PfingstkirchenMit Jesus in die Hölle

Freikirchen versprechen ihren Jüngern die heile Welt. Doch Aussteiger bekommen den Zorn der Gemeinde zu spüren. Ein Mädchen wäre daran fast zerbrochen. von Fabian Kretschmer

Julia vor ihrem Wohnhaus in Wien

Julia vor ihrem Wohnhaus in Wien  |  © Gianmaria Gava

Frank und Jana, komplett in Weiß gehüllt, sind nervös. Mit Ende 20 werden sie getauft. Für ihren Eintritt ins Christentum steht immerhin ein hüfthoher Pool bereit. Zuerst müssen sie aber ihren Schwestern und Brüdern von ihrem Weg zu Gott berichten. »Ich lebte voller Sünde«, gesteht Jana. Frank hat zwar Karriere gemacht, doch ohne Gott habe sich das sinnlos angefühlt, sagt er. Die beiden erzählen von einer katholischen Kindheit, der Abkehr vom Glauben, einem lasterhaften Leben und innerer Leere – bis zur Erleuchtung, als Gott ihr Herz berührt und sie zur Freikirche in der Wiener Halbgasse geführt habe, wo Österreichs größte deutschsprachige Pfingstgemeinde residiert.

Zuerst drückt der Pastor Jana rücklings unter Wasser. Als sie luftholend wieder auftaucht, klirren rockige Gitarren. »Mein Sein gehört nur dir allein«, singen die 250 Anwesenden im Chor. Die meisten strecken ihre Hände zum Himmel, andere springen in die Luft. Pulliträger und Menschen im Anzug sind darunter; junge Ehepaare und viele Migranten.

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Die von den Amtskirchen unabhängigen Freikirchen, zu denen die »Pfingstler« gehören, setzen auf Emotion und Erleben. Nachdem sie lange ein Randdasein fristeten, erhalten diese anerkannten Glaubensgemeinschaften immer mehr Zuspruch. Doch nicht alle Mitglieder führt die Ausrichtung ihres Lebens nach den strengen Grundsätzen des Glaubens auf den Pfad der Erleuchtung. Auch die Zahl der Aussteiger hat deutlich zugenommen. Beratungsstellen gibt es zwar, doch die haben selbst mit Geldsorgen und Widerstand zu kämpfen.

Julia B.* ist eine der Abtrünnigen. Für sie wurde die heile Welt zur Hölle – und ihr Ausstieg zu einer Leidenstour aus Psychiatrieaufenthalten, Selbstmordgedanken und unzähligen Therapien. Von ihren Eltern ist die 25-jährige Sinologie-Studentin als Ungläubige verstoßen worden. 1989 flüchtete ihre Familie von Rumänien nach Oberösterreich. Der Vater arbeitete schwarz als Tischler, die Mutter als Putzfrau. Sie taten sich schwer, Anschluss zu finden. Die Einladung von Bekannten zur Pfingstgemeinde fiel daher auf fruchtbaren Boden. Schon bald wurde das Ehepaar fester Bestandteil einer jener Gemeinschaften, die sich von Katholizismus und Protestantismus losgesagt haben und ihr Leben allein nach der Bibel ausrichten. Dabei trifft eine zeitgemäße, attraktive Aufmachung auf ultrakonservative Glaubensgrundsätze. Wer sich scheiden lässt, Sex außerhalb der Ehe hat oder Homosexualität gutheißt, wird in der Regel ausgeschlossen. Auch die Evolutionstheorie gilt als des Teufels.

Der größte Dachverband ist der Bund evangelikaler Gemeinden mit 4.700 Mitgliedern, gefolgt vom Zusammenschluss der Pfingstgemeinden mit 4.100 Mitgliedern. Beide Verbände konnten ihre Mitgliederzahlen in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppeln. Dazu kommen die Baptisten mit 1.500 Mitgliedern, die Mennoniten, Methodisten und weitere kleine, lose Gemeinden; und jene aktiven Jugendlichen, die nicht als Mitglieder geführt werden, weil die meisten Gemeinschaften keine Kindertaufen anerkennen. Die Pfingstbewegung entstand in den 1920er Jahren in den USA . In Deutschland bekennen sich 300.000 Menschen zu ihren Grundsätzen. Für sie spielt das Spüren eine zentrale Rolle: »Pfingstler« gehen davon aus, dass der Heilige Geist in ihnen wirkt. Charismen wie Wunderheilungen, Prophezeiungen und Zungenreden werden größtenteils noch praktiziert.

Leserkommentare
  1. Der Artikel arbeitet leider mit Klischees und reißerischen Unterstellungen. Ich meine Sätze wie den folgenden:

    "Die von den Amtskirchen unabhängigen Freikirchen, zu denen die »Pfingstler« gehören, setzen auf Emotion und Erleben."

    Weiß Die Zeit nicht, dass es eine große Breite evangelischer Freikirchen gibt, von liberal bis evangelikal und von spröde-protestantisch bis zu pfingstlerisch-charismatisch? Hier werden pfingstlerisch-charismatische Gemeinden mit sämtlichen protestantischen Freikirchen in einen Topf geworfen.

    Und weiß Die Zeit nicht, dass auch die evangelischen Freikirchen (Baptisten, Mennoniten, Methodisten, Freie Ev. Gemeinden usw..) Teil des Protestantismus sind?

    Ich finde die reißerische Wortwahl auch furchtbar. Die Zeit schreibt verallgemeindernd, Freikirchen würden "ihren Jügern" "die heile Welt" versprechen und weiter "Aussteiger" bekommen den "Zorn der Gemeinde" zu spüren...

    Ich bin selber Mitglied einer kleinen evangelischen Freikirche (Mennoniten). Unsere Gemeinde versteht sich als liberal und als Friedenskirche. Wir sind aktiv in der Ökumene und arbeiten mit vielen anderen Kirchen zusammen (sowohl mit beiden Volkskirchen als auch anderen Freikirchen). Es gibt definitiv keinen Druck auf die Mitglieder oder auf "Abtrünnige". Ein ganz wichtiges Prinzip vieler evangelischer Freikirchen ist gerade das Freiwilligkeitsprinzip.

    Ich hab auch kein Problem mit Homosex. oder der Evolutionstheorie..im Gegenteil ! So reißerisch kenn ich Die Zeit sonst nicht !

    2 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unangemessene Vergleiche, die lediglich der Provokation dienen. Danke, die Redaktion/kvk

    ob Sie ein Problem mit Homosexualität haben oder nicht. Relevant ist, dass die Problematisierung von 'Homosexualität' noch heute ein Thema sein muss und meine Zeit verschwendet. Ohne Christentum - egal in welcher Form - würde die konstruierte Norm vermeintlicher 'Heterosexualität' heute überhaupt nicht existieren. Im Jahr 2012 aber sollte das Christentum endlich für seine Erbsünde grade stehen und Verantwortung für seine Fehler übernehmen. Und mir nicht auf die Nerven gehen mit Toleranz oder nicht Toleranz. Religion ist Privatsache. Missionierung ist Faschismus.

  2. Noch eine kurze Anmerkung: Der Verfasser des Artikels hätte deutlich machen müssen, dass hier österreichische Gemeindeverbände gemeint sind.

    Wenn es -ohne Differenzierung- heißt, der "größte Dachverband ist der Bund evangelikaler Gemeinden mit 4.700 Mitgliedern", dann gilt das nur für Österreich, nicht aber für Deutschland oder die Schweiz. Wobei ich mich hier auch frage, worauf "Dachverband" konkret anspielt. Neben dem genannten Bund gibt es ja (wie es dann weiter heißt) ja auch noch mehr Freikirchen (wie u.a. die Pfingstler, auf die ja anscheinend vor allem Bezug genommen wird).

    Dachverband der evangelischen Freikirchen wäre in Deutschland zum Beispiel die Vereinigung Evangelischer Freikirchen.

    Auch die Zahl von 1.500 Baptisten trifft nur auf Österreich zu. Aber das nur nebenbei.

  3. So ein trauriges und wichtiges Thema (geistlicher Missbrauch) und so ein grausam schlecht recherchierter Artikel! Da wurde eine Chance vertan, einen Finger in eine Wunde zu legen. Aber wer mit so unscharfem Blick durch die freikirchlich- religiöse Landschaft stolpert, der darf sich nicht wundern, wenn man sein Anliegen nicht ernst nimmt.

    • F. M.
    • 02. Juni 2012 0:51 Uhr

    Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen und Argumenten. Danke. Die Redaktion/kvk

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    Meines Wissens nach gibt es weder im freikirchlichen, noch im protestantischen, noch im katholischen Christentum eine einheitliche Stellung zur Evolutionstheorie. Einzelne (zum Teil einflussreiche) Mitglieder werden durch ihre Meinung sicherlich andere beeinflussen. Aber im Wesentlichen ist die Haltung zur Evolutionstheorie jedem selbst ueberlassen und nicht (wie sagt man) "heilsnotwendig". In den USA mag das anders sein.

  4. 6. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unangemessene Vergleiche, die lediglich der Provokation dienen. Danke, die Redaktion/kvk

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    http://www.lsbk.ch/articl... mit einer theologisch sauberen Widerlegung der gern zitierten Bibelstellen zum Zweck der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gegen Homosexuelle m/w.

    Leider versäumt es Die Zeit neuerdings, bei Evangelikalen klare Kante zu zeigen, sondern veröffentlicht unscharfe gefühlige Artikel mit viel Konjunktiv wie den obigen (wenn die junge Frau 'schwer traumatisiert' ist, wäre es angezeigt, sie an einen seriösen EMDR- oder anderen Anti-Trauma-Therapeuten zu überweisen) oder den vor gut einem Monat 'Schwimmen mit Gott' http://www.zeit.de/2012/1...

    Statt z.B. zu thematisieren, daß allerhand an christlichem homosexuellenfeindlichem Fundamentalismus auch innerhalb der EKD existiert, mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, prominente Politiker zum Schirmherren hat, wie z.B. das Christival.

    [...] Gekürzt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke. Die Redaktion/kvk

  5. ob Sie ein Problem mit Homosexualität haben oder nicht. Relevant ist, dass die Problematisierung von 'Homosexualität' noch heute ein Thema sein muss und meine Zeit verschwendet. Ohne Christentum - egal in welcher Form - würde die konstruierte Norm vermeintlicher 'Heterosexualität' heute überhaupt nicht existieren. Im Jahr 2012 aber sollte das Christentum endlich für seine Erbsünde grade stehen und Verantwortung für seine Fehler übernehmen. Und mir nicht auf die Nerven gehen mit Toleranz oder nicht Toleranz. Religion ist Privatsache. Missionierung ist Faschismus.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf haltlose Spekulationen. Danke, die Redaktion/au.

    • E.Wald
    • 04. Juni 2012 1:30 Uhr

    "Ohne Christentum - egal in welcher Form - würde die konstruierte Norm vermeintlicher 'Heterosexualität' heute überhaupt nicht existieren."

    Das bezweifle ich.
    Homosexualität war schon lange vor Christus ein Tabu: Wiki - http://de.wikipedia.org/wiki/Gesetze_zur_Homosexualität - nennt ein Verbot schon aus dem Jahr 1150 v. Chr., das man kaum dem Christentum anlasten kann. Zudem sind homosexuelle Partnerschaften heute auch in einigen Ländern ohne christliche Tradition wie China und Indien nicht anerkannt. Andrerseits sind es gerade Länder mit christlicher Tradition, die Homosexualität zunehmend offener gegenüber stehen. Die katholische Kirche hat Mitte der 90er einen (unbemerkt großen) Bruch in ihrer offiziellen Haltung vollzogen und betrachtet Homosexualiät nun nicht mehr als Sünde, sondern als "objektiv ungeordnet" (also wertneutral - ja, ich weiß, es gibt leider viele Katholiken, die das noch nicht nachvollzogen haben).

    • TDU
    • 04. Juni 2012 9:26 Uhr

    Samstag las ich von einer Studie, die besagt, dass die Frauen die Familie "erfunden" hätten. Interessant.

    In Griechenland gabs andere sexuelle Sitten und bei den Germanen wurde Ehebruch mit Steinigung betraft. Im Mittelalter grassierte die Syphilis wegen der Badehäuser und heute ist die Pornoindustrie auch Motor der Weiterentwicklung des PC`S.

    Im übrigen sorgen die Homosexuellen mit ihrer seit den 1960iger Jahren in USA entwickelten Kultur selbst für Abgrenzung, mit der manchmal auch der nicht zurecht kommt, dem solche Unterscheidungen egal sind.

    Die katholische Kirche hat lediglich der Familie Priorität eingeräumt und danach ihre viel zu strenge Sexualmoral entwickelt.

    Im übrigen ist Heterosexualität keine Erfindung sondern irgendwie doch auch Voraussetzung für das Entstehen und Weitexistieren der Gattung Mensch. Zumindest solange, bis alles künstlich geregelt werden kann.

    Vielelicht ist dann sogar natürliche Befruchtung verboten und Verhütung Pflicht. Schauen Sie mal in die Welt.

  6. Meines Wissens nach gibt es weder im freikirchlichen, noch im protestantischen, noch im katholischen Christentum eine einheitliche Stellung zur Evolutionstheorie. Einzelne (zum Teil einflussreiche) Mitglieder werden durch ihre Meinung sicherlich andere beeinflussen. Aber im Wesentlichen ist die Haltung zur Evolutionstheorie jedem selbst ueberlassen und nicht (wie sagt man) "heilsnotwendig". In den USA mag das anders sein.

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    • rws
    • 03. Juni 2012 23:56 Uhr

    Die katholischen Kirche hat kein Problem mit Darwin. Die Position des Vatikan eindeutig pro Evolution (im Sinne Darwins) http://www.evolution-rome... http://www.spiegel.de/wis....

    Johannes Paul II hat klargestellt, dass "die Theorie der Evolution nicht mehr nur als eine reine Hypothese zu erachten" sei. Mitglieder der katholischen Kirche mögen in Detailfragen unterschiedliche Meinungen haben, die Leitplanken sind durch die Aussage Johannes Pauls II. vorgegeben. Und damit unterscheidet sich die katholische Position sehr deutlich den (unterschiedlichen) freikirchlichen Positionen.

    • brchak
    • 29. November 2012 16:03 Uhr

    Ich bin Religionswissenschaftler und Theologe und beschäftige mich seit 13 Jahren mit den charismatischen Freikirchen in Deutschland.

    Zu keinem Zeitpunkt bin ich einer dogmatischen Festlegung gegen die Evolutionstheorie begegnet. Gelehrt wird in unterschiedlichen Gemeinschaften das gesamte Spektrum von Evolution, theistischer Evolution, Intelligent Design bis zum reinen Kreationismus. Teilweise werden sogar in der selben lokalen Gemeinde unterschiedliche Theorien vertreten.

    Selten wird eine bestimmte Theorie zum "Muss" erhoben.

    Wirklich ein sehr oberflächlich und einseitig geschriebener Artikel der dem (auch ausserhalb der Freikirchen) real existierenden Thema des geistlichen Missbrauchs nicht einmal im Ansatz gerecht wird.

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