Beth Jeans Houghton"Ein Jahr lang tat ich so gut wie nichts, schlief nur und träumte"

Die Popsängerin Beth Jeans Houghton brach mit 14 die Schule ab und machte Musik. Erst vier Jahre später wurde ihr Schwänzen bemerkt, da lebte sie bereits ihren Traum. von Christoph Dallach

Ich habe ein ganzes Archiv meiner Träume, weil ich seit meinem achten Lebensjahr aufschreibe. Meistens träume ich sehr wilde Sachen. So wie neulich, als ich mich im Traum in einem Supermarkt mit einer schweren Tasche in der Hand wiederfand. Darin war ein abgeschnittener Kopf. Ich hatte Angst rauszugehen, weil ich wusste, dass die Kassiererin in die Tasche schauen würde und ich dann wegen Ladendiebstahls dran wäre. Und tatsächlich schaute die Frau in meine Tasche, aber als sie sah, dass da nur mein eigener Kopf drinlag, ließ sie mich gehen.

Solche Träume prägen mein Leben, weil sie meine Kreativität beflügeln. Ich habe viele meiner Songtexte Träumen zu verdanken, manchmal träume ich ganze Gedichte, aus denen dann Texte entstehen. Aber leider komme ich nicht mehr so oft dazu, meine Träume aufzuschreiben, weil ich so viel zu tun habe.

Anzeige
Beth Jeans Houghton

22, gilt in ihrem Heimatland England als großes, exzentrisches Talent unter den jungen Singer-Songwritern. Ihr lange erwartetes Debütalbum Yours Truly, Cellophane Nose erschien Anfang des Jahres und wurde von Kritikern mit Lob überhäuft. Zurzeit ist sie mit ihrer Band The Hooves of Destiny auf Europatournee.

In einem Büro würde ich keinen Tag überleben, da würde ich mich wie im Gefängnis fühlen. Das war mir bereits früh im Leben klar. Ich träumte davon, zu reisen und die Welt zu sehen. Die Schule brach ich mit vierzehn ab, weil meine Fantasie von den Lehrern unterdrückt wurde. Ich bin einfach nicht mehr zum Unterricht gegangen, eines Morgens, als der Schulbus kam, blieb ich an der Haltestelle sitzen und ging wieder nach Hause. Für immer, sozusagen. Mein Glück war, dass meine Eltern sehr früh zur Arbeit mussten. Also spielte ich Theater für sie, zog jeden Morgen meine Schuluniform an, frühstückte mit ihnen, winkte ihnen nach, wenn sie das Haus verließen, und legte mich wieder ins Bett, wenn sie außer Sichtweite waren. Ein Jahr lang tat ich dann so gut wie nichts, schlief nur und träumte. Dann kaufte ich mir eine Gitarre, brachte mir ein paar Akkorde bei und schrieb mit sechzehn meine ersten Songs. Der Schwindel flog erst auf, als ich achtzehn war. Aber da hatte ich bereits meine ersten Konzerte absolviert. Meine Eltern nahmen das sehr entspannt hin. Ihnen war vor allem wichtig, dass ihre Kinder glücklich sind.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Wie Träume fühlen sich für mich auch manche Tage an. Das liegt unter anderem daran, dass ich Synästhetikerin bin, also die Welt anders wahrnehme als die meisten Menschen, weil meine Sinne anders gekoppelt sind. Ich sehe Töne und spüre Farben. Dass es nicht allen Menschen so geht, weiß ich erst, seit ich mit zehn eine Dokumentation über Synästhesie im Fernsehen gesehen habe. Ob meine Musik anders klingen würde, wenn ich nicht so hören und sehen würde, weiß ich nicht. Aber oft vermisse ich bei der Musik, die ich höre, die Fantasie. Vielleicht verkleide ich mich deshalb auch bei Konzerten so gerne. Ich liebe ungewöhnliche Kleidung.

Im Herbst werde ich nach Los Angeles ziehen. Seit ich denken kann, habe ich im kalten, dunklen Newcastle von dieser Stadt geträumt, von den Palmen, den Stränden, dem Ozean, von Neil Young und Joni Mitchell . Denn ab und zu habe ich zur Abwechslung auch sehr schöne Träume. Und nun wird einer tatsächlich wahr.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Wunderbar wie diese Frau ihre Träume verwirklicht hat.
    Also doch Träume werden wahr.

    • arno51
    • 03. Juni 2012 13:44 Uhr

    als hätte uns Frau Houghton mit dieser Geschichte, daß Ihr Fehlen in der Schule erst nach 4 Jahren bemerkt wurde, ebenfalls einen Traum erzählt. So strickt halt jeder an seiner eigene Biographie wenn das richtige Leben zu langweilig erscheint.
    Eine nette Geschichte, gefällt mir gut. Schön das unsere Welt noch von Phantasie belebt und dadurch etwas bunter wird.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Ich habe einen Traum
  • Schlagworte Musik | Theater | Archiv | Dokumentation | Eltern | Fernsehen
  • Album "Text und Musik": Mutter zuhören!

    Mutter zuhören!

    "Wer hat schon Lust zu denken, wie sie denken, die uns hassen?" Auch das zwölfte Album der Berliner Band Mutter stellt die richtigen Fragen zum Menschsein.

    • Der Rapper Marteria. Er legt Wert darauf, so etwas Altmodisches wie eine politische Meinung zu haben.

      "Ich will Feuer sehen, keine Handys"

      Der aus Rostock stammende Rapper Marteria analysiert für uns das Zeitgeschehen. Mit ihm kann man sogar über Neonazis, Spießer, Drogen und Videospiele reden.

      • "Deutsch so wie Du": Kamyar und Dzeko (von links) sind 15 Jahre alt und kommen aus Fulda.

        "Nee, Du bist kein Deutscher"

        Zwei 15-Jährige widerlegen Sarrazins Thesen: Kamyar und Dzeko geben Kindern mit Migrationshintergrund eine Stimme. Ihr Rap-Video feiert Premiere auf ZEIT ONLINE.

        • Anna Prohaska, 1983 in Neu-Ulm geboren, ist die Tochter eines österreichischen Opernsängers und einer irischen Sängerin.

          Zwischen den Fronten

          Die begnadete klassische Sängerin Anna Prohaska hat ein Faible für schräge Konzeptalben und doppelgesichtige Gestalten. Auf ihrem neuen Album besingt sie den Krieg.

          Service