Seit die Piratenpartei ein Landesparlament nach dem anderen erobert, werden Künstler von Angstträumen heimgesucht. Das liegt nicht nur an den Angriffen auf das Urheberrecht, sondern auch an Liquid Democracy, dem System innerparteilicher Meinungsbildung, das jeden Parteidelegierten ständig an die Basis zurückkoppeln soll. Nicht die Experten haben das Sagen, sondern die Mehrheitsstimmung schlägt internetvermittelt über den Funktionären zusammen. Es gibt keinen größeren Gegensatz zu einer solchen Vorherrschaft momentaner Empfindungen als die reflektierte Langsamkeit der Kunst. Doch ist nun in Hannover die erste Großausstellung zu sehen, die so funktioniert, als hätte sie ein Piratenkongress kuratiert.

Unter dem Titel Made in Germany versuchen das Sprengel Museum, die kestnergesellschaft und der Kunstverein Hannover zum zweiten Mal, den »Produktionsstandort Deutschland« zu vermessen, haben dabei aber weder eine übergeordnete These noch überraschende Entdeckungen anzubieten. Monatelang haben sich neun Kuratoren in ermüdenden Sitzungen gestritten, um aus Hunderten Vorschlägen 44 Positionen auszuwählen. Am Ende aber ist keiner dieser Künstler älter als 46, es leben 70 Prozent in Berlin, und kaum einer ist nicht schon im Galerie-Mainstream etabliert. Was macht die 35- bis 40-Jährigen, die diesen Deutschlandquerschnitt beherrschen, so wichtig? Wie ist die Konzentration einer einst dezentralen Szene auf eine einzige Kulturhauptstadt zu bewerten? Und wie verhält sich diese kleine Schicht erfolgreicher und mobiler Künstler zum Schmelztiegel Berlin? Wird der Standort bald austauschbar? Antworten sucht man in Hannover vergeblich.

Wie in jeder großen Gruppenausstellung gibt es auch hier genügend gute Werke zu sehen. Und warum soll sich eine Ausstellung nicht blitzlichtartig um einen Szenequerschnitt bemühen? Aber selbst wenn Made in Germany nur ein Schaufenster der Aktualität als Gegenprojekt zur politisierten Berlin Biennale sein wollte, blieben Themen wie »Vernetzungen«, »Raum schaffen« oder »Gestern im Heute« banale Schlagworte, die nicht einmal den Status quo zu ordnen vermögen – geschweige denn, dass etwas von den verborgenen Triebkräften dieses Istzustandes sichtbar würde. Die Fragen, wer diese Kunst produziert und finanziert, wie sich die künstlerisch Überlebenden vergangener Szenen und Epochen (etwa des DDR-Underground) zu ihr verhalten, wie viel Öffentlichkeit regionale Sonderwege heute erreichen, bleiben unbeantwortet.

Hätte man für jede Kuratorin, jeden Kurator des vielköpfigen Teams eine Ecke in den Ausstellungsräumen zur freien Verwendung abgesperrt, wäre vielleicht aus ihren individuellen Leidenschaften deutlich geworden, dass gerade ein globalisierter Kunstbetrieb in den Ausstellungshäusern einen subjektiven Widerpart braucht. Made in Germany aber geht am Ende als liquides Geplapper in die Ausstellungsgeschichte ein. Als hätten die Ausstellungsmacher keine eigene Geschichte, wird hübsch gehängte Kunst zur Illustration einer vorübergehenden Marktsituation. Würden die drei Ausstellungshäuser in die passende Software investieren, ließe sich eine so standpunktlose Ausstellungspraxis vielleicht automatisieren. Wäre vermutlich billiger.