Der kommende Montag, der 28. Mai, könnte ein schöner Tag für Stanislaw Tillich werden. Vielleicht wird er am Morgen kurz innehalten, vielleicht wird es ihn einen Moment lang mit Freude erfüllen, dann seit genau vier Jahren Sachsens Ministerpräsident zu sein. Vielleicht wird er denken: Es ist doch alles in Ordnung mit mir und meinem Land.

Seine schwarz-gelbe Regierung sitzt fest im Sattel. 43 Prozent der Sachsen würden Tillichs CDU aktuell ihre Stimme geben. Die Wirtschaftsdaten sind relativ gut. Das von Kurt Biedenkopf und Georg Milbradt entwickelte und an ihre Nachfolger vererbte Prinzip des vorsichtigen Haushaltens ist in der Schuldenkrise ein Vorbild für Europa . Kein Wunder, dass Sachsens Regierende stolz auf ihren Freistaat sind.

Es gibt aber einen Makel, der zusehends zum Kernproblem dieser Regierung wird. Der ihre Bilanz bedroht.

Wahrscheinlich wird der Premier sich auch an diesem 28. Mai wieder unverstanden fühlen von Medien und Journalisten, ungerecht behandelt; wahrscheinlich wird er sich über negative Kritiken ärgern. Tillichs Problem ist das Unvermögen, seine Politik zu kommunizieren. Ein Grund für seine Misere ist, dass er die Medien auf Distanz hält. Was aber wird aus einer Demokratie, wenn Politiker glauben, nicht mehr sagen zu können, was sie wirklich denken? Gerade erst war zu sehen, welche Wirkung einer entfalten kann, der Klartext redet: Als Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer ( CSU ) ein Fernsehinterview gab, in dem er Probleme überaus offenherzig thematisierte (»Das können Sie alles senden!«). Gerne benennt Stanislaw Tillich Bayern als großes Vorbild. Das Beispiel zeigt, wie weit man vom Vorbild noch entfernt ist.

2009 zog Stanislaw Tillich als erster einheimischer Landesfürst nach den CDU-Westimporten Biedenkopf und Milbradt mit dem einfachsten aller Programme in den Wahlkampf: Der Sachse. Drei Jahre später lautet die vorläufige Regierungsbilanz: »Wir Sachsen packen an. Wir wollen erfolgreich sein. Und die Sachsen haben Erfolg.« – Es ist ein typischer Tillich-Satz, sagt Werner Patzelt , Politologe an der TU Dresden, »die einzigen Zielvorgaben lauten: ›Sachsen muss vorne bleiben‹ und ›Sachsen muss sparen‹.« Aber hat der Ministerpräsident den Sachsen nicht mehr zu sagen? Eine Frage für Regierungssprecher Johann-Adolf Cohausz, die Stimme des Regenten; den Regenten schnell selbst zu fragen ist leider undenkbar. Doch bevor der Sprecher sich zu seinem Chef äußern will, schickt er eine lange Liste mit vorab zu klärenden Fragen. Wer in Sachsen eine Frage an die Macht hat, muss sich also von der Macht fragen lassen, wie er dazu kommt, so viele Fragen zu stellen.

Dabei ist es offensichtlich: Stanislaw Tillich steht für eine zumindest ungewöhnliche Kommunikationsstrategie. Bei heiklen Themen wie NSU-Terror oder Lehrermangel dauert es Wochen, bis er sich in den Medien zu Wort meldet. Redet er direkt mit seinen Sachsen, hält er sich bei Auftritten kaum mit Argumenten oder Details auf. Ihm geht es um etwas anderes: das Sachsen-Herz. Darauf zielt Tillich. Er wirkt sympathisch und bescheiden. Kritische Fragen reicht er schon mal an seine Minister weiter – mit dem Hinweis, dass die Presse sie bitte »den Handelnden« stellen solle. Doch wenn der Ministerpräsident kein Handelnder ist, was ist er dann?

»Die frohe Botschaft soll nicht durch lästige Fragen verwässert werden«

Um einen Mächtigen zu verstehen, sagt Michael Spreng , Politikerberater und Ex-Chefredakteur der Bild am Sonntag, müsse man sich den ansehen, der ihm die Macht verliehen hat. Der Wähler von heute, so Spreng, »ist ein in sich zerrissenes Wesen. Einerseits will er einen Regenten, der so zurückhaltend und bürgerlich ist, wie man selbst zu sein glaubt. Andererseits möchte er zu einem Helden aufschauen können, an den er im Krisenfall die ganze Verantwortung delegiert.« So wählt sich der Wähler in einer Gesellschaft, die sich von Politik zunehmend belästigt fühlt, seinen »König von nebenan«. Ihm vertraut er, gerade weil er nicht so genau weiß, was der eigentlich treibt. In Sachsen ist dieser König der Sachse. Und der kann, wie er auf seiner Internetseite schreibt, nichts »mit politischer Alltagsrhetorik« anfangen. Mit einer »klaren Sprache« will Tillich eine Brücke schlagen von der Macht zum Volk. Denn das sehnt sich in einer Zeit, da Piraten die Parlamente entern, nach nichts mehr, als dass sich Politik anders anhört und anfühlt als bisher – das reicht dem Volk schon.