Gleich unsere erste Krise zeigt uns, dass man mit Hass und Trotz doch weiterkommt im Leben. Da sind meine beiden Mitwanderer und ich seit zwei Stunden unterwegs. Die Sonne brennt, die Straße windet sich schier endlos hügelan, die Rucksäcke drücken. Stiefel schlurfen, Schultern sacken immer weiter nach unten, ich rieche schlechte Laune. Er schlägt mit seinem Stock gegen Bäume und Zäune, sie stellt zum ersten Mal die böse Stiefmutter aller Wanderferienfragen und kommt vom Schleichen zum Stehen: »Wie weit ist es noch?« Ich rechne: Zwei Stunden bei diesem Tempo machen noch keine acht Kilometer. Damit fehlen noch 15 Kilometer zum Tagesziel und über hundert nach Santiago de Compostela. Das denke ich still. Und mir wird ein wenig mulmig bei diesen Zahlen.

Ich bin nicht gläubig, aber neugierig; und meine Kinder waren noch nie richtig wandern. Also beschloss ich, mit Emma, 12, und Matti, 15, in fünf Tagesetappen die letzten 112 Kilometer des Jakobsweges zu gehen. Von dieser Familienpilgerei versprach ich mir haufenweise spirituelle Erlebnisse – und dass die beiden Kurzen etwas von der christlichen Kultur mitbekommen.

Meine offiziellen Argumente waren andere: Beim Pilgern, schwärmte ich vor der Reise, bekämen wir viel frische Luft. Hätten ein Gemeinschaftserlebnis, auf das wir noch in vielen Jahren zufrieden zurückschauen würden. Und der Knüller zum Schluss: Sollten wir Santiago wirklich zu Fuß erreichen, wären auch noch alle unsere Sünden getilgt. Mit richtiger Urkunde, der Compostela.

Nun aber stehen wir hier und kriseln, und ich denke nichts Spirituelles, ich überlege: Wie kriege ich meine Leute wieder in die Gänge? Und: Warum haben wir keinen Badeurlaub gemacht? Mein Blick geht in die galicische Berglandschaft. Mattis Blick geht zum Baum gegenüber. An dem kann man ablesen, dass der Jakobsweg nicht nur ein Weg der Erlösung, sondern auch der Versuchung ist, aber vielleicht gehört das eh zusammen: Alle paar Hundert Meter haben Taxifahrer aus den umliegenden Dörfern ihre Telefonnummern an Bäume geklebt, damit sich die Fußmüden und Willensschwachen einsammeln lassen können. Matti sieht erst seine Schwester an, dann mich: »Wir würden uns auch dran beteiligen.«

»Na, schlapp gemacht, die Kleinen?«, fragt ein Landsmann

Andere Wanderer ziehen vorbei, und wirklich jeder sagt »buon camino«. Die meinen das alle ganz freundlich, aber wir sind gerade nicht in der Stimmung für Heiterkeit und aufmunternde Worte. »Scheißanstrengender camino«, murmelt Matti. Ich fühle meine Etappenziele zerbröseln. Und gerade da kommt er, ein Landsmann mit Begleiterin. Hat gehört, dass wir Deutsch sprechen und bleibt kurz stehen. »Na, schlapp gemacht, die Kleinen?« Nee, wir genießen nur kurz dieses sagenhafte Panorama und hören zu, wie der Wind in den Blättern der Eukalyptusbäume raschelt. Dass die hier wachsen, damit rechnet man ja gar nicht. »Die Reise nicht richtig geplant, was? Sonst wären die Kinder vernünftig trainiert. So kommen Sie mit denen nie bis Santiago. Schaffen die gar nicht.« Er lacht herzhaft, marschiert weiter, und ich merke, dass sein pädagogischer Ansatz viel besser funktioniert als meine Wanderfibel-Weisheiten. »Idiot«, sagt Matti mit Zornesfalten auf der Stirn, und: »Jetzt müssen wir ankommen, damit der nicht recht hat!« Emma gibt ihm High Five, sie stapfen los und reden darüber, welche Leute sie schon mal so doof gefunden hätten wie den Kerl eben und was doofen Leuten wegen ihres schlechten Karmas alles passieren könne. Klingen richtig fröhlich dabei.

Endlich haben wir es wieder hübsch auf unserem Weg. Wenig später stoppt vor uns eine Gruppe junger spanischer Wanderer. Sie tragen wie wir die klassischen Pilger-Erkennungszeichen, am Rucksack die Jakobsmuschel, dazu Holzwanderstöcke mit Eisenspitzen. Die Stöcke halten sie nun unbeholfen vor sich, als wollten sie angreifende Maurenscharen abwehren, wüssten aber selbst, wie es um ihre Chancen wirklich bestellt ist. Vor ihnen auf dem Weg stehen ein paar Kühe. Matti und Emma gehen quer durch die Herde. »Warum sind die Menschen nicht weitergegangen? Darf man Kühe hier nicht stören, wie in Indien?«, fragt Emma ihren Bruder. »Nee«, sagt der, »die hatten Schiss.«