Bösewichte lieben Protz, und Bösewichte lieben Haie. Zumindest in James-Bond-Filmen ist das so: Ein Schurke, der etwas auf sich hält, erschafft sich eine gleißende Parallelwelt, mit der er bei Gästen Eindruck schinden kann – um sie anschließend per Knopfdruck in ein Haifischbecken zu befördern. Dazu lacht er sein Schurkenlachen und feuert ein paar atomare Lenkwaffen ab.

Ob der libysche Diktatorensohn Hannibal Gaddafi sich von James-Bond-Filmen inspirieren ließ, ist nicht bekannt. Doch sieben Monate vor dem libyschen Revolutionsbeginn gab er eine Glitzer-Parallelwelt für seinen Clan in Auftrag: das Kreuzfahrtschiff Phoenicia, einen schwimmenden 3.500-Betten-Palast, rund 333 Meter lang, 140.000 Tonnen schwer, ausgestattet mit 21 Bars, vier Swimmingpools – und einem gigantischen Haifischbecken. In dem sollten zwei Tigerhaie, zwei weiße Haie und zwei Schwarzspitzen-Riffhaie ihre Runden drehen, betreut von vier fest angestellten Biologen und gepäppelt mit Spezialfutter. Nicht mit unliebsamen Passagieren.

Trujillos Sohn flüchtete mit dem Schiff. An Bord hatte er den Sarg seines Vaters

Der libysche Luxusliner war knapp zur Hälfte fertig, als die Revolution Mitte 2011 die Arbeiten unterbrach. Heute ist Hannibal Gaddafi auf der Flucht. Seinen unvollendeten Prachtkahn hat vor Kurzem der italienische Kreuzfahrtriese MSC übernommen. Der Konzern investiert 550 Millionen Euro in das Schiff, lässt es fertig bauen und will es Preziosa nennen, die Wertvolle. Danach soll es ein neues Leben auf dem Meer beginnen.

Die Vita der Preziosa ist weniger ungewöhnlich, als es auf den ersten Blick scheint. Das Schiff ist nicht das einzige mit politischer Vergangenheit, das auf den Weltmeeren unterwegs ist. Wenn Diktatoren stürzen, finden sich immer wieder auch prunkvolle Kähne im Nachlass – und die Frage taucht auf, was aus ihnen werden soll: Taugt so ein Schiff noch für unbeschwerte Ferien? Wie umgehen mit seiner schweren Fracht?

Die legendäre Galeb zum Beispiel, auf der der jugoslawische Autokrat Josip Broz Tito die britische Königin oder Kirk Douglas bewirtete, beherbergt neuerdings Ausstellungen im kroatischen Rijeka. Der Nazi-Flottentender Hela, auf dem Hitler und Göring regelmäßig zu Gast waren und der nach dem Krieg unter Sowjetflagge Stalin und Chruschtschow an Bord hatte, wird von einem italienischen Geschäftsmann aufwendig restauriert. In zwei, drei Jahren soll man das Schiff chartern können, Champagner und Gänsehaut inklusive. Und der legendäre Windjammer Sea Cloud lockt Passagiere nicht nur mit seinem viermastigen Fünf-Sterne-Luxus – sondern auch mit seiner unglaublichen Geschichte: Als ein amerikanischer Geschäftsmann den Segler Anfang der dreißiger Jahre bauen ließ, war er die größte Privatjacht der Welt, mit Wasserhähnen aus massivem Gold, Marmorkaminen und prominenten Gästen. 1955 erwarb Rafael Trujillo das Schiff, der Diktator der Dominikanischen Republik. Er liebte Prunk, Pomp und barocke Gelage. Die Jacht nannte er Angelita, machte sie zu einem schwimmenden Regierungssitz, empfing Staatsgäste darauf sowie freiwillige und unfreiwillige Geliebte. Zwischendurch lieh sich sein vergnügungssüchtiger Sohn Ramfis das Luxusschiff, um in den USA mit Zsa Zsa Gabor Partys zu feiern und mit Kim Novak anzubandeln. Wer heute in einer der prachtvollen »Original-Eignerkabinen« zwischen Marmorkamin und Louis-XIV-Nachttischen logiert, kann sich trefflich vorstellen, wie Diktator und Diktatorensohn hier ihre Affären genossen.

1961 war Schluss damit: Rafael Trujillo wurde aus einem Hinterhalt erschossen. Sohn Ramfis übernahm die Macht, doch nach wenigen Monaten schlugen ihn innen- und außenpolitischer Druck in die Flucht: Am 18. November 1961 türmte er auf der Angelita nach Guadeloupe, mit Juwelen, vier Millionen Dollar Bargeld und dem Sarg seines Vaters an Bord – und setzte sich im Flugzeug nach Frankreich ab. Die Crew sollte die Angelita allein nach Cannes überführen, wurde aber von der neuen Regierung per Funkspruch nach Hause beordert. In den folgenden Jahren rottete die Diktatorenjacht nach mehreren Verkäufen in Südamerika vor sich hin, 1978 dann restaurierte sie ein Hamburger Konsortium, seither ist sie als Kreuzfahrtschiff unterwegs.