WandernDie Lust des Schweizers

Wieso das Wandern mehr ist als ein Nationalsport von Stefan von Bergen

Wenn Ende Mai der Schnee die Bergwege bis auf 2.000 Meter über Meer freigibt, schwärmen im ganzen Land freiwillige Helfer aus. Eilig frischen sie verblichene Markierungen auf oder stabilisieren abgerutschte Wegpassagen. Denn die alljährliche Völkerwanderung in die entlegensten Winkel der Schweiz steht unmittelbar bevor. Kaum ein Volk wandert so eifrig wie die Schweizer. »Eine Zählung gibt es nicht«, sagt der Brienzer Andreas Staeger, Präsident des Vereins Berner Wanderwege. Aber man schätze, dass jeder Dritte oder über 2 Millionen Schweizerinnen und Schweizer regelmäßig wandern. Warum schreiten Scharen von Schweizern freiwillig die schweißtreibende Topografie ihres Landes ab?

Eine erste Antwort: weil sie früh daran gewöhnt werden. Es ist eine helvetische Outdoor-Initiation: Familien gewöhnen ihre Sprösslinge an den forschen Trott über die Kleine Scheidegg, die Rigi oder den Säntis, um ihnen Ausdauer, Natur und Heimat näherzubringen. In der Pubertät finden die Jugendlichen den spannungs- und torlosen Elternsport zwar uncool. »Aber dann sind sie schon infiziert«, sagt Staeger: »Als Erwachsene merken sie, dass sie ja doch gern wandern.« Die Mach Consumer-Studie 2007 bezeichnet das Wandern denn auch als »All-Age-Phänomen« – wie das Lesen der Harry Potter- Romane. Alle Schweizer wandern: 25 Prozent der 14- bis 34-Jährigen, 39 Prozent der bis 55-Jährigen und 35 Prozent der über 55-Jährigen.

Anzeige

»Trends kommen und gehen, Wandern bleibt«, erklärt Wanderpräsident Staeger selbstbewusst. Seine Berner Wanderwege begehen heuer ihr 75-Jahr-Jubiläum. Zu feiern gebe es »das ungebrochene Wachstum eines Erfolgsprojekts«. Der Erfolg schien nicht immer garantiert. In den neunziger Jahren galten rote Wandersocken als bieder, ihre unmodischen Träger wurden verlacht. Doch mit schnittigen Outdoorjacken und farbigen statt kackbrauner Schuhe erlebte das Wandern eine Renaissance. Zu Fuß durch die freie Natur zu gehen entspreche einem in unseren Genen angelegten Urbedürfnis, sagt Staeger. Und gerade weil Wandern weder als kurzlebiger Trend noch als Sport angesehen werde, sei es wohl so populär.

Was sich aber gewandelt hat, ist das Fußvolk. Bis in die siebziger Jahre wanderte man in der Familie oder der geführten Großformation – wie auf den legendären Radiowanderungen, mit welchen der Nationalsender Radio Beromünster ab 1961 an Wochenenden bis zu 1000 Teilnehmer mobilisierte. Heute wandern die Schweizer allein auf einem meditativen Weg zu sich selbst, als Paar, in Freundes-, Frauen- oder Männergruppen. Dem Gruppenwandern treu bleiben die fitten Senioren, die sich an schönen Tagen in den Schweizer Bahnhöfen besammeln.

Auch die Medien haben das Wandern neu entdeckt. TV-Moderator Nik Hartmann zog mit seiner Hündin Jabba Über Stock und Stein . Die Sendung war ein Quotenschlager. Und der Zürcher Tages-Anzeiger beschäftigt mit Thomas Widmer einen eigenen Wanderpapst. Seine Touren, von denen er in der Zeitung oder auf seinem Blog berichtet, schreitet eine wachsende digitale Community nach. Widmer ist nicht nur ein Schön- und Naturwanderer. Er durchquert auch Schwamendingen, legt eine Route am geschmolzenen Atomreaktor in einer Kaverne bei Lucens vorbei und vergisst nie die Einkehr im Gasthof. Mit leichtfüßigen Reflexionen über das Wandern ist er zudem auf einer Metaebene unterwegs. Wandern sei für ihn »eine Kulturtechnik«, sagt Widmer, welche die körperliche Betätigung mit dem Sozialen, der Kultur und dem Kulinarischen verbinde.

Grund zwei für die Schweizer Wanderpassion: Die Topografie ist für das Wandern wie geschaffen. »Auf einem Wanderweg wird das Schweizer Landschaftsideal erfahrbar: die Vielfalt auf engem Raum«, sagt Andreas Staeger. »Man kann mitten in einer größeren Schweizer Stadt vor die Haustür treten und nach ein paar Hundert Metern, geleitet von gelben Wanderwegweisern, sich in ein zusammenhängendes Wegnetz einfädeln, auf dem man zu Fuß von Genf bis nach Romanshorn und ins hinterste Tal gehen kann.« Wandern macht es möglich, dass die Schweizer in einer urbanen Welt leben und sich doch als Landbewohner fühlen. 62.000 Kilometer markierte Wanderwege, anderthalbmal der Erdumfang, durchziehen das Land. Wohl einzigartig ist der Verfassungsartikel, der möglichst viele naturbelassene Wege verlangt.

Dass überhaupt Wanderrouten markiert sind, ist das Verdienst der Schweizer Wandervereine. 1934 wurde in Zürich die Vereinigung »Schweizer Wanderwege« gegründet, bald folgten kantonale Pendants. Auslöser war paradoxerweise das Auto. Früher verkehrten Fahrzeuge und Fußgänger auf derselben Straße. Die Verbreitung des schnelleren Automobils machte eine Entflechtung nötig. Die Ursprünge des Wegnetzes gehen aber viel weiter zurück: bis zu den Walsern und noch weiter bis zu den Römern. Für die einen waren die Alpen eine europäische Transitregion, die anderen zogen in ihnen umher. So wandert man heute auf historischen Pilger- oder Handelsrouten über den Septimerpass ins Veltlin oder den Griespass vom Wallis nach Domodossola. Den Reiz dieser beschwerlichen Routen entdeckten im 19. Jahrhundert ausländische Touristen. Freiwillig zogen sie keuchend durch die grandiosen Landschaften.

Ein dritter Grund für die Schweizer Wanderlust: Es stärkt das Nationalbewusstsein – oder Neudeutsch: das Swissness-Gefühl. Wenn Schweizer wandern, erforschen sie die Heimat – Chum Bueb, und lueg dis Ländli aa hieß eine legendäre Radiowandersendung. Die Wanderwegpioniere der dreißiger Jahre etablierten eine nationale Ikonografie, als sie die Wanderrouten mit Wegweisern und dem Rhombus-Symbol in auffälligem Gelb markierten. Der Bundesrat übernahm es 1936 als Nationalfarbe des Fußverkehrs auch für die Fußgängerstreifen. Der Unterhalt des Wegnetzes durch Freiwillige folgt dem urschweizerischen Milizprinzip. Würden Profis die Wege pflegen, rechnet Staeger vor, müsste das Jahresbudget der Berner Wanderwege von 2,5 Millionen Franken um eine Million Franken erhöht werden.

Typisch helvetisch ist auch das Zusammenspiel von Kartografie und Wandern. Auf den Landeskarten, seit je Ausdruck schweizerischer Präzision, wurden bald Wanderwege verzeichnet. Wanderkarten sind ein Schweizer Genre. Heute sind sie digitalisiert und aus dem Internet abrufbar.

Eine Lieblingsroute von Andreas Staeger führt im Berner Oberland zum Berghotel Obersteinberg. Man gelangt im hinteren Lauterbrunnental in einen gigantischen Bergkessel. Von idyllischen Wiesen erhebt sich das Gelände jäh zu Gipfeln und Gletschern. In dieser Welt ohne Handyempfang sieht man nachts kein elektrisches Licht. Wandern lebe von der Paradoxie, sagt Staeger, dass seine signalisierten Wege in die Unwegsamkeit und wieder aus ihr hinausführen: »Es ist eine Gratwanderung zwischen Risiko und Sicherheit.«

Treffender lässt sich die vorsichtige Psyche der Schweizer nicht beschreiben.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Schweiz | Wandern | Alpen
    Service