ReiseführerGeheimtipp war gestern

Der Amerikaner Doug Mack ist mit einem 50 Jahre alten Reiseführer durch Europa gereist. Ein Gespräch über die naive Euphorie vergangener Zeiten und das Verschwinden der Currywurst von Anne Lemhöfer

Douglas Mack in Rom, mit dem alten Reiseführer seiner Mutter: "Europe on Five Dollars a Day"

Douglas Mack in Rom, mit dem alten Reiseführer seiner Mutter: "Europe on Five Dollars a Day"  |  © Douglas Mack

DIE ZEIT: Herr Mack, Sie waren kürzlich mit dem 50 Jahre alten Reiseführer Europe on 5 Dollars a Day von Arthur Frommer an Originalschauplätzen unterwegs. Ist es Ihnen gelungen, im Budget zu bleiben?

Doug Mack: Natürlich nicht. Obwohl es vielleicht sogar möglich gewesen wäre, wenn ich mich nur konsequent genug auf der Basis von Couchsurfing und Döner bewegt hätte. Aber mir ging es gar nicht darum, möglichst sparsam zu reisen.

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ZEIT: Sondern?

Mack: Ich wollte die Route nachreisen, auf der meine Mutter als Studentin in den sechziger Jahren unterwegs war. Sie selbst hatte damals Frommers Buch dabei. Das war erstmals 1957 erschienen und galt als Standardwerk für junge Reisende, eine Art Vorläufer des Lonely Planet. Meine Mutter schwärmt bis heute von dieser Europareise. Damals sei sie erwachsen geworden, sagt sie.

Doug Mack

ist Reisejournalist und Buchautor. Er lebt in Minneapolis. www.douglasmack.net

ZEIT: Was hat sie erlebt?

Mack: Sie hat in italienischen Absteigen mit jungen Franzosen über den Vietnamkrieg diskutiert, in Zügen Gitarre gespielt, sich zum ersten Mal wirklich frei gefühlt. Meine Mutter sprach immer von einem Reifeprozess. Das hörte sich beneidenswert an. Ich selbst war schon Ende 20, hing aber gerade beruflich und privat in der Luft und kam mir gar nicht erwachsen vor. Eine große Reise klang wie eine gute Idee. Nebenbei wollte ich überprüfen, inwieweit sich ihr alter Reiseführer noch verwenden ließ und was sich in der Zwischenzeit geändert hatte.

ZEIT: Und? Was war die größte Veränderung, die Ihnen aufgefallen ist?

Mack: Um es in einem Satz zusammenzufassen: Die Einheimischen benehmen sich nicht mehr wie Einheimische, und das ist für Touristen ein Problem.

ZEIT: Was heißt das?

Mack: Schauen Sie sich zum Beispiel Berlin an. In Frommers Buch werden Currywurstbuden empfohlen, weil der Autor meinte, die Berliner äßen am liebsten Currywurst. Aber das stimmt natürlich längst nicht mehr. Die Berliner gehen zum Thai-Imbiss oder in die Falafelbude. Immigranten prägen inzwischen das gastronomische Angebot – nicht nur in Berlin, auch in anderen Städten, die ich besucht habe. Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Ich finde das sehr gut! Aber aufgrund dieser Entwicklung sind die wenigen Currywurstbuden, die es noch gibt, halt weitgehend zu Läden für Touristen geworden.

ZEIT: Das Berliner Lokalkolorit verschwindet mit der Currywurst?

Mack: Genau. Dabei kann ich auf die Currywurst gut verzichten, ich esse selber lieber asiatisch. Aber das Landestypische verblasst eben überall. Fragen Sie nach einem Café, und man nennt Ihnen das nächste Starbucks, ob in London, Madrid oder Brüssel. Das ist doch bedauerlich.

ZEIT: Die Städte und ihr Angebot haben sich verändert, aber bestimmt auch die Reisenden selbst. Konnten Sie Europa noch auf die gleiche Art entdecken wie Ihre Mutter?

Mack: Sicher nicht. Meine Mutter war im positiven Sinne naiv. Als sie zum ersten Mal eine toskanische Villa sah, war sie einfach hingerissen. Als ich zum ersten Mal eine toskanische Villa sah, dachte ich: Super, sieht aus wie ... eine toskanische Villa. Ich hatte schon jede Menge Nachbildungen gesehen. »Toskanische Bauweise« ist für mich ein Begriff aus Fertighauskatalogen. Schade eigentlich. Der vernetzte Mensch von heute gerät in Gefahr, die globalisierte Welt als eine Ansammlung von Zitaten zu erleben. Diese Gefahr bestand damals weder für meine Mutter noch für Arthur Frommer.

Leserkommentare
  1. Eifersucht auf seine Reise-ganz lieben Dank für die Eindrücke

  2. eine wirklich originelle idee und ein wunderbares interview.

  3. "ZEIT: Das Berliner Lokalkolorit verschwindet mit der Currywurst?

    Mack: Genau. Dabei kann ich auf die Currywurst gut verzichten, ich esse selber lieber asiatisch. Aber das Landestypische verblasst eben überall. Fragen Sie nach einem Café, und man nennt Ihnen das nächste Starbucks, ob in London, Madrid oder Brüssel. Das ist doch bedauerlich."

    Das stimmt wirklich. Und ich bin froh, dass ich meine Reisen in den 70er gemacht habe, auch wenn mich dies mind. 2/3 Jahre Rentenbeitraege gekostet hat. Aber lieber mit phantastischen Erinnerungen alt (ehrlicher: noch aelter)werden, als jetzt die Rente fuer "globalisierte" Reisen ausgeben. Billig war es auch damals nicht - no budget flights.

    Was die Mutter des Autors mit "erwachsen geworden" meint, ist vielleicht, dass sie ganz auf sich gestellt war. Briefe konnte man sich - poste restante - mal an ein evtl. Ziel schicken lassen, es dauerte ewig. Telephonieren? Bin ich Millionaer? Man musste sehen wie man zurecht kam. Kein Daddy - and his credit card - at call.

    How was life before the invention of mobile and internet?

    Phantastic and advancerous!

  4. Das ging problemlos, schließlich sind die Pyramiden noch immer an der selben Stelle. Kushari ist noch immer billig (und lecker), und so ein Hotel kann schnell mal seinen Charakter innerhalb einer Saison ändern (die billigen Hotels bleiben aber meist im selben Viertel, also auch hier kein Thema) wenn sich das Management ändert. Das einzig lustige waren die ganzen Ägypter die immer wissen wollten was für einen Reiseführer man benutzt (und wie gut ihr Geschäft darin wegkommt) und manche haben sich sogar noch an die alte Ausgabe erinnert...

    Eine Freundin hatte einen Reiseführer von 1850 (OK, einen Nachdruck) des Böhmerwaldes und siehe da, selbst damit konnte man sich recht gut zurechtfinden. OK, da war dann die ein oder andere Eisenbahnlinie seit 50 Jahren bereits abgebaut aber sonst - die Berggipfel sind auch heute die Gleichen...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Lieber User Soylentyellow,

    unserer Reiseredakteurin ist untenstehender Kommentar aufgefallen, den Sie gestern geposted haben. Hätten Sie eventuell Lust einen Leserartikel zu verfassen zu Ihrem Ausflug in den Böhmerwald mit dem Reiseführer-Nachdruck von 1850?

    Wie kamen Sie an den Reiseführer? Wie haben Sie sich zurechtgefunden? Was außer Bahnschienen hat sich verändert? Oder hat der Böhmerwald in den letzten 100 Jahren nichts von seiner Idylle und Charme verloren?

    Wir freuen uns immer über hochwertige Texte und Beiträge unserer User. Wenn Sie tatsächlich einen Artikel zum Böhmerwald einsenden möchten, dann benutzen Sie bitte die Standard-Eingabemaske für Leserartikel: http://community.zeit.de/...

    Alle wichtigen Hinweise zum Leserartikel-Projekt und Tipps zum Verfassen von Leserartikeln finden Sie in unseren FAQ: http://www.zeit.de/admini...

    Beste Grüße,
    Sophia Pfisterer

  5. zu diesem ganz tollen Artikel.

  6. " Super, sieht aus wie ... eine toskanische Villa. Ich hatte schon jede Menge Nachbildungen gesehen. »Toskanische Bauweise« ist für mich ein Begriff aus Fertighauskatalogen"

    Ja sicher ! Ein bisschen erdfarbenes Ambiente, zwei verwitterte Säulen vor der Tür und fertig ist eine "toskamerikanische Villa" ! Na, wenn er schon alles gesehen hat, sollte er nach Las Vegas gehen ! Da gibts alles in Kopie und es ist näher !

  7. Lieber User Soylentyellow,

    unserer Reiseredakteurin ist untenstehender Kommentar aufgefallen, den Sie gestern geposted haben. Hätten Sie eventuell Lust einen Leserartikel zu verfassen zu Ihrem Ausflug in den Böhmerwald mit dem Reiseführer-Nachdruck von 1850?

    Wie kamen Sie an den Reiseführer? Wie haben Sie sich zurechtgefunden? Was außer Bahnschienen hat sich verändert? Oder hat der Böhmerwald in den letzten 100 Jahren nichts von seiner Idylle und Charme verloren?

    Wir freuen uns immer über hochwertige Texte und Beiträge unserer User. Wenn Sie tatsächlich einen Artikel zum Böhmerwald einsenden möchten, dann benutzen Sie bitte die Standard-Eingabemaske für Leserartikel: http://community.zeit.de/...

    Alle wichtigen Hinweise zum Leserartikel-Projekt und Tipps zum Verfassen von Leserartikeln finden Sie in unseren FAQ: http://www.zeit.de/admini...

    Beste Grüße,
    Sophia Pfisterer

  8. "Ich esse selber lieber asiatisch. Aber das Landestypische verblasst eben überall. [...] Das ist doch bedauerlich."

    Der Widerspruch ist schön auf den Punkt gebracht. Schlimm, schlimm: Alles fließt zu einer nivellierten Weltkultur zusammen, weil sich DIE ANDEREN LEUTE frecherdings AUCH die Freiheit herausnehmen, zu leben, wie es Ihnen gefällt.

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