"Made in Germany Zwei"Alles so wunderbar liquide hier

Hannover zeigt die erste piratenartige Kunstausstellung. von Gerrit Gohlke

Szene aus Mike Bouchets Video "Diet Cola Pool outtakes" von 2010

Szene aus Mike Bouchets Video "Diet Cola Pool outtakes" von 2010  |  © Mike Bouchet/Courtesy Parisa Kind, Frankfurt/Main

Seit die Piratenpartei ein Landesparlament nach dem anderen erobert, werden Künstler von Angstträumen heimgesucht. Das liegt nicht nur an den Angriffen auf das Urheberrecht, sondern auch an Liquid Democracy, dem System innerparteilicher Meinungsbildung, das jeden Parteidelegierten ständig an die Basis zurückkoppeln soll. Nicht die Experten haben das Sagen, sondern die Mehrheitsstimmung schlägt internetvermittelt über den Funktionären zusammen. Es gibt keinen größeren Gegensatz zu einer solchen Vorherrschaft momentaner Empfindungen als die reflektierte Langsamkeit der Kunst. Doch ist nun in Hannover die erste Großausstellung zu sehen, die so funktioniert, als hätte sie ein Piratenkongress kuratiert.

Unter dem Titel Made in Germany versuchen das Sprengel Museum, die kestnergesellschaft und der Kunstverein Hannover zum zweiten Mal, den »Produktionsstandort Deutschland« zu vermessen, haben dabei aber weder eine übergeordnete These noch überraschende Entdeckungen anzubieten. Monatelang haben sich neun Kuratoren in ermüdenden Sitzungen gestritten, um aus Hunderten Vorschlägen 44 Positionen auszuwählen. Am Ende aber ist keiner dieser Künstler älter als 46, es leben 70 Prozent in Berlin, und kaum einer ist nicht schon im Galerie-Mainstream etabliert. Was macht die 35- bis 40-Jährigen, die diesen Deutschlandquerschnitt beherrschen, so wichtig? Wie ist die Konzentration einer einst dezentralen Szene auf eine einzige Kulturhauptstadt zu bewerten? Und wie verhält sich diese kleine Schicht erfolgreicher und mobiler Künstler zum Schmelztiegel Berlin? Wird der Standort bald austauschbar? Antworten sucht man in Hannover vergeblich.

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Wie in jeder großen Gruppenausstellung gibt es auch hier genügend gute Werke zu sehen. Und warum soll sich eine Ausstellung nicht blitzlichtartig um einen Szenequerschnitt bemühen? Aber selbst wenn Made in Germany nur ein Schaufenster der Aktualität als Gegenprojekt zur politisierten Berlin Biennale sein wollte, blieben Themen wie »Vernetzungen«, »Raum schaffen« oder »Gestern im Heute« banale Schlagworte, die nicht einmal den Status quo zu ordnen vermögen – geschweige denn, dass etwas von den verborgenen Triebkräften dieses Istzustandes sichtbar würde. Die Fragen, wer diese Kunst produziert und finanziert, wie sich die künstlerisch Überlebenden vergangener Szenen und Epochen (etwa des DDR-Underground) zu ihr verhalten, wie viel Öffentlichkeit regionale Sonderwege heute erreichen, bleiben unbeantwortet.

Hätte man für jede Kuratorin, jeden Kurator des vielköpfigen Teams eine Ecke in den Ausstellungsräumen zur freien Verwendung abgesperrt, wäre vielleicht aus ihren individuellen Leidenschaften deutlich geworden, dass gerade ein globalisierter Kunstbetrieb in den Ausstellungshäusern einen subjektiven Widerpart braucht. Made in Germany aber geht am Ende als liquides Geplapper in die Ausstellungsgeschichte ein. Als hätten die Ausstellungsmacher keine eigene Geschichte, wird hübsch gehängte Kunst zur Illustration einer vorübergehenden Marktsituation. Würden die drei Ausstellungshäuser in die passende Software investieren, ließe sich eine so standpunktlose Ausstellungspraxis vielleicht automatisieren. Wäre vermutlich billiger.

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Leserkommentare
    • thbode
    • 29. Mai 2012 8:42 Uhr

    Die Kunst ist angeblich "langsam" und steht damit im "Gegensatz" zu den Piraten. Hm, muss Kunst langsam sein?
    Weiter: diese Ausstellung wurde "wie von Piraten" entwickelt, in "ermüdenden" Sitzungen", also wohl in einem recht langem Prozess?
    Nicht zu vergleichendes zu vergleichen, und dann auch noch so widersprüchlich, zeigt dass manche in der Journaille nun jede Gelegenheit nutzen, um irgendwie auf Teufel komm raus Zusammenhänge zu konstruieren um den Piraten einen Hieb zu verpassen.
    Und dann noch das Bild mit der liquiden, braunen Brause im Pool, das sich wahrscheinlich auch erschreckend ins Unterbewusste einbrennen soll: die Piratenflut kommt, oder so.
    Nun, gegen dieses destruktive Mantra kann man nur antworten indem man mit unendlicher Geduld erklärt, was man eigentlich als Journalist hätte vorab recherchieren sollen: Liquid Feedback bedeutet NICHT die Erzeugung von Stimmungswellen die ständig über Abgeordnete schwappen. Es handelt sich hier um einen ermüdenden Prozess über mehre Stufen von Einreichung, Diskussion und Verabschiedung von Vorschlägen. Die grundsätzlich nur Chancen haben wenn sie kompatibel mit dem Grundsatzprogramm sind. Steht alles im Netz, erfordert aber leider ein paar Stunden intellektuelle Arbeit. Sonst kommt eben nur Geplapper raus, ob "liquide" oder nicht. Was offensichtlich wird, ist dass die Piraten Existenzängste bei manchen Schreibern und Kreativen, bei Verwertern ohnehin geweckt haben, die sie nun zu spüren bekommen. Angst weckt Aggression.

  1. Jetzt ist er tatsächlich eingetreten, der schon lange erwartete Untergang des Abendlandes. "Nicht die Experten haben das Sagen, sondern die Mehrheitsstimmung schlägt internetvermittelt über den Funktionären zusammen."

    Ja, wenn wir die Experten nicht hätten. Wie sind wir ihnen zu Dank und Anerkennung verpflichtet! Für die größte und inhaltsleerste Kulturindustrie, die es jemals gab. Für einen Kunstmarkt, der nur noch ein Investitionsfeld für Reiche und Superreiche ist.

    • jbode
    • 29. Mai 2012 22:48 Uhr

    Irgendwie ein bisschen lauwarm ist sie, diese Ausstellung. Weder richtig gut noch richtig schlecht. Sie möchte zeigen, was in Deutschland vor sich geht, künstlerisch. Aber interessanterweise scheint sie auch in der Lage, eine qualitativ derart minderwertige Kunstkritik hochzuspülen dass den geneigten Leser nach der Lektüre vor allem die Frage umtreibt was dem armen Autor geschehen ist. Was hat er denn gegen den löblichen Versuch, tendenziell sperrige und verkopfte Gegenwartskunst einem größeren Publikum näher zu bringen? Nach dem Besuch der Ausstellung war ich keineswegs begeistert, hätte aber gern irgendeine Form der Seherfahrung geteilt. Nur ist der Text hier leider nicht im Ansatz in der Lage, das Gezeigte in irgendeiner Form zu - ja, sagen wir es - zu kritisieren. Ist es die Unzufriedenheit mit der eigenen Vermittlungsarbeit, die bar einer Öffentlichkeit in der brandenburgischen Mark versandet?

    [...] Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/kvk

  2. Dem Besucher aus Amsterdam, der fünf Stunden nach Hannover fährt, kommt diese Ausstellung wie ein Relikt aus einer anderen Zeit vor. Die Kuratorinnen und Kuratoren des vielköpfigen Teams glauben immer noch an Berlin als wichtigen Kulturproduktionsort Eine Illusion. Berlin hat in den vergangenen zwanzig Jahren keinen eigen Beitrag zur internationalen Kunstszene hervorgebracht. Den Betrachter erwartet in Hannover eine an den Galerie-Mainstream angepasste Vorstellung. Ähnliches wurde schon - wieder und wieder - in vielen Ausstellungen weltweit gezeigt. 'Made in Germany' passt nicht in eine international vernetzte Weltkulturlandschaft, die auch keine Kulturhauptstadt braucht.

  3. aus hannover kommt nichts gutes: schröder, wulff. von der leyen, hanebuth etc. und jetzt nun präsentiert die welthauptstadt des spießertum auch noch surreales biedermeier

  4. Es ist sehr bedauerlich festzustellen, das die fundierte und reflektierte Kritik scheinbar auch in der "Zeit" schon bessere Tage gesehen hat. Eine "Kritik" als Projektionsfläche für eigene Fragen zu verwenden und die Antworten darauf in der Ausstellung zu suchen ist wirklich verwunderlich. Dazu werden unangebrachte Vergleiche zur Piratenpartei konstruiert und das eigentliche Thema: Kunst wird in einem kurzen Satz abgetan - wo es eigentlich interessant zu werden schien. Entäuscht aus einer Ausstellung herauszukommen ist nicht bedenklich. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Thematik und den Hintergründen einer Ausstellung sieht allerdings anders aus. So gesehen wäre der Hinweis der Redaktion auf einen der Komentare: "Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen", auch ein guter Hinweis an der verantwortlichen Journalisten des Artikels. Schade.

  5. Das Problem liegt im Nicht-Verständnis von Kreativität und Freiheit. DARAN geht Stück für Stück die Menschheit und die Welt zu Grunde ...
    http://jetzt.sueddeutsche...
    Es sind Cartesianischen-Stress-Generatoren, die noch immer glauben ALLES sei SO wie SIE es SICH denken.

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