Die irische Europaministerin Lucinda Creighton © Tobias Schwarz / Reuters

Mittags in einem Einkaufszentrum schreit ein Mann den irischen Ministerpräsidenten an. »Sagen Sie Angela Merkel, sie soll aufhören, unsere Wirtschaft kaputtzuschrumpfen!« Eine Frau ruft: »Wie viele sollen noch ihre Jobs und ihre Häuser verlieren, weil diese Regierung nicht gegen Europa aufsteht?«

In einer Großkanzlei in Dublins Docklands zieht die junge Hoffnung der irischen Regierung ihren Lipgloss nach. »Dann wollen wir mal«, sagt Lucinda Creighton, streicht ihr aprikosenfarbenes Kostüm mit den schwarzen Samtstreifen glatt und tritt vor eine Versammlung junger Handelsrechtsanwälte. Einige grüßt die 32 Jahre alte Europaministerin im Vorbeigehen. Sie kennt sie noch aus dem Studium. Das hier, die adretten Advokaten in ihrem eindrucksvollen Büropalast, ist ihre Generation, das »neue Irland«, wie Creighton es sich vorstellt. Hart arbeitend, selbstbewusst, verlässlich, investorenfreundlich. Wäre ihr die Politik nicht »dazwischengekommen«, wie sie ein wenig kokett formuliert, in Form eines Abgeordnetenmandats nämlich, hätte Creighton ihre Karriere als Anwältin in New York fortgesetzt.

Jetzt muss sie aber erst einmal ihre Heimat anständig beraten. Ihnen hier, im Glitzerbau der Kanzlei McCann/Fitzgerald, braucht sie eigentlich nicht zu erzählen, wie existenziell es für die Iren ist, dass sie am 31. Mai eben nicht gegen Europa aufstehen, sondern Ja sagen zum neuen EU-Fiskalvertrag. Creighton predigt in diesen Tagen trotzdem landauf, landab. Denn die größte Gefahr für ihr neues Irland, glaubt sie, sei, »dass genau solche Leute denken, die Sache laufe schon, und deshalb nicht abstimmen gehen«.

Schon wieder, wie zuletzt beim Lissabon-Vertrag, darf das irische Volk in der Europapolitik ungefiltert mitreden. Die Verfassung des Landes, nach dem Unabhängigkeitskampf in großer Empfindlichkeit gegen jede Souveränitätsstörung geschrieben, verlangt Referenden, sobald Gestaltungsmacht an außerstaatliche Instanzen verschoben werden soll. Der Fiskalpakt zur Reform der Euro-Zone tut das zwar nur in geringem Maße; er erneuert bei Strafandrohung vor allem die alten Stabilitätsversprechen. Aber in dem Vertrag steht eben auch, dass künftig nur Rettungszahlungen erhält, wer sich strikten europäischen Sparvorgaben unterwirft. Und über die wächst der Unmut nicht nur in Griechenland, sondern auch in Irland, dem bisherigen Musterland des Euro-Rettungsprogramms.

Anderthalb Jahre lang haben die Iren sinkende Löhne, schrumpfende Sozialleistungen und steigende Abgaben weitgehend klaglos hingenommen, damit sie im Gegenzug 23 Milliarden Euro aus dem Stützungsfonds bekamen. Mittlerweile aber fragen sich immer mehr Inselbewohner, wie lange die EU-verordnete Leidenszeit eigentlich dauern soll – »Ja, was denn, noch vier, fünf oder zwei Millionen Jahre, Mann!?«, nölt eine Teenagerin im Stadtbus – und wohin sie eigentlich führt. Als die Regierung vor Kurzem eine neue Grundbesitzsteuer beschloss, weigerten sich Hunderttausende Iren, ihre Häuser registrieren zu lassen. Laut Umfragen würde momentan zwar noch eine Mehrheit für die Fortsetzung des Deals »Rettung gegen Reform« stimmen. Aber die Menge der Unentschlossenen wächst. Sie liegt derzeit bei einem Drittel.

Nein zum Pakt, wird auf irisch-grünen Plakattafeln überall in der Hauptstadt gefordert. »Irland steht auf!« Geklebt hat die Poster eine Partei, deren Existenzzweck nach dem Ende des Bürgerkrieges im Norden eigentlich dahin schien. Doch Sinn Féin (irisch für »Nur wir selbst«), lange Zeit der politische Arm der IRA, ist wieder da. Im Süden der Insel hat sie eine neue Schlacht eröffnet; es geht nicht gegen Britannien, sondern Brüssel – und das kommt an. In den vergangenen 15 Monaten sind die Beliebtheitswerte der links-nationalen Rebellen von 10 auf 24 Prozentpunkte gestiegen, auf den zweitbesten Rang aller Parteien. »Die haben ihre Marktlücke gefunden«, seufzt Lucinda Creighton in ihrem EU-Flaggen-geschmückten Büro im Amtssitz des Ministerpräsidenten. »Mit ihrer EU-Kritik sprechen sie die Arbeiterklasse an. Und sie haben eine Menge junger, smarter Politiker, die helfen, die Erinnerungen an Sinn Féins Verbindungen mit dem Terrorismus vergessen zu machen.«

Tatsächlich kann, wer dem Chef der Nein-Kampagne von Sinn Féin begegnet, kaum glauben, dass er ein Kind des alten Irlands vor sich hat, desjenigen Irlands, das sich vor allem als Opfer des Empire definierte. Der Parlamentsabgeordnete Pádraig MacLochlainn erscheint im Nadelstreifenanzug mit silberblauer Krawatte, schwarzer Lederaktentasche und gewinnendem Lächeln. Ja, sagt er irgendwann später im Gespräch, »einen langen Weg« habe er in seinen 38 Lebensjahren zurückgelegt. In der Tat.