DIE ZEIT: Professor Aghion, seit wann beraten Sie François Hollande?

Philippe Aghion: Ich habe den Kontakt zu ihm vor etwa einem Jahr aufgenommen, damals stand er noch weitgehend ohne ökonomische Berater da. Er war aber der Einzige in der Linken, der überhaupt über Haushaltsdefizite sprach und über die Notwendigkeit, diese zu reduzieren. Ich hatte das Gefühl: Dieser Typ meint es ernst. Ich hatte gerade einen Artikel über die Krise und ihre Folgen für die französische Wirtschaftspolitik geschrieben, und Hollande sagte, dass er ihn mag. Ich trommelte dann ein paar Ökonomen zusammen, und wir haben uns mit ihm getroffen.

ZEIT: Wie müssen wir uns Ihre Beratung konkret vorstellen?

Aghion: Anfangs haben wir einfach miteinander über Europa und die Wirtschaftspolitik diskutiert, dann eine große Konferenz organisiert, und inzwischen schicke ich ihm vor allem SMS. Er hat ja jetzt ziemlich viel zu tun.

ZEIT: Was fasziniert Sie an Hollande?

Aghion: Er ist ein moderner Sozialdemokrat. Er versteht, dass drei Dinge gleich wichtig sind: Wachstum, soziale Gerechtigkeit und Haushaltsdisziplin. Sie können sich das als eine Art Dreieck vorstellen, in dem man auf keine Ecke verzichten kann. Ohne Haushaltsdisziplin hat man keinen Spielraum für Wachstumspolitik. Ohne Wachstum können Sie langfristig keine Haushaltsdisziplin wahren. Und die soziale Gerechtigkeit brauchen Sie, damit die Bürger Ihre Sparmaßnahmen akzeptieren.

ZEIT: Viele Europäer sehen da eher einen Widerspruch: Die einen wollen Wachstum. Die anderen sparen.

Aghion: Und ich glaube, sie liegen da falsch. Ich glaube, dass auch die deutsche Kanzlerin noch merken wird, dass es nicht um ein Entweder-oder geht. Wenn Haushaltsdisziplin nötig ist, damit ein Land sich zu besseren Konditionen Geld leihen und dann wachsen kann, dann braucht es Wachstum, um die Haushaltsdisziplin durchhalten zu können. Ohne Wachstum verlieren die Menschen ihre Zuversicht und werden keine Opfer mehr bringen wollen.

ZEIT: Sie gelten als einer der renommiertesten Wachstumsexperten der Welt. Was raten Sie Hollande?

Aghion: Hollande ist kein altmodischer Keynesianer. Das sollten Sie wissen, weil das ein grundlegender Unterschied zu allen früheren sozialistischen Politikern ist. Ich würde ihm also raten, den »strategischen Staat« zu fördern. So nenne ich einen Staat, der investiert, um den Arbeitsmarkt dynamischer zu machen, Erziehung und Bildung zu finanzieren und kleine und mittlere Unternehmen zu fördern. Um das zu schaffen und zugleich noch das Defizit zu reduzieren, muss er das Steuersystem reformieren und in unproduktiven Sektoren sparen.

ZEIT: Das alles gleichzeitig zu verwirklichen klingt ziemlich unmöglich.

Aghion: Deutschland hat genau das getan. Sie haben einen sehr klugen Staat. Bei Ihnen gibt es eine sehr aktive Industriepolitik, auch wenn die vor allem von den Ländern betrieben wird. Sie haben alle möglichen Programme für kleine und mittlere Unternehmen. Außerdem verfügen Sie über eine aktive Arbeitsmarktpolitik, die während der Krise sehr hilfreich war. Bei Ihnen gibt es aktive Gewerkschaften und einen hervorragenden sozialen Dialog. Das Problem ist: Sie reden darüber auf internationaler Bühne nicht sehr viel. Sie neigen dazu, das zu verstecken.