DIE ZEIT: Herr Mack, Sie waren kürzlich mit dem 50 Jahre alten Reiseführer Europe on 5 Dollars a Day von Arthur Frommer an Originalschauplätzen unterwegs. Ist es Ihnen gelungen, im Budget zu bleiben?

Doug Mack: Natürlich nicht. Obwohl es vielleicht sogar möglich gewesen wäre, wenn ich mich nur konsequent genug auf der Basis von Couchsurfing und Döner bewegt hätte. Aber mir ging es gar nicht darum, möglichst sparsam zu reisen.

ZEIT: Sondern?

Mack: Ich wollte die Route nachreisen, auf der meine Mutter als Studentin in den sechziger Jahren unterwegs war. Sie selbst hatte damals Frommers Buch dabei. Das war erstmals 1957 erschienen und galt als Standardwerk für junge Reisende, eine Art Vorläufer des Lonely Planet. Meine Mutter schwärmt bis heute von dieser Europareise. Damals sei sie erwachsen geworden, sagt sie.

ZEIT: Was hat sie erlebt?

Mack: Sie hat in italienischen Absteigen mit jungen Franzosen über den Vietnamkrieg diskutiert, in Zügen Gitarre gespielt, sich zum ersten Mal wirklich frei gefühlt. Meine Mutter sprach immer von einem Reifeprozess. Das hörte sich beneidenswert an. Ich selbst war schon Ende 20, hing aber gerade beruflich und privat in der Luft und kam mir gar nicht erwachsen vor. Eine große Reise klang wie eine gute Idee. Nebenbei wollte ich überprüfen, inwieweit sich ihr alter Reiseführer noch verwenden ließ und was sich in der Zwischenzeit geändert hatte.

ZEIT: Und? Was war die größte Veränderung, die Ihnen aufgefallen ist?

Mack: Um es in einem Satz zusammenzufassen: Die Einheimischen benehmen sich nicht mehr wie Einheimische, und das ist für Touristen ein Problem.

ZEIT: Was heißt das?

Mack: Schauen Sie sich zum Beispiel Berlin an. In Frommers Buch werden Currywurstbuden empfohlen, weil der Autor meinte, die Berliner äßen am liebsten Currywurst. Aber das stimmt natürlich längst nicht mehr. Die Berliner gehen zum Thai-Imbiss oder in die Falafelbude. Immigranten prägen inzwischen das gastronomische Angebot – nicht nur in Berlin, auch in anderen Städten, die ich besucht habe. Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Ich finde das sehr gut! Aber aufgrund dieser Entwicklung sind die wenigen Currywurstbuden, die es noch gibt, halt weitgehend zu Läden für Touristen geworden.

ZEIT: Das Berliner Lokalkolorit verschwindet mit der Currywurst?

Mack: Genau. Dabei kann ich auf die Currywurst gut verzichten, ich esse selber lieber asiatisch. Aber das Landestypische verblasst eben überall. Fragen Sie nach einem Café, und man nennt Ihnen das nächste Starbucks, ob in London, Madrid oder Brüssel. Das ist doch bedauerlich.

ZEIT: Die Städte und ihr Angebot haben sich verändert, aber bestimmt auch die Reisenden selbst. Konnten Sie Europa noch auf die gleiche Art entdecken wie Ihre Mutter?

Mack: Sicher nicht. Meine Mutter war im positiven Sinne naiv. Als sie zum ersten Mal eine toskanische Villa sah, war sie einfach hingerissen. Als ich zum ersten Mal eine toskanische Villa sah, dachte ich: Super, sieht aus wie ... eine toskanische Villa. Ich hatte schon jede Menge Nachbildungen gesehen. »Toskanische Bauweise« ist für mich ein Begriff aus Fertighauskatalogen. Schade eigentlich. Der vernetzte Mensch von heute gerät in Gefahr, die globalisierte Welt als eine Ansammlung von Zitaten zu erleben. Diese Gefahr bestand damals weder für meine Mutter noch für Arthur Frommer.