DIE ZEIT: Frau Ferdigg, Sie waren vier Jahre lang im Deutschen Schulamt von Bozen verantwortlich für Inklusion. Jetzt arbeiten Sie ausgerechnet an einer Förderschule für Lernbehinderte in Frankfurt. Wie kam es dazu?

Rosa Anna Ferdigg: Ich hatte zuvor am italienischen Generalkonsulat in Frankfurt gearbeitet und wollte meiner Tochter vor dem Abitur keinen erneuten Schulwechsel zumuten. Deshalb suchte ich eine Arbeit – dass gerade eine Förderschule eine Lehrkraft brauchte, war Zufall. Vor dem Hintergrund meiner Biografie ist das tatsächlich etwas kurios.

ZEIT: Welche Reaktionen bekamen Sie auf Ihren neuen Job?

Ferdigg: Als ich meiner Tochter erzählte, dass ich an einer Schule mit dem »Förderschwerpunkt Lernen« unterrichten würde, fragte sie: Geht es in anderen deutschen Schulen nicht ums Lernen? Tatsächlich gibt es ja fast nirgendwo anders auf der Welt solche Spezialschulen für sogenannte Lernbehinderte.

ZEIT: Hat die Innensicht einer Sonderschule Ihre Einstellung zur Inklusion verändert?

Ferdigg: Ja. Ich bin noch stärker davon überzeugt, dass Inklusion für alle ein Vorteil und ein separierendes System sehr diskriminierend ist.

ZEIT: Leisten Ihre Kollegen denn keine gute Arbeit?

Ferdigg: Doch, ich begegne jeden Tag Menschen, die sich mit großem Engagement und hoher Professionalität einsetzen. Die Kommunikation ist vorbildlich; laufend tauscht man sich über die Schüler aus. Die fähigsten Lehrer können aber wenig erreichen, wenn das System falsch ist.

ZEIT: Das klingt aber doch ganz vernünftig. Was ist daran falsch?

Ferdigg: Das Sonderschulsystem nimmt den Schülern die Perspektive, etwas zu werden. Nur die wenigsten machen ja einen Abschluss an einer Sonderschule. Das Schlimme ist, dass die Schüler wissen, dass sie keine Chance haben. Das zu erleben tut weh.

ZEIT: Zumindest können Ihre Schüler in kleinen Klassen lernen. Ist das kein Vorteil?

Ferdigg: Manchmal gelingt es tatsächlich, dass drei oder vier Schüler mit einem Lehrer arbeiten. Dass die Förderschule aber jedem Schüler ein individuelles Lernangebot macht, ist ein Mythos. Außerdem fehlt es unseren Schülern an positiven Vorbildern. Statt voneinander zu lernen, verstärken sie sich oft gegenseitig in einem destruktiven Verhalten. Sie wachsen eben in einer Parallelwelt auf.

ZEIT: Glauben Sie denn, dass eine Regelschule mit diesen Kindern zurechtkommen kann?

Ferdigg: Ohne Frage sind das Schüler, die eine Schule besonders herausfordern. Vielen fällt ja nicht nur das Lernen schwer. Sie erscheinen sozial auffällig und können jeden Lehrer an seine Grenzen bringen. Diese Schüler zu integrieren ist viel schwieriger, als ein Kind mit Down-Syndrom aufzunehmen. Aber mit entsprechender Hilfe kann es gelingen.

ZEIT: Sehen Sie keine Grenzen der Inklusion?

Ferdigg: Nein, wo wollen Sie da anfangen? In Deutschland steht stark die Beeinträchtigung im Fokus; dieser versucht man mit einem hohen Spezialistentum zu begegnen. In Italien schaut man eher, was das Kind kann. Wichtig ist aber, dass den Schulen ein engmaschiges Netz von Unterstützern zur Verfügung steht.

ZEIT: Sind Spezialisten überflüssig?

Ferdigg: Natürlich nicht. Aber ich glaube nicht, dass es zum Beispiel eine spezielle Sehbehindertenpädagogik gibt. Es gibt nur eine Pädagogik, die danach fragt, was ein Kind braucht und wie man bestmögliche Lernbedingungen herstellt.