Auch Spitzensportler haben Spaß am Coasteering in St. Davids, wie die US-Olympiaschwimmerin Rebecca Soni. © Michael Steele/Getty Images

Als Steve Miles noch ein Junge war, flickten er und seine Freunde Traktorreifenschläuche vom Schrottplatz, pumpten sie an der Tankstelle auf und rollten sie die Straße hinunter zum Meer. Dann warfen sie sich damit in die Brandung und trieben die zerklüftete Steilküste entlang, sie entdeckten verborgene Buchten und einsame Strände, Höhlen und Schluchten. Doch was sie suchten, waren Klippen. In Badeshorts und Plastiksandalen kraxelten sie dort den scharfen Fels hinauf, spähten nach einer tiefen Stelle im Wasser und sprangen in den Abgrund. Den höchsten Klippen gaben sie Namen, G-Falls, Top Gorge, The Rush; die gefährlichste tauften sie The Death.

Heute ist Steve zweifacher Großvater, und man sieht ihn noch immer die Küste von Holy Island entlangtreiben, am nordwestlichsten Zipfel von Wales. Doch nicht mehr im Traktorschlauch, sondern in einer roten Schwimmweste. Statt Shorts und Sandalen trägt er Turnschuhe, Neoprenanzug und Helm; in seinem Rucksack stecken, wasserdicht verpackt, ein Erste-Hilfe-Set, ein Satellitentelefon und drei Leuchtkugeln. Aus dem Leichtsinn seiner Jugend ist ein Trendsport geworden: Coasteering. Jede Woche reisen Hunderte auf die kleine Nachbarinsel von Anglesey – Abenteurer und Familien, Schulklassen und Gruppen auf Junggesellenabschiedstour, um sich unter Aufsicht in die Wellen zu stürzen.

Neun Grad Wassertemperatur

Steves Stimme ist rau wie die Irische See. »Ich bin wahrscheinlich der älteste Coasteering-Guide Großbritanniens«, sagt der 50-Jährige, als wir in voller Montur zur Küste laufen, »und ich mache weiter, bis ich siebzig bin.« Er hat Schultern wie Felsen, kupferfarbene Haut, graue Stoppeln an Schädel und Kinn. Seine Augen sind hellblau, wie vom Salzwasser verwaschen. Sein alter Freund Grant sagt, man könne Steve in der tiefsten Wildnis aussetzen, ohne Proviant und Kompass, und er fände sich noch zurecht. Verloren ist er nur in großen Städten, wo er seine Karten herauskramt, Strecken wie bei Wanderungen in Abschnitte einteilt. Ein oder zwei Mal im Jahr muss er mit seiner Frau nach Liverpool, ins Musical: »Dann lässt sie mich wieder zufrieden, und ich darf den Rest des Jahres raus zum Spielen.«

Unsere zweistündige Tour startet an der Porth Dafarch, walisisch für »Schöne kleine Bucht«, ein schmaler, von Klippen flankierter Strand, fünf Minuten zu Fuß vom Anglesey Adventure Centre entfernt. Es ist sonnig und mild, nur das Meer hat vom Frühling wenig mitbekommen: neun Grad Wassertemperatur. Doch in zwei Neoprenanzügen übereinander bin ich kältegeschützt wie eine Robbe. Steve krault zu einer Steilwand und klettert voraus; auch für Nichtkletterer wie mich bilden die hervorstehenden Gesteinsschichten verlässliche Griffe und Stufen. »Wenn du ausrutschst«, ruft Steve zu mir herüber, »lass dich einfach fallen!« Unter mir schimmert das hellgrüne Meer.

Schiffswracks am Meeresgrund

Wenig später gleiten wir auf unseren Hintern in die Washing Machine, eine Felswanne, in die die Wellen schlagen. Doch an diesem Morgen läuft der Schleudergang auf niedrigster Stufe, die Ostwinde bescheren der Westküste eine ruhige See. »Bei Wellengang«, sagt Steve, »wird man darin ganz schön herumgeworfen.« Wenn er mit einer Gruppe hier draußen ist und es zu wild wird, sagt er: »Weg von den Felsen! Dann seid ihr sicher.« Aber die meisten wollen nicht hören und klammern sich am steinigen Ufer fest – dort, wo es wehtun kann.

Coasteering, das ist eigentlich eine ziemlich dumme Idee. Seit Jahrmillionen drischt das Meer auf den sturen Fels ein, schmirgelt ihn, höhlt ihn aus, bricht ihn, und dann kommen wir, Krieger mit Plastikhelmen und nassen Turnschuhen, und mischen uns ein in diesen Kampf der Elemente. Die Irische See versteht keinen Spaß. Hunderte Schiffe zerschellten an der berüchtigten Nordwestküste von Wales, ihre Wracks ruhen noch immer auf dem Meeresgrund, die Legenden über sie leben bis heute. Steve, der fünf Jahre lang zur See fuhr, erzählt sie gerne: von kenternden Goldgräbern, die sich, bevor sie über Bord sprangen, die Taschen vollstopften und mitsamt ihrem Schatz versanken; von der Wrecker-Bande, die in stürmischen Nächten Schiffe mit falschen Leuchtsignalen auf die Felsen lockte, um die Wracks zu plündern; vom Schiffshund Tyger, der in dichtem Nebel die Besatzung eines Liverpooler Zweimasters aus den Fluten zog, vier Mann nacheinander, bevor er dann am Ende vor Erschöpfung starb.