Für den Begriff »Dissident« wartet das chinesische Wörterbuch mit mindestens drei Übersetzungen auf, die einen unterschiedlichen Härtegrad der Opposition wiedergeben. Das Spektrum reicht von abweichender Ansicht bis zum Widerstand. Wenn es mit rechten Dingen zuginge, müssten noch viel mehr Ausdrücke zirkulieren. Die Szene ist nämlich unübersichtlich und der Begriff des Dissidenten ungeschützt – ein Schicksal, das er mit dem des Untergrunddichters teilt.

Der 1959 in Shanghai geborene Huang Bei Ling, bekannt wurde er unter seinem Vornamen Bei Ling, wird zu den maßgeblichen chinesischen Dissidenten gezählt, weil er zuerst für eine Zeit zum Kreis der Mitarbeiter der Literaturzeitschrift Jintian (»Heute«) gehörte und weil er später in den USA das Magazin Tendenzen herausgab. Als er 2000 versuchte, dieses Magazin auch in China drucken und vertreiben zu lassen, wurde er für zwei Wochen eingesperrt. Wohl auf den gemeinsamen Druck des amerikanischen Außenministeriums und einer von der amerikanischen Schriftstellerin Susan Sontag aufgestellten Koalition namhafter internationaler Autoren kam er damals frei – ein erfreuliches, wenn auch nicht überzubewertendes Beispiel für den möglichen Erfolg von Dialogen über Menschenrechte. Heute darf Bei Ling nicht in sein Heimatland einreisen, er lebt wahlweise in den USA und in Taiwan.

In seinem jüngsten Buch Ausgewiesen erzählt er uns einige Facetten aus diesem Leben eines Verbannten. Er beginnt mit einer Erinnerung an die Frankfurter Buchmesse 2009, als die Volksrepublik China das offizielle Gastland dieser Veranstaltung war. Auch Bei Ling war Gast, doch kein wohlgelittener. Die Presse berichtete damals ausführlich über die Farce seiner tolerierten, dann wieder nicht tolerierten Präsenz, ein unwürdiges Schauspiel, für dessen tollpatschigen Verlauf überforderte deutsche Veranstalter genauso verantwortlich waren wie dunkelrotadrige chinesische Literaturfunktionäre. Es kam schließlich zu einer Aussprache, besser gesagt zu einem Ausgeschrei zwischen allen Beteiligten – argumentativ herrschte intellektuelle Waffengleichheit auf unerfreulichem Niveau. Die Presse war voll zorniger Neugier.

Selbstverständlich ging es ein wenig um die Sache, es ging aber auch um Placements. In der Szene der Funktionäre genauso wie unter den Dissidenten. Über die Hintergründe dieser Auseinandersetzung, über die hohe Kunst, staatliche chinesische soft power gegen die List des Untergrunds, gegen widerborstige chinesische soft power auszuspielen, hätte der Leser dieses ersten Teils von Ausgewiesen gern einiges mehr erfahren.

Bei Ling gilt als gewiefter Fadenzieher, schließlich war er früher Vertrauter großer Persönlichkeiten wie etwa jenes Liu Xiaobo, des späteren Nobelpreisträgers für Frieden, den das Pekinger Regime 2010 für elf Jahre wegsperrte.

Liu Xiaobo und Bei Ling bewohnten 1989 in New York gemeinsam ein kleines Apartment. Als sich im späten Frühjahr ein verhängnisvolles Ende der Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens abzeichnete, kehrte Liu in die Heimat zurück, um dort Frieden zu stiften. Bei Ling blieb in New York. Ein Freund, schreibt er, habe ihn beschworen, nichts Unkluges anzustellen. Das war ein weiser Rat, doch die Rolle des mutigen politischen Aktivisten hatte sich für ihn damit zunächst einmal erledigt.

Blieb die Rolle des Literaten, des Vermittlers. Bei Ling, selbst erklärter Dichter des Untergrunds, fühlt sich in der Gesellschaft von Literaten wohl am besten aufgehoben. Er zitiert gern, was die Kollegen Schmeichelhaftes über ihn zu Papier gebracht haben – und seiner amerikanischen Mentorin Susan Sontag fühlt er sich so nahe, dass er sie fast durchgehend nur beim Vornamen nennt.

Er selbst ist leider kein begnadeter Erzähler. Vom zweiten Teil seiner Erinnerungen, hier geht es um jene noch glücklichen Jahre der hastig gewonnenen Freiheiten nach dem Ende der Kulturrevolution, hätte das Publikum doch gern mehr in Erinnerung behalten als das Bild eines hitzigen Fahrradfahrers, der auf der Suche nach den Brennpunkten der Szene ständig die damals dort noch sehr seltenen roten Ampeln missachtet. Es wurde zu jener Zeit in ebenjener Szene nämlich eines der wichtigsten Kapitel der modernen chinesischen Dichtkunst geschrieben. Wilde Gräser drängten durch zertrümmerte Dachziegel, wie es die Poetin Shu Ting damals ausdrückte. Glücklich, wer Zeitzeuge war, unglücklich, wem bei der Erinnerung wenig mehr als die eigene Erregtheit auf dem Veloziped blieb.

Vielleicht hätte ein beherztes Lektorat den Autor auch davor bewahren sollen, hier ist die Rede von den Teilen VI und VII des Buchs, die Beschreibung erzwungener homoerotischer Praktiken in chinesischen Gefängnissen für einen notwendigen Bestandteil der zeitgenössischen Literatur des Landes zu halten. Nein, selbstverständlich gilt unser Mitleid den Opfern, doch ständige Wiederholungen steigern unser Mitleid nur mäßig. Wer einmal die entsprechenden unheilvollen Passagen im Werk von Liao Yiwu gelesen hat, der tut sich schwer, bei Bei Ling mehr als nur das Winken mit einer Reproduktion zu erkennen.

Was dieses Buch zusammenhält, ist die berechtigte Empörung darüber, dass autoritäre Regime, wie jenes der Volksrepublik China, aufmüpfigen Autoren oft übel mitspielen, dass zubetonierte Parteiköpfe unerbittlich drangsalieren, zensieren und wegsperren. Dass die berühmten »hundert Blumen« auch heute nicht blühen dürfen. Nur machen leider weder der große Knüppel »Unterdrückung« noch die Verortung im »Untergrund« aus schlichten Texten bereits Literatur.