Logistikkonzern SupremeHotdogs für Kabul

Weshalb die US-Armee mit einer Schweizer Firma um 759 Millionen Dollar streitet. von Ralph Pöhner

Der Demokrat John F. Tierney und der Republikaner Jason Chaffetz waren sich diesmal einig: Es sei »ungeheuerlich«, schrieben die US-Parlamentarier in einem gemeinsamen Kommuniqué, dass das Pentagon womöglich einer einzelnen Firma eine Dreiviertelmilliarde zu viel bezahlt habe – gerade jetzt, wo Amerika Truppen abbauen müsse, weil das Geld nicht mehr reiche. Und so sandten Tierney und Chaffetz, zwei Mitglieder des Kongress-Ausschusses für Nationale Sicherheit, einen langen Frage- und Forderungskatalog an die Supreme Foodservice GmbH, zu beantworten bis spätestens am 4. Juni 2012. Die Adresse des Schreibens: Turbinenweg 2, 8866 Ziegelbruecke, Switzerland.

Denn dort, auf einem umgenutzten Spinnereiareal, liegt das Finanz- und IT-Zentrum eines heimlichen Weltkonzerns. Die Supreme-Gruppe schickt russische Antonow-Transportflugzeuge oder amerikanische Boeing 747 um die Erde, sie taucht im Irak wie im Kosovo auf, im Tschad oder in Liberia, auf den Falklandinseln oder in Darfur. Wo immer ein amerikanischer oder britischer Soldat in eine heikle Mission zieht, folgt ihm Supreme auf den Fersen: Der Logistikkonzern hat sich darauf spezialisiert, die gefährlichen Ecken dieser Welt zu beliefern. Bei Friedens- wie Kampfmissionen beschafft er den Militärs, was sie davor und danach benötigen: Nahrung, Freizeitkleidung, Treibstoff. Und im Angebot findet sich auch die vollständige Ausrüstung für Abstimmungen in abgeschiedenen Gegenden: Urnen, Wahlkabinen, Stempelfarbe, Registerkarten.

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In Afghanistan – und darum geht es jetzt – versorgt die Firma seit 2002 die Einheiten der Nato. Wenn heute ein Bundeswehrsoldat in Masar-i-Scharif ein kühles Bier oder ein G.I. in Bagram einen Hotdog genießt, verdankt er dies auch der Planungsarbeit in Ziegelbrücke. Dort arbeitet zwar nur eine Handvoll Leute für Supreme. Der offizielle Konzernhauptsitz liegt in Amsterdam, das Zentrallager befindet sich im deutschen Münsterland, die Kommunikationsabteilung sitzt in Dubai – in seiner globalen Verzettelung ist das Unternehmen ein Spiegel des westlichen Militärbetriebs. Die konkreten Verträge schloss das Pentagon mit der besagten Supreme Foodservice GmbH in Ziegelbrücke. Hier gingen die Bestellungen ein und die Rechnungen raus: Das lässt sich einem Kontrollbericht entnehmen, den der Generalinspekteur des US-Verteidigungsministeriums vor gut einem Jahr erarbeitete.

Der Report stellt fantastische Geldbeträge infrage. Er moniert zum Beispiel, dass die US-Armee seit 2005 exakt 454,9 Millionen Dollar bezahlt habe, um ihre Afghanistan-Soldaten mit Früchten und Frischgemüse zu versorgen – dabei seien die Transporttarife kein einziges Mal überprüft worden. Weiter habe man 11,8 Millionen Dollar für unnötige Frischhaltegefäße bezahlt. Weiter habe der Lieferant im Jahr 2007 allein für Helikopterflüge wohl 19,8 Millionen Dollar zu viel berechnet. Und so weiter.

Die angezweifelten Beträge addieren sich auf 756,9 Millionen Dollar, die das Pentagon von Supreme Foodservice zurückhaben will; dies bei 5,5 Milliarden, welche der Weltkonzern, den keiner kennt, der Weltmacht seit 2005 insgesamt verrechnet hatte. »Vertragsstreitigkeiten sind nicht ungewöhnlich bei komplexen Abkommen wie diesem«, erklärt die Marketingchefin von Supreme, Victoria Frost, gegenüber der ZEIT. Immerhin habe die US-Armee verlangt, dass ihre Firma mittlerweile 250 Operationsbasen am Hindukusch versorge – bei Vertragsbeginn sei lediglich von vier Standorten die Rede gewesen.

Weitere Details über Supreme Foodservice, ihre Strategie und ihre Vernetzungen gibt es offiziell nicht. Das Unternehmen meidet die Öffentlichkeit. Zu erfahren ist, dass es im Nachkriegsdeutschland von einem ehemaligen G.I. gegründet wurde: Alfred Orenstein, so sein Name, kam 1957 auf die Idee, die Besatzungstruppen am Rhein mit heimischer Kost zu versorgen. Sein Sohn gehört heute noch zu den Inhabern, daneben zählte das US-Magazin Newsweek im letzten November einen luxemburgischen Anwalt und dessen Frau zum Besitzerkreis.

War die Firma im Kalten Krieg lediglich ein braver Zulieferer der U.S. Army in der Bonner Republik, so schaffte sie es danach, mit der Geschichte weiterzuziehen. Von den 1990er Jahren an unterstützte Supreme die Uno in Krisenzonen, etwa 1993 in Mosambik und 1994 in Bosnien. Später wurde ein erster Vertrag mit dem Verteidigungsministerium in London unterzeichnet. Der ganz große Schritt aber folgte nach dem 11. September: Auf den Schlachtfeldern in Afghanistan und Irak kämpfte sich die Supreme Group unter die wichtigsten Zulieferer der US-Armee vor; die Zahl der Angestellten stieg von rund 250 im Jahr 2001 auf heute über 3000.

In der Schweiz hatte sich das Unternehmen da bereits angesiedelt, der hiesige Ableger entstand im Jahr 2000. Als das niederländische Mutterhaus vor drei Jahren ihre Schweizer Tochter umwandelte – von einer AG zu einer GmbH –, wies diese satte 549 Millionen Franken an Vermögenswerten aus. Spätestens dann wurde klar: Supreme hat in der Schweiz mehr als nur einen Briefkastensitz zur Steueroptimierung.

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