PilgerreiseDieser Weg wird kein leichter sein

Mit zwei Halbwüchsigen nach Santiago de Compostela! 25 Kilometer pilgern am Tag. Wenn alles, was wehtut, vergessen ist, gibt es kaum etwas Gemütlicheres – findet Bjørn Erik Sass von Bjørn Erik Sass

Gleich unsere erste Krise zeigt uns, dass man mit Hass und Trotz doch weiterkommt im Leben. Da sind meine beiden Mitwanderer und ich seit zwei Stunden unterwegs. Die Sonne brennt, die Straße windet sich schier endlos hügelan, die Rucksäcke drücken. Stiefel schlurfen, Schultern sacken immer weiter nach unten, ich rieche schlechte Laune. Er schlägt mit seinem Stock gegen Bäume und Zäune, sie stellt zum ersten Mal die böse Stiefmutter aller Wanderferienfragen und kommt vom Schleichen zum Stehen: »Wie weit ist es noch?« Ich rechne: Zwei Stunden bei diesem Tempo machen noch keine acht Kilometer. Damit fehlen noch 15 Kilometer zum Tagesziel und über hundert nach Santiago de Compostela. Das denke ich still. Und mir wird ein wenig mulmig bei diesen Zahlen.

Ich bin nicht gläubig, aber neugierig; und meine Kinder waren noch nie richtig wandern. Also beschloss ich, mit Emma, 12, und Matti, 15, in fünf Tagesetappen die letzten 112 Kilometer des Jakobsweges zu gehen. Von dieser Familienpilgerei versprach ich mir haufenweise spirituelle Erlebnisse – und dass die beiden Kurzen etwas von der christlichen Kultur mitbekommen.

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Meine offiziellen Argumente waren andere: Beim Pilgern, schwärmte ich vor der Reise, bekämen wir viel frische Luft. Hätten ein Gemeinschaftserlebnis, auf das wir noch in vielen Jahren zufrieden zurückschauen würden. Und der Knüller zum Schluss: Sollten wir Santiago wirklich zu Fuß erreichen, wären auch noch alle unsere Sünden getilgt. Mit richtiger Urkunde, der Compostela.

Nun aber stehen wir hier und kriseln, und ich denke nichts Spirituelles, ich überlege: Wie kriege ich meine Leute wieder in die Gänge? Und: Warum haben wir keinen Badeurlaub gemacht? Mein Blick geht in die galicische Berglandschaft. Mattis Blick geht zum Baum gegenüber. An dem kann man ablesen, dass der Jakobsweg nicht nur ein Weg der Erlösung, sondern auch der Versuchung ist, aber vielleicht gehört das eh zusammen: Alle paar Hundert Meter haben Taxifahrer aus den umliegenden Dörfern ihre Telefonnummern an Bäume geklebt, damit sich die Fußmüden und Willensschwachen einsammeln lassen können. Matti sieht erst seine Schwester an, dann mich: »Wir würden uns auch dran beteiligen.«

»Na, schlapp gemacht, die Kleinen?«, fragt ein Landsmann

Andere Wanderer ziehen vorbei, und wirklich jeder sagt »buon camino«. Die meinen das alle ganz freundlich, aber wir sind gerade nicht in der Stimmung für Heiterkeit und aufmunternde Worte. »Scheißanstrengender camino«, murmelt Matti. Ich fühle meine Etappenziele zerbröseln. Und gerade da kommt er, ein Landsmann mit Begleiterin. Hat gehört, dass wir Deutsch sprechen und bleibt kurz stehen. »Na, schlapp gemacht, die Kleinen?« Nee, wir genießen nur kurz dieses sagenhafte Panorama und hören zu, wie der Wind in den Blättern der Eukalyptusbäume raschelt. Dass die hier wachsen, damit rechnet man ja gar nicht. »Die Reise nicht richtig geplant, was? Sonst wären die Kinder vernünftig trainiert. So kommen Sie mit denen nie bis Santiago. Schaffen die gar nicht.« Er lacht herzhaft, marschiert weiter, und ich merke, dass sein pädagogischer Ansatz viel besser funktioniert als meine Wanderfibel-Weisheiten. »Idiot«, sagt Matti mit Zornesfalten auf der Stirn, und: »Jetzt müssen wir ankommen, damit der nicht recht hat!« Emma gibt ihm High Five, sie stapfen los und reden darüber, welche Leute sie schon mal so doof gefunden hätten wie den Kerl eben und was doofen Leuten wegen ihres schlechten Karmas alles passieren könne. Klingen richtig fröhlich dabei.

Endlich haben wir es wieder hübsch auf unserem Weg. Wenig später stoppt vor uns eine Gruppe junger spanischer Wanderer. Sie tragen wie wir die klassischen Pilger-Erkennungszeichen, am Rucksack die Jakobsmuschel, dazu Holzwanderstöcke mit Eisenspitzen. Die Stöcke halten sie nun unbeholfen vor sich, als wollten sie angreifende Maurenscharen abwehren, wüssten aber selbst, wie es um ihre Chancen wirklich bestellt ist. Vor ihnen auf dem Weg stehen ein paar Kühe. Matti und Emma gehen quer durch die Herde. »Warum sind die Menschen nicht weitergegangen? Darf man Kühe hier nicht stören, wie in Indien?«, fragt Emma ihren Bruder. »Nee«, sagt der, »die hatten Schiss.«

Leserkommentare
    • 2049er
    • 03. Juni 2012 10:31 Uhr

    Was ist bloss geschehen, dass jeder zweite Deutsche seit einem guten Jahrzehnt davon traeumt, in einen Outdoorshop zu gehen, um danach diese total ueberlaufene Strecke abzulatschen ? Liegt das Alles wirklich an dem einen Buch von Kerkeling?

    zitat: "Ich bin nicht gläubig" ( ist ja heutzutage ein regelrechtes " muss " das zu betonen ). 
    weiteres zitat: "  Von dieser Familienpilgerei versprach ich mir haufenweise spirituelle Erlebnisse " 

    Aha?!?

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    mal zum Objekt des Kommerzes wird.

    Immerhin tun die Leute so etwas für ihre Gesundheit und es ist allemal besser als nach Mallorca zu fliegen und die Luft zu verpesten.

    • Elite7
    • 03. Juni 2012 18:43 Uhr

    Das können Sie mir getrost glauben, das ist nicht mehr gesund. Und keine 12 Jährige und kein 15 Jähriger macht das freiwillig mit.

  1. mal zum Objekt des Kommerzes wird.

    Eine Leserempfehlung
  2. Immerhin tun die Leute so etwas für ihre Gesundheit und es ist allemal besser als nach Mallorca zu fliegen und die Luft zu verpesten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Petka
    • 03. Juni 2012 14:22 Uhr

    Die wenigsten Leute werden wohl den Zug nach Santiago de Compostela nehmen, daher wird der rein ökologische Vergleich mit Mallorca kaum zu Gunsten des Pilgerwegs ausfallen. Ich nehme hier auch gern Mallorca in Schutz: bei einem Besuch vor einigen Jahren haben wir dort im Nordosten sehr schöne Rad- und Wanderrouten gefunden.

    Hintenan: der Artikel ist bis auf seine zwangsspirituelle Lücke sehr unterhaltsam.

  3. Dass die Pilgerautobahn so voll im Trend liegt, mag verwundern, wie so manch anderer Trend staunen lässt.

    Eine spannende Randnotiz dazu ist, dass der Jakobsweg schon von Anfang an als wirksame Marketingtrend der spanischen Kirche gegen die "ungläubigen" Mauren regelrecht entworfen und ins Leben gerufen wurde. Ein hübscher kleiner Feuilleton erzählt von dieser Trendgeschichte und passt gut ins Wandergepäck ....
    http://tinyurl.com/Auf-de...

  4. 5. Segeln

    Diese Betätigung verbraucht auch wenig Energie und man bekommt selten kranke Füße.

    • Petka
    • 03. Juni 2012 14:22 Uhr

    Die wenigsten Leute werden wohl den Zug nach Santiago de Compostela nehmen, daher wird der rein ökologische Vergleich mit Mallorca kaum zu Gunsten des Pilgerwegs ausfallen. Ich nehme hier auch gern Mallorca in Schutz: bei einem Besuch vor einigen Jahren haben wir dort im Nordosten sehr schöne Rad- und Wanderrouten gefunden.

    Hintenan: der Artikel ist bis auf seine zwangsspirituelle Lücke sehr unterhaltsam.

  5. Ich habe den Text auch sehr gern gelesen und Lust aufs Pilgern bekommen.

  6. gehen? ich verstehe diese angehaucht spirituelle rumlatscherei auf völlig übervölkerten wegen, mit ekelhaften herbergen überhaupt nicht. gläubig bin ich erstens nicht und naturnahe erlebnisse habe ich jedes wochenende, wenn ich will, beim wandern. egal ob in der nähe, oder etwas weiter weg. was mir gefällt ist das der verfasser mit seinen kindern wandert. ein einmaliges gruppendynamisches familienerlebnis.

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