Die Schauspielerin Romy Schneider 1962 beim Geigenunterricht © McCabe/Express/Getty Images

Es gibt Filme, die das Bild einer Zeit und einer Stimmung so untrüglich bewahren, als habe ein leibhaftiger Genius Loci Regie geführt. Dieses Bild gibt sich erst nach Jahren in der Dunkelkammer der Filmgeschichte zu erkennen; ganz offenkundig war es nie intendiert und gehört auch nicht zwingend zur Geschichte, die im Film erzählt wird.

Wohl lassen sich die einzelnen Gegenstände und Elemente benennen, die sich fast wie selbstverständlich in einem Frankreich vom Anfang der sechziger Jahre zusammenfinden: die Citroën DS, die schattenlosen Neonschriften von Paris, die schweren Telefone mit ihrem bürokratisch harten Klingelton, die unauslöschliche Gitane, die leeren Landstraßen (aufgeraut von den Rubati fragmentierter klassisch-moderner Streichmusik und flirrenden Jazzphrasen), groß ins Bild gerückte Schlagzeilen und ganze Zeitungsseiten, das Grau-in-Grau einer vermeintlich idyllischen Landschaft und schließlich die heftigen Großaufnahmen von Gesichtern. Hände, Nacken – Botenstoffe aus den Filmen Carl Theodor Dreyers und Ingmar Bergmans, die in die frühen Filme von Jean Luc Godard, Louis Malle und Claude Chabrol unaufhaltsam und bildprägend eingesickert sind. So auch in den ersten Film von Alain Cavalier, Le combat dans l’île.

Ein fast verschollener Film, kürzlich wieder aufgelegt, das Debüt des heute 81-jährigen Regisseurs. Und es ist auch einer der ersten Filme von Romy Schneider in Frankreich – ihre Auferstehung als französischer Star. An ihrer Seite, als maliziöser, autistisch-gewalttätiger Liebhaber Clément: Jean-Louis Trintignant sowie dessen früherer Freund, dann Todfeind Paul, gespielt von dem stillen Henri Serre.

Die Nachwehen des gerade erst beendeten Algerienkriegs machen sich von Anfang an bemerkbar und liefern die Folie für eine mörderische Geschichte. Im Auftrag einer rechtsradikalen Zelle soll Clément einen liberalen Politiker ermorden; dass er die psychische Energie dafür aufbringt, demonstriert der Film gleich zu Beginn mit Cléments krud eifersüchtigem, erbarmungslos verletzendem Verhalten gegenüber seiner Freundin Anne (Romy Schneider).

Der Satz Oscar Wildes Yet each man kills the thing he loves ist Clément auf die Stirn geschrieben. Was ihm wie Liebe wähnt, sind immer neue, wie aus dem Nichts aufbrechende Akte gewalttätiger Nähe. Anne selbst hat, um dieser schrecklichen Liebe willen, das Einzige aufgegeben, was sie hatte und dessen sie sich nie sicher sein konnte: ihre Liebe zum Theater – und hier erlaubt sie sich die Bemerkung, sie könne nicht mehr spielen, auch weil ihr (deutscher) Akzent ihr im Wege stehe.

Als Clément nach dem scheinbar politischen Attentat, welches von den wirtschaftlichen Konkurrenten seines Vaters inszeniert worden ist und sich bald als eine Falle herausstellt, mit Anne flieht und die beiden Unterschlupf in der ländlichen Idylle seines Freundes aus Kriegstagen finden, stülpt sich die bis dahin in den politischen Alltag gerichtete Gewalt nach innen und entfaltet sich im melodramatischen Dreieck zwischen Clément, Anne und Paul.

Der von Clément erzwungene Showdown zwischen den früheren Blutsbrüdern wird mit ungewöhnlicher Ausführlichkeit inszeniert und lässt die anfänglich deutlich spürbare politische Unterströmung zurücktreten und den Film in einem privaten Inferno enden. Beeindruckend, ja herausragend an diesem film noir ist Romy Schneider. Die Art und Weise, wie sie ihre Gesichter und Haltungen verschwenderisch preisgibt, ist ein Akt der Befreiung, der sie zu einer ganz und gar französischen Schauspielerin macht, die den deutschen Film hinter sich gelassen hat. Es ist weniger ihr billet d’entrée in ein anderes Land als ein billet doux an den französischen Film.

Anders als im Kino, wo das Ende des Films auch das Ende der Vorstellung ist, verbergen sich auf den Extras der DVD einige Überraschungen, die dazu angetan sind, die Geschichte in einem ganz anderen Licht zu sehen. In dem kurzen Beitrag faire la mort (den Tod geben) hat der Regisseur Cavalier die Szenen schierer körperlicher und bewaffneter Gewalt seines Films noch einmal Revue passieren lassen.

Cavalier bekennt mit altersschwacher Stimme wie jemand, der sich mühsam seiner Jugendsünden erinnert, dass er heute nicht mehr verstehen könne, wie er je habe glauben können, der Film, die Kinematografie, sei in der Lage, den (gewaltsamen) Tod – faire la mort – glaubwürdig darzustellen; das Kino sei dazu ebenso wenig imstande wie faire l’amour. Diese tiefe Verwunderung über die Verkennung der Mittel seines Metiers sei ihm schlagartig klar geworden, als er unmittelbar nach dem Tod seines Vaters in dessen Zimmer gegangen sei und das Gesicht des Toten gefilmt habe. Er zeigt diese Aufnahme und gleich anschließend das Bild seiner aufgebahrten Mutter. Keine Fiktion sei imstande, es diesen Bildern gleichzutun. Ein Widerruf, der nachdenklich macht.

Le Combat dans l’île« (1962) von Alain Cavalier, erschienen bei Arte, 2 DVDs