In Zeiten der Krise richten sich viele Blicke auf Deutschlands erfolgreiche Wirtschaft. Kritiker bemängeln, niedrige Lohnkosten und hohe Exportüberschüsse schadeten den Südeuropäern. Anderen dient der deutsche Erfolg als Vorbild.

Weil in Griechenland und in Spanien so viele junge Menschen ohne Job dastehen , interessiert man sich dort gerade für das deutsche Ausbildungssystem. In diesen Ländern liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 50 Prozent, aber auch in Portugal (35 Prozent) und Frankreich (25 Prozent) schauen sie schon neidisch herüber. Die deutsche Jugenderwerbslosenquote beträgt 5,7 Prozent.

Das deutsche Modell zu kopieren erweist sich aber als schwierig. Es ist jedenfalls nicht genug damit getan, offene Stellen einfach als Lehrstellen zu deklarieren. Das zeigt das Beispiel Großbritannien . Seit die konservativ-liberale Koalition vor zwei Jahren an die Regierung kam, steht auch dort das deutsche duale System hoch im Kurs. Der Staat übernimmt neuerdings einen Teil der Ausbildungskosten. 2011 wuchs die Zahl der Lehrstellen dadurch um 63 Prozent auf 457000.

Allerdings wurde ein Großteil der neuen Lehrstellen von Supermärkten geschaffen, wo Azubis lernen, Regale einzuräumen. Sie sind billige Arbeitskräfte, die Tesco und Co. sich vom Staat subventionieren lassen. Dagegen haben die Ausbildungsplätze für Facharbeiter wie etwa beim Düsenhersteller Rolls-Royce kaum zugenommen.

Ein Problem der Briten und auch anderer Länder ist, dass die Gesellschaft zu lange auf den Wert einer Universitätsausbildung eingeschworen wurde. Lehrling zu sein hat den Beigeschmack des Versagens. Es spricht Bände, dass deutsche Unternehmer in Spanien bereits vor 30 Jahren eine Berufsschule gründeten, um die benötigten Fachkräfte nicht aus dem Heimatland importieren zu müssen.

In Frankreich gilt gar als ohne Schulabschluss, wer nicht zumindest das Abitur an einer berufsvorbereitenden Schule schafft. Dieses abgespeckte »Baccalauréat« für Schüler, denen man kein Hochschulstudium zutraut, ist im Grunde eine Ausbildung auf der Schulbank. 52 Prozent der unter 25-Jährigen waren in den ersten drei Jahren nach ihrem Schul- oder Studienabschluss mindestens einmal arbeitslos. Ein Drittel sogar sechs Monate und länger.

Verbindliche Absprachen fehlen

In Zeiten der Krise gelten junge Leute in vielen Ländern nicht als immer wieder zu erneuerndes Fundament für den künftigen Erfolg eines Betriebs, sondern als Manövriermasse. Ihre häufig auf wenige Monate befristeten Verträge lassen sich viel leichter ersatzlos streichen als der Posten eines langjährigen, gewerkschaftlich organisierten Mitarbeiters. Eine Berufsausbildung nach deutschem Vorbild könne deshalb nur dann gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit wirken, wenn es wie in Deutschland auch verbindliche Absprachen über die Anzahl der Ausbildungsplätze gäbe und diese nicht in schlechten Zeiten einfach abgeschafft werden könnten, sagt Florence Lefresne, Sozioökonomin am französischen Institut de Recherches Economiques et Sociales.

An dieser Überzeugung aber fehlt es in vielen Betrieben bei den europäischen Nachbarländern. Gerade im Mittelstand scheut man die vermeintlich hohen Kosten für Azubis, die nur zwei Drittel der regulären Arbeitszeit tatsächlich mit anpacken. In Frankreich scheiterte bisher der Aufbau eines flächendeckendes Netzes an Ausbildungsfirmen und Berufsschulen.

Es ist schon paradox: Da wird in Spanien und Portugal zum Himmel gezetert, dass Tausende junger Leute Arbeit in Deutschland suchen und damit wertvolle Fachkräfte entschwinden. Dabei hätten diese Länder es selbst in der Hand. Das kostete erst einmal Geld und Einsatz, aber beides wäre ja gut angelegt. Es wäre Teil eines Wachstumspakts , gegen den auch Berlin nichts haben könnte. Dafür könnte die Kanzlerin guten Gewissens bei kleinen Abweichungen von den Sparplänen ein Auge zudrücken.