WachstumUmweltschutz für den Euro

Die Europäische Union muss klimaverträgliches Wachstum fördern und private Investitionen entfesseln. Das hilft auch der Wirtschaft aus der Krise. von Nicholas Stern

Hochspannungsleitungen und Windräder in der Nähe von Freiwalde

Hochspannungsleitungen und Windräder in der Nähe von Freiwalde  |  © Sean Gallup/Getty Images

Dies ist ein entscheidender Moment in der Geschichte der Europäischen Union (EU): Sie befindet sich in einer politischen und wirtschaftlichen Krise – zugleich bietet sich ihr die bisher größte Chance, Wohlstand für ihre Einwohner zu schaffen und zu sichern. In Griechenland, Frankreich und Großbritannien haben die Wähler gezeigt, was sie von ihren Regierungen erwarten: die Schaffung von Arbeitsplätzen und Chancen sowie den Abbau von Defiziten und Schulden. Durch Stagnation oder Rezession werden Ressourcen verschwendet, und sie können zu einer gefährlichen politischen Instabilität führen.

Drei ökonomische Fakten: Erstens gehören verantwortungsvolle Finanzpolitik und Wachstum untrennbar zusammen. Fehlt eines, wird das andere beeinträchtigt. Zweitens: Es wäre unglaubwürdig, zu versuchen, die Konjunktur über Konsum wiederzubeleben. Drittens sind zur Steigerung von Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit strukturelle Reformen erforderlich. Diese brauchen aber Zeit.

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Viele Unternehmen haben kräftige Rücklagen. Damit sie investieren, müssen sie zuversichtlich sein und in die Politik vertrauen können. In den kommenden Jahrzehnten ist Wachstum glaubwürdig stabil, wenn es klimaverträglich ist. Diese Strategie bietet die Aussicht auf Kreativität und Innovationen, auf eine Zukunft in Wohlstand. Der kohlenstoffintensive Wachstumspfad birgt gewaltige Risiken, denn ungebremster Klimawandel wird katastrophale Folgen haben. Wir müssen jetzt handeln, noch während der aktuellen Wirtschaftskrise. Die Internationale Energie-Agentur und der IPCC haben klar dargelegt, dass eine Verzögerung gefährlich wäre. Damit eine reelle Chance besteht, die Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken, muss der weltweite Ausstoß von derzeit 50 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalent jährlich auf unter 20 Milliarden Tonnen im Jahr 2050 gesenkt werden.

Der Autor

Nicholas Stern war Chefökonom der Weltbank, Autor des Stern-Reports zum Klimawandel und leitet an der London School of Economics das Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment

Dieses Ziel lässt sich nur erreichen, wenn wir Energie anders erzeugen und nutzen. Die EU muss den Fortschritt in den Mitgliedstaaten diesbezüglich beschleunigen. Aus früheren industriellen Revolutionen haben wir gelernt, dass Investitionen den Vorreitern zufließen. Private Investitionen werden die klimaverträgliche industrielle Revolution vorantreiben, sofern die Politik Marktversagen in sechs Schlüsselbereichen beseitigt. Diese betreffen die externen Effekte von Treibhausgasen, Forschung & Entwicklung, Netze wie Stromnetze und der öffentliche Verkehr, Kapitalmärkte und ihr Risikomanagement, Informationspolitik sowie die fehlende Honorierung positiver Nebeneffekte für die Umwelt, die ein klimaverträgliches Wirtschaften mit sich bringt.

Beseitigen Regierungen und EU diese Marktversagen konsequent, fördern sie die Investitionsbereitschaft privater Investoren massiv, bei dennoch sparsamer Haushaltsführung. Klarheit und Glaubwürdigkeit mindern dabei die politischen Risiken.

Die EU sollte anstreben, den Treibhausgasausstoß bis 2020 gegenüber 1990 um 30 Prozent statt nur um 20 Prozent zu senken.

Die Regierungen können Forschung & Entwicklung sowie die Anwendung von Technologien durch direkte Zusammenarbeit mit Universitäten und Unternehmen stärker unterstützen.

Sie können private Investitionen in eine klimaverträgliche Transformation der Wirtschaft mit Mitteln der Europäischen Investitionsbank oder der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung fördern.

Sie können die Aufrüstung der europäischen Stromnetze in Angriff nehmen, sodass der Strom effizienter und intelligenter nach Angebot und Nachfrage in einem europaweiten Supergrid verteilt und die unregelmäßige Verfügbarkeit einiger erneuerbarer Energien bewältigt werden kann.

Programme zur Energieeffizienz oder zum öffentlichen Verkehr beleben die Wirtschaft rasch. Andere Maßnahmen dauern länger, aber gehandelt werden muss jetzt.

Die EU kann mit einer klaren, auf solide und glaubwürdige Konzepte gestützten Perspektive einer klimaverträglichen Wirtschaft private Investitionen entfesseln und eine Zeit neuen Wachstums einleiten. Mehr als je zuvor müssen die Länder Europas mit einer saubereren, sichereren Energiepolitik enger zusammengebracht werden. Wirtschaftliche Vernunft und kluge Politik weisen in dieselbe Richtung.

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Leserkommentare
    • huhi
    • 02. Juni 2012 22:47 Uhr

    Eine Ansammlung von Allgemeinplätzen, die jeder so unterschreiben kann!
    Interessant: Auch AKWs sind für Stern gute, weil klimaschonende Energielieferanten!
    Warum wagt es Stern nicht, dies sehr laut zu sagen?
    Warum flüstert er es nur zu?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wahrscheinlich weil er eigentlich weiss, dass es Bloedsinn ist, er aber als Ex-Weltbanker nicht mehr aus seiner angelernten Rolle der Grossindustriefoerderung herausschluepfen kann.

    • DDave
    • 02. Juni 2012 22:53 Uhr

    Na, wenn Sie so für die pseudo-klimafreundlichen AKWs werben, wollen Sie sich nicht ein paar Castorbehälter mit Brennstäben in den Keller stellen?
    Kein Mensch ist in der Lage weiter als eine Generation zudenken und dann wollen Sie Abfälle produzieren, die die nächsten Millionenjahre Probleme machen?
    Schauen Sie sich die Asse an, zurzeit das beste Beispiel.

    Als ehemaliger Physikleistungskursler kann ich zustimmen, dass die deutschen AKWs, bis auf ein sehr geringes Restrisiko sicher sind, aber trotzdem ist diese Form der Energieumwandlung nicht vertretbar, wegen dem Atommüll und der nichtmöglichen Endlagerung.

  1. "Schätzungen der IAEO, Greenpeace und der Atomwirtschaft über die Reichweite der Uran-Vorkommen liegen unterschiedliche Angaben über die weltweiten Ressourcen und den zukünftigen Verbrauch zugrunde. Sie liegen zwischen 20 und 200 Jahren."

    Lassen Sie es 200 Jahre sein, das verschiebt doch nur die immer gleiche Problematik des Umstiegs von der heutigen auf eine spaetere Generation. Es braucht nicht Atom statt Kohle, sondern Unabhaengigkeit von jedweder endlicher (im Sinne von weitaus kuerzere Nutzungsdauer als Lebensdauer des Planeten Erde) Energieform. Selbstverstaendlich rechnet sich das auf Dauer auch, zumindest wenn man ehrlich ist und die Kosten fuer Rohstoffgewinnung samt assoziierten externen Umweltkosten sowie die enormen Lagerungskosten einberechnet. Im Grunde genommen sollten auch anteilig (nach Wahrscheinlichkeit des Eintretens) die Folgekosten von Ungluecken einbezogen werden (vgl. Rio Puerco, Three Mile Island und Fukushima).

  2. Wahrscheinlich weil er eigentlich weiss, dass es Bloedsinn ist, er aber als Ex-Weltbanker nicht mehr aus seiner angelernten Rolle der Grossindustriefoerderung herausschluepfen kann.

    Antwort auf "Stern pro AKW!"
  3. 1. Die Kerosinsteuerbefreiung für Fluglinien und die "Mehrwertsteuerbefreiung für Personenbeförderung im grenzüberschreitenden Flugverkehr".

    VOLLE ZUSTIMMUNG, auch wenn ich beruflich und privat bedingt Vielflieger bin. Frueher waren die Preise geradezu ein Witz, aber auch heute noch zu niedrig (externalitaeten wie immer weitgehend unberuecksichtigt).

    2. die Steuerentlastung für energieintensive Prozesse und Verfahren

    Eine der mit Abstand duemmsten Regelungen. Vergleich: ab 2 Promille nimmt das Strafmass wieder ab (trunkenheit am Steuer)...

    3. Die günstige Dienstwagenbesteuerung

    In meinen Augen keine Grossbaustelle, aber ich stimme voll und ganz zu. Steuern sollten Steuerungswirkung entfalten.

    4. Ein ganz großer Brocken ist die Förderung der äußerst umweltschädlichen Intensivlandwirtschaft.

    Was auch in Entwicklungslaendern Kosten verursacht, da dortige Agrar-Produkte trotz "geschenkter" Arbeitskraft dtl. teurer sind als EU-Subventionen gestuetzte Produkte.

    Eine ersatzlose Streichung der umweltschädlichen Subventionen

    Welch wunderbare Utopie! Zumindest teilweise werden wir wohl die Realisierung noch erleben duerfen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... etwas mit "Steuerungswirkung" zu tun haben.

    Verehrtester, die beiden Begriffe haben nämlich überhaupt nicht miteinander zu tun.

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Äußern Sie sich bitte sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/au.

  4. Hierzu benötigen wir Konzepte und kein "Dummes Gelaber".

    Innovative Technologie bedeutet auch einen gewissen Willen zum Schutz hier entwickelter Technologie. Das bedeutet aber auch das die hier vom Staat mit Steuergeldern geförderte Entwicklung "Neuer Technologie" nicht des Profits wegen an Länder wie China ausgelagert werden. Plagiate Europäischer Innovation dürfen wegen "Interessen gieriger, kurz orientierter, Geschäftemacher" geopfert werden. Wenn der Staat, das sind Wir, Innovation fördert dann trägt er auch die Verantwortung die von der Allgemeinheit finanzierten Werte zu schützen.

    China und Indien, um hier nur Zwei Beispiele zu nennen haben es immer verstanden zu Nehmen. Unter brutalen Bedingungen werden in diesen Ländern Plagiate hergestellt, seien es Textilien oder auch Hochtechnologie, die dann, ohne wirksame Kontrollen in Europa eingeführt werden können. Oft in einer Qualität die unserer Gesundheit schadet.

    Die Zeche bezahlen die Menschen, die Steuerzahler in Europa mit Lohndumping, Billig Arbeitsplätzen und Sozialabbau.

    Wenn man sich die Import und Arbeit Bedingungen, alleine der oben genannten
    Staaten ansieht, Korruption und Willkür, Umweltzerstörung und Ausbeutung ihres Menschen Potentials, dann frage ich mich ob dieser Weg der "Globalisierung" nicht letzten Endes zum Untergang Europas beiträgt.

    Der Kadavergehorsam einer Merkel und eines Herrn Niebel führen da ganz bestimmt nicht zum "Einigen Europa"!!!

  5. Die privaten Energiebonzen hatten jahrelang zeit und auch die mehr als üppigen Gewinne hierzu, die Trassen und alternative Energieversorgung auszubauen.

    Sie haben aber nichts unternommen, weil es keinen kurzfristigen Gewinn versprach und sie auch das Wissen hatten, dass der Steuerzahler schon die Sanierung der Netze übernehmen wird.

    Aber anstatt, dass das Regime in Berlin sinnvolle Lösungen und Förderungen für eine bürgerliche, dezentrale Energiegewinnung entwickelt, will es nun Show-Öko machen, aber zu den Gewinn-Konditionen der Großenergiebonzen.

    Nicht nur Gazprom ist der böse Russe, sondern auch ein e.On, RWE, etc.

    • ash26e
    • 03. Juni 2012 8:04 Uhr

    des Ökoenergieerzeugungswahnsinns dazurechnen......
    In meinem Haushalt sind das allein für Strom 200€ im Jahr

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