Alan TuringChurchills beste Gans im Stall

Der Enigma-Code der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg war nicht zu knacken. Doch dann kamen die Dechiffrierer von Bletchley Park – an ihrer Spitze Alan Turing. Zu seinem 100. Geburtstag ein Porträt des Mathematik-Genies von Henning Sietz

Alan Turing als Schieferskulptur in den Gebäuden von Bletchley Park.

Alan Turing als Schieferskulptur in den Gebäuden von Bletchley Park.  |  © Jon Callas/Wikimedia Commons

Ende Juli 1939, wenige Wochen vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, stellen sich in Pyry bei Warschau einige Briten und Franzosen zu einem ungewöhnlichen Treffen ein. Mitarbeiter des Biuro Szyfrów, des polnischen Chiffrierdienstes, präsentieren den Gästen einen eigenen Nachbau der Chiffriermaschine Enigma, welche die deutsche Wehrmacht benutzt, um Nachrichten zu verschlüsseln. Eine Apparatur namens »Bomba« zum Knacken derselben stellen sie auch gleich vor.

Der polnische Enigma-Nachbau und die Bomba machen Eindruck auf die Gäste. Zwar haben die Franzosen Material über die Enigma an die Polen weitergegeben, doch hielten Franzosen und Briten es bisher für unmöglich, die deutsche Chiffriermaschine zu überlisten. Der polnische Geheimdienst hingegen hat sich nicht entmutigen lassen und – erstmals in der Geschichte der Kryptologie – Mathematiker eingesetzt. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges nun sehen die Polen ihre einzige Chance darin, die verbündeten Briten und Franzosen in ihre Erfolge einzuweihen. Mitte August 1939, wenige Tage vor dem deutschen Überfall, trifft die polnische Enigma mit diplomatischer Post in Paris und London ein.

Anzeige

Die Enigma – das altgriechische Wort bedeutet »Rätsel« – geht zurück auf den Berliner Erfinder Arthur Scherbius (1878 bis 1929), der im Jahre 1923 ein zentnerschweres Chiffriergerät dieses Namens zur geheimen Nachrichtenübermittlung auf dem Kongress der Internationalen Postunion in Bern vorstellte. Die Resonanz war gering, doch die Reichswehr zeigte Interesse. Sie ließ den klobigen Apparat verbessern und führte das Gerät von 1928 an zum Verschlüsseln ihrer Meldungen ein.

Auf den ersten Blick sieht eine Enigma aus wie eine Schreibmaschine. Das Tastenfeld umfasst die 26 Buchstaben des deutschen Alphabets, ohne Zahlen und Sonderzeichen. Zusätzlich gibt es eine Gruppe von 26 beleuchteten Buchstaben und ein Steckfeld mit 26 Positionen, auf dem sich jeweils zwei Buchstaben per Kabel verbinden und damit vertauschen lassen. Herzstück der Standardausgabe sind drei Rotoren, auch Walzen genannt, die wahlweise auf jeden Buchstaben eingestellt werden können. Drückt man eine Buchstabentaste, läuft ein Stromsignal von der Taste über das Steckfeld zu den Walzen, zurück zu den Steckern und schließlich zum Lampenfeld, wo ein Buchstabe aufleuchtet, der per Hand zu notieren ist. Unterwegs wird der Buchstabe bei jeder Station vertauscht. Tippt man den nächsten Buchstaben, dreht sich die rechte Walze um eine Position weiter, nach einem Durchlauf von 26 Buchstaben rückt auch die mittlere Walze wie bei einem analogen Kilometerzähler um eine Position weiter, zuletzt dann die linke.

Für die britischen Militärs ist der Sonderling ein Albtraum

Theoretisch machte die Enigma ungemein viel her. Drei Walzen mit je 26 Positionen ergaben 17.576 Möglichkeiten. Da sich die Rotoren vertauschen ließen, standen sechs verschiedene Walzenlagen zur Verfügung. Dazu gab es die Steckverbindungen und noch innerhalb jeder Walze einen Ring, den man mit einem Stift verstellen konnte, und zwar auf 26 Positionen. Es war eine weitere Möglichkeit, die Buchstaben zu vertauschen. Dies alles führte zu einer immensen Zahl möglicher Ausgangsstellungen und brachte der Enigma den Mythos ein, unknackbar zu sein.

Dass sie dennoch konstruktive Mängel aufwies, hatten schon die polnischen Mathematiker erkannt. Marian Rejewski untersuchte große Mengen von Tagesmeldungen, die mit ein und demselben Tagesschlüssel chiffriert waren, und stellte Regelmäßigkeiten fest – obwohl jede Meldung einen unterschiedlichen Spruchschlüssel hatte. Auf diese Weise konnte er die innere Verdrahtung der Walzen ermitteln. Weiterhin erkannte er, dass die Walzenstellungen im chiffrierten Text eine Art Fingerabdruck hinterließen. 1938 gelang es dem Biuro Szyfrów, eine Maschine zu konstruieren, ebenjene Bomba, mit der sich durch sechs elektrisch verbundene Walzenlagen Rotoreinstellungen testen ließen. Mit diesem elektromechanischen Brutalverfahren konnte die Mathematikergruppe um Rejewski monatelang Meldungen der Wehrmacht mitlesen.

Die Erfolgsserie brach ab, als Ende 1938 der Tagesschlüssel umgebaut und die Zahl der Walzen, die zur Auswahl standen, auf fünf erhöht wurde (von denen man aber nach wie vor nur drei pro Tag benutzte). Nun hätte das Biuro Szyfrów täglich 60 Walzenlagen testen müssen statt sechs wie bisher. Die polnischen Kryptanalytiker stießen an ihre Grenzen. Sie taten das einzig Richtige und setzten die Alliierten ins Bild.

Leserkommentare
  1. " Das Oberkommando der Wehrmacht glaubte felsenfest an Spionage in den eigenen Reihen. "

    Geistige Beweglickeit oder neumodisch Flexibilität war noch nie die Stärke einer deutschen Behörde.

    Andere Gedanken auch gelten zu lassen und zu prüfen überfordert meistens das deutsche System.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nur zum Teil richtig! Die Innovationsfreude und Flexibilität der deutschen Streitkräfte gerade in dieser Zeit (im Vorfeld geboren aus der Not des Versailler Vetrages) sind auch und gerade von den damaligen Gegnern anerkannt und vielfach gelobt worden. Das ist kein Revisionismus und Naziverehrung, das ist historisch belegt (schade, dass ich das schon vorsorglich explizit erwähnen zu müssen glaube).

    Ausschlaggebender dürfte die Rolle der "Abwehr" um Wilhelm Canaris gewesen sein, von dem -wohl nicht ganz zu Unrecht- bis heute gesagt wird, er habe die Alliierten laufend mit Informationen versorgt und gleichzeitig Desinformation auf deutscher Seite betrieben. Dass seine Witwe nach Ende des Zweiten Weltkrieges auf Betreiben von General "Wild Bill" Donovan, dem Gründer des CIA-Vorläufers OSS, eine lebenslange Rente von den USA bezog, spricht wohl für sich.

  2. 2. Danke

    Danke, dass sie Alan Turings Geburtstag für diesen guten Artikel genutzt haben! Las sich fast wie ein Krimi, das Leben schreibt halt immernoch die besten, wenn auch traurigen Geschichten.
    R.i.p Alan Turing, an dir hat die Welt ein Genie verloren.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Ius
    • 23. Juni 2012 12:37 Uhr

    Krimi dazu, finden Sie in dem Buch - Enigma von Robert Harris. Sehr gut, wie alle seine Bücher.

    Gruß Ius

  3. Zuerst möchte ich sagen das ich es ausdrücklich begrüße wenn über, für Naturwissenschaften und Technik, herausragende Persönlichkeiten stärker ins Interesse der Öffentlichkeit gebracht werden, jedoch ist der Titel des Artikels nicht dazu geeignet das in positiver Weise zu tun. Ist Ihnen nichts besseres eingefallen als dieser Tierreichvergleich??

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    stammt schließlich von Winston Churchill persönlich, und ist somit, wie die Briten sagen, spot on.

    völlig Recht. ein doch sehr merkwürdiger Titel für einen großen Mann.

    kopfschütteln...

    • APGKFT
    • 23. Juni 2012 12:29 Uhr

    standen den Polen 1939 die besten Mathematiker der Welt zur Verfügung!!!!

    • Ius
    • 23. Juni 2012 12:37 Uhr

    Krimi dazu, finden Sie in dem Buch - Enigma von Robert Harris. Sehr gut, wie alle seine Bücher.

    Gruß Ius

    Antwort auf "Danke"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hab ich mir gleich mal besorgt =)
    Danke

  4. stammt schließlich von Winston Churchill persönlich, und ist somit, wie die Briten sagen, spot on.

    Antwort auf "Despektierlicher Titel"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    von Churchill selbst stammt ist es noch in "geradeso" inOrdnung. vielleicht wäre aber trotzdem ein geeigneterer Titel besser gewesen. aber Titel sind in letzter Zeit eh nicht so die Stärke der "Zeit".

    bezogen sich glaube ich auf die ganze Gruppe. Aber auch wenn er Turing persönlich so bezeichnet hätte ist es meiner Meinung nach nicht richtig es ihm gleich zu tun. Überhaupt ist es merkwürdig sowas mit Churchill zu begründen der ja nicht berühmt dafür ist eine große Leuchte zu sein sondern eher für seine Führungsqualitäten.

  5. nur schade, dass der gleichgültige Umgang mit Alan Turing nach Kriegsende so wenig Raum bekommt.

  6. völlig Recht. ein doch sehr merkwürdiger Titel für einen großen Mann.

    kopfschütteln...

    Antwort auf "Despektierlicher Titel"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Alan Mathison Turing | Computer | Mathematik
Service