Martenstein"Der sibirische Tiger ist weniger bedroht als das Komma"

Harald Martenstein über die Schreibschwäche seiner Studenten

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Zum ersten Mal seit meinem Examen habe ich wieder ein Seminar an der Universität besucht. Ich war jetzt der Dozent. Es handelte sich um Germanisten. Germanisten sind sympathische, intelligente, freundliche Menschen. Viele von ihnen können allerdings nicht fehlerfrei Deutsch. Ich finde das nicht schlimm, nur überraschend. Andererseits, es gibt einen relativ berühmten Fotografen, der blind ist, es gibt ängstliche Boxer und ewige Jungs, die achtzig sind. Da mag auch ein Germanist, der nicht Deutsch kann, seinen Platz im Gebäude der Schöpfung finden.

Ein typischer Germanistensatz in einer Seminararbeit des Jahres 2012 lautet: »Ich glaube das viele menschen gahr nicht Wissen wie schlimm es, um Die Germanistik, Steht und das bei uns Germaitn Vieles verbessert werden, könnte??« Am Schlimmsten steht es um die Kommas, um Satzzeichen sowie Groß- und Kleinschreibung. Der Fortbestand der freilebenden sibirischen Tiger ist weniger bedroht als der Fortbestand des korrekt gesetzten deutschen Kommas.

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Kulturpessimismus? Ohne mich. Manche Kulturtechniken werden bedeutungslos, andere steigen dafür auf. Weiß ich alles. Hey, ich sitze nicht auf dem hohen Ross. Auch ich mache Fehler. Vor allem der Konjunktiv gehört nicht zu meinen Spezialdisziplinen.

Ich erzählte, dass mein Großvater die Hauptschule besucht hat, wo er nicht zu den besten Schülern gehörte, und dass damals eine Hauptschule in der Lage gewesen ist, fast allen Leuten Rechtschreibung beizubringen. Dieses Kunststück gelingt heute nicht mal mehr den Gymnasien. Schreiben und Rechnen sind im Alltag immer noch hilfreich, oder irre ich mich da? Die Studenten sagten, dass sie sich schriftlich meistens im Internet bewegen und da komme oder käme es auf Kommas und Großschreibung nicht an. Ich meine, hallo, das Deutsche und das Englische sind auch verschieden, da klappt es auch, beides zu beherrschen, wieso geht es dann nicht mit Internetsprache und Schriftsprache? Die Studenten sagten, seit der Rechtschreibreform wisse eh keiner mehr irgendwas.

Ich habe mich dann an diese Schreibweisen erstaunlich schnell, gewöhnt. Man kann sich nicht über jeden fehler aufregen, dass sind zu viele, da würde man verrückt werden. Auch die Professoren sagen, man kann nichts mehr, tun nur ein Don Quijote würde heute noch verlangen, dass Germanisten auf dem Rechtschreibniveau eines Hauptschülers von 1912 sind. Im Mittelalter gab es schließlich auch keine verbindlichen Schreibweisen, die Normierung der deutschen Sprache kam doch erst im 19. Jahrhundert. Im Mittelalter schrieb man alles Wichtige auf Lateinisch. Die Bildungsreformer haben das Schulwesen so lange reformiert, so lange Ansprüche gesänkt und Leistungsdruck gemiltert, bis die Schule wieder im Mittelalter angekommen ist, nur halt sine latinum. Wenn es auf diesem Weg weitergeht, erreichen die Bildungsreformen, vielleicht wieder das alte Rom, es kann nur besser werden. Und wenn in der Schule keiner mehr die Chance hat, richtig Deutsch zu lernen, dann hat man ja auch das Ziel der Chancengleichheit verwirklicht, ohne Mühen und Kosten.

Was aber richtig lustig werden wird, hoffentlich erlebe ich das noch: Wenn die heute ausgebildeten Germanisten als Deutschlehrer und Germanistikprofessoren an den Start gehen, Hauptseminar »der aufstieg, der Piratenpartei Und die literatur«. Aber vielleicht sind ja die Unis bis dahin abgeschafft, mit der gleichen Begründung wie die Hauptschulen, der Abschluss bringt bei der Jobsuche irgendwie nichts.

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Leserkommentare
  1. Sie können auch hervorragend mit Texten umgehen. Wechseln Sie zur Theologie, Herr Martenstein.

  2. ...habe ich eine 8-seitige Hausarbeit meines Sohnes (8. Klasse Gymnasium) korrekurgelesen - und dabei gefühlte 5000 Kommas gesetzt und dem spürbar "interessiertem" Kind die Regeln dieser Aktionen eingetrichtert. Ob's was bringt, na ja...

    Natürlich hätte man alternativ die Arbeit auch ohne die fehlenden knapp einhundert Kommas abgeben können. Jedoch kümmern sich Fachlehrer nach meiner Erfahrung überhaupt nicht um die Rechtschreibung der Hausarbeiten und der Junge hätte dann nur die Erfahrung gemacht, dass fehlende Kommas doch niemanden stören. So gab's wenigstens ein Donnerwetter von Muttern.

    • grrzt
    • 02.06.2012 um 11:42 Uhr

    denn Deutscher beherrscht Orthografie und Grammatik etwa so wie Martenstein, - ok, vielleicht ein bisschen besser. Er spricht, wenn ich es recht verstehe vom Sprachwandel. Ob der Zerfall von Orthografie und Grammatik einen Sprachwandel signalisiert, ist eine offene Frage.

    • FE-92
    • 02.06.2012 um 15:58 Uhr

    1) erste Zeile, nach "Universität" kommt kein Komma;
    2) zweite Zeile, nach "das einzige" kommt ein Komma;
    3) dritte Zeile, nach Umstellung des Wortes "Pstoiin" fehlt ein "o" zur "Position";
    4) dritte Zeile, nach Umstellung des Wortes "shthen" müsste zum "stehen" ein "h" weniger und ein "e" mehr sein;
    5) sechste Zeile, nach Umstellung des Wortes "ghneen" ist zum "gehen" ein "e" zu viel;
    6) letze Zeile, nach Umstellung des Wortes "jrhlaeng" fehlt zum "jahrelang" ein "a".

    Anmerkung: Daüfr msutse ich den Txet nur eniaml lseen.

    :-)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • FE-92
    • 02.06.2012 um 16:00 Uhr

    dass ein "n" zu viel ist statt ein "e".

    • FE-92
    • 02.06.2012 um 16:00 Uhr

    dass ein "n" zu viel ist statt ein "e".

    • FE-92
    • 02.06.2012 um 16:00 Uhr

    dass ein "n" zu viel ist statt ein "e".

  3. sehe ich, dass es um die Rechtschreibung und Grammatik meiner Mitschüler sehr schlecht steht. Ich persönlich lege viel Wert auf gutes Deutsch (wenn auch mit sächsischem Akzent). Manche Fehler, die meine Mitschüler beim Sprechen oder Schreiben machen, kann ich nicht verstehen. Da greife ich mir an den Kopf. Ich muss dann immer die Lehrerin spielen, weil die richtigen Lehrer anscheinend keinen Wert darauf legen.

    • rerhel
    • 12.06.2012 um 1:07 Uhr

    Schüler und Studenten setzen durchaus Kommas oder besser Kommata (Sie haben diesbezüglich durchaus Recht, Kunohara, es lebe die griechische Sprache)und erhalten so die Gattung am Leben, sind also Sprachschützer und keine Wilderer, denen der sibirische Tiger neben Klimaerwärmung wohl am meisten zum Opfer fällt. Auch ein falsch gesetztes Komma ist und bleibt ein Komma. Gerade weil die Studenten wissen, dass der Dozent welche erwartet, werden sie gesetzt. Wer's lernen will, korrigiere korrekt Seminararbeiten. Wenn Sie zum zehnten Mal nachgeschlagen haben, dass erweiterte Infinitive mit um zu, anstatt zu, ohne zu etc. mit einem Komma abgetrennt werden, dann können Sie's.

  4. sind unwichtig. Sie sagen nichts darüber aus, wie jemand denkt und wie er handelt.

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