ZEITmagazin: Frau Brett, Sie haben 15 Bücher geschrieben. Wollten Sie schon immer Schriftstellerin werden?

Lily Brett: Oh nein. Als Teenager wollte ich nur dünn sein. Damals, in Australien , verbrachte ich viel Zeit damit, abzunehmen. Meine Eltern hatten – abgesehen davon, mich zu verheiraten – zwei Pläne für mich: Ich sollte Anwältin werden und dünn sein. Für meine Mutter war Schlanksein das Wichtigste auf der Welt. Sogar der Nobelpreis hätte nichts genützt, wenn man dick war.

ZEITmagazin: Warum war Ihre Mutter darauf so fixiert?

Brett: Meine Eltern haben das Ghetto von Łódź und Auschwitz überlebt. Füllig sein bedeutete damals, auf Kosten anderer zu leben. Und nach dem Krieg war meine Mutter sehr darauf bedacht, nicht dem Vorurteil zu entsprechen, Juden seien klein und fett. Meine Mutter verlor in der Schoah alle, die sie liebte. Sie verlor auch ihre Jugend, ihre Sprache, ihre Ausbildung, ihre Kultur. Es gab nichts mehr, was sie noch hätte verlieren können – außer ihrer Schönheit. Sie war tatsächlich außergewöhnlich schön, und so war ihr dies dann auch besonders wichtig.

ZEITmagazin: Haben Sie sich diesem strikten Gebot unterworfen?

Brett: Nein, ich rebellierte, ich war schlampig und wollte keine Anwältin werden. Mit 18 Jahren, anstatt die Reifeprüfung abzulegen, schaute ich mir im Kino Psycho von Alfred Hitchcock an. Ich saß dort wie gebannt, total verängstigt und verschlang Schokolade.

ZEITmagazin: Waren Ihnen die Konsequenzen nicht bewusst, als Sie die Prüfung schwänzten?

Brett: Nicht so ganz. Irgendwie hatte ich erwartet, zu bestehen, ohne angetreten zu sein.

ZEITmagazin: Und was haben Sie Ihren Eltern gesagt?

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Brett: Dass ich nach Paris gehen würde, an die Sorbonne. Das haben sie geglaubt. Dort angekommen, musste ich feststellen, dass niemand mein Französisch verstand. Wie unhöflich! Da stand ich nun, achtzehnjährig, und beschloss, für ein halbes Jahr die Welt zu bereisen. Als ich nach Australien zurückkehrte, hatte ich keinen Plan, außer dem, meine Pfunde wieder loszuwerden. Aber meine Mutter meinte, dass ich einen Job brauchte. Ich war schockiert.

ZEITmagazin: Wie konnten Sie Journalistin werden, ohne jeglichen Abschluss?

Brett: Eine Freundin erzählte mir von einem ganz neuen australischen Magazin für Popmusik, Go-set. Dort habe ich mich vorgestellt. Die hatten nur eine einzige Frage an mich, nämlich, ob ich ein Auto hätte. Die Herausgeber waren Studenten und hatten kein Geld. Ich sagte Ja, und innerhalb von zehn Minuten hatte ich den Job.

ZEITmagazin: Wussten Sie, wie man interviewt und Artikel schreibt?

Brett: Nein. Ich musste die Sekretärin fragen, wie man Papier in die Schreibmaschine legt, und bat sie, es niemandem zu sagen. Mir war nicht einmal klar, dass ich noch etwas zu lernen hatte. Im Grunde bin ich froh, dass mir niemand beigebracht hat, wie ich schreiben soll. Hätte es jemand gemacht, würde ich wohl heute noch versuchen, diesem Schreibstil gerecht zu werden.

ZEITmagazin: Wen haben Sie alles interviewt?

Brett:Jimi Hendrix , Janis Joplin , Brian Jones , Jim Morrison , Mick Jagger und viele andere. Es war der Beginn des Celebrity-Journalismus, das war damals alles noch sehr naiv. Meistens wurden Fragen gestellt wie: "Was haben Sie heute zum Frühstück gegessen?", oder: "Welche Farben haben Ihre Socken?" Ich dachte nur: Wen interessiert das denn? Ich wollte vielmehr wissen, wie der Mensch wirklich ist. Meine Fragen hatten einen fast schon psychologischen Ansatz. Ich habe zum Beispiel jeden gefragt, wie er mit seiner Mutter klarkomme. Dieser Job hat mein ganzes Leben geändert und war definitiv die große Rettung für mich.

ZEITmagazin: Warum erwies sich Ihre Arbeit als die große Rettung?

Brett: Außer schlank zu werden, hatte ich bis dahin keinerlei Ambitionen. In meiner Familie gab es viele offene Fragen, über die nicht gesprochen wurde, und manche dieser Fragen waren wohl auch gar nicht zu beantworten. Für mich waren die Interviews, die ich als Journalistin führte, eine Möglichkeit, herauszufinden, wie die Menschen wirklich sind.

ZEITmagazin: Die tragische Vergangenheit Ihrer Eltern ist in Ihren Romanen und Gedichten allgegenwärtig. Dennoch haben Sie Ihren Sinn für Humor nicht verloren.

Brett: Ich kann immer wieder laut über mich selbst lachen. Mein Vater hat mit seinen 96 Jahren immer noch einen großen Sinn für Humor. Als ich ein Kind war, war die Welt für mich in Ordnung, wenn ich ihn zum Lachen brachte. Und wenn es mir auch noch bei meiner Mutter gelang, schwebte ich über allen Wolken.