Wovon reden wir, wenn wir von Raymond Carver reden? Vom gefährlichen Gelände Liebe, das sich zwischen Sehnen, Begehren und Familienalltag ausbreitet. Vom Trinken, Fremdgehen; von Zerstörung und Selbstzerstörung, von Gewalt. Von bösen Enden, die man unter den Storys wie Zeitbomben ticken hört.

Aber schon wenn es um seinen legendären »Minimalismus« geht, ist gar nicht mehr klar, dass man von Carver redet, wenn man von Carver redet. Sein Lektor und Freund Gordon Lish, den der 1938 in Oregon geborene Carver selbst als seinen »idealen Leser« sah, hatte seit den siebziger Jahren die Storys bearbeitet, als wären sie Rohmaterial, aus dem er die Form schlagen dürfte. Der Erfolg gab ihm recht: Carvers Erzählband Will You Please Be Quiet, Please? von 1976 wurde für den National Book Award nominiert. Aber waren Lishs Kahlschläge wirklich nötig? Gaben Carvers Texte nur jene »guten« 30 Prozent her, auf die Lish manche von ihnen reduzierte?

Dass diese Frage nun erstmals die Chance auf eine Antwort hat, ist Carvers zweiter Frau, der Dichterin Tess Gallagher, zu verdanken, ohne deren Initiative es Beginners nicht gäbe. 2007, also knapp 20 Jahre nach seinem Tod, hatte sie Carvers Verlag Alfred A. Knopf eine »Uncut«-Edition jenes Buches vorgeschlagen, das 1981 unter dem Titel What We Talk About When We Talk About Love erschienen war: Das war eine Suche nach später Gerechtigkeit für Carver. Er selbst hatte erst spät das schwindelerregende Ausmaß von Lishs Kürzungen bemerkt – insgesamt mehr als die Hälfte des Textes. Fast alle Storys hatten einen anderen Schluss bekommen, etliche Figuren einen anderen Namen.

»Bitte leite die nötigen Schritte ein, um die Herstellung des Buches zu stoppen«, schrieb Carver schockiert im Juli 1980 an Lish, und gleich darauf: »Bitte versuche, mir diesen Vertrauensbruch zu verzeihen.« Der – in Beginners abgedruckte – Brief zeigt einen Hochempfindsamen voller Skrupel, der sich seinen Impuls, das Buch zurückzuziehen, selbst kaum verzeiht. Lish überging den Brief beflissentlich. Die siebzehn Storys erschienen 1981 mit enormem Erfolg unter Lishs Titel Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden.

Wessen Erfolg? Carver selbst sprach von »amputierten« Geschichten. Tess Gallagher biss noch 26 Jahre später bei Alfred A. Knopf auf Granit, als sie den »wahren« Carver ins Spiel bringen wollte. 2009 erschien dann Beginners bei Jonathan Cape, und liegt nun auf Deutsch vor. Gibt es also einen anderen Carver zu entdecken?

In S ag den Frauen, wir gehen setzen sich die beiden Freunde Bill und Jerry eines schönen Sonntagnachmittags von ihren Familien ab und ins Auto. »Ein Mann muss immer mal rauskommen«, sagt Jerry zu Bill. »Kann nicht immer nur schuften und nie Spaß haben. Du weißt doch, was ich meine.« Bill weiß es nicht. Er weiß es auch nicht, als Jerry darauf besteht, zwei junge Radlerinnen zu verfolgen und sie schließlich in einen Wald zu treiben. Hier hat Lishs Version noch zehn Zeilen, bis sie übergangslos mit den Sätzen endet: »Aber es begann und endete mit einem Stein. Jerry nahm denselben Stein bei beiden Mädchen, zuerst bei dem Mädchen, das Sharon hieß, und dann bei der, die Bills sein sollte.«

Aber in Carvers Urtext gab es nur einen Mord. Auf knapp acht Seiten hatte er die Eskalation von Jerrys Gewalt dem Mädchen Sharon gegenüber als eine Verklammerung von Verzweiflung, Einsamkeit und Hass erzählt. Dann hatte Bill, der woanders im Wald war, seinen Freund gefunden. »Jerry stand vor ihm, hing lose in seinen Klamotten, als wären die Knochen aus ihm entwichen. Bill fühlte die schreckliche Nähe ihrer beider Körper... Er hob eine Hand, und als ob die Distanz, die sie jetzt voneinander trennte, wenigstens das noch erlaubte, fing er an, ihn zu beklopfen, über den Rücken des anderen zu streichen, während seine eigenen Tränen liefen.«

Lishs Zuspitzungen – auch wenn sie in sich gelungene Texte zur Folge hatten – fordern nicht nur den hohen Preis komplexer Figuren und ihrer Bandbreite an Widersprüchen; sie kappen auch viele der Themen. Dass es hier um die Freundschaft zwischen zwei Männern geht, die »schon immer unzertrennlich« waren – davon blieb in der »Cut«-Version nicht die kleinste Spur.

Lishs Schnitte und Striche beschleunigen, heizen die Spannung an, jagen die Fallhöhe nach oben. Sie machen Figuren unkenntlich: Aus einem alten Mann, der eine Nacht voller Todesangst durchsteht – eine Nacht, in der »etwas Starkes, Böses dort draußen sein Unwesen trieb« –, wird in Lishs Version ein verknöcherter Alter, der über seine Wut auf ein Hippiepärchen nicht hinausfindet. »Er würde diesen Luschen Bescheid sagen! Er würde ihnen sagen, was auf einen wartete – nach den Jeans und nach den Ohrringen...« Die Dimension des Unheimlichen, das weit über menschliche Macht hinausgeht – Lish hat sie gestrichen.

Dabei ist Carver ja tatsächlich Minimalist – aber er ist, wie man jetzt sehen kann, auch mehr als das. Einmal erzählte er in einem Interview, wie er selbst, der mit 19 zum ersten Mal Vater geworden war, ruhelos mit seiner Familie durch den Westen zog, von einer Wohnung zur nächsten. »Wir suchten einen Ort, wo ich schreiben, und meine Frau und Kinder glücklich sein konnten. Das schien nicht zuviel verlangt. Aber wir fanden ihn nie.« So ist das. Das Leben ist eben eine Carver-Story.