Es war nicht ganz klar, wer da wem die Ehre erwies bei diesem Festakt im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt: die Kanzlerin dem Sparkassenchef – oder umgekehrt. Jedenfalls war Angela Merkel voll des Lobes, als Georg Fahrenschon am Dienstag dieser Woche feierlich als neuer Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) eingeführt wurde. »Das offene Ohr für die Belange der Sparkassen darf ich Ihnen im Namen der gesamten Bundesregierung zusagen«, versprach Merkel in ihrer Rede.

Bei aller hektischen Krisendiplomatie in diesen Tagen war die Feier für die Kanzlerin ein Pflichttermin: Die Sparkassen sind in Deutschland eine Bastion. Ihr Verbund zählt rund 350.000 Mitarbeiter. Die Kundeneinlagen der Institute belaufen sich auf 783 Milliarden Euro, was mehr ist als bei der Deutschen Bank und der Commerzbank zusammen.

Insofern mag der Chef der Deutschen Bank den Zugang zu den großen Bühnen haben – der Chef des Sparkassenverbands aber ist oft vor ihm in den Hinterzimmern der Macht. Er ist »der mit Abstand mächtigste Lobbyist der Republik«, sagt ein Kenner. »Frau Merkel geht da nicht ohne Not hin.« Gegen die Sparkassen laufe in Deutschland nicht viel, wenn es um Finanz- und Verbrauchergesetze gehe.

Im Verband der öffentlichen Kreditinstitute geben seit je die politisch Konservativen den Ton an. Der ehemalige bayerische Finanzminister Georg Fahrenschon gehört der Union an, genau wie Heinrich Haasis , von dem er das Amt übernimmt. Insgesamt waren von den bisher sechs Sparkassenpräsidenten seit dem Zweiten Weltkrieg vier Mitglied in der CDU oder CSU – Haasis zählte sogar zum Andenpakt, jener einst mächtigen Vereinigung aufstrebender Unionspolitiker um Roland Koch und Günther Oettinger . Von den Chefs der zwölf Sparkassen-Regionalverbände gehört fast die Hälfte der Union an – so etwa die Präsidenten von Bayern , Baden-Württemberg und dem Rheinland.

Insofern gilt: Die Republik mag immer bunter werden, der Sparkassenverband bleibt tiefschwarz. Auch wenn das zunehmend auf Kritik stößt. »Es tut keiner großen öffentlichen Organisation gut, wenn sie als Erbhof einer Partei wahrgenommen wird«, sagt Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag.

Die Dominanz der Union ergibt sich aus den Strukturen der Organisation. Träger der heute 423 Sparkassen sind traditionell die Kommunen, also Städte, Kreise und Bezirke. Infolgedessen wachen Kommunalpolitiker als Verwaltungsratschefs über die Sparkasse, und in der Fläche, fern der Ballungszentren, ist Deutschland meist ein konservatives, oft von der CDU geführtes Gemeinwesen. Über Bürgermeister und Landräte wird zudem per Mehrheitswahlrecht entschieden, kleinere Parteien haben da wenig Chancen auf die lokalen Ämter.

So eine Machtverteilung an der Basis beeinflusst wiederum die Machtverhältnisse in den Regionalverbänden, in denen neben den Vorstandschefs der Institute vor allem die Verwaltungsratschefs sowie Vertreter der Träger, also der Städte und Gemeinden, das Sagen haben. Über die Regionalverbände hält das Sparkassen-Lager seine milliardenschweren Beteiligungen an Landesbanken, Bausparkassen und Versicherungen. Vor allem aber wählen die Präsidenten der Regionalverbände, gemeinsam mit anderen, den Chef des DSGV.

Es ist diese tiefe Verwurzelung in den Kommunen, die die Sparkassen für die Berliner Politik im Streitfall zu einem unbequemen Gegner macht. Quer durch die Republik kann der Sparkassenpräsident die Kommunen mobilisieren. Über Heinrich Haasis hieß es mehr im Ernst statt im Spaß, er könne jeden Bürgermeister, jeden Oberstadtdirektor, jeden Landrat von Flensburg bis zum Bodensee anrufen und für seine Sache gewinnen – vielfach habe er die Handynummer, sei mit den Lokalgrößen per Du.