Hollande-Berater Aghion : "Der Deal ist schon greifbar"

Was will der neue französische Präsident? Fragen wir doch mal seinen Berater. Philippe Aghion fordert mehr Inflation, weitere Schuldenschnitte und mehr Flexibilität im Fiskalpakt.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande auf dem Nato-Gipfel in Chicago © Saul Loeb/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Professor Aghion, seit wann beraten Sie François Hollande?

Philippe Aghion: Ich habe den Kontakt zu ihm vor etwa einem Jahr aufgenommen, damals stand er noch weitgehend ohne ökonomische Berater da. Er war aber der Einzige in der Linken, der überhaupt über Haushaltsdefizite sprach und über die Notwendigkeit, diese zu reduzieren. Ich hatte das Gefühl: Dieser Typ meint es ernst. Ich hatte gerade einen Artikel über die Krise und ihre Folgen für die französische Wirtschaftspolitik geschrieben, und Hollande sagte, dass er ihn mag. Ich trommelte dann ein paar Ökonomen zusammen, und wir haben uns mit ihm getroffen.

ZEIT: Wie müssen wir uns Ihre Beratung konkret vorstellen?

Aghion: Anfangs haben wir einfach miteinander über Europa und die Wirtschaftspolitik diskutiert, dann eine große Konferenz organisiert, und inzwischen schicke ich ihm vor allem SMS. Er hat ja jetzt ziemlich viel zu tun.

ZEIT: Was fasziniert Sie an Hollande?

Philippe Aghion

ist preisgekrönter Ökonom, Harvard-Professor und Berater des französischen Präsidenten François Hollande. Aghion erforscht, was Regierungen tun müssen, damit die Wirtschaft boomt. Seine Ideen lassen sich nicht in alte Schubladen einordnen. Aghion ist weder Keynesianer noch Neoliberaler, er hält von übermäßiger Verschuldung ebenso wenig wie vom Minimalstaat. Regierungen sollten, so seine Empfehlung, gleichzeitig reformieren, sparen und strategisch investieren. Hollande denkt ähnlich.

Aghion: Er ist ein moderner Sozialdemokrat. Er versteht, dass drei Dinge gleich wichtig sind: Wachstum, soziale Gerechtigkeit und Haushaltsdisziplin. Sie können sich das als eine Art Dreieck vorstellen, in dem man auf keine Ecke verzichten kann. Ohne Haushaltsdisziplin hat man keinen Spielraum für Wachstumspolitik. Ohne Wachstum können Sie langfristig keine Haushaltsdisziplin wahren. Und die soziale Gerechtigkeit brauchen Sie, damit die Bürger Ihre Sparmaßnahmen akzeptieren.

ZEIT: Viele Europäer sehen da eher einen Widerspruch: Die einen wollen Wachstum. Die anderen sparen.

Aghion: Und ich glaube, sie liegen da falsch. Ich glaube, dass auch die deutsche Kanzlerin noch merken wird, dass es nicht um ein Entweder-oder geht. Wenn Haushaltsdisziplin nötig ist, damit ein Land sich zu besseren Konditionen Geld leihen und dann wachsen kann, dann braucht es Wachstum, um die Haushaltsdisziplin durchhalten zu können. Ohne Wachstum verlieren die Menschen ihre Zuversicht und werden keine Opfer mehr bringen wollen.

ZEIT: Sie gelten als einer der renommiertesten Wachstumsexperten der Welt. Was raten Sie Hollande?

Aghion: Hollande ist kein altmodischer Keynesianer. Das sollten Sie wissen, weil das ein grundlegender Unterschied zu allen früheren sozialistischen Politikern ist. Ich würde ihm also raten, den »strategischen Staat« zu fördern. So nenne ich einen Staat, der investiert, um den Arbeitsmarkt dynamischer zu machen, Erziehung und Bildung zu finanzieren und kleine und mittlere Unternehmen zu fördern. Um das zu schaffen und zugleich noch das Defizit zu reduzieren, muss er das Steuersystem reformieren und in unproduktiven Sektoren sparen.

ZEIT: Das alles gleichzeitig zu verwirklichen klingt ziemlich unmöglich.

Aghion: Deutschland hat genau das getan. Sie haben einen sehr klugen Staat. Bei Ihnen gibt es eine sehr aktive Industriepolitik, auch wenn die vor allem von den Ländern betrieben wird. Sie haben alle möglichen Programme für kleine und mittlere Unternehmen. Außerdem verfügen Sie über eine aktive Arbeitsmarktpolitik, die während der Krise sehr hilfreich war. Bei Ihnen gibt es aktive Gewerkschaften und einen hervorragenden sozialen Dialog. Das Problem ist: Sie reden darüber auf internationaler Bühne nicht sehr viel. Sie neigen dazu, das zu verstecken.

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Kommentare

55 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

mit Verlaub ...

"Langsam spüren sie, dass sie doch eine Menge verlieren würden, verschwände der Euro." ... das ist voelliger Unsinn. Deutschland ging es vor dem Euro auch gut. Und wie gut es einem Land letztendlich geht haengt immer vom internationalen Vergleich ab - und da hat sich Deutschland bisher immer gut praesentiert. Dass es Deutschland ohne den Euro schlecht ginge ist ein gern erzaehltes MAerchen und wird in Deutschland von einigen namhaften Experten widerlegt.

Wer glaubt, wir verlören viel....

....mit dem Verlust des Euro, kann nur die involvierten Emotionen meinen. Die Ersparnisse stehen in keinem Verhältnis zur den Problemen, die aus der reduzierten Flexibilität resultieren, der untergrabenen Legitimität der Staatswesen und den Schäden, denen wir nun gegenüber stehen. So wunderbar die Idee intellektuell geschienen haben mag, wenn man keine Kenntnisse der Wirtschaft hatte, hat ihre Ausführung ein Ungeheuer gebart.

Die Unverschämtheit der Behauptung, die sie da zitieren ist eine Unverschämtheit und typisch für die Gruppe, die die EU in heutiger Form vertritt.

Sie machen es sich viel zu einfach

Es gibt kurzfristige erfolgreiche und langfristige tragende Strategien. Deutschlands ist eine kurzfristige, ein Anfahren im 1-Gang, doch wir bleiben auch darin. Unser System überhitzt und ist nur noch durch Kühlung von außen betriebsfähig. Sobald das wegbricht, war´s das, zumal wir beschissen dastehen. Wenn die Finanzbranche mal auf die Idee kommt, einfach mal die Zinsen Deutschland zu erhöhen, sind wir augenblicklich erledigt, da sieht es hier mindestens genauso düster aus wie in Griechenland.

Natürlich alles bei Beibehaltung des Systems.

zwiespältig

Sicher mag Herr Aghion mit einigen Ansätzen richtig liegen und vorallem emotional voll ins Schwarze treffen wenn er Wachstum fordert, aber genau dort endet sein Informationsfluß auch. Welche Reformen nun wirklich Wachstum brächten und was in einem solchen Wachstumspakt stehen sollte damit auch die Haushaltsdisziplin noch eingehalten werden kann (die auch er für richtig hält), sagt er nicht.
Es brauche Geduld und Geld ist seine Lösung. Woher das Geld kommt scheint nebensächlich, solang ein Anderer bezahlt. Geduld ist ebenso eine feine Sache zu fordern, wenn dazu kein wirkliches Ziel mit einem halbwägs greifbaren Zeitplan genannt wird. Man könnte auch einfach sagen: "Später!"

Und dann sind wir wieder bei den Eurobonds. Wie genau würden Gemeinschaftsbonds zwischen Deutschland, Frankreich und den Beneluxstaaten die schwierige Lage in den Südstaaten ändern? Klingt mir emotional gesehen eher nach einem Versuch Frankreich zu stabilisieren, gegen die Gefahr einer doch möglichen Ausweitung der Krise.

Lange Rede kurzer Sinn: Es werden ein paar Floskeln gefordert ohne wirkliche Lösungsansätze zu nennen. Vielleicht will er genau deswegen nicht in die Politik. Aus der Ferne kommentieren ist einfacher und weniger riskant.

Europäische Quellensuche

Viele in Europa haben bereits jede Zuversicht verloren. In Spanien sind 50% aller Menschen zwischen 16 und 25 Jahren ohne Arbeit. In Frankreich, Irland und Portugal sieht es auch nicht wesentlich besser aus. Griechenland kann nur noch wirtschaftlich abgewickelt werden. Und in Deutschland haben wir ein Wirtschaftswachstum, welches durch Verzicht jener hervorgerufen ist, die sich mit mehreren Jobs im Niedriglohnbereich über Wasser halten. Die kaum noch eigenen Interessen nachgehen können, weil zwischen Familie und zwei bis drei Jobs kaum noch Zeit vorhanden ist. Es sind auch jene Menschen, die uns im Alltag, wie z. B. an der Supermarktkasse, im Fachgeschäft, an den Tankstellen, im Restaurant und im Dienstleistungssektor begegnen, die sich kein "Burn-Out" leisten können, weil ihnen sonst eine dreimonatige Sperre sozialer Hilfe droht. Während Andere ihren "Burn-Out" durch Fachkräfte, unter tropischer Sonne und im weiteren Geldbezug auskurieren können.

So ein Wirtschaftswachstum innerhalb Europas kann es gar nicht mehr geben, als dass jene Mauern eingerissen werden, die sich durch ein verschärftes sparen aufgetan haben. Und wer soll die Quelle des europäischen Wirtschaftswachstum speisen? Stand nicht mal in den Maastrichtverträgen, dass jedes Land für sein Wohlergehen selbst verantwortlich ist? Wie kann es sein, das ein hiesiger Steuerzahler härte Strafen bei Missachtung steuerlicher Richtlinien zu befürchten hat, als jene, die eindeutig gegen geltende Verträge verstoßen?

Merkwuerdige Sicht

Mir ist nicht klar was Sie jetzt sagen wollen? Kritisieren Sie jetzt, dass die Regierung in DE quasi durch Lohndumping Aussenhandelsueberschuesse erwirtschaftet hat? Oder kritisieren Sie, dass sich nicht jedes Land innerhalb der EU selbst sanieren kann? Bei letzterem Punkt stellt sich mir die Frage, warum soll ich als Auslandsdeutscher mit Deutschen solidarisch sein und auch noch in DE Steuern zahlen, wobei ich davon naturgemaess nichts habe? Also warum soll ein Berliner eine groessere Solidaritaet geniessen als ein Kreter? Komme ich zu Ihrem ersten Punkt, natuerlich hat DE angefangen einen Wettlauf nach unten bzgl. von Loehnen und Arbeitsbedingungen innerhalb Europas begonnen. Ich frage mich auch, kann das eine Antwort auf die Globalisierung sein? Gibt es nicht vielleicht bessere Antworten, als mit chinesischen Loehnen und Arbeitsbedingungen konkurrieren zu wollen? Ich habe meine Zweifel,ob man diesen Wettbewerb gewinnen kann. Und die Idee, das die Loehne in China irgendwann mal steigen werden ist auch so eine Hoffnung,die nicht teile, denn dazu muesste es erstmal sowas wie Gewerkschaften in China geben und ein Mindestmass an Demokratie. Aber warum sollten die KP Kader Macht abgeben, sie sind doch die groessten Profiteure des chinesischen Systems zwischen Kapitalismus und Diktatur?

Es ist unter jeder Linksregierung das Wachstum eingebrochen

Das ganze funktionmiert so:
1)Die politische Linke präsentiert ein anschauliches Programm zur Wachstumsvernichtung
2) Die Wähler denken, dass diese Wachstumsvernichtung zu einem Wachstumsschub führt
3) Der Wachstumsschub bleibt aus und die Wirtschaft stürzt ab
4) Schuld an dem Schlamassel sind die Neoliberalen
5) Es werden Programme auf den Weg gebracht, um für mehr Wachstum zu sorgen.
6) Die Investoren erkennen, dass der eingeschlage Weg falsch ist (Theorien der rationalen Erwartungen)
7) Es wird ein Primat der Politik über die Wirtschaft gefordert ...

Das Spielchen geht so lange weiter, bis nach mehrfachen Schüben in der Sockelarbeitslosigkeit, schließlich Massenarbeitslosigkeit, Massenelend und Staatsbankrott zum greifen nah sind.

8) Das Volk hat aus dem Mechanismus nichts gelernt, weil die Banken den Schlamassel angerichtet haben, schließlich machen die Banken das Wachstum und nicht die Wirtschaftspolitik

9) Zur nächsten Wahl wird ein anschauliches Programm zur Wachstumsvernichtung präsentiert .....

In derart groben Zügen betrachtet

könnte man auch sagen:
Nach einer Phase der (ziemlich) totalen Zerstörung bauen die Konservativen die Wirtschaft wieder auf.
Die Wirtschaft floriert, die Wachstumsraten sind hoch, durch Unterbewertng der Währung wird der Exportsektor gefördert, es gibt Arbeit für alle. Angesichts des "Gegners" im Osten gibt es auch einen bis dahin nicht gekannten Wohlfahrtstaat.
Nach 20 Jahren ist die Phase der großen Wachstumsraten vorbei.
Erste politische Querelen greifen um sich, es gibt wieder Arbeitslose, das Wachstum stagniert. Nach einer kurzen Krisenregierung kommen die "linken" Kräfte an die Macht. Sie versuchen unter anderem das verlorene Wachstum durch staatlche Programme zu stützen, die Verschuldung steigt. Angesichts der stagnierenden Wirtschaft führt das viele gedruckte Geld zur "Stagflation".
Die Konservativen starten die geistig moralische Wende, schalten von der Nachfrage auf die Angebotspolitik um.
Die überflüssigen Mittel fließen in die Finanzphäre ab.
Das "virtuelle Geld" kreist nun im Orbit um den Globus und sucht Vermehrungsmöglichkeiten.
Mit immer größeren Blasen wird von nun an "Wachstum" generiert.
Nach 20 Jahren ist auch diese Politik am Ende. Aüßeres Anzeichen ist die Lehman Pleite. Die Staaten übernehmen die Kreditschulden der Wirtschaft, die bis dato Wachstum generiert hat.
An diesem Punkt befinden wir uns jetzt und drehen uns seit Jahren im Kreis und fragen uns: Was kommt als nächstes?

Realitaet und Religion

Zum einen der Term "Wachstumsvernichtung" ist natuerlich per se absurd, man kann Wachstum vielleicht verhindern, aber wohl kaum vernichten. Ihre These, das linke Parteien grundsaetzlich Wachstum verhindern und im Umkehrschluss rechte Parteien Wachstum ermoeglichen, ist ebenso absurd, da diese These empirisch voellig unhaltbar ist. Vergleichen Sie doch mal die Zahlen von Helmut Kohl und Helmut Schmidt. Und schauen Sie sich doch mal an, wie sich die Arbeitslosenzahlen zur Zeiten von M. Thatcher entwickelt haben. Oder schauen Sie sich die Staatsverschuldung unter dem rechten Reagan und dem linken Clinton an. Aber wahrscheinlich werden Sie dies nicht tun, weil Glauben natuerlich besser und einfacher ist als Zahlenwerke zu waelzen.

Sie vergessen

dass die jetzigen Probleme auf die Angebotstheorie zurückzuführen sind.
Erst werden die Steuern für die Vermögenden gesenkt (nicht für den Mittelstand). Dann werden die Löhne gedrückt durch Abbau des Kündigungsschutzrechtes. Dann müsssen sich die Staaten Geld leihen, dann muss noch mehr gespart werden usw.
Der Kardinalfehler liegt darin, dass man die Nachfragekomponente völlig vernachlässigt.
Am Schluss hat man ein paar Reiche und viele Ungelernte, siehe Anglo-Amerika.
Was Herr Aghion hier ausführt, ist jedenfalls richtiger als die Vodoo-Ökonomie von Frau Merkel.

Wachstumsvernichtung steht für Vernichtung der ......

Wachstumsgrundlagen (1. Semester VWL). Auf die positive Wirkung rechter Regierungen habe ich nicht hingewiesen, weil auch diese eine linke Politik machen können (Heiner Geißler usw.). In der Regel wird ein noch größeres Chaos auf der Zeitachse nach hinten geschoben. Das ist am Fall Deutschland empirisch belegbar (Sockelarbeitslosigkeit). Und was Zahlenwälzen angeht, kann ich auf alle Statistiken verweisen, die ich meinen Studenten aufgelegt habe.

Zu SuperW kann man nur sagen das die Staasverschuldung die größte Nachfragekomponente war. Und zwar dermaßen groß, dass man jetzt bei Staatsbankrotten landet. Und am Schluss führen die keynesianischen Maßnahmen zur Massenverelendung wie in Griechenland. Da ist die USA in der Tat ein Pappenstil. Und wenn es viele Ungelernte gibt, ist das dem Bildungswesen geschuldet, nicht der Angebotstheorie, weil die auf Bildungsinvestitionen nämlich den größten Wert legt.

Georgeorwell liegt nicht einmal so falsch, allerdings muss hervorgehoben werden, dass die fehlende Bankeregulierung ein polit-ökonomisches Versagen war. Für die USA ist es in erster Linie Larry Summers geschuldet, einem Regierungsberater. Und Summres ist der größte Keynesianer auf dem Globus.
Fazit: Mit rechts/links/Nachfragekomponenten und angebotsorientierter Wirtschaftspolitik muss man verdammt aufpassen. Viel begreifen das nicht`mal in 10 Semestern VWL.