DIE ZEIT: Wes Anderson, Ihre Mutter war Archäologin und nahm Sie und Ihre zwei Brüder oft mit zu Ausgrabungen. Sind Ihre Filme eine Art Verlängerung dieser Exkursionen?

Wes Anderson: Wir drei hatten nicht immer Lust auf diese Ausflüge. Anfangs waren wir aufgeregt, weil wir alle Schichten sahen, die schon freigelegt waren, und die vielen kleinen gefundenen Objekte. Aber letztlich war es immer dasselbe: Haufen von Erde mit winzigen Tonscherben. Wir mussten die Scherben nummerieren und die Erde weiter durchsieben. Zu Hause beim Spielen malten wir uns dazu in der Fantasie Geschichten aus, die weitaus aufregender und abenteuerlicher ausfielen. Die habe ich dann mit meiner Super-8-Kamera verfilmt.

ZEIT: In Ihrem neuen Film schicken Sie im Jahr 1965 zwei Zwölfjährige auf eine solche Abenteuerreise: Sam, ein Waisenjunge und Pfadfinder, und Suzy, ein introvertiertes Mädchen, verlieben sich ineinander und fliehen vor den Erwachsenen in die Wildnis einer Insel vor Neuengland. Ist Moonrise Kingdom eine Kindheitsfantasie?

Anderson: Die Reise der beiden Außenseiter ist eine idealisierende Rückprojektion. Ich hätte auch gerne eine solche Liebe erlebt, die mir Halt gegeben hätte.

ZEIT: Waren Sie als Junge einsam?

Anderson: Als ich ungefähr zwölf Jahre alt war, fand ich auf unserem Kühlschrank ein Buch mit dem Titel Vom Umgang mit einem gestörten Kind. Ich war traurig und geschockt, genauso wie Suzy im Film. Denn ich wusste genau, wer mit diesem gestörten Kind gemeint war. Meine beiden Brüder hätten den Titel bestimmt nicht auf sich bezogen.

ZEIT: Haben Sie jemals mit Ihren Eltern darüber gesprochen?

Anderson: Nein. Aber ich fürchte, mein Vater und meine Mutter, die ja schon seit unserer Kindheit getrennt sind, werden es jetzt irgendwo lesen. Sie haben meinen Namen auf Google alert eingestellt.

ZEIT: In der amerikanischen Presse wurde häufig geschrieben, dass Sie ein spätpubertierender Regisseur seien, weil Sie immer wieder von dysfunktionalen Familien erzählten.

Anderson: Finden Sie das auch?

ZEIT: Ja. Aber ich habe damit kein Problem, weil die Welt dysfunktional ist.

Anderson: Eben.

ZEIT: In Ihren Filmen erstehen aus dieser Verweigerung des Erwachsenwerdens Ihre wunderbar künstlichen Welten mit einer eigenen Wirklichkeit.

Anderson: Ich fühle mich in künstlichen Welten wie ein Fisch im Wasser und erlebe sie als vollkommen real. Für manche Menschen ist Künstlichkeit eine Sperre, die den Zugang verhindert. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Deshalb fühle ich mich den Filmen von Luis Buñuel so nahe: Sie nehmen unerklärliche Wendungen und erzeugen eine Atmosphäre des Mysteriösen, die aber völlig klar und natürlich erscheint. Ich hoffe, dass die ganz realen Kunstwelten meiner Filme zumindest auf manche einen ähnlichen Effekt haben.

ZEIT: Ihre Filmwelten leben davon, Gegenstände und Ausstattungsdetails aufzuladen. Berühmt geworden ist der rote Trainingsanzug von Ben Stiller in der Rolle des neurotischen Familienvaters in Die Royal Tenenbaums ...

Anderson: Diese Objekte sind wie Talismane. Wie Symbole und Zeichen, die mit einem präzisen Sinn verbunden sind, den manchmal nur die Figuren kennen. Die beiden Kinder in Moonrise Kingdom haben bei ihrer Flucht in die Wildnis einen Haufen Dinge dabei, die ihnen viel bedeuten. Suzy trägt einen Koffer voller Bücher, die ihr wichtig sind.

ZEIT: Für Ihren Film Darjeeling Limited haben Sie von der Firma Louis Vuitton Koffer bauen lassen, die die drei Brüder im Film durch Indien schleppen. Tragen Ihre Helden an ihrer Familiengeschichte?

Anderson: In Darjeeling Limited schleppen die drei letztlich ihren verstorbenen Vater mit. Suzy in Moonrise Kingdom sollte wiederum ihre Kultur bei sich tragen: Ihre liebsten Bücher, die dieser von ihrer Familie unverstandenen Zwölfjährigen Halt und Hoffnung geben. Der Film selbst könnte eines dieser Bücher sein: eine Abenteuergeschichte, mit der sich Suzy von allem, was sie umgibt, löst.