GartengestaltungDer Hort des Philosophen

Welche Bedeutung haben Gärten? Welche Ideale schlagen dort Wurzeln? Ein Interview mit dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp von Alexander Camann

Der Park von Sanssouci in Potsdam wurde nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten gestaltet.

Der Park von Sanssouci in Potsdam wurde nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten gestaltet.  |  © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Bredekamp, bis heute schwärmen die Gartenliebhaber aus aller Welt vor allem vom englischen Landschaftsgarten. Hingegen scheint der französische Barockgarten mit seiner geometrischen Strenge nur wenige Bewunderer zu finden. Woran mag das liegen?

Horst Bredekamp: Der englische Garten ist zweifellos eine enorme schöpferische Leistung, eine große Erfolgsgeschichte der Moderne. Dieser Garten hat sich tief in die Zellstruktur unseres politischen Denkens gebohrt: Die Natur ist demnach republikanisch. Und im Landschaftsgarten verbünden sich Natur und Demokratie. Die alternative Bewegung, nämlich die Fortdauer des französischen Barockgartens bis heute, wurde daher weitgehend ignoriert.

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ZEIT: Vielleicht liegt das daran, dass der englische Garten eine neue Freiheit symbolisiert, im Einklang mit der Natur...

Horst Bredekamp
Kunsthistoriker Horst Bredekamp

Kunsthistoriker Horst Bredekamp  |  © Privat

65, ist Professor für Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im September erscheint sein Buch Leibniz und die Revolution der Gartenkunst. Herrenhausen, Versailles und die Philosophie der Blätter bei Wagenbach

Bredekamp: Das ist ein hartnäckiger Mythos, der schon in sozialer Hinsicht fragwürdig ist. Zwar wurden Angestellte und Bauern ab und zu an den Banketten im Garten beteiligt, ansonsten aber war er hermetisch abgeriegelt; es gab drakonische Strafen für Eindringlinge. Individuelle Freiheit im Garten jenseits aller Klassen blieb eine Utopie. Und auch ästhetisch war der englische Garten strenger, als wir glauben: Die pittoreske künstliche Landschaft folgt einer konsequent vorgegebenen Choreografie. Sie zaubert Sichtachsen hervor, die den Spaziergänger auf bestimmte Konstellationen hin festlegen, und die sich schlängelnden Wege sind genormt. Goethe beklagte denn auch die fehlende Möglichkeit, Menschen auszuweichen. Im Barockgarten existiert stattdessen die unvergleichliche Freiheit, nur auf jene Menschen zu stoßen, die man auch treffen will: Jederzeit kann man hinter Hecken verschwinden und sich in Lauben verbergen, die niemand sieht. Der englische Landschaftsgarten hingegen hat den Charakter einer zwanghaft geführten Freiheit.

ZEIT: Dennoch ist es der Barockgarten, der zum Inbegriff absolutistischer Herrschaft wurde.

Bredekamp: Aber diese Herrschaft war nicht unbegrenzt, sonst wäre sie eine Diktatur. Im berühmtesten Barockgarten, dem von Versailles, wurde dem auch symbolisch Rechnung getragen, wie neuere Forschungen gezeigt haben: Rundherum zeigten Darstellungen einen Ring aus Hügeln, der die Geltung der Königsmacht begrenzte. Die Strahlkraft, die vom Schloss durch den Garten scheinbar ins Unendliche reichte, fand hier ihr Ende.

ZEIT: Der Monarch beherrschte den Garten aber immerhin symbolisch total: Vom Schloss aus konnte der »Sonnenkönig« Ludwig XIV. die gesamte Anlage überblicken.

Bredekamp: Solch eine Vorstellung von einem machtzentrierten »Blickregime«, die auf Michel Foucault zurückgeht, ist ebenfalls zu eindimensional. Der König konnte zwar dank der großen Schauachsen alles sofort erfassen – umgekehrt wurde er aber just durch diese zugleich sichtbar für alle. Er zeigte sich den Untertanen und machte sich zum Objekt von deren abschätzenden Blicken. Schließlich war der Barockgarten von Anfang an öffentlich für alle Stände, im Unterschied zu den englischen Gärten: Versailles konnte Tag und Nacht von jedem betreten werden, der ordentlich gekleidet war – eigentlich unvorstellbar!

ZEIT: Ausgerechnet Versailles ein Paradies der Freiheit?

Bredekamp: Der Barockgarten ist mitnichten eine Vergewaltigung der Natur, sondern der Ort einer höchst aufwendigen Pflege von Pflanzen, auch exotischen, und keineswegs ein Monstrum für die Untertanen zur Einübung von Ordnung. Der englische Garten dagegen träumte die Utopie von der Harmonie mit der Natur in splendid isolation.

Leserkommentare
  1. Immer wieder fragt man sich, ob es "der Barock" oder "das Barock" heißt.
    Richtig ist nun offensichtlich die sächliche Varainte, aber auf Pfälzisch: "es Barock".
    Wenn das Kurfürst Karl Theodor erleben könnte, dass seine Sprache maßgeblich wird für das Geschlecht des von ihm so geschätzten Stils.

  2. 2. im Tal

    Schade, dass das Interview hier endete, wo es gerade spannend hätte werden können. Hier ein Link zum Projekt:

    http://www.im-tal.de/site...

    Das könnte auch maßgebend sein für so manchen Gartenbesitzer, nämlich wenigstens kleine Bereiche naturnah zu lassen, "ungepflegt", aber dafür artenreich und vielfältig. Und: Verzicht auf Pestizide und Herbizide!

    • thaneel
    • 08. November 2012 14:40 Uhr

    Der Kommentar unter dem Titelfoto ist leider falsch. Das Foto zeigt nämlich die barocke Anlage in Sanssouci, mit "gläsernem Berg" und Achse. Erst später, nach Erwerb des Gutshauses am Charlottenhof samt Ländereien, wurde der Landschaftspark nach englischem Vorbild durch Lennè angefügt. Dieser Teil des Parkes heißt deshalb auch Park Charlottenhof und nicht Park Sanssouci. So, Kümmel alle :P

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