GartengestaltungDas Glück ist grün

Was gibt uns der Garten? Ausgerechnet im digitalen Zeitalter erblüht die Lust am Pflanzen und Ernten. von 

Geordnetes Chaos: Ein Staudengarten im "New German Style"

Geordnetes Chaos: Ein Staudengarten im "New German Style"   |  © Gary Rogers aus "Stauden im Garten"; Callwey Verlag

Am Ende des Tages, wenn die Finger wund sind vom Jäten, die Arme zerbissen von elenden Bremsen, wenn die Nase, die Ohren, wenn alles sonnenverbrannt ist, wenn die Knie nicht mehr wollen und es im Rücken sticht, wenn der Gärtner nach endlosem Bücken, Beugen, Schleppen dringend seine Ruhe braucht, dann wirft zuverlässig irgendein Nachbar seinen Laubpuster an und röhrt ein paar Blätter zusammen, dann knattert irgendwo ein Rasenmäher und eine Heckenschere schnarrt, und es ziehen dicke Rauchschwaden von der Grillparty nebenan über die Rosenstöcke. Ermattet schließt der Gärtner die Terrassentür, fällt auf sein Sofa und fragt sich, wie das wohl gemeint war mit der viel gepriesenen Gartenwonne.

Warum nur reden jetzt alle vom grünen Glück? Was ist dran an der neuen Tomatenlust, an der grassierenden Sonnenhutfreude? Die Deutschen scheinen vom Gartenvirus befallen, sie grubbern und mulchen, jäten, häckseln, säen, als hätten sie auf dieser Welt nur einen Wunsch: die Rückkehr ins Paradies, blühend und blaubeerprall. Nichts, keine Nacktschnecke, kein Dickmaulrüssler und schon gar nicht Giersch und Vogelmiere können sie davon abbringen. Manche nennen es die größte Kulturbewegung der Gegenwart. Andere sprechen von einer Religion. Für Gabriella Pape ist das Gärtnern der neue Sex. Ein grabendes Verlangen, eine grünende Begierde, die sie so bisher nur aus England kannte.

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Dort hat Pape lange gelebt, als Gartengestalterin, die mit ihren Entwürfen großes Ansehen gewann, bis sie vor drei Jahren den Schritt zurück nach Berlin wagte. Auf dem Gelände der alten Königlichen Gärtnerlehranstalt betreibt sie nun eine eigene Akademie, und fast immer sind ihre Kurse über den Naschgarten, die Kübelpflanzung oder den Mediterranen Balkon ausgebucht. Viele Menschen melden sich bei ihr, weil sie ihren Rat oder einen Entwurf möchten, darunter etliche, denen es früher nie in den Sinn gekommen wäre, eine Gartenarchitektin zu engagieren. »Es hat sich etwas getan in diesem Land«, sagt Pape und wundert sich selbst darüber. »Früher lebten die Deutschen für ihr Haus, für ihr Auto, und der Garten war nur Pflichtprogramm. Hauptsache, grüner Rasen und die Hecke ordentlich geschnitten. Diese Zeiten sind definitiv vorbei.« Aus der Pflicht wird Vergnügen, und eine lang vergessene Gartenkultur scheint wieder zu erblühen. Neuerdings, berichtet Pape, schauen sogar die Engländer, diese Meister der grünen Künste, interessiert hinüber auf das feuchte Land der Teutonen. Nicht wenige schwärmen vom »New German Style« – und sind schwer verwundert.

Denn wo gibt es schon so was? Buchhändler, die nicht mehr wissen, wohin mit all den neuen Gartentiteln. Gartenschauen, die mal eben 3,5 Millionen Besucher anziehen, wie voriges Jahr in Koblenz. Oder die beliebten Tage des offenen Gartens, bei denen sich jetzt im Juni landauf, landab die Gartenpforten öffnen, damit alle Welt komme und staune. Und keineswegs kommen nur die Älteren, auch die jungen Paare und Familien lassen sich begeistern. Sie wagen sich sogar in die Schrebervereine, lange der Inbegriff der Kleingeisterei, und suchen dort ihre Freiheit im Grünen. Viele haben mit Anfang 30 schon die halbe Welt bereist, es zieht sie nicht mehr in die Ferne. Außerdem: Was könnte exotischer sein, als sich mit Bodengare und Stolonen zu befassen oder Bamberger Hörnchen und Spargelerbsen zu ziehen?

Auch die vielen neuen Gartencenter, Gartenfestivals, Gartenmessen künden vom neuen Boom. Als neulich das Museumsdorf Kiekeberg im Süden Hamburgs seinen traditionellen Gartenmarkt eröffnete, drängelten sich die Besucher schon morgens um 10 in langen Schlangen, als feierten hier die Beatles ihr Revival. Dabei traten nur so seltene Geschöpfe wie Meconopsis betonicifolia oder Helleborus foetidus auf, dazu Phlox, Lavendel oder Eisenhut in umwerfender Vielfalt. Mit prallen Tüten, die mitgebrachten Bollerwagen üppig befüllt, zog der Mensch von dannen.

In diesem Jahr werden die Deutschen erstmals genauso viel Geld für ihren Garten wie für Backwaren ausgeben: 18 Milliarden Euro, rund 30 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren. Stauden und Sträucher sind die neuen Grundnahrungsmittel.

Da weiß Dieter Gaissmayer nicht, ob er lächeln oder doch lieber granteln soll. »Ist ja alles schön und gut«, sagt er. »Aber hat sich wirklich etwas verändert? Schauen Sie sich doch die Neubaugebiete an: Da gibt es keine Gärten, da gibt es nur Gartenverhinderungsmaßnahmen.« Winzige Grundstücke, vollgestellt mit Carport und Schuppen, mit Trampolin, Klettergerüst und loungeartigen Terrassensofas. »Da ist noch Platz für eine Kirschlorbeerhecke und eine Forsythie, mehr Pflanze ist nicht.«

Gaissmayer übertreibt, und er weiß es. Seit 30 Jahren führt er eine Staudengärtnerei, eine der schönsten im Lande, draußen an der Jungviehweide in Illertissen, südlich von Ulm. Über 3.000 Arten und Sorten bietet er an, das meiste selbst kultiviert, nach Bioland-Regeln. »Davon rechnet sich noch nicht mal die Hälfte«, sagt er. Dennoch will er sie nicht missen: 74 verschiedene Storchschnabel, 39 Farne, über 100 Phloxe, darunter viele alte, fast schon verschwundene Sorten. Gaissmayer hofft auf die Liebhaber. »Die meisten Leute kaufen ja nur Wegwerfpflanzen, fix und fertig im Baumarkt.« Gaissmayer, der alte Idealist, grantelt schon wieder.

Leserkommentare
  1. "Das werde ich demnächst meinen Nachbarn entgegenhalten, wenn wieder jemand etwas von "sieht aus wie Kraut und Rüben" beim Anblick meiner Rabatten murmelt."

    Naturnahe Gartengestaltung nenn ich das.
    Und das ist supercool. Am Samstag meinte eine Besucherin verzückt, ich hätte ja einen "Totholzhaufen". Das ist die Ecke, in die ich alles schmeiße, was mir zu mühsam zum Wegbringen und zu groß zum Kleinschneiden ist.

    Antwort auf "New German Style?"
    • Mari o
    • 30. Mai 2012 9:26 Uhr

    alles Ablenkung von der Katastrophe

    Antwort auf "Eskapismus:"
    • gorgo
    • 30. Mai 2012 10:34 Uhr

    "Ganz ekelhaft ist ja der Trend, sich seinen Vorgarten mit scharfkantigen, grauen Steinbrocken zuzuschütten, dahinein ein oder zwei Granitstehlen und einen verkümmerten, weinroten Miniahorn....Gartenarbeit ist einfach das allerschönste. Mit dem Katalog in der Hand im Winter fürs Frühjahr planen."

    Natürlich ist der eigene Garten wiederum nicht ohne bildungsbürgerliche Distinktion zu verteidigen.

    "Einfach ekelhaft" - finde ich persönlich, wenn sogar beim Garten das eigene Bessermenschentum durch Verachtung für den Garten nebenan einhergehen muss ( und damit zufälligerweise ganz konform mit dem je neuen Trend("Umweltverbrechen Miniahorn - und was stattdessen: Malve und Kürbis...").

    Gibt es eigentlich einen größeren Spießer als den, der heute noch, wo man doch wirklich in jedem kleinen Dorf weiß, dass die Geschmäcker verschieden sind und wir den Moden nicht entkommen, die Welt, die ihm nicht gefällt, als "spießig" tadelt...?

    Antwort auf "Gartenglück"
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    • Suryo
    • 30. Mai 2012 11:06 Uhr

    Wären die Geschmäcker doch nur verschieden! Wenn ich durch ein beliebiges neubaugebiet gehe, sehe ich aber immer nur ein tristes Einerlei: handtuchgroße Gärten werden noch kleiner durch die ewig gleichen Hecken aus Thujen und anderen nichteinheimischen, ökologisch wertlosen Gehölzen. Grauenhaft ist auch der allgegenwärtige Kirschlorbeer. Auch hinter den Mauern aus wahlweise Lebensbaumgestrüpp oder gelacktem Kirschlorbeer macht sich Monotonie und Eintönigkeit, kurz: Geschmacklosigkeit, breit. Ich bin immer wieder erstaunt, daß es den Eigentümern offenkundig nichts ausmacht, einen völlig austauschbaren, unidividuellen Garten zu haben. Da helfen auch die kitschigen Ornamente aus dem Baumarkt nichts.

    Leider ist Deutschland, was das Gärtnern angeht, aber immer noch Entwicklungsland. Kein Vergleich mit Großbritannien.

    Soso, gorgo. Tja, dann sind Sie herzlich eingeladen, sich mal meine "spießigen", "trendkonformen" 6000 Gartenquadratmeter anzuschauen. Kürbis und Malve werden Sie dort vergeblich suchen. Granit und Miniahron allerdings auch.

    Schon bemerkenswert, was manche Leute glauben, was wenigen Zeilen Leserkommentar herauszulesen.

    • Suryo
    • 30. Mai 2012 11:06 Uhr

    Wären die Geschmäcker doch nur verschieden! Wenn ich durch ein beliebiges neubaugebiet gehe, sehe ich aber immer nur ein tristes Einerlei: handtuchgroße Gärten werden noch kleiner durch die ewig gleichen Hecken aus Thujen und anderen nichteinheimischen, ökologisch wertlosen Gehölzen. Grauenhaft ist auch der allgegenwärtige Kirschlorbeer. Auch hinter den Mauern aus wahlweise Lebensbaumgestrüpp oder gelacktem Kirschlorbeer macht sich Monotonie und Eintönigkeit, kurz: Geschmacklosigkeit, breit. Ich bin immer wieder erstaunt, daß es den Eigentümern offenkundig nichts ausmacht, einen völlig austauschbaren, unidividuellen Garten zu haben. Da helfen auch die kitschigen Ornamente aus dem Baumarkt nichts.

    Leider ist Deutschland, was das Gärtnern angeht, aber immer noch Entwicklungsland. Kein Vergleich mit Großbritannien.

    Antwort auf "Schade, schade"
  2. Ich glaube, dass die meisten einen Garten falsch auffassen. Er ist eigentlich ein erweiterter Lebensraum, der umsorgt werden will und einem dafür dankt. "Unkraut gibt es nicht", es sind Pflanzen, die am falschen Standort stehen! Es muss nicht gezupft werden, gespritzt, wenn die kleine ökologische Gesellschaft auf den Standort, sprich Sonnenausrichtung, Boden usw. ausgerichtet ist.

    Der Garten beeinflußt die Psyche des Menschen, das Unterbewußtsein. Ist der Trend deshalb? Möchten wir uns wohl fühlen? Etwas wachsen sehen? Zurück zu unseren Ursprüngen, um glücklich und zufrieden zu sein?

    Wie die Chinesen sagen.... möchtest Du einen Tag glücklich sein, betrinke Dich. Möchtest Du ein Jahr glücklich sein, heirate. Möchtest Du ein Leben lang glücklich sein, werde Gärtner....

    In diesem Sinne....

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    • bukoca
    • 30. Mai 2012 15:51 Uhr

    .Ich stimme Ihnen zu, dass es eigentlich kein Unkraut gibt, aber Gemüse oder Stauden, auch Rosen würden wohl kaum überleben, wenn man alles wuchern ließe. Z.B auch Giersch und so. Ich glaub nicht, dass man dass hinbekommt mit Sonnenausrichtung allein. Ich verwende allerdings wirklich keine Chemie, daher ist mein Garten sicher nach so manchem Maßstab auch nicht unbedingt perfekt. Interessant finde ich die natürlichen Möglichkeiten Krankeiten bei Pflanzen zu bekämpfen oder zu vermeiden. Ich hab auch noch nie Schnecken vernichtet, auch wenn das bedeutet, dass oft Pflanzen, vor allem Dahlien dann manchmal ganz schon angefressen aussahen, im Gesamtbild stört es nicht so. Es ist jjedenfalls gar nicht so einfach einen pittoresk aussehenden Naturgarten hinzubekommen, ohne dann Aerger mit den ordnungsliebenden Nachbarn zu bekommen.

    • bukoca
    • 30. Mai 2012 15:51 Uhr

    .Ich stimme Ihnen zu, dass es eigentlich kein Unkraut gibt, aber Gemüse oder Stauden, auch Rosen würden wohl kaum überleben, wenn man alles wuchern ließe. Z.B auch Giersch und so. Ich glaub nicht, dass man dass hinbekommt mit Sonnenausrichtung allein. Ich verwende allerdings wirklich keine Chemie, daher ist mein Garten sicher nach so manchem Maßstab auch nicht unbedingt perfekt. Interessant finde ich die natürlichen Möglichkeiten Krankeiten bei Pflanzen zu bekämpfen oder zu vermeiden. Ich hab auch noch nie Schnecken vernichtet, auch wenn das bedeutet, dass oft Pflanzen, vor allem Dahlien dann manchmal ganz schon angefressen aussahen, im Gesamtbild stört es nicht so. Es ist jjedenfalls gar nicht so einfach einen pittoresk aussehenden Naturgarten hinzubekommen, ohne dann Aerger mit den ordnungsliebenden Nachbarn zu bekommen.

    Antwort auf "Und er grünt doch...."
  3. die ist ja überall bekannt, ausser in Deutschland. In 99,9% der Garten ist die Zwanghaftigkeit zuhause. Und das soll DER sehnsuchtort der Deutschen sein? Das lässt schlimmes über die Sehnsüchte vermuten... sehnen die leute wirklich nach Keimfreiheit? Einfallslosigkeit? Buchsbaumhecken? Rosenbeete? Aaarggh!!
    Die Deutschen klappern die ganze Welt ab aber zuhause herrschen kunststofffenster und Granitplatte unangefochten. Hauptsache pflegeleicht.

    • Hagmar
    • 05. Juni 2012 12:03 Uhr

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