so schnell keiner, was er will. Vor allem dann nicht, wenn es gegen das Gemeinwohl steht.

    Ich gebe zu das ein paar Tüten Müll nicht gleich ein Haus im Wert mindern, oder das eine Garage in einer Garagenfreien Zone nicht sofort das Gemeinwohl mindern. Aber der Müll lockt Ratten an und die Garage nachbauer.

    Ja, Herr Di Lorenzo, bestimmte Muster bleiben immer gleich. Es gibt Menschen, die sich sorgen, und es gibt Menschen, die einfach ihren Müll neben der Mülltonne lagern. Ich bin ein Zwerg und schelte ob der herrschenden Politik, die mir nicht passt.

  3. Ich habe es genau anders herum empfunden. Ein absolut nichts-sagendes Gespräch. Wir sind für die Piraten, wir sind für eine Frauenquote, wir fördern junge Leute, die Jugend ist gar nicht so schlecht. Es ist so, als wenn Opa (und Oma) über den Krieg erzählen. Mein Gott, so alt sind die drei doch gar nicht.

    Antwort auf "Sehr guter Artikel"
  4. da empfehle ich doch die Printausgaben von FAZ, Spiegel und Zeit. Die sind um Klassen besser als die Online-Produkte, kosten allerdings Geld.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Mir scheint, Ihnen ist nicht bekannt, daß Geld mit jedem Klick auf Online-Medien verdient wird.

    Aber vielen Dank für Ihren freundlichen Rat - ich kaufe u.a. Die Zeit seit etwa 25 Jahren, in den letzten allerdings zunehmend weniger, den Spiegel seit 15 Jahren nicht mehr, die FAZ sporadisch. Im Kommentar ging es mir aber um die abnehmende journalistische Qualität durch den Wunsch nach Tages-Aktualität bei den Online-Plattformen von Wochen-Print-Medien - ist ja nicht nur bei ZO so.

    Wobei ich mir darüber im Klaren bin, WIE luxuriös es ist, zu ein- und demselben Thema bei x internationalen Medien online quer lesen zu können, das aber aufgrund sinkender Qualität und zunehmendem Konformismus auch zu *müssen*, um halbwegs informiert zu sein. Das aber kostet Zeit, die laut landläufiger Meinung ja Geld, nach meiner unmaßgeblichen gänzlich unbezahlbar ist.

    • manu26
    • 28. Mai 2012 20:23 Uhr

    Wenn es nicht ein paar Menschen gäbe, die an das glauben, was da im Video präsentiert wird, wäre es zum Lachen. Ich jedenfalls wusste nicht, ob ich lachen oder nur den Kopf schütteln sollte, als ich es sah.

    Interessantes Gespräch. Wohl investierte Zeit es zu lesen. Meine Lieblingsstelle:
    "Wir müssen weiter – um es mit Habermas zu sagen – das Rückgrat des politischen Diskurses bleiben, und zwar in Medien, die uns nach der schwärzesten aller Diktaturen geschenkt worden sind, die nicht hysteriegetrieben sind, nicht von Konformität erdrückt werden, sondern im Prinzip eine potenzielle Freiheit, Unabhängigkeit und Vielfalt haben, die beneidenswert und ziemlich einzigartig in der Welt sind." (Di Lorenzo)
    Und das meine ich nicht ironisch, auch wenn es vielen leider ironisch anmutet.

    Die vielfältigen Kommentare sind leider weitestgehend ein Trauerspiel – wie so oft.

    Antwort auf "Wo ist da die Vision?"
  5. Mir gefallen die Kritik von Herrn Di Lorenzo an den Medien sehr gut. Der Konformismus der Medien ist leider offensichtlich und erdrückt jede Debatte. Leider ist gerade "Die Zeit" immer ganz vorne dabei, wenn es um Konformismus, Hysterie und Einseitigkeit geht.

    So gab es gerade von der "Zeit" über Monate eine erschreckende Mobbingkampagne gegen Guido Westerwelle, als teilweise auf "Zeit Online" Negativartikel im Stundentakt veröffentlich wurden. Bei Sarrazin galt das gleiche. Generell werden Kritiker der Euro-Rettungen immer als "Anti-europäisch" diffamiert. Es wird ziemlich einseitig Propaganda für die Frauenquote und gegen das Betreuungsgeld betrieben. Die Benachteiligungen von Männer spielt hingegen kaum eine Rolle und Männer, die darauf hinweisen oder die Bevorzugung von Frauen ablehnen, werden diffamiert.

    Herr Di Lorenzo könnte also in eigenen Haus so einiges für eine bessere Debattenkultur tun. Die Debattenkultur bei der "Zeit" ist nämlich äußerst mäßig.

  6. 40. [...]

    Bitte verzichten Sie auf die Verbreitung haltloser Theorien. Danke, die Redaktion/fk.

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