Martenstein : "Der sibirische Tiger ist weniger bedroht als das Komma"

Harald Martenstein über die Schreibschwäche seiner Studenten
Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Zum ersten Mal seit meinem Examen habe ich wieder ein Seminar an der Universität besucht. Ich war jetzt der Dozent. Es handelte sich um Germanisten. Germanisten sind sympathische, intelligente, freundliche Menschen. Viele von ihnen können allerdings nicht fehlerfrei Deutsch. Ich finde das nicht schlimm, nur überraschend. Andererseits, es gibt einen relativ berühmten Fotografen, der blind ist, es gibt ängstliche Boxer und ewige Jungs, die achtzig sind. Da mag auch ein Germanist, der nicht Deutsch kann, seinen Platz im Gebäude der Schöpfung finden.

Ein typischer Germanistensatz in einer Seminararbeit des Jahres 2012 lautet: »Ich glaube das viele menschen gahr nicht Wissen wie schlimm es, um Die Germanistik, Steht und das bei uns Germaitn Vieles verbessert werden, könnte??« Am Schlimmsten steht es um die Kommas, um Satzzeichen sowie Groß- und Kleinschreibung. Der Fortbestand der freilebenden sibirischen Tiger ist weniger bedroht als der Fortbestand des korrekt gesetzten deutschen Kommas.

Kulturpessimismus? Ohne mich. Manche Kulturtechniken werden bedeutungslos, andere steigen dafür auf. Weiß ich alles. Hey, ich sitze nicht auf dem hohen Ross. Auch ich mache Fehler. Vor allem der Konjunktiv gehört nicht zu meinen Spezialdisziplinen.

Ich erzählte, dass mein Großvater die Hauptschule besucht hat, wo er nicht zu den besten Schülern gehörte, und dass damals eine Hauptschule in der Lage gewesen ist, fast allen Leuten Rechtschreibung beizubringen. Dieses Kunststück gelingt heute nicht mal mehr den Gymnasien. Schreiben und Rechnen sind im Alltag immer noch hilfreich, oder irre ich mich da? Die Studenten sagten, dass sie sich schriftlich meistens im Internet bewegen und da komme oder käme es auf Kommas und Großschreibung nicht an. Ich meine, hallo, das Deutsche und das Englische sind auch verschieden, da klappt es auch, beides zu beherrschen, wieso geht es dann nicht mit Internetsprache und Schriftsprache? Die Studenten sagten, seit der Rechtschreibreform wisse eh keiner mehr irgendwas.

Ich habe mich dann an diese Schreibweisen erstaunlich schnell, gewöhnt. Man kann sich nicht über jeden fehler aufregen, dass sind zu viele, da würde man verrückt werden. Auch die Professoren sagen, man kann nichts mehr, tun nur ein Don Quijote würde heute noch verlangen, dass Germanisten auf dem Rechtschreibniveau eines Hauptschülers von 1912 sind. Im Mittelalter gab es schließlich auch keine verbindlichen Schreibweisen, die Normierung der deutschen Sprache kam doch erst im 19. Jahrhundert. Im Mittelalter schrieb man alles Wichtige auf Lateinisch. Die Bildungsreformer haben das Schulwesen so lange reformiert, so lange Ansprüche gesänkt und Leistungsdruck gemiltert, bis die Schule wieder im Mittelalter angekommen ist, nur halt sine latinum. Wenn es auf diesem Weg weitergeht, erreichen die Bildungsreformen, vielleicht wieder das alte Rom , es kann nur besser werden. Und wenn in der Schule keiner mehr die Chance hat, richtig Deutsch zu lernen, dann hat man ja auch das Ziel der Chancengleichheit verwirklicht, ohne Mühen und Kosten.

Was aber richtig lustig werden wird, hoffentlich erlebe ich das noch: Wenn die heute ausgebildeten Germanisten als Deutschlehrer und Germanistikprofessoren an den Start gehen, Hauptseminar »der aufstieg, der Piratenpartei Und die literatur«. Aber vielleicht sind ja die Unis bis dahin abgeschafft, mit der gleichen Begründung wie die Hauptschulen, der Abschluss bringt bei der Jobsuche irgendwie nichts.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

105 Kommentare Seite 1 von 17 Kommentieren

Fehlerey - audäntisch oder revisionihrt?

Wenn Martenstein auch so dächte, wie er flottweg schreibt, um Fehler auszubrüten, wie es ihn oder ihm spaßt - zeigt er doch nur, dass er sich verständlich machen kann, in seiner satirischen Dozentenabsicht:
Frage:
Wie viele Fehler hat er selbst gemacht? Weiß er es selber? Oder hat ihm die Textrevision der ZEIT auch bei der Fehlerei geholfen?

»Ich glaube das viele menschen gahr nicht Wissen wie schlimm es, um Die Germanistik, Steht und das bei uns Germaitn Vieles verbessert werden, könnte??«

Er, Schreiber Martenstein, könnte sich ja mal authentische Bewerbungsunterlagen zeigen lassen - und dann noch eine neue Glosse schreiben und sich verwundert zeigen, wie offiziös-offiziell-profimäßig-professionell [Fehlerhaftes anstreichen!] Schriftdeutsch funzt/funktioniert/seine Funktion erfüllt/funzen können tat oder tut oder tuten wird.
G e s p r o c h e n e s hat nie diese Funktion der Angeberei/des Blendens/des Betrugs/von Copy & Paste.
Nach welchen Kriterie/Insignien/Vorstellungssignaturen/Überzeugungseinheiten/Blendeinheiten vollzieht sich dort der kulturelle Fortschritt/Fortbestand/Vorabdruck/in den Kopierversuchen ..?

Deutsch dem Französischen überlegen - allüberall?

Ach, mein geliebtes Deutsch! Eines Tages - vielleicht - werde ich wie ein echter Germanist diese wunderschöne Sprache kennen! (Lieber Herr Martenstein, leider sind die Gottes Wege unergründlich, nicht wahr?).

Aber das Komma im Deutschen scheint mir gar nicht kompliziert - wenn man mit dem Französischen vergleicht.

Leider wird im Französischen das Komma von verschiedenen, sogar gebildeten Leuten phantasiereich verwendet. Die Nebensätze in einer normaler Satzstellung werden sowieso nicht mit dem Komma getrennt, aber in den anderen Fällen kann das manchmal zu den Missverständnissen führen. Zum Beispiel:

1) mit Komma: Les élèves, qui sont malades, ne viennent pas. Es handelt sich um alle Schüler: alle Schüler sind krank.

2) ohne Komma: Les élèves qui sont malades ne viennent pas. Es handelt sich nur um diejenigen der Schüler, die krank sind.

Wie wäre es auf Deutsch - um die Missverständnisse zu vermeiden?

1) Die Schüler, die krank sind, kommen nicht.
2) Die Schüler die krank sind kommen nicht.

Messer, Gabel...

Messer, Gabel, Schere, Licht, sind für kleine Kinder nicht -
Messer, Gabel, Schere, Licht, sind für kleine Kinder, nicht -
Herr Müller, der Direktor und ich ---
Herr Müller, der Direktor, und ich ---

mal zwei, mal drei

Wenn ich im Deutschen sagen will, dass nur die kranken Schüler...:

Nur alle diejenigen, die krank sind, sollen bleiben

Sonst:
Alle sollen sie bleiben, weil sie ja alle krank sind...

was soll's?

Es wird immer Menschen geben, die mit Sprache (mdl./schriftl.) besser umgehen können als andere --
Es wird immer Menschen geben, die daraus Vorteile ziehen...

Warum auch nicht?
[Empfehlen Sie jetzt bitte Satzschlusszeichen.]

Schavanismen

Die Frage nach der Authentizität ist bei humoristischen Kolumnen natürlich verfehlt. Da werden Fakten so zurechtgebogen, bis sie richtig komisch aussehen. Aber das angebliche Beispiel aus einer germanistischen Seminararbeit ("Ich glaube das viele menschen...") ist so unverständlich und unglaubwürdig, daß es ziemlich schlecht erfunden wäre. Doch sollte er authentisch sein, wäre er nicht lustig. Gar nicht. Schließlich wurde der Satz nicht einmal so geschrieben, wie man spricht. Das wäre noch nachvollziehbar und gerade im Internet irgendwie O.K.-ig.

Und wie - zum Teufel! - kommt man von "Germanisten" auf "Germaitn"? Oder waren das gar nicht die Gemeinten? Das ist alles sehr beunruhigend.

Es ist zu einfach, nur "das Internet" für die Sprachverwirrung verantwortlich zu machen. Den Euro verdanken wir H. Kohl, die Ersetzung von Glühbirnen durch Quecksilberlampen S. Gabriel. Annette Schavan, seit 2005 Bundesbildungsministerin, hat ab 1996 die "Rechtschreibungsreform" gegen den Willen fast aller Deutscher an vorderster Front mit durchgeboxt, die offensichtlich von vielen als staatlich verordnete Anarchie begriffen worden ist. Sie hat es sich redlich verdient, zukünftig mit diesen - hoffentlich vorübergehenden - Erscheinungen verbunden zu werden, mit diesen Schavanismen.