Ein Mann – erkennbar nur als Silhouette – schießt sich in den Mund. Das Blut spritzt rot aus seinem Schädel, und die Fontäne nimmt die Gestalt des zerrissenen griechischen Staatsgebietes an. Noch unter dem Eindruck der Wahlen vom 6. Mai erschien diese Zeichnung vorige Woche in der größten griechischen Zeitung Ta Nea. Was scheint Griechenland auch zu bleiben außer Selbstmord, nach vier Jahren schrumpfender Wirtschaft, mit einem zusammenbrechenden Bankensystem und einem Staatshaushalt, der nicht einmal ausgeglichen wäre, wenn die Last sämtlicher Zinszahlungen von ihm wiche. 54 Prozent der jungen Leute sind arbeitslos, dazu ächzt das Land unter der »Politik des Memorandums«, wie die Griechen die Verträge mit der Troika aus EU, IWF und EZB nennen. Es sind Reformpläne, die sie allenfalls zögernd und widerwillig umsetzen, stets argwöhnend, dass sie nicht trotz, sondern wegen dieser Pläne in der Patsche sitzen.

Kann sein, dass Athen soeben den letzten Akt aufführt, um sich nach den Neuwahlen am 17. Juni krachend aus Europa zu verabschieden. Es gibt kein Volk, das seine Politiker so abgrundtief verachtet – und infolgedessen nichts mehr von ihnen erwartet. Die griechische Parteienlandschaft liegt in Trümmern, Europas Presse hat das Land abgeschrieben. Die Griechen entscheiden, ob sie den Austritt beschleunigen, indem sie im Juni die linksgerichtete Syriza unter Alexis Tsipras wählen oder mit Bauchgrimmen doch die konservative Nea Dimokratia unter Antonis Samaras, dem ehemaligen Nationalisten und EU-Gegner, der mit der Troika weiterverhandeln wird. Mittags trabt eine Horde Schwarzhemden von der neofaschistischen Chrysi Avgi, Parolen skandierend und Fahnen schwenkend, durch eine Fußgängerzone vor dem Parlament, einfach so. Der Auftritt löst Sprachlosigkeit, teils Amüsement aus. Die Stadt staunt über solche Zeichen. Alles scheint möglich.

Mehr als drei Viertel der Griechen wollen in der EU bleiben, mehr als die Hälfte von ihnen lehnt die europäische Sparpolitik ab. Einen politischen Reim hat darauf keine der Parteien. »Die Mai-Wahl war die fällige Abrechnung mit dem System der Korruption und der Klientelwirtschaft«, meint die Juristin Maria Pilos, die Pasok gewählt hat. Sie arbeitet in einem staatlichen Forschungsinstitut, das demnächst abgewickelt wird. »Vielen Leuten war der Ernst der Lage gar nicht klar. Sie begreifen erst jetzt«, glaubt sie, »dass es um mehr geht als um eine neue Regierung.«

Es ist der letzte Tag der Regierung Papademos. Ab morgen wird der oberste Verwaltungsrichter des Landes für drei Wochen die politischen Geschäfte führen. Am Eingang zum Megaro Maximou, dem Sitz des Regierungschefs, stehen Sicherheitsleute beieinander und feixen; emsig und ernsthaft eilen nur noch die Sekretärinnen. Das Büro des seit November vergangenen Jahres regierenden Lucas Papademos steht offen: »Er ist schon weg.« Auf der gegenüberliegenden Seite des neoklassizistischen Saales empfängt Gikas Hardouvelis seinen letzten Journalisten und bietet das seltene Bild eines Mannes, der braun gebrannt ist und trotzdem blass aussieht.

Gikas Hardouvelis war wirtschaftspolitischer Berater von Papademos, de facto sein Stabschef. Beide waren Wirtschaftsprofessoren an der New Yorker Columbia University. Sie bildeten zwar nur eine Not- oder Übergangsregierung, aber sie handelten immerhin das zweite Hilfsprogramm mit der EU aus, ebenso wie den Schuldenschnitt. Ihre Arbeit war vorzeigbar, und es gehört zu den Seltsamkeiten der griechischen Politik, dass keiner der mächtigen Parteiführer daran anknüpfen mochte. Stattdessen bestanden sie auf Wahlen – und glaubten, mit den bewährten Versprechungen und Halbwahrheiten siegen zu können.

»Der Wahlausgang hat mich vollkommen überrascht«, gibt Hardouvelis zu. »Ich dachte, die Griechen hätten ihre Lage verstanden.« Er beklagt den Unwillen der Politiker, für Veränderungen zu werben, die unvermeidlich sind, unter welcher Regierung auch immer, mit oder ohne Euro. Alle Parteien präsentierten im Wahlkampf ein weichgezeichnetes Bild, Samaras warb sogar mit dem Slogan »Wir müssen das Rad nicht neu erfinden«. Kurz vor der Wahl verlor Hardouvelis während eines Radiointerviews die Contenance. Er beschwor die Griechen, »endlich aufzuwachen!«. Eine Rettung des Landes gemeinsam mit der Troika sei immer noch möglich, glaubt er. Einem Teil der Beamtenschaft traut er zu, die Strukturreformen umzusetzen. Hardouvelis hätte in den kommenden drei Wochen Wirtschaftsminister sein können, aber er hörte auf seine Frau und lehnte ab. Nach dem Gespräch räumt ein livrierter Diener die Tassen ab.

Der Augenblick der Wahrheit ereignete sich vor zehn Tagen, als Staatspräsident Karolos Papoulias den koalitionsunfähigen Parteiführern öffentlich die Leviten las und an die wirkliche, die verzweifelte Lage des Landes erinnerte. Die Protokolle der desaströsen Übungen, unter allen Umständen keine Regierung zu formen, sind inzwischen zugänglich. In ihnen entzaubert sich auch der Wahlsieger Alexis Tsipras als kleinkarierter Amateur. Das Maß an Transparenz hat sich erhöht. Die Debatte erreicht die Zeitungen, sie brodelt in den Sozialen Netzwerken. Niemand kann mehr behaupten, er sei belogen worden und wisse von nichts. »Die kommende Wahl ist das eigentliche Europa-Referendum der Griechen«, meint Maria Pilos, die noch im Staatsdienst stehende Juristin.