Saudi-Arabien ist ein Land, von dem keine Bilder im Kopf entstehen. Nicht nur lebt die Hälfte seiner Bevölkerung hinter einem Schleier, es ist, als hätte sich das ganze Land dahinter zurückgezogen. Die wenigen im Westen bekannten Tatsachen erscheinen bedrückend: Es ist die Heimat Osama bin Ladens und des Wahhabismus, einer besonders strikten Auslegung des Islams. Frauen müssen sich verhüllen, dürfen ohne Erlaubnis nicht reisen, arbeiten oder heiraten. Es gibt öffentliche Hinrichtungen, keine Konzerte, keinen Alkohol, keine Touristen, aber viel Öl. Saudi-Arabien wirkt in der globalen Welt wie ein blinder Fleck, man spürt es schon vor der Reise dorthin, besonders als Frau.

Auf YouTube sitzen stark geschminkte Frauen vor Einbauküchen und zeigen, wie man sich den schwarzen Ganzkörperumhang, die Abaja, überstreift und das Kopftuch korrekt bindet. Im Netz wird gewarnt, dass man als Frau ohne männlichen Begleiter nicht einreisen darf. Bereits im Himmel über dem Königreich, im Flugzeug, beginnt das Umkleiden. Die Abaja ist schwer, lang und wärmt wie ein Pizzaofen. Bei der Ankunft in Riad grinst der Grenzer und winkt durch. Glück der Ausländerin.

Als Haifaa al-Mansur das letzte Mal Saudi-Arabien verlassen wollte, musste sie am Flughafen ausharren, bis ihr Mann eine schriftliche Genehmigung faxte und sie auslöste. Al-Mansur hatte sie vergessen. Es war wie ein Signal: Es würde nicht einfach werden. Al-Mansur ist 39 und lebt im Ausland. Nun ist sie als Regisseurin in ihre Heimat zurückgekehrt, um gemeinsam mit einem deutsch-saudischen Team den ersten Kinofilm des Königreichs zu drehen. Eines Königreichs, in dem Kinos verboten sind.

Ein paar Monate später durchquert Al-Mansur die Eingangshalle des Intercontinental in Riad. Sie geht vorüber an völlig verschleierten Frauen, die kniend beten, vorüber an Frauen in Leopardenmuster-Minikleidern und High Heels. Das Licht ist schummrig, Stände mit Parfüm und Kleidern stehen in der Lobby: Verkaufsmesse in Saudi-Arabien. Nur für Frauen. Männer haben keinen Zutritt. Al-Mansur lächelt, ihr Kopftuch rutscht herunter, legt ihr braunes Haar frei. An diesem Ort ist es egal. Solange kein Mann seine Nähe ankündigt, ist unter Frauen alles möglich. Es ist, als hätten sich in dieser Lobby die Widersprüche des Landes konzentriert: religiöse Hingabe und Sehnsucht nach Freiheit.

Al-Mansur trifft auf der Messe die Mutter ihrer elfjährigen Hauptdarstellerin. Hanan Safaa ist 29, ihre Fingernägel schimmern türkis, ihre Augenlider violett. Die wenigen sichtbaren Körperstellen von Frauen werden in Saudi-Arabien mit größter Hingabe gestaltet. Zur Begrüßung sagt Safaa, sie bete jeden Tag dafür, dass ihre Tochter später keine Schauspielerin werde, dass sie diese Leidenschaft aus »ihrem System« kriege. Schauspielerei sei »haram«, verboten, gegen die Religion. Die Regisseurin schweigt. Safaa ist stolz auf ihre Tochter und beunruhigt zugleich. Es ist einer der Augenblicke, in denen man ahnt, wie viel Mühe es kostet, in diesem Land einen Film zu drehen.

Safaas Tochter spielt darin die kleine Wadjda, die sich entgegen den Konventionen ein Fahrrad wünscht und deshalb bei einem Koranrezitationswettbewerb mitmacht. Als sie ihn am Ende gewinnt, verweigert ihr die konservative Schuldirektorin das Preisgeld. Zugleich geht es um Wadjdas Eltern: Der Vater trennt sich von der Mutter und heiratet eine zweite Frau. Haifaa al-Mansur erzählt keine regimefeindliche Sensation, sie beschreibt Probleme des saudischen Familienalltags.

Nach dem Casting ihrer Tochter hatte Hanan Safaa zuerst ihre Brüder um Zustimmung gebeten, dann hatte sie ein Gebet aufgesagt, bei dem man die Entscheidung in Gottes Hand legt. Es ging gut aus. Safaa lächelt, Al-Mansurs Mundwinkel neben ihr sinken. Die Hälfte ihrer Darsteller hatte zuvor ihre Mitwirkung abgesagt – wegen dieses Gebets. Safaa ist geschieden, ihr Mann hat eine zweite Frau in Polen. Sie erzählt, dass sie als Kind auch davon geträumt habe, als Sängerin aufzutreten. Sie habe diese Sehnsucht dann aus »ihrem System« getrieben.

Safaas Demut provoziert Al-Mansur, aber sie bleibt still, will die Mutter ihrer Hauptdarstellerin nicht verstören. Sie lebt den Gegenentwurf, ist mit einem Amerikaner verheiratet, hat die vergangenen Jahre in den USA verbracht und wohnt nun in Bahrain. In Riad ist sie wieder die Frau, die nicht ohne Erlaubnis ihres Mannes reisen darf. Die Frau, die eigentlich gar keinen Film drehen darf, weil sie dabei am Set mit Männern zusammenarbeiten muss. Wie in fast allen verschlossenen Gesellschaften gibt es aber immer einen Weg, Regeln zu umgehen, Unmögliches möglich zu machen. Auch bei diesem Film.

Vor zwei Jahren schickte Haifaa al-Mansur einen Brief an Gerhard Meixner und Roman Paul von Razor Film in Berlin. Sie sind für Filme wie Paradise Now und Waltz with Bashir bekannt, die beide für einen Oscar nominiert waren. Sie gelten als Produzenten, die auch komplizierte Stoffe umsetzen können. »Zu Beginn waren wir sehr skeptisch«, sagt Meixner. Kann man einen Film in einem Land machen, in dem Kinos verboten sind, in dem es so gut wie keine Schauspieler gibt? Am Ende waren es die Hindernisse, die sie reizten. »Durch diese Geschichte kann man einen Blick in das Land werfen«, sagt Meixner. Dass es mühsam werden würde, war offenkundig: eine Debütregisseurin, keine ansässige Filmindustrie, wenig Geld und die mutawa, die unberechenbare allgegenwärtige Religionspolizei.