DIE ZEIT: Herr Rabe, von Ihrem Parteifreund Gerhard Schröder stammt der Satz: »Es gibt keine linke oder rechte Wirtschaftspolitik mehr, sondern nur noch moderne und unmoderne.« Gilt das inzwischen für die Bildungspolitik ebenso?

Ties Rabe: Auch in die Bildungspolitik ist der Pragmatismus eingekehrt. Die Ausgangspositionen waren früher sehr viel unterschiedlicher, als sie es heute sind. Das gilt zum Beispiel für das ehemalige Reizthema Ganztagsschule, bei dem sich Teile der CDU deutlich bewegt haben. Andererseits hat auch die SPD dazugelernt: Beim Thema längeres gemeinsames Lernen ist eine Tabula-rasa-Politik in Deutschland nicht mehr vorstellbar. Man hat in beiden politischen Lagern erkannt, dass man die Menschen überzeugen und mitnehmen und dafür auch mal die Schärfe und das Tempo einer Bewegung herausnehmen muss. Das ist sicherlich eine Lehre gerade auch aus dem Hamburger Schulkampf um die sechsjährige Primarschule.

ZEIT: Mit Bildungsthemen lassen sich Wahlen eher verlieren als gewinnen. Geht es in einem Amt wie Ihrem vor allem darum, möglichst unauffällig zu bleiben?

Rabe: In der Tat herrscht in der Bildungspolitik oft eine derartige Aufgeregtheit, ja Hysterie, dass es vor allem darauf ankommt, eine kontinuierliche und behutsame Politik zu machen. Es geht eher darum, Fehler zu vermeiden, als den Versuch zu unternehmen, mit kraftvoller missionarischer Politik auf Wählerfang zu gehen.

ZEIT: Immerhin stehen die Chancen nicht schlecht, dass Sie als gegenwärtiger Präsident der Kultusministerkonferenz ein Stück Bildungsgeschichte schreiben. Sie kämpfen für ein zentrales, bundesweit vergleichbareres Abitur. Was versprechen Sie sich davon?

Rabe: Schon lange wird beklagt, dass es zwischen den Bundesländern erhebliche Unterschiede bei den Abschlüssen gebe, was bereits dazu führt, dass einige Universitäten und Unternehmen dazu übergangen sind, die Abiturnoten aus bestimmten Bundesländern anders zu bewerten. Das Zentralabitur bietet kluge Antworten auf Fragen der Gerechtigkeit, des gemeinsamen Leistungsniveaus und auch auf das Misstrauen gegenüber dem Bildungsföderalismus. Wenn man jedem Bundesland die Freiheit gibt, seinen Weg in der Bildungspolitik zu finden, dann müssen die Menschen umgekehrt die Sicherheit bekommen, dass das, was am Ende dabei herauskommt, nach gleichen Maßstäben für gut oder schlecht gehalten wird.

ZEIT: Ihr Berliner Parteikollege Jürgen Zöllner ist der Meinung, für eine gemeinsame große Linie in der Bildungspolitik brauche es einen Nationalen Bildungsrat. Die SPD hat er damit nicht hinter sich. Was halten Sie von diesem Vorstoß?

Rabe: Das Problem ist doch nicht der Rat, sondern die Tat. Wir können uns in der Bildungspolitik vor wissenschaftlichen Ratschlägen kaum retten. Bildungsforscher, Stiftungen, Initiativen haben die Bildungspolitik entdeckt. Täglich werden wir mit Ideen überflutet. Ich wüsste nicht, welche bisher ungehörten neuen Ratschläge ein solches Gremium geben könnte. Viel schwieriger und zugleich entscheidender ist doch die Ebene des Handelns. Und hier haben solche Ratgebergremien einen Webfehler. Sie geben öffentlich Ratschläge, aber sie müssen sie nicht bezahlen, organisieren, umsetzen und durchsetzen.

ZEIT: Wie groß ist die Angst, der Bund könnte zu viel Einfluss auf die Schulen bekommen?

Rabe: Ich habe keine Angst vor dem Bund, sondern Angst vor neuem bürokratischen Kuddelmuddel. Es darf nicht sein, dass alles noch viel länger dauert und am Ende keiner mehr zuständig ist, weil sich alle gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben können. Im Übrigen: Viele wünschen sich ein bundesweit einheitliches Schulsystem, aber jeder stellt sich darunter etwas anderes vor. Wer es schafft, die Menschen von Garmisch bis Hamburg-Altona für das gleiche Schulsystem zu begeistern, dem biete ich mein Amt an.

ZEIT: Von der Hamburger Schulpolitik sind in den vergangenen Jahren viele Impulse für Schulreformen in ganz Deutschland ausgegangen. Die Abschaffung der Hauptschulen, das Zwei-Säulen-Modell, die Profiloberstufe. Nun wollen Sie auch beim Zentralabitur Vorreiter sein. Bereits 2014 sollen Hamburger Abiturienten mit Aufgaben aus einem gemeinsamen Aufgabenpool versorgt werden. Viel Zeit bleibt da nicht mehr. Eltern, Schüler und Lehrer klagen über ein Tempo, das ausreichende Vorbereitung kaum zulasse.

Rabe: Hier ist zu unterscheiden: Das bundesweite Abitur mit gleich schwierigen Aufgaben kommt 2017. Und eine kleine Gruppe von sechs Bundesländern, zu der Hamburg gehört, sagt: Wir üben schon mal und fangen 2014 an. Hamburg ist allerdings kein Vorreiter, sondern ein Nachzügler: 12 von 16 Bundesländern haben schon jetzt zentrale Prüfungen in Deutsch, Mathe, Englisch und vielen weiteren Fächern.

ZEIT: Dennoch haben die Elternproteste bewirkt, dass Sie bereits Zugeständnisse an einzelne Schulen machen, die mehr Zeit für die Vorbereitung bekommen sollen. Auch beim Thema Ganztagsschulen sind Sie immer wieder zurückgerudert. Warum reagieren Sie so empfindlich auf Druck von außen?

Rabe: Weil ich mit meinem »Rudern« ziemlich erfolgreich bin. Wir werden in gerade drei Jahren 150 neue Ganztagsschulen schaffen. Da ist es doch richtig, sich die Argumente der Gegenseite anzuhören. Ursprünglich war geplant, dass bis 2013 alle Hamburger Grundschulen auf die Ganztagsbetreuung umsteigen und die Horte, die bisher für den Nachmittag zuständig waren, damit überflüssig werden. Nun habe ich diese Frist bis 2015 verlängert. Das hat zu großer Erleichterung geführt, aber die Schulen verlangsamen deshalb nicht ihr Tempo. Tatsächlich werden schon im nächsten Schuljahr 90 Prozent der Hamburger Grundschulen Ganztagsschulen sein.