PilgerreiseDieser Weg wird kein leichter sein
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Tote Punkte sind nur ein kurzer Moment des Schmerzes

Konsequent sind wir bei den Übernachtungen. Von der ersten Nacht an schlafen wir ausschließlich in Pilgerherbergen. In Castañeda nahmen wir eine private, da hatten wir ein ganzes Zimmer nur für uns. Mit Bettwäsche. Die Mühsal des Tages wuschen wir in einem kuscheligen, zitronenfrischen Badezimmer von uns ab. Später saßen wir in der kleinen Gaststätte der Herberge, umgeben von netten Leuten, es war warm, wir waren satt. Als Christen hätten wir sicher ein dankbares Gebet nach oben geschickt; wir nannten es nicht »beten«, aber machten und fühlten im Grunde doch dasselbe. Im Fernseher an der Wand lief erst eine spanische Soap-Opera, dann kamen die Nachrichten. Da gab es Schauspielerinnen, Nachrichtensprecherinnen, Wetterfeen, eine idealspanischer als die andere. Matti dachte lange nach und fragte: »Ist Galicien anders als der Rest von Spanien?« Ich sagte, wie viele Teile des Landes pflegte auch Galicien einen Stolz auf seine Eigenarten. Das meinte er nicht. »Wenn man die Frauen im Fernsehen anschaut, ahnt man, woher das mit Penélope Cruz kommt. Davon merkt man hier in Galicien aber leider nichts.«

Am Abend vor unserer Schlussetappe landen wir in Arca. Wie immer fragen wir bei der ersten Gelegenheit nach einem Bett. Bloß nicht so lange herumlaufen und was Hübscheres suchen, bis am Ende alles belegt ist. Die Herberge in Arca ist ein großer Bau, der von außen neu aussieht und von innen nicht. Hinter einem Resopaltisch sitzt die Leiterin dieser Gemeindeeinrichtung. Vor ihr liegt eine Liste, ihr Blick richtet sich inquisitionsstreng auf mich. »Haben Sie bitte noch drei Betten frei?« – »Reisepass und Pilgerausweis!« Die Bettwäsche, die wir hier bekommen, ist ein dünner Gazestoff, den man über die Plastikmatratze zieht. Ungefähr 40 Leute sind wir in dem verwinkelten Schlafsaal. Die Badezimmertüren stehen meist offen. Es riecht nicht so, wie wir es schön finden, und es ist auch nicht so ruhig, wie wir es gern mögen. Matti beantragt die Regierungsgewalt für den nächsten Morgen. Haben wir reihum, und er ist morgen tatsächlich dran. »Wir stehen um fünf auf«, sagt er, »dann sind wir zur Mittagsmesse in Santiago.« 18 Kilometer haben wir noch vor uns, seine Rechnung kann also wirklich aufgehen. Finde ich natürlich toll, dass Matti nun in diesen kernigen Wanderrhythmus gefunden hat. Später wird er zugeben, dass er nur wegwollte, weil er die Duschen eklig fand.

Jakobsweg: Anreise

Etliche Jakobswege führen nach Santiago de Compostela (www.xacobeo.es). Unser Autor war auf der klassischen Route unterwegs, dem Camino Francés. Eine Urkunde bekommt, wer mindestens die letzten 100 Kilometer zu Fuß zurücklegt. Unser Startpunkt war Sarria: Flug nach Madrid, dann im Bus (www.alsa.es/de) nach Sarria oder im Mietwagen nach Lugo und weiter per Taxi.

Rückreise von Santiago zum Flughafen ebenfalls per Mietwagen oder im Überlandbus

Ausrüstung

Der Pilgerbrief, mit dem man Stempel sammelt, ist bei der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft erhältlich (Tempelhofer Str. 21, 52068 Aachen, Tel. 0241/4790127, www.deutsche-jakobus-gesellschaft.de). Man bekommt ihn auch in manchen Herbergen

Unterkunft

Die öffentlichen Pilgerherbergen (http://camino.xacobeo.es/en/hostels-directory) sind vorab nicht reservierbar. In der Hochsaison können die Betten daher knapp werden – früh aufbrechen! Landhotels unter www.turgalicia.es.

Nette Unterkunft am Ziel: Hostal Mapoula, Rua Entremurallas, 10, 15702 Santiago de Compostela, Tel. 0034-981/580124, www.mapoula.com. Zimmer für drei Personen ab 60 Euro

Zum Lesen

Groß und schwer, aber informativ: Der Jakobsweg, ein praktischer Reiseführer für den Pilger von Jose Maria Anguita Jaen (Verlag Geo Center Ilh, 33,90 Euro)

Und dann sitzen wir tatsächlich pünktlich zur Mittagsmesse in der Kathedrale von Santiago. Die kann man gar nicht anders als umwerfend finden, aber nach den vielen Kilometern, nach Regen und Hitze, Schweiß und Tränen strahlt uns ihr Glanz noch ein bisschen heller an. Eine Nonne singt so hinreißend rein und beseelt, dass ich denke, die schönsten Seiten der Religion sind die, die man nicht nur glauben muss, sondern auch erfahren darf. Wir haben da draußen jedenfalls erfahren, dass tote Punkte spätestens im Nachhinein nur ein kurzer Moment des Schmerzes sind. Und selten waren wir uns im Alltag so dicht wie hier. 

Das spannendste spirituelle Erlebnis der Kinder? »Matti hat einen nackten Mann geküsst«, sagt Emma. In der Kathedrale steht eine Statue des heiligen Jakobus, den küssen alle Pilger zum Abschluss. Emma legt ihren Kopf auf meinen Schoß. »Katholisch ist langweilig«, sagt sie und schläft ein. Matti sagt, dass er in den Sommerferien wieder pilgern gehen will.

In der Menge ringsum entdecke ich den humpelnden Japaner, die dicken Frauen, Emmas Amerikaner. Auf der Bank vor uns sitzt tatsächlich unser Krisendeutscher. Er hat Stiefel und Socken ausgezogen; seine rechte Ferse sieht gar nicht gut aus. Zwei Blasenpflaster kleben schon halb übereinander, nun versucht er noch ein drittes unterzukriegen. Er beachtet uns nicht, aber ich weiß, dass Matti sich freut, dass er da ist.

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Leserkommentare
    • 2049er
    • 03. Juni 2012 10:31 Uhr

    Was ist bloss geschehen, dass jeder zweite Deutsche seit einem guten Jahrzehnt davon traeumt, in einen Outdoorshop zu gehen, um danach diese total ueberlaufene Strecke abzulatschen ? Liegt das Alles wirklich an dem einen Buch von Kerkeling?

    zitat: "Ich bin nicht gläubig" ( ist ja heutzutage ein regelrechtes " muss " das zu betonen ). 
    weiteres zitat: "  Von dieser Familienpilgerei versprach ich mir haufenweise spirituelle Erlebnisse " 

    Aha?!?

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    mal zum Objekt des Kommerzes wird.

    Immerhin tun die Leute so etwas für ihre Gesundheit und es ist allemal besser als nach Mallorca zu fliegen und die Luft zu verpesten.

    • Elite7
    • 03. Juni 2012 18:43 Uhr

    Das können Sie mir getrost glauben, das ist nicht mehr gesund. Und keine 12 Jährige und kein 15 Jähriger macht das freiwillig mit.

  1. mal zum Objekt des Kommerzes wird.

    Eine Leserempfehlung
  2. Immerhin tun die Leute so etwas für ihre Gesundheit und es ist allemal besser als nach Mallorca zu fliegen und die Luft zu verpesten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Petka
    • 03. Juni 2012 14:22 Uhr

    Die wenigsten Leute werden wohl den Zug nach Santiago de Compostela nehmen, daher wird der rein ökologische Vergleich mit Mallorca kaum zu Gunsten des Pilgerwegs ausfallen. Ich nehme hier auch gern Mallorca in Schutz: bei einem Besuch vor einigen Jahren haben wir dort im Nordosten sehr schöne Rad- und Wanderrouten gefunden.

    Hintenan: der Artikel ist bis auf seine zwangsspirituelle Lücke sehr unterhaltsam.

  3. Dass die Pilgerautobahn so voll im Trend liegt, mag verwundern, wie so manch anderer Trend staunen lässt.

    Eine spannende Randnotiz dazu ist, dass der Jakobsweg schon von Anfang an als wirksame Marketingtrend der spanischen Kirche gegen die "ungläubigen" Mauren regelrecht entworfen und ins Leben gerufen wurde. Ein hübscher kleiner Feuilleton erzählt von dieser Trendgeschichte und passt gut ins Wandergepäck ....
    http://tinyurl.com/Auf-de...

  4. 5. Segeln

    Diese Betätigung verbraucht auch wenig Energie und man bekommt selten kranke Füße.

    • Petka
    • 03. Juni 2012 14:22 Uhr

    Die wenigsten Leute werden wohl den Zug nach Santiago de Compostela nehmen, daher wird der rein ökologische Vergleich mit Mallorca kaum zu Gunsten des Pilgerwegs ausfallen. Ich nehme hier auch gern Mallorca in Schutz: bei einem Besuch vor einigen Jahren haben wir dort im Nordosten sehr schöne Rad- und Wanderrouten gefunden.

    Hintenan: der Artikel ist bis auf seine zwangsspirituelle Lücke sehr unterhaltsam.

  5. Ich habe den Text auch sehr gern gelesen und Lust aufs Pilgern bekommen.

  6. gehen? ich verstehe diese angehaucht spirituelle rumlatscherei auf völlig übervölkerten wegen, mit ekelhaften herbergen überhaupt nicht. gläubig bin ich erstens nicht und naturnahe erlebnisse habe ich jedes wochenende, wenn ich will, beim wandern. egal ob in der nähe, oder etwas weiter weg. was mir gefällt ist das der verfasser mit seinen kindern wandert. ein einmaliges gruppendynamisches familienerlebnis.

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