Warum stellst du mir auf einmal keine Frage mehr? Ohne Frage komme ich nicht weiter. Ohne Fragen bin ich blind und stumm." Nur zwei Figuren hat das neue Stück von Peter Handke , Die schönen Tage von Aranjuez , eine Frau und einen Mann, und den zitierten Satz spricht die Frau. Mit ihm sind die Machtverhältnisse schon bezeichnet: Sie braucht nicht den Mann, sie braucht nur seine Neugier. Die Frau hatte ein wildes Leben, der Mann hat nur Fragen, Blicke und Begierden. Die Frau hat ihre Lüste gestillt, der Mann, offenbar allein, lebt von den Geschichten der anderen.

Die Frau erzählt, wie sie in gefährlichen Situationen, an öffentlichen Orten, den Liebesakt vollzogen hat, und sie lässt es lächelnd geschehen, dass der Mann sich vorstellt, wie sie es getan hat. Sie wärmt sich an seiner Hitze. Es gibt einen alten Witz von einem Mann, der bei Frauen keinen Erfolg hat, weil er zu ungestüm ist. Ein Freund, dem die Frauen zugetan sind, nimmt den Ungeschickten zur Seite und sagt ihm: Du darfst deine Begierde nicht so offen zeigen. Bevor du den Frauen nahekommst, musst du mit ihnen reden, zum Beispiel über Kunst; das lieben sie. Bei seinem nächsten Rendezvous beherzigt der Ungeschickte die Regel. Er fragt die Dame: Lieben Sie Shakespeare? Sie sagt Ja. Darauf er: Na, dann können wir ja jetzt ins Bett gehen.

Die schönen Tage von Aranjuez spielt im Moment vor dieser Pointe: Das Stück hat die Energie der uneingelösten Lust, die Figuren reden, um beim Witz zu bleiben, immer nur über Shakespeare. Beziehungsweise: Die Frau erzählt von ihrem Vorleben, der Mann reagiert darauf wie ein Fliehender, er erzählt von Natur- und Einsamkeitserlebnissen beim Berühren von Springkraut, beim Kosten einer wilden Johannisbeere. Nie aber spricht er von sich und der Frau, dem unmöglichen Paar.

Der Regisseur Luc Bondy und sein Darsteller Jens Harzer machen sich bei der Uraufführung auf den Wiener Festwochen ein wenig über das Stück lustig. Sie machen sich lustig über die bei Handke niemals brechenden Dämme, indem sie auf den Dämmen tanzen: Mit einem Regieeinfall, einem Witz, einer kleinen unterwandernden Geste wird aus dem Paar auf der Bühne ein komisches kybernetisches, ewig sich verfehlendes Gespann, wobei die Frau (eine heiser erschöpfte Großkatze: Dörte Lyssewski) die Sonne und der Mann, eben Harzer, ihr emsig kreisender Planet ist. Er: ein ins Vertrauen gezogener, nicht infrage kommender Mann. Sie: die "wissende", nicht mehr berührbare Frau.

Peter Handkes Königsweg zum Drama ist das Selbstgespräch, die Selbstbefragung. Schon in seinem Stück Das Spiel vom Fragen (1989) entsteht aus der Frage alle Bewegung, ja eine ganze Welt ("Zum Fragen gehört das Gehen"), und es fällt der große Satz: "Der Frage-Kirschgarten darf nicht abgeholzt werden." In seinem letzten Stück Immer noch Sturm war es so: Einer fragte, um sich in die Gesellschaft seiner nie gesehenen Ahnen zu versetzen. In Die schönen Tage von Aranjuez befragt sich nun einer, um einer idealen Frau nahezukommen. Oder noch mehr: Er erschafft sich diese Frau. Er formt sie mithilfe der Fragen, die er, durch den Mann, an sie richtet. Er ist in gewisser Weise mit ihr allein.

Der dienende Charakter des Mannes in diesem Stück ist für einen Schauspieler schwer auszuhalten; Jens Harzers Auflehnung zeigt sich darin, dass er manchen epiphanischen, tief empfundenen Handke-Satz in eine betulich-höhnische, Bernhard-Grzimek-artige Sprachmelodie taucht – als werde hier zwischen den Zeilen, gegen den Autor, das Eigentliche erzählt. Und Luc Bondy hält das Einsame, beschaulich Undramatische des Stücks so wenig aus, dass er im "Einfall", im Ornament Erlösung sucht. Die schönen Tage von Aranjuez ist aber nicht zu erlösen: Peter Handkes Fragekunst führt hier ins Leere, und Luc Bondy scheitert daran, ihr zu dienen.

Die unerbittlichste und triumphalste Selbstbefragung der modernen Literatur findet sich in James Joyce’ Ulysses, und zwar im vorletzten, 17. Kapitel: Leopold Bloom liegt am Ende des längsten aller Tage, des 16. Juni 1904, in seinem Bett und lässt die vergangenen Stunden Revue passieren. Er erinnert sich, indem er sich selbst 300 Fragen stellt: Welche Wege ist er gegangen, was hat er gesehen, was sprach, trank und sang er, in welcher Position lag er am Ende des Tages, nach dem Geschlechtsverkehr mit seiner Frau Molly, im Bett? (Antwort: "West-Nordwest: auf dem 53. Grad nördlicher Breite und dem 6. Grad westlicher Länge: in einem Winkel von 45 Grad zum Äquator der Erde"). Mit äußerster Präzision, ja Pedanterie verhört sich der Erzähler, denn es geht ja darum, dass durch das Fragen der versunkene Tag heraufgeholt und noch einmal aufgeführt werden kann. Nichts darf verloren gehen, das ist der Sinn des Fragens. Doch das 17. Kapitel des Ulysses schließt mit einem Fade-out: Der Frager gerät in die Spirale des Schlafes; die Erforschung des vergangenen Tages endet damit, dass der Forscher sich selbst verliert.