Katholische Kirche : Schweigen ist Macht

Der Vatikan entscheidet unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Piusbrüder. Gab es Streit zwischen dem Papst und der Glaubenskongregation?
Papst Benedikt XVI. © VINCENZO PINTO/AFP/GettyImages

Mit dem Hüter der Geheimnisse kann man nicht streiten. Denn der Türhüter beantwortet keine Fragen. Er konfrontiert die Fragesteller nur mit Beschlüssen. So kennen wir es aus Kafkas Parabel Vor dem Gesetz, die von der Macht des Schweigens handelt. Der Türhüter steht vor der Tür zu den Antworten, um den Normalsterblichen klarzumachen, wo ihr Platz ist: draußen vor der Macht.

In dieser demütigenden Lage, Fragen zu haben, aber keine Antworten zu bekommen, befindet sich derzeit wieder das katholische Kirchenvolk. Der Vatikan entscheidet über die Zukunft der rechten Piusbrüder, über das Verhältnis der katholischen Kirche zu den Erzkonservativen, also über Roms Position zwischen Tradition und Moderne. Es ist eine der heikelsten Entscheidungen der letzten Jahre. Sie betrifft alle Katholiken. Doch sie fällt hinter verschlossenen Türen und ohne öffentliche Diskussion.

Das Problem: Papst Benedikt wollte die reformfeindlichen Piusbrüder, die sich von Rom abgespalten hatten, schon lange zurück in seine Kirche holen, um ein für ihn unerträgliches Schisma zu beenden. Sie sollten eine sogenannte Personalprälatur erhalten, also eine personengebundene, nicht territoriale Diözese – wenn sie bestimmte Bedingungen erfüllten. Leider kennt niemand, abgesehen vom Papst, von ein paar vatikanischen Geheimniswahrern und den Piusbrüdern aber das Papier, in dem die Bedingungen stehen. Man weiß nur, dass die Piusbrüder mit einem eigenen Papier geantwortet haben, das nun seit April im Vatikan lag. Und weil einige Piusbrüder die Indiskretion begingen, Punkte aus beiden Briefen preiszugeben, haben die Katholiken draußen vor der Tür wild spekuliert.

Denn es geht hier nicht um theologische Nebenfragen, sondern ums Ganze. Wie steht die katholische Kirche zur freiheitlichen Gesellschaft? Kann sie trotz ihres Wahrheitsanspruchs auch die Freiheit des Einzelnen in Glaubensfragen respektieren? Bisher lehnten die Piusbrüder die Religionsfreiheit ab, zu der Rom sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil bekennt. Sie setzten ihre Wahrheit absolut und waren nicht bereit, die Toleranz, die der demokratische Staat ihnen entgegenbringt, anderen zuzugestehen. Haben sie sich nun eines Besseren besonnen? Und wenn nicht: Gewährt der Papst ihnen dennoch die Prälatur? Und was sagen seine Ratgeber von der Glaubenskongregation dazu?

Die Katholiken dürfen es nicht erfahren. Denn die Kongregation, jene mächtige Nachfolgebehörde der Inquisition, die auch heute über die Reinheit der katholischen Lehre wacht, ist per Eid zum Schweigen gegenüber der Öffentlichkeit verpflichtet. Trotzdem drang in den letzten Tagen die Nachricht nach draußen, dass die Kongregation im Gegensatz zum Papst die Piusbrüder lieber nicht ans Herz drücken wolle. Wenn das stimmt, wäre es ein Skandal ohnegleichen – aber nicht wegen des innerkirchlichen Zerwürfnisses. Sondern weil die Tragik von Benedikts Bemühungen um die Piusbrüder sichtbar würde: Um die formale Kirchenspaltung zu überwinden, hat er die innere Spaltung riskiert.

Sind der Papst und die Glaubenskongregation also uneins? Wir werden es wohl nie wirklich erfahren, weil am Ende der Papst allein entscheidet. Falls es Streit gab, wird er verschwiegen werden. Das ist das Geheimnis der Macht. Der Papst herrscht in Glaubensfragen immer noch absolutistisch, weil er rein kirchenrechtlich über allen Gesetzen steht und wie einst ein Monarch nur seinem Gott gegenüber Rechenschaft ablegen muss. Er herrscht aber auch prekär, wenn er mit seinem Schweigen die Gläubigen brüskiert. Denn er steht nicht über dem Glauben, sondern ist ihm zu dienen verpflichtet. Mit den Worten des katholischen Moraltheologen Eberhard Schockenhoff: »Geheimdiplomatie widerspricht dem Wesen des Glaubens, weil der Glaube ein öffentliches Zeugnis für die Wahrheit des Evangeliums erfordert.« Eines Tages werden die vatikanischen Geheimdiplomaten vielleicht erkennen, dass es der Kirche schadet, ihre Türen vor den Fragen der offenen Gesellschaft zu verschließen. Hoffentlich ist die dann noch interessiert an den Antworten, die hinter der Tür verborgen sind.

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Kommentare

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" Antworten, die hinter der Tür verborgen sind. "

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"Der am Mittwochabend verhaftete Vater dreier Kinder wird beschuldigt, seit Jahresbeginn brisante Dokumente, in denen es unter anderem um Vorwürfe der Korruption und des Missmanagements ging, an Medien weitergegeben zu haben. In Anlehnung an das Enthüllungsportal WikiLeaks ist von VatiLeaks die Rede.
Wie der Vatikan mitteilte, ist Gabriele mit Erhebung der Anklage nun formell Beschuldigter in einem Ermittlungsverfahren. Gabriele, der sich zwei Anwälte genommen habe, erwarte ein faires Verfahren gemäß dem Strafrecht des Kirchenstaates. Weil der Vatikan kein eigenes Gefängnis betreibt, wird der Butler des Papstes in einer von drei Arrestzellen des päpstlichen Polizeiwache festgehalten. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu 30 Jahre Haft, die er gemäß einer Vereinbarung zwischen Italien und dem Vatikan in einem italienischen Gefängnis verbüßen müsste."

Katholische Kirche wie ich sie mir eben vorstelle...

Religiöse Fundamentalisten passen nicht mehr in unsere Zeit

Tatsache ist offenbar, dass die Piusbrüder der innerlichen Einstellung von Ratzinger nahe stehen und dass er sie deshalb wohlwollend und mit offenen Armen aufnehmen möchte.

Tatsache ist, dass die Piusbrüder die Religionsfreiheit ablehnen.

Wenn Ratzinger diese Brüder wieder mit offenen Armen aufnimmt, stellt er sich damit in Deutschland gegen das Grundgesetz. Das ist ein offener Affront.

Die krude Lehre wird z. B. von folgenden Äußerungen verdeutlicht:

Schüler müssten sich mit den Lehren von Martin Luther, René Descartes, David Hume, Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Jean-Paul Sartre in der Weise beschäftigen, wie sich Medizinstudenten mit Krankheiten beschäftigen: mit dem Ziel, diese Krankheiten dann bekämpfen zu können ( Mitteilungsblatt der Priesterbruderschaft St. Pius X. Deutschland, Juli 2005, S. 24)

Der deutsche Distriktobere Franz Schmidberger lehnt die religiöse Neutralität des Staates ab und plädiert für eine „christliche Gesellschaftsordnung“, in der etwa die Todesstrafe gälte, „keine zivile Ehescheidung“ vorgesehen sei, eine „Unauflöslichkeit der Ehe“ als „einer ihrer Grundpfeiler“ bestehe, „den vorehelichen und außerehelichen Beziehungen“ der „Kampf“ angesagt werde und der „Vertrieb von empfängnisverhütenden Mitteln“ verboten werde.

Er fordert, dass die „Gewalt in Staat und Gesellschaft“ „nicht vom Volke“, nicht „von der Basis ausgeht, sondern von Gott". Nachweise und Infos:

http://de.wikipedia.org/w...

Bitte lesen Sie die Aussagen zu Luther und Ehescheidung genau!

Natürlich kann man gegen Luther sein, ich persönlich mag ihn auch nicht so, und wie er sich im Bauernkrieg verhalten hat, ist durchaus kritikwürdig.

Hier wird aber gesagt, dass man Luther studieren muss, wie ein Medizinstudent sich mit Krankheiten beschäftigt, um diese Krankheit dann bekämpfen zu können.

Natürlich bleibt es jeder Religion unbenommen, die Ehe für unauflöslich zu halten. Das ist aber hier nicht der entscheidende Kern der Aussage.

Die Piusbrüder wollen auch die zivile Ehescheidung verbieten. Das bedeutet, dass sie auch denjenigen, die nicht ihrer Lehre bzw. der Lehre der römischen Kirche anhängen, die Ehescheidung verbieten wollen.

Die Meinung anderer als Krankheit einzustufen und diese wie eine Krankheit zu bekämpfen dürfte wohl etwas zu weit gehen, selbst wenn der Kampf nur verbal gemeint ist.

Die zivile Ehescheidung zu verbieten, dürfte klar gegen das Grundgesetz verstoßen.

Umsetzung

"Die zivile Ehescheidung zu verbieten, dürfte klar gegen das Grundgesetz verstoßen."

Um das umzusetzten müssten die Pius-Brüder die PBPD gründen und die müsste 75% erhalten, um den entsprechenden Paragraphen im Grundgesetz ändern zu können, wenn das überhaupt geht. Schon das Gründen der PBPD würde wahrscheinlich scheitern, wenn das Parteiprogramm derartige Punkt enthielte.