Auf den Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts war es üblich, die Erhabenheit der westlichen Industrienationen auf vergleichende Weise zu verdeutlichen. Im Schatten der triumphalen Eiffeltürme, Riesenräder und Maschinenparks präsentierte man die »Wilden« und »Primitiven« aus den westlichen Kolonien in vermeintlich natürlichen Habitaten: Araber in ihren Zelten, Senegalesen in ihren Hütten. Und keineswegs begegnete man in diesen chauvinistischen Menschenthemenparks nur den Fremden. Es war eine doppelte Entdeckung: Im Angesicht des gefühlten anderen erfuhr der abendländische Bürger auch sich selbst als einen anderen. Am Ende dieses Verzauberungsparcours stehen heute das Tribal-Tattoo für den Großstädter und der Bongotrommelkurs in der Volkshochschule.

So erscheint die Ausstellung Histoires de Voir: Show and Tell, die gerade in der Pariser Fondation Cartier eröffnet wurde, als freundlich verzerrtes Echo auf die Ära der Kolonialisierung – ein Echo, das hier jedoch nicht die Selbst-Tribalisierung und Selbst-Ethnografisierung des Westens umfasst. In Jean Nouvels terrariumartigem Kunstkubus präsentiert der commissaire de l’exposition, Hervé Chandès, grob 400 Bilder und Skulpturen, die gemeinhin dem »naiven«, »autodidaktischen« oder, wie es im Pressetext heißt, »primitiven« Kunstschaffen zugeordnet werden. Das Gros der Künstler und Kunsthandwerker stammt aus ehemaligen westlichen Kolonien wie Indien, Brasilien, Mexiko und diversen afrikanischen Staaten. Dass wir es dabei anscheinend immer noch mit dem »anderen« der eigenen Kultur zu tun haben sollen, suggeriert das Schlagwort regarder autrement – »anders sehen«. Natürlich gibt es Unterschiede. Doch längst ist der Westen sich selbst fremd geworden und hat auch seine eigene High-End-Naivität ausgebildet.

Somit ist frappant, dass es bei Cartier keinerlei Durchmischung mit Werken von in Frankreich geborenen Künstlern gibt. Allen respektbekundenden Katalogtexten zum Trotz fällt der Blick des Anthropologen auf kuriose Artefakte – und die Ausstellung rutscht damit weit hinter die jüngere Forschung zurück, die sich auch der eigenen Umwelt zuwendet, statt weiterhin reflexhaft gen Afrika, Indien oder Südamerika zu segeln. Diese selbstnobilitierende Selbstausklammerung ist Kommentar genug zu den latenten Prämissen der Schau, deren politische Korrektheit und löbliche Aufwertung des »Naiven« nicht vor methodischer Gestrigkeit schützen. Schön, wenn man sich nicht nur mit Popanz, sondern auch mit Toleranz, nicht nur mit Brillanten, sondern auch mit Dilettanten schmücken kann. Noch schöner, wenn diese nicht vor der eigenen Haustür leben.

Abgesehen davon trifft Cartiers Frühjahrskollektion des Andersartigen durchaus einen Nerv der Zeit. »Outsider Art« ist immer wieder mal ein Thema im Kunstsystem, von Charlotte Zanders Sammlung auf Schloss Bönnigheim bei Ludwigsburg über die Schau Heterotopia 2008 in Frankfurt am Main bis hin zur florierenden YouTube-User-Kunst. Das Außerakademische, Autodidaktische und Idiosynkratische entfaltet gerade in einer professionalisierten und spezialisierten Gesellschaft seinen größten Reiz. Heute scheint unsere in die Jahre gekommene Postmoderne jedoch zunehmend von oben nach unten zu wirken anstatt von unten nach oben. Ein Phänomen macht sich breit, das man als »High Trash« bezeichnen könnte – Trash ex cathedra.

So ließ Louis Vuitton von Marc Jacobs Handtaschen als zynische »Trash Bags« gestalten. Burger King warb in den USA mit dem punkigen Slogan: Sometimes You Gotta Break the Rules. Der Unternehmensberater Tom Peters gab die Losung »Kreatives Chaos« aus. Und nun reicht auch noch ein Luxusschmuckhersteller den Outsidern ein Sprachrohr. Das hat zwar nichts mit der marktkonformen Zurichtung von »Trash« zu tun. Doch alle genannten Beispiele implizieren eine Anerkennung des »anderen« nicht als Kritik der Herrschaftsverhältnisse, wie sie sich etwa der Autor Leslie Fiedler in den 1960ern erhoffte, sondern vielmehr als Immunisierung gegen das »andere« durch Injektionen abgeschwächter Erreger desselben.

Bezeichnend für diese wohlwollende Immunisierung ist auch die Ausstellungsarchitektur Alessandro Mendinis in der Fondation Cartier, wenngleich sie zum Glück von Ethno-Flair absieht. Stattdessen weisen alle Stellwände knuffig abgerundete Kanten auf, als stünden sie in einem Kinderhort. Ihre Farbenpracht reicht von zartem Babyölblau über giftfreies Grün bis hin zu mildem Zitronensorbetgelb. Die Podeste für die Plastiken wiederum zieren bizarre Miniaturkacheln in cremigen Rosa- und Blautönen – als seien sie von einem Bademeister bei einer Kunsttherapie designt worden.

Das infantilisierende Dekor kann der Dokumentarfilm im Untergeschoss nicht wettmachen, in welchem die Vertreibung des Guarani-Volks aus seinen angestammten Gebieten angeprangert wird. Jean Baudrillard hat einmal auf die ihm eigene ätzende Weise festgestellt, der Westen könne es nun mal nicht ertragen, Vorgefundenes im vorgefundenen Zustand zu belassen. Stattdessen werde es regelmäßig ausgemerzt, um danach als Simulakrum reanimiert zu werden: »Die Amerikaner schmeicheln sich damit, die Zahl der Indianer wieder auf den Stand gebracht zu haben, auf dem sie sich vor der Eroberung befand. Man löscht alles aus und beginnt von vorne. Sie schmeicheln sich sogar, noch besser zu sein und die ursprüngliche Zahl überschritten zu haben. Das ist dann der Beweis für die Überlegenheit der Zivilisation.«

Im Rückspiegel der Historiografie scheinen die Vektoren der Moderne stets in dieselbe Richtung zu weisen: erst Trade, dann Fair Trade. Erst Krise, dann Krisenmanagement. Erst Verfettung, dann Fitness. Erst Ausbeutung, dann Ausstellung. Dass es auch andersherum gehen könnte, predigt der Philosoph Bazon Brock seit Langem. So lautet eines seiner Gebote, man müsse endlich das Unterlassen von Idiotien erlernen, anstatt nachträglich und auf pseudoheroische Weise deren Folgen zu bekämpfen, sie zu ästhetisieren oder sich gar eine »Moralisierung der Märkte« zu erhoffen. In diesem Sinne gliedert sich Histoires de Voir trefflich ein in die lange Liste der dialektischen Verquickungen von Macht, Markt, Kunst und Moral. Am Anfang des Marxismus stand die Baumwollspinnerei der Familie Engels. Am Ende des globalen Identität-Diktats steht die Wiederauferstehung des Nichtidentischen als Kunst.