Job mit Ausblick: Der Astronaut Garrett Reisman auf einem Weltraumspaziergang entlang der ISS im Mai 2010 © Nasa via Getty Images

Das »Traumhotel« ähnelt einer kompakten Dreizimmerwohnung, Bad und Schlafzimmer sind integriert. Ein Aufenthalt hier ist für gewöhnliche Sterbliche unerschwinglich – und das ist, nüchtern betrachtet, auch gut so. Denn seine sechs angeblich privilegierten Bewohner sind dort monatelang eingesperrt. Bei schlechter Luft und schlechtem Essen leben sie zwischen Bildschirmen, Laborgeräten und vielen Kabeln. Die Strahlenbelastung übertrifft die Vorgaben der Strahlenschutzverordnung bei Weitem und kann im Extremfall lebensbedrohlich werden. Zudem ist die Immunabwehr massiv geschwächt, Wunden heilen schlecht, Hautpilze sprießen.

Die Internationale Raumstation (ISS) ist keine Traumherberge – wäre da nicht die Aussicht. 350 Kilometer weiter unten zieht der Blaue Planet langsam vorbei, nachts funkeln Megastädte, tags gleißen Schneeberge und Ozeane. Jeder Astronaut hat davon geschwärmt. Von seinen physischen und psychischen Belastungen im beengten Alltag ist selten die Rede. Sie passen nicht ins Klischee vom Helden der Raumfahrt. Dabei sind seine Gesundheitsrisiken so gravierend, dass sich ein Großteil der Forschung auf der ISS um die Frage dreht, wie Menschen unter den Extrembedingungen von Schwerelosigkeit, Bestrahlung und Bewegungsarmut leiden – und wie sich die Folgen mildern lassen. Das führt notgedrungen zu der Frage: Ist die ISS nur Selbstzweck? Hilft sie, vorwiegend Probleme zu lösen, die sich ohne bemannte Raumfahrt gar nicht ergeben würden?

Seit 1998 ist die Raumstation im Orbit und wird seit zwölf Jahren permanent bewohnt. Bisher haben die Astronauten fast eintausend wissenschaftliche Experimente auf der ISS gemacht – Zeit für eine Zwischenbilanz. Unter dem vollmundigen Motto »Forschung für die Menschheit« hatten sich dazu 300 Wissenschaftler, Raumfahrtmanager und Politiker aus aller Welt Anfang Mai in Berlin versammelt . Wirklich überzeugend fiel ihre Bilanz nicht aus.

Seit mehr als zehn Jahren leben Menschen in der Erdumlaufbahn. Eine Fotostrecke © Nasa

Zwar schwärmte Ex-Astronaut Thomas Reiter zu Beginn von dem »fantastischen Labor« und ergänzte, für alle Experimentatoren sei es »sehr befriedigend, jetzt die Ergebnisse zu sehen«. Doch kurz darauf trat Alexej Krasnov auf das Podium, Leiter des russischen Beitrags zur ISS. »Seit 50 Jahren fliegen wir ans gleiche Ziel«, sagte er – und fuhr trocken fort: »Aber den Wert dieser Erkenntnisse zu bemessen ist sehr schwierig.«

Schwierig zu überschauen sind auch die Kosten des größten Technikprojekts, das sich die Menschheit je geleistet hat. Über hundert Milliarden Euro haben Bau und Transport der von den USA koordinierten Segmente verschlungen. Hinzu kommen jährlich fünf Milliarden Euro für den laufenden Betrieb. Wie hoch die Kosten für die russischen Teile waren, weiß niemand. »Auch nicht die Russen selbst«, lästert Bernardo Patti, ISS-Direktor der europäischen Raumfahrtagentur Esa. Europas Beteiligung schätzt er auf sieben Milliarden Euro, jährlich kommen 300 Millionen dazu. 40 Prozent davon trägt Deutschland.

Rund einhundert Einschübe in Bordkoffergröße stehen in den Laborschränken der Raumstation für Experimente zur Verfügung. Hauptunterschied zu irdischen Labors: Es fehlt die Schwerkraft, wenn auch nicht vollständig. Auf ihrer Umlaufbahn wird die ISS von Resten der Atmosphäre leicht abgebremst. Sie muss deshalb regelmäßig mit Triebwerken angehoben und neu ausgerichtet werden. Und jedes Mal, wenn ein Astronaut an einem Laborschrank ruckelt oder sich zur Fortbewegung abstößt, stört das die Schwerelosigkeit. Fachleute sprechen deshalb korrekter von Mikrogravitation.

Damit soll sich Grundlagenforschung betreiben lassen, die auf der Erde kaum oder gar nicht möglich wäre. Wie etwa beeinflusst die Schwerkraft Muskulatur, Zellteilung oder Knochenwachstum, die Entstehung von Kristallen, das Verhalten von Strömungen oder die Bildung von Metalllegierungen? Stolz verweist Julie Robinson, wissenschaftliche Leiterin der ISS-Forschung bei der Nasa, auf 578 wissenschaftliche Publikationen, die in den vergangenen 13 Jahren aus der ISS-Forschung entstanden seien. Das spricht zwar für den Fleiß der Astronauten, aber noch nicht für die Qualität der Ergebnisse.

In das angesehene Wissenschaftsmagazin Nature hat es bisher nur ein einziges ISS-Experiment namens Maxi (Monitor of All-sky X-ray Image) geschafft. Die vollautomatische Röntgenkamera, die außen am japanischen Modul der Raumstation befestigt ist, konnte erstmals die Röntgenstrahlung direkt nachweisen, die ein besonders schweres Schwarzes Loch beim Schlucken eines Sterns aussendet. Allerdings war dafür gar keine Raumstation erforderlich. Zeitgleich gelangen die Messungen auch dem unbemannten Nasa-Satelliten Swift.

Ähnliches gilt für das teuerste Instrument der ISS. Das Alpha Magnetic Spectrometer (AMS), mit 1,5 Milliarden Euro Gesamtkosten, ermöglicht Rückschlüsse auf die Entstehung von Materie und Antimaterie direkt nach dem Urknall und soll zur Enträtselung der Dunklen Materie beitragen. Auch das AMS nutzt die Raumstation nur zur Stromversorgung und Datenübermittlung und hätte ebenso gut als eigenständiger Satellit gebaut werden können.