DIE ZEIT: Herr Zöllner, ein Politikersprichwort besagt: Wenn man nicht mehr weiterweiß, gründet man ’nen Arbeitskreis.

Jürgen Zöllner: Falls das auf die Idee eines Nationalen Bildungsrats gemünzt sein soll, geht das an der Sache vorbei.

ZEIT: Der Vorschlag, den Sie zusammen mit anderen namhaften Bildungsexperten diese Woche gemacht haben, läuft doch genau darauf hinaus: Zusätzlich zu den 16 Landeskultusministerien, einem Bundesministerium, der Kultusministerkonferenz und anderen Gremien wollen Sie noch einen Bildungsexpertenrat gründen. Was gibt Ihnen die Hoffnung, dass dieser mehr Ordnung als Chaos ins Schulwirrwarr bringt?

Zöllner: Weil dieses Gremium anders wäre! Sie haben das Problem beschrieben: Uns fehlt in der Bildungspolitik die gemeinsame große Linie. Wenn wir den Bildungsföderalismus erhalten wollen, brauchen wir dringend einen Ort, an dem über Länder- und Parteigrenzen hinaus ein Konsens erzielt werden kann.

ZEIT: Wie soll der Nationale Bildungsrat das erreichen?

Zöllner: Es gibt ja ein Vorbild: den Wissenschaftsrat, in dem Wissenschaftler und Politiker zusammensitzen. Mit dem Ergebnis, dass wir in der Wissenschaft keine Grundsatzkonflikte mehr haben. Die Wissenschaftler in dem Gremium bringen ihre Sachkenntnis ein und formulieren ihre Wünsche – werden aber auch gezwungen, Mitverantwortung zu übernehmen für das politisch Machbare. Umgekehrt trägt die Politik Sorge, dass die gemeinsamen Beschlüsse umgesetzt werden. Die Zeit ist reif, dass wir es in der Schulpolitik genauso machen.

ZEIT: Warum ist Ihre eigene Partei, die SPD, dann fast geschlossen dagegen? Ihre Parteigenossen sagen, es gebe kein Erkenntnis- oder Gremiendefizit, sondern ein Problem mit der Verfassung. Das Grundgesetz verbietet die Kooperation von Bund und Ländern in der Wissenschaft, vor allem aber im Bereich der Schulen. Darum fordert die SPD eine Grundgesetzänderung, um den Bund finanziell ins Boot zu holen.

Zöllner: Zu Recht!

ZEIT: Die Union sieht das anders. Sie will eine Grundgesetzänderung nur für die Hochschulen.

Zöllner: Darum wäre es grundfalsch, einfach abzuwarten, bis Rot-Grün und Schwarz-Gelb sich in dieser Frage geeinigt haben. Zurzeit sehe ich auf beiden Seiten Argumentationslücken. Gegen den SPD-Vorschlag, der Bund solle ohne irgendein Mitspracherecht die Schulen mitfinanzieren, spricht jede politische Erfahrung. Warum sollte der Bund das machen? Umgekehrt gehen die Unionspolitiker, die jegliche Aufweichung des Kooperationsverbots ablehnen, das Risiko ein, dass der Bildungsföderalismus mangels Akzeptanz irgendwann als Ganzes in Gefahr gerät. Das wäre fatal, denn wir haben es vor allem dem Wettbewerb zwischen den Ländern zu verdanken, dass sich unser Bildungssystem im letzten Jahrzehnt konzeptionell und qualitativ weiterentwickelt hat.

ZEIT: Wie kann ein Bildungsrat die Rettung sein?

Zöllner: Wenn es ihn gäbe, wäre zumindest ein Teil der angestrebten Verfassungsänderung nicht mehr nötig. Nehmen Sie die Ganztagsschulen: Damit sie funktionieren, brauchen wir nicht nur zusätzliche Lehrer, sondern auch mehr Sozialarbeiter. Der Bund könnte den Ländern unter die Arme greifen, und zwar sehr wohl auch ohne Grundgesetzänderung. Würde ein überparteilich zusammengesetzter Bildungsrat einen solchen Vorschlag machen, könnten sich die Länder dem nur schwer widersetzen.