KonvertitenWo bist du, Andy?

Kenias Polizei sucht einen deutschen Islam-Konvertiten – wegen Terrorverdachts. Seine Familie in Deutschland zerbricht daran.

Al-Shabaab Milizen in Somalia. Die kenianische Polizei bringt Andy M. mit der Gruppe in Verbindung.

Al-Shabaab Milizen in Somalia. Die kenianische Polizei bringt Andy M. mit der Gruppe in Verbindung.

Am 12. Mai, dem Samstag der vorletzten Woche, erreicht Michaela M. eine Nachricht, die sie zusammenbrechen lässt. Die Nachricht kommt aus Kenia: Die dortige Polizei sucht den 40 Jahre alten deutschen Staatsbürger Andreas Ahmed M. Er werde verdächtigt, am 29. April an einem Anschlag in der Nähe von Nairobi beteiligt gewesen zu sein, bei dem zwei Menschen getötet wurden. Er sei außerdem verdächtig, Mitglied der mit Al-Kaida verbündeten Shabaab-Milizen in Somalia zu sein, und kenne womöglich weitere Anschlagspläne. Im Internet wird ein Fahndungsfoto veröffentlicht. Michaela M. kollabiert, als sie es sieht. Sie ist die Mutter von Andreas Ahmed M., den sie stets Andy nennt, "meinen Andy", niemals aber Ahmed, als seien das zwei verschiedene Menschen.

Der eigene Sohn – ein Terrorverdächtiger: Wie wird man damit fertig? Die Antwort im Haus der Familie M., in einer beschaulichen Kleinstadt im Rheinland, lautet: gar nicht. Man wird nicht damit fertig. Es mag sich am Ende herausstellen, dass Andreas M. niemals mit den Shabaab-Milizen zu tun hatte und auch nichts mit dem Anschlag; zwei Opfer gibt es trotzdem bereits: seine eigenen Eltern, die sprachlos nebeneinandersitzen und einander nicht helfen können. Michaela M. laufen die Tränen über die Wangen, aber ihr Ehemann Hans-Joachim tröstet sie nicht. Nimmt nicht ihre Hand. Findet keine unterstützenden Worte. Dabei wirkt er überhaupt nicht kalt, nur erschöpft: "Ich kann sie gar nicht trösten", sagt der ehemalige Berufsoffizier. "Wir gehen unterschiedlich damit um. Wir sind grundverschieden." Hans-Joachim M. sagt: "Es ist Andys Entscheidung. Ich versuche, rational zu sein und negative Gedanken von mir fernzuhalten, mein Leben zu leben. Das ist meine Art, mich zu schützen." Michaela M. kann das nicht verstehen: dass ihr Mann Tennis spielen geht. Abends einfach so einschläft. "Natürlich werfe ich Andreas vor, dass unsere Ehe leidet", sagt Hans-Joachim M. Die Eheleute reden kaum noch miteinander. "Ich vegetiere nur noch vor mich hin", sagt Michaela M. "Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte."

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Familie M. ist kein Einzelfall: Dutzende Islamisten aus Deutschland sind in den letzten Jahren ausgewandert, meistens ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet, manchmal zum Kämpfen, manchmal um sich zu Terroristen ausbilden zu lassen. Und manche vielleicht nur, um "gottgefällig" zu leben, so wie Andreas M. es stets für sich in Anspruch genommen hat. In all diesen Familien aber hat der Dschihadismus eine Schneise der Verwüstung durch die Wohnzimmer gezogen – ganz gleich, ob diese Wohnzimmer mit alten Möbeln aus der Provence eingerichtet sind wie bei Familie M. oder ob dort auf Flachbildschirmen türkisches oder arabisches Programm läuft wie bei anderen Betroffenen. Eines ist stets gleich: Die Eltern und Geschwister bleiben allein mit ihren Zweifeln und Ängsten.

Sie suchen Fehler bei sich, dem Ehepartner, den Eltern. Sie surfen wie besessen den letzten Nachrichten hinterher, die sie oft nicht verstehen oder einordnen können. Sie rufen täglich bei den Sicherheitsbehörden an, bei denen sie nie sicher sein können, ob sie den richtigen Ansprechpartner gefunden haben, ob man ihnen etwas vorenthält, ob etwas getan wird, um den Sohn oder die Tochter zurückzuholen. Monatelang geht das so, mitunter jahrelang. Und die Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern: Sind sie überhaupt noch die, die sie einmal waren? Was wäre, wenn sie morgen zurückkämen? Und was, wenn sie stürben?

Michaela M. führt Tagebuch. Ihr Journal für das Jahr 2012 ist ein schwarzer DIN-A5-Kalender, je eine Seite pro Tag. Seit dem 12. Mai, dem Tag der Schreckensnachricht, sind die Einträge kleiner geschrieben, länger geworden: Die Ereignisse überschlagen sich. Seit Monaten weiß sie, dass Andy in Afrika ist. Nun plötzlich diese Suche der kenianischen Polizei – was heißt das? Fieberhaft wühlt sie sich auf der Suche nach Hinweisen durchs Internet. Was ihr wichtig erscheint, notiert sie. Ein Deutscher soll in Kenia festgenommen worden sein, erfährt sie. Ist es Andy? Niemand kann es ihr sagen. Die ersten Zeitungen stellen Zusammenhänge her, und Michaela M. sitzt zwischen gelben und weißen Tulpen in ihrem Esszimmer und weiß nicht einmal, was sie sich wünschen soll: dass sie ihn gefasst haben? Dass sie ihn nicht gefasst haben? Wieder eine schlaflose Nacht, wieder schwere Beruhigungsmittel, dann ein neuer Tag, eine neue Meldung: Er war es doch nicht. Aber wo ist Andy? Und wo ist seine Tochter, ihre Enkelin? "Leer, leer, leer", steht in ihrem Tagebuch.

Es gibt da diese Vision, in die sie sich manchmal flüchtet, und in dieser Vision steigt sie in ein Flugzeug. Es bringt sie nach Somalia. Im Landeanflug zieht Michaela M., eine sehr gepflegte, stets dezent geschminkte Endfünfzigerin, sich eine Burka über. Niemand soll sie erkennen. Nach der Landung beginnt sie ihre Suche – nach Andy und seiner fünf Jahre alten Tochter, nach der sie sich genauso sehnt wie nach ihm. Sie weiß, dass es eine Verzweiflungstat wäre. Dass sie trotz Burka sofort auffiele, die beiden gar nicht finden würde in den somalischen Bürgerkriegswirren. "Aber ich will doch die Kleine noch einmal sehen!"

Hans-Joachim und Michaela M. sind sich sicher, dass Andy kein Terrorist ist. Sie stellen nicht in Abrede, dass er ein radikaler Islamist ist. Aber sie glauben seinen Beteuerungen, dass er nach einem wahrhaft islamischen Leben strebt für sich, seine aus Eritrea stammende Ehefrau und die Tochter. "Der Andy will leben!" Tatsächlich haben sich die Verdächtigungen der kenianischen Polizei bisher nicht erhärten lassen. Es gibt jede Menge Gerüchte, etliche Falschinformationen und überhaupt keine Belege. Die deutschen Behörden lassen durchblicken, dass sie ebenfalls nichts wissen. "Auch Unschuldige kommen ins Gefängnis", hat Andy seinen Eltern kurz nach seiner Auswanderung nach Afrika gemailt. Sie sollten auf keinen Fall mit den Behörden oder der Presse reden.

Leserkommentare
  1. der mehr in Einwanderer investiert und weniger dafür bekommt. Aber halt! Das gilt ja nicht für alle, es sind doch nur die Muslime, die sich nicht integrieren.

    Warum? Erklären Sie es mir.

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  2. Verboten? Der Filius verbieten seinen Eltern den Genuss von Rosé? Und die aktzeptieren das? Wundert sich da noch jemand? Ich nicht.

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  3. 51. Typisch

    Hier wird wieder alles durcheinander geworfen und gebracht.Muhamed-Karikaturen,Islamist,Salafist,Pro-NRW usw.

    Dieser Mensch hat sich zu etwas entschlossen und das ist zuerst SEINE Entscheidung.Die Frage ist hier: Hätte diese Entscheidung genau die gleiche Medienwelle ausgelöst,wenn er kein "Islamist" wäre,sondern einer,der sich der ETA oder FARC angeschlossen hätte?
    Entscheidungen,die aus Verbitterung/Abscheu und Rache hervorgehen haben niemals was gutes gebracht.
    Was weiß man denn genau?..Genau,NICHTS,ausser Mutmassungen.
    Die kenianische Polizei bringt also Andy mit Terrorgruppen in Verbindung und das wird hier in Deutschland als Quelle der Wahrheit akzepetiert?
    Ja,er ist zum Islam konvertiert und damit natürlich sofort ein Islamist oder Terrorist.
    Ich habe vollstes Mitgefühl mit der Familie des Mannes,aber was medial daraus gemacht wird ist wirklich niveaulos.

    Der Islam ist mal wieder an allem Schuld.Schon klar!

  4. wer von den hart arbeitenden Menschen dieses Landes dekadent ist? Meinen Sie den dekadenten Ruhestand mit 70 und halbierter Rente (die andere Hälfte steckt im ESM)?

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    Naja, versuchen Sie sich doch mal in einen Afghanen zu versetzen, den es aus irgendeinem Grund nach Deutschland verschlagen hat. Er geht durch die Hohe Straße in Köln und sieht: Die Schaufenster voll mit teurem Schnickschnack, den man eigentlich nicht braucht, dafür eine überalterte Bevölkerung und selten ein Kind.

    Vielleicht arbeitet er schwarz als Dienstbote in einer Villa in Hahnwald und kriegt mit, dass der Herr des Hauses schon vormittags Konjak trinkt und die Frau des Hauses etwa 50 Paar Schuhe hat, aber keine Kinder.

    Er merkt schnell, dass wir ein aussterbendes Volk sind - das bedeutet nämlich dekadent: niedergehend, verfallend. Und er glaubt, es hängt irgendwie mit unserem way of life und den entsprechenden Werten, der entsprechenden Moral zusammen.

    Naja, versuchen Sie sich doch mal in einen Afghanen zu versetzen, den es aus irgendeinem Grund nach Deutschland verschlagen hat. Er geht durch die Hohe Straße in Köln und sieht: Die Schaufenster voll mit teurem Schnickschnack, den man eigentlich nicht braucht, dafür eine überalterte Bevölkerung und selten ein Kind.

    Vielleicht arbeitet er schwarz als Dienstbote in einer Villa in Hahnwald und kriegt mit, dass der Herr des Hauses schon vormittags Konjak trinkt und die Frau des Hauses etwa 50 Paar Schuhe hat, aber keine Kinder.

    Er merkt schnell, dass wir ein aussterbendes Volk sind - das bedeutet nämlich dekadent: niedergehend, verfallend. Und er glaubt, es hängt irgendwie mit unserem way of life und den entsprechenden Werten, der entsprechenden Moral zusammen.

  5. Naja, versuchen Sie sich doch mal in einen Afghanen zu versetzen, den es aus irgendeinem Grund nach Deutschland verschlagen hat. Er geht durch die Hohe Straße in Köln und sieht: Die Schaufenster voll mit teurem Schnickschnack, den man eigentlich nicht braucht, dafür eine überalterte Bevölkerung und selten ein Kind.

    Vielleicht arbeitet er schwarz als Dienstbote in einer Villa in Hahnwald und kriegt mit, dass der Herr des Hauses schon vormittags Konjak trinkt und die Frau des Hauses etwa 50 Paar Schuhe hat, aber keine Kinder.

    Er merkt schnell, dass wir ein aussterbendes Volk sind - das bedeutet nämlich dekadent: niedergehend, verfallend. Und er glaubt, es hängt irgendwie mit unserem way of life und den entsprechenden Werten, der entsprechenden Moral zusammen.

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    von Leuten in Entwicklungsländern, Kinder in die Welt zu setzen, die man nicht ernähren kann. Oder sich in ein fremdes Land zu schmuggeln, um sich dort von fremden Leuten durchfüttern zu lassen.

    von Leuten in Entwicklungsländern, Kinder in die Welt zu setzen, die man nicht ernähren kann. Oder sich in ein fremdes Land zu schmuggeln, um sich dort von fremden Leuten durchfüttern zu lassen.

  6. Das sind ja feine Eltern... Gehen an die Öffentlichkeit
    um über die Verdächtigung des Sohnes als Terrorist auszupacken, ohne sicher zu sein, dass an dem Verdacht
    was dran ist. Mit dem Stigma könnte er sich ja ein prima
    Leben in Deutschland aufbauen!
    Die Eltern stellen sich hier als Opfer der Lebenseinstellung
    ihres Sohnes dar und der Autor gibt unkritisch ihre Version der Entzweiung wider: Vielleicht ist es nicht nur der Sohn, der den Vater nicht mehr gern Alkohol trinken sah, sondern auch die Eltern, die den Sohn nicht gerne mit Bart sahen?
    Im Übrigen gehört zum Terroristensein auch Gewaltbereitschaft und Skrupellosigkeit. Von solchen Anzeichen ist im Artikel nicht die Rede.
    Allein Alkohol abstoßend zu finden macht noch nicht zum Terroristen. Da ist Alkohol am Steuer gefährlicher.

    Übrigens: Interessant, dass das neueste Buch des Autors "Radikal" so schön zum Thema passt. Mit ein bisschen Recherche lassen sich bestimmt noch viele Themen aus der "Schneise der Dschihadisten" finden, denn damit kann man auch herrlich dekadent Geld verdienen...

  7. Natürlich sind die Eltern zu ehren. Die Mutter mehr als der Vater.

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    Wieso ist die Mutter "natürlich" mehr zu ehren als der Vater? Was bitte soll an diesen ganzen Diskussionen "natürlich" sein? Religion und soziales Miteinader sind Kultur in Reinform.

    Wieso ist die Mutter "natürlich" mehr zu ehren als der Vater? Was bitte soll an diesen ganzen Diskussionen "natürlich" sein? Religion und soziales Miteinader sind Kultur in Reinform.

  8. hat sohnemann sich vielleicht Gedanken um einen Angriffskrieg in Afg gemacht?

    ich würde mich genauso schämen, wenn meine Tochter bei die Bundeswehr gehen würde und anderen Länder überfiele!

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