Beate Zschäpe im Sommer 2004 © Handout / Reuters

Als Beate Zschäpe am 4. November 2011 aus dem brennenden Haus in der Zwickauer Frühlingsstraße rennt, schaut sie sich ein letztes Mal um. Eben noch ist sie mit einem Kanister in der Hand durch ihre Wohnung gelaufen, hatte Brandbeschleuniger auf das Hochbett und den Kühlschrank geschüttet, auf den Kratzbaum der Katzen und über den Computer, auf dem sie gerade noch nach einem Medikament gegen Übelkeit gegoogelt hatte. Dann hatte sie sich die »Paulchen Panther«-Bekenner-DVDs genommen und einige Kleidungsstücke, hatte die Wohnung in Brand gesetzt und war die knarzenden Holztreppen hinunter ins Freie gelaufen. 75.000 Euro Bargeld ließ sie im Haus zurück.

Als Zschäpe auf die Straße tritt, zerreißt ein Knall die Stille in Zwickau-Weißenborn. Die Explosion sprengt die Außenfassade des Hauses weg. Zschäpe kann noch einmal in die Wohnung sehen, von der jahrelang der Neonazi-Terror ausging. Dünne Flammen züngeln über den Fußboden, das Bett und die Wände, Fenster bersten, Glas prasselt auf die Straße. Es ist 15 Uhr. Drei Stunden zuvor haben sich ihre beiden Komplizen selbst gerichtet.

Über sechs Monate haben Ermittler des Bundeskriminalamts und der Generalbundesanwaltschaft Tausende Aktenseiten sowie 9,3 Terabyte Daten von Festplatten des Verbrechertrios ausgewertet und Hunderte Augenzeugen vernommen. Aus den Erkenntnissen ergibt sich heute ein sehr präzises Bild, was in den letzten Stunden vor Beate Zschäpes Verhaftung geschah.

Sie trägt an jenem Novembertag des vergangenen Jahres eine schwarze Hose, eine schwarze Fleecejacke und rotbraune Lederschuhe. Ihre dunkel gefärbten Haare fallen ihr über das runde Gesicht hinter der rahmenlosen Brille. In ihren Händen hält sie zwei Körbchen mit ihren Katzen Lilly und Heidi.

Am Ende rettet die Frau, die mit zwei Mördern zusammenlebte, ihre Katzen

Während Zschäpe aus dem Gebäude rennt, sieht sie eine Nachbarin vor dem Einfamilienhaus gegenüber stehen. Zschäpe stoppt und fragt die Nachbarin, ob sie auf die Katzen aufpassen könne. Die Nachbarin nickt, Zschäpe stellt ihr die Katzenkörbe vor die Füße, holt ein rotes Handy aus der Tasche und läuft in Richtung Innenstadt. Die Polizei wird bald da sein.

Zschäpe ist 36 Jahre alt, sie hat soeben alles verloren: ihre Familie, ihre Freunde, ihre Männer – und ihren Lebenssinn. Fast 14 Jahre lang hatte sie mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) gelebt. Mindestens zehn Morde an türkisch- und griechischstämmigen Kleinunternehmern und einer Polizistin sowie zwei Nagelbombenanschläge und mindestens 15 Überfälle werden der Gruppe vorgeworfen.

Zschäpe flieht an jenem Novembernachmittag vor der Polizei und vor ihrem bisherigen Leben. Während die Flammen den Dachstuhl des Hauses erreichen, versucht sie mit ihrem Handy André E. zu erreichen: den wichtigsten Unterstützer des Trios in den vergangenen Jahren. Nach zwei Kilometern Irrlauf durch Zwickau holt André E. sie mit seinem Auto ein und fährt mit ihr raus aus der Stadt. Zschäpe denkt an Selbstmord, sie will sich vor einen Zug werfen. So erzählt sie es einem Polizisten, als sie später in Untersuchungshaft sitzt.

Doch sie muss den Männern ihres Lebens noch zwei Wünsche erfüllen. Zschäpe bittet André E., sie zum Hauptbahnhof zu fahren.

Die Frau, die an diesem Abend im Zwickauer Bahnhof direkt an der Wache der Bundespolizei vorbeiläuft, ist nicht nur die einzige Überlebende der Terrorgruppe, die sich NSU nannte – sondern auch eine der wenigen rechtsradikalen Terroristinnen überhaupt. Für den Generalbundesanwalt ist Beate Zschäpe die wichtigste Angeklagte im Verfahren gegen die »Braune Armee Fraktion«. Bisher schweigt sie. Wenn die Hauptverhandlung vor dem Bundesgerichtshof gegen den NSU beginnt, wird Zschäpes Verhalten über den Prozessverlauf mitentscheiden. Die Tatverdächtige ist auch die letzte Zeugin. Sie könnte am meisten dazu beitragen, die Taten und das Motiv der Zelle zu beleuchten, aber ihre Person ist auch entscheidend für die Staatsanwaltschaft, die wahrscheinlich in diesem Herbst die Anklageschrift vorlegen wird. Sollte dann das Gericht Beate Zschäpe nicht nachweisen können, von den Morden und der rechten Ideologie gewusst zu haben, wird es schwer, den NSU als »terroristische Vereinigung« zu verurteilen. Denn eine Bande zählt in Deutschland erst als Terrorgruppe, wenn sie mindestens drei Mitglieder hat: Böhnhardt, Mundlos – und Zschäpe.

Zwar laufen gegen insgesamt 16 mögliche Helfer der Gruppe Ermittlungsverfahren, zwei von ihnen sitzen derzeit in Haft. Aber oft wussten die Unterstützer nicht einmal etwas voneinander, sodass sie mit dem Begriff »terroristische Vereinigung« schlecht zu fassen sind. Nur das Trio gab sich einen Namen und ein Logo und kannte das Ausmaß der Taten. Die Helfer, wie André E., führten die Aufträge der Zelle aus, mal mieteten sie Wohnungen und Autos, mal besorgten sie Waffen oder Ausweise und Bahncards. Beate Zschäpe ist die einzige noch lebende Aktivistin, bei der alle Stränge zusammenlaufen.

Dennoch ist bisher wenig über Zschäpe bekannt, nach dem Auffliegen der Terrorzelle wurde meist über die beiden Männer berichtet. Wer ist Beate Zschäpe? Was trieb sie an? Zschäpe selbst äußert sich gegenüber der ZEIT nicht. Aber einige ihrer früheren Kameraden sprechen, ehemalige Nachbarn, Freunde, diverse Augen- und Ohrenzeugen.

Am Zwickauer Bahnhof steigt Zschäpe an jenem Novembertag des Jahres 2011 in einen Zug nach Chemnitz. Sie hat jetzt keine Vertrauten mehr, bei ihrer Mutter und ihrer Großmutter hat sie sich seit über einem Jahrzehnt nicht gemeldet. Den Kontakt zu früheren Freunden hat sie seit ihrem Untertauchen konsequent gemieden. Sogenannte Kameraden der rechten Szene glauben, Beate Zschäpe lebe im Ausland oder sei auf Kreta gestorben.

In Chemnitz wurde die Zelle geboren. Hier fand Zschäpe 1998 ihren ersten Unterschlupf, nachdem sie mit Mundlos und Böhnhardt untergetaucht war. Die Rollen innerhalb des Trios waren von Anfang an klar verteilt: Mundlos, der belesene Ideologe, war der Kopf. Böhnhardt, der Waffennarr, war die Faust. Und Zschäpe war die Hausfrau und Mutter der »Familie« – so nennt Zschäpe das Verbrechertrio später in Untersuchungshaft selbst.

Die Männer brechen zu ihren Mordtouren auf, und Nachbarn sehen Zschäpe im Garten Wäsche aufhängen. Sie kocht fast jeden Tag. Hausbewohner sagen, es habe immer appetitlich aus der Wohnung gerochen. Für ihre beiden Männer backt Zschäpe auch schon mal Plätzchen oder ihre Lieblingskuchen aus Kindertagen. In der Küche finden Polizisten später das Buch Dr. Oetker: 1000 – Die besten Backrezepte.

Beate Zschäpe ist vermutlich Halbrumänin

Zschäpe organisiert den Alltag der Zelle: Sie leiht mehr als 300 Filme und Egoshooter-Computerspiele bei einer Videothek in Zwickau und kauft den Männern Brillen. Wenn Böhnhardt und Mundlos planen, eine Bank auszuspionieren oder einen Menschen zu erschießen, sucht Zschäpe ihnen Unterkünfte in der Nähe, zum Beispiel Campingplätze oder Mietwohnwagen. Das haben Kriminaltechniker rekonstruiert, die Zschäpes Festplatte untersucht hatten. Außerdem verwaltet Zschäpe das Geld der Gruppe. Urlaubsbekanntschaften erinnern sich, dass Zschäpe alle Rechnungen bar bezahlte, oft lugten aus ihrem Portemonnaie die großen Scheine.

Die Generalbundesanwaltschaft geht davon aus, dass Zschäpe »eine Art emotionaler Mittelpunkt dieser Gruppe« war. So sagt es der stellvertretende Generalbundesanwalt Rainer Griesbaum. »Aus unseren Ermittlungen können wir schließen, dass sie wesentlichen Einfluss hatte zum Beispiel auf die finanziellen Regelungen innerhalb der Gruppe und dass sie aber auch die Ideologie der Gruppe stark vertreten hat.«

Ihr halbes Leben verbrachte Beate Zschäpe mit den rechtsextremistischen Killern Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Sucht sie bei den beiden etwas, was sie woanders nicht gefunden hatte?

Von Beginn ihres Lebens an wurde Beate Zschäpe das Gefühl vermittelt, nicht gewollt zu sein und nicht geliebt zu werden. Als ihre Mutter Annerose A. am 2. Januar 1975 mit Verdacht auf Nierenkoliken ins Krankenhaus eingeliefert wird, hofft sie auf einen Arzt, der ihren krampfartigen Schmerz im Unterleib behandelt. Doch Annerose A. ist nicht krank. Sie bekommt ein Kind, sie liegt in den Wehen.

Annerose A. ist damals 22 Jahre alt. Niemand habe die Schwangerschaft bemerkt, heißt es, sogar eine befreundete Krankenschwester ahnte nichts. Die junge Mutter hat einen – in der DDR begehrten – Studienplatz für Zahnmedizin in Bukarest bekommen. Sie will die Ausbildung in Rumänien nicht verlieren.

Zwei Wochen nach der Geburt gibt die Mutter das Baby Beate zur Oma

Als Annerose A. zwei Wochen nach der Geburt zurück nach Rumänien geht, lässt sie ihr Baby in Jena zurück. In Bukarest wartet jemand auf sie: Parallel zu ihrem deutschen Freund hat Annerose A. einen rumänischen Geliebten. Dieser Mitstudent sei Beates Vater, wird die Mutter dem Bundeskriminalamt in einer Zeugenvernehmung sagen. Der jedoch erkennt die Vaterschaft bis zu seinem Tod im Jahr 2000 nicht an.

Beate Zschäpe, die Frau, die als Erwachsene alles dem Hass auf Ausländer unterordnen wird, ist vermutlich Halbrumänin. Nach allem, was man heute über sie weiß, hat sie ihre Herkunft gekannt.

In Jena kümmert sich zuerst die Großmutter um das Baby, im Alter von zwölf Wochen kommt das Mädchen in die Kinderkrippe. Als Beate ein halbes Jahr alt ist, nimmt der deutsche Freund von Annerose A. das Kind zu sich. Mit dem Mann, einem alten Jugendfreund, war A. erst zwei Tage vor Beates Geburt zusammengekommen. Während eines Urlaubs heiratet A. ihn. Beate erhält zunächst seinen Nachnamen.

Beate Zschäpes Mutter möchte sich gegenüber den Medien nicht äußern, aber der Stiefvater gibt der ZEIT sein bisher einziges Interview. »Mit dem Kind war ich länger zusammen als mit der Mutter«, sagt er. Während des Gespräches in seinem Haus in Thüringen schweigt er oft, ein Ratloser auf der Suche nach Erklärungen. Er verstehe bis heute nicht, sagt der Stiefvater, wie Annerose A. ihr eigenes Kind so im Stich lassen konnte, ganz am Anfang seines Lebens.

Nach Annerose A.s Rückkehr aus Rumänien zerbricht die Beziehung bald, Beates Stiefvater wirft seine Frau aus der gemeinsamen Wohnung, das Paar lässt sich scheiden. Die Mutter heiratet wieder, lässt sich nach drei Jahren erneut scheiden. Einen richtigen Vater, sagt sie den Ermittlern später, habe ihre Tochter Beate nie gehabt.

In den ersten drei Jahren seines Lebens trägt das Mädchen Beate drei Nachnamen: zuerst den Namen der Mutter, dann den Namen des Stiefvaters und schließlich den Namen des zweiten Ehemanns ihrer Mutter: Zschäpe.

In den knapp 15 Jahren von ihrer Geburt bis zur Wende zieht Beate mit ihrer Mutter sechs Mal in Jena und Umgebung um. Die letzte gemeinsame Wohnung ist ein einziges Zimmer mit Schlafnische, das sich Mutter und Tochter teilen. Die Mutter verliert ihre Jobs, Geld ist knapp. Beate lernt früh, mit wenig auszukommen.

Oft gibt die Mutter ihr einziges Kind zur Oma. Bei ihr, so scheint es, fühlt sich Beate geborgen. Im Sommer fahren die Großeltern mit ihrer Enkelin im grauen Trabant aus der Stadt hinaus in ihren kleinen Garten. Dort spielt das Mädchen im Wald, klettert in Ruinen, kriecht in Höhlen. Nach ihrer Verhaftung im Jahr 2011 wird Beate Zschäpe sagen, dass sie ein »Omakind« gewesen sei.

Das Verhältnis zu ihrer Mutter wird mit den Jahren immer schlechter. Zu Hause ist Beate Zschäpe selten, wird immer öfter beim Schwarzfahren und Stehlen erwischt. Wenn die Tochter heimkommt und die Mutter mit ihr reden will, knallt das Mädchen die Tür seines Zimmers zu.

Kurz nach der Wende geht Zschäpe Rechtsradikale "klatschen"

Nach der Wende verliert die Mutter ihre Stelle als Buchhalterin beim Kombinat VEB Carl Zeiss Jena und wird arbeitslos. Sie ist von der Kündigung geschockt, sitzt meist nur noch zu Hause herum. Der Freund, den Annerose A. nun hat, kommt mit ihrer Tochter nicht klar. Ständig gibt es Streit. Sucht Beate Zschäpe nach einer Gemeinschaft, die sie akzeptiert, wie sie ist? Es sieht so aus.

Kurz nach der Wende geht Zschäpe Rechtsradikale »klatschen«

Mit 14 schließt sie sich im Neubaugebiet Winzerla einer Jugendgang an. In der Gruppe sind Punkerinnen mit rot gefärbten Haaren und Nasenringen, aber auch ganz unpolitische Jugendliche. Die Gruppe nennt sich »Die Zecken« und hält sich selbst für politisch links. Wenig später besucht Zschäpe gern den Jenaer Nachtclub Kassablanca, in dem alternativ eingestellte Jugendliche zu Ska und Reggae tanzen.

Nicht nur für Zschäpe sind diese Monate eine Phase der Suche und des Wandels. 1989, das letzte Jahr der DDR, eines Niemandslandes zwischen den Systemen. Die alte Ordnung ist untergegangen, eine neue gibt es noch nicht, Deutschland wartet auf die Wiedervereinigung. Es ist eine Zeit, in der die Dinge verrutschen.

Zschäpe macht mit, als die »Zecken« planen, einen als »Glatzentreff« verschrienen Jugendtreff zu überfallen und ein paar Rechte zu »klatschen«. Daran erinnert sich Cornelia Z., die damals dabei war. Beate habe sich nur selten politisch geäußert, stattdessen die Jugendzeitschrift Bravo gelesen: »Beate war damals der lebenslustige Mensch, der nicht so auf eine politische Einstellung aus war. Sie wollte einfach nur ihr Leben genießen.«

Zwei Jahre später – im Herbst 1991, als Neonazis ein Ausländerwohnheim in Hoyerswerda angreifen und dabei von mehreren Hundert Anwohnern mit Applaus angefeuert werden – lernt die 16-jährige Beate in Jena den zwei Jahre älteren Uwe Mundlos kennen. Gemeinsam brechen sie in den rechten Jugendtreff ein, öffnen einen Tresor, klauen Zigaretten und 200 D-Mark. Die beiden lieben sich. Und sie verloben sich.

Zwanzig Jahre später: In den frühen Morgenstunden des 5. November 2011 kommt Beate Zschäpe in Chemnitz an, sie hat die Nacht im Zug und auf der Straße verbracht. Um 7.54 Uhr wählt sie die Nummer der Familie Mundlos. Uwe Mundlos’ Mutter nimmt ab. Der Uwe, sagt Beate Zschäpe, sei nicht mehr am Leben.

In die Luft gesprengt habe Uwe sich, es sei doch groß in den Nachrichten berichtet worden. Die Mutter hört erschrocken zu, sie wusste davon nichts. Nie mehr werde sie anrufen, sagt Beate Zschäpe noch, dann legt sie auf.

Beate Zschäpe läuft zurück zum Chemnitzer Bahnhof und steigt in einen Regionalexpress nach Leipzig. Zuvor hat sie bereits Uwe Böhnhardts Mutter angerufen.

Den ersten Auftrag ihrer Kameraden hat sie damit erledigt, jetzt muss sie noch den zweiten erfüllen.

In Leipzig angekommen, wirft Zschäpe in der Innenstadt mindestens zwölf Umschläge in einen Briefkasten. In den Tagen danach erhalten Büros der Linkspartei, die Bild- Zeitung, das türkische Generalkonsulat, Moscheevereine, aber auch ein Neonazi-Versand Kopien des NSU-Bekennervideos. Es zeigt 15 Minuten Häme gegen die Opfer der Terrorzelle im Gewand eines Comicstrips des rosaroten Panthers. Die DVD ist das politische Testament der Neonazi-Gruppe, mit der Veröffentlichung des Videos wird der sogenannte Nationalsozialistische Untergrund schlagartig bekannt. Für Beate Zschäpe soll ihr Leben im Untergrund nicht umsonst gewesen sein. Und für die beiden Männer nicht der Tod.

Fast zwanzig Jahre haben die drei zusammen verbracht. Ganz am Anfang ist Beate für die Männer nur eine Freundin, ein liebes Mädchen. Sie trägt damals schulterlange Haare, dazu Jeans, T-Shirt und Lederjacke, ganz normale Kleidung. Wie ein Skingirl sieht sie nie aus. Bekannte beschreiben Zschäpe als »ein liebes, nettes, aufgeschlossenes Mädel«. Ihr Traumberuf ist Kindergärtnerin. Doch sie bekommt keine Lehrstelle und startet mit einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme als Malergehilfin in der Jugendwerkstatt der Stadt Jena ins Berufsleben. Später fängt sie eine Ausbildung zur Gärtnerin an, Fachrichtung Gemüsebau.

Während der Lehre verlässt sie ihren Freund Uwe Mundlos. Als der seinen Wehrdienst ableistet, verliebt sich Zschäpe in einen Jüngeren: Uwe Böhnhardt, den besten Freund von Mundlos. In dieser Zeit soll Zschäpe damit angefangen haben, rechte Sprüche zu klopfen, sagt Siegfried Mundlos, der Vater von Zschäpes Exfreund.

Das war damals nichts Auffälliges, jeder Zweite in Zschäpes Umfeld trug eine Bomberjacke. Neonazis und Skinheads waren in den Neunzigern in einigen Städten die tonangebende Jugendkultur, so wie heute Hip-Hop in manchen Vierteln Berlins. Wenn Zschäpe jetzt mit Rechten unterwegs ist, zeigt sie ihre andere Seite: Während einer Schlägerei in einer Bar zieht sie einem Sicherheitsmann eine Bierflasche über den Kopf. Menschen, die anderer Meinung sind, tritt sie sehr aggressiv gegenüber. Sie prügelt sich manchmal.

Als eine Punkerin sie während einer Zugfahrt »blöd angeguckt« habe, erinnert sich einer ihrer damaligen Begleiter, habe ihr Beate »direkt eine reingehauen«.

In der rechten Szene lernt sie das Gefühl von Gemeinschaft

Ein Zielfahnder des Landeskriminalamts Thüringen, der Zschäpe in den Neunzigern vernimmt, schilderte sie als berechnend und gefühllos.

Obwohl Uwe Mundlos von Zschäpe verlassen wurde, sucht er weiterhin ihre Nähe. Soweit heute bekannt, wird Mundlos nach Zschäpe nie wieder eine andere Freundin haben. Einer seiner Jugendfreunde sagt: »Nur weil Uwe sie noch so geliebt hat, konnte das Trio entstehen.« Von da an verbringt Zschäpe ihre Zeit mit den beiden Uwes, dem aktuellen und dem ehemaligen Liebhaber.

Mundlos und Böhnhardt werden für Zschäpe zur Ersatzfamilie. Bei den beiden Männern findet sie, was sie von zu Hause nicht kannte: Wärme, Geborgenheit und Treue – das alles sogar über eine Trennung hinaus. Auf der Suche nach Liebe entdeckt sie auch den Hass.

Erst ist sie Mundlos’ Freundin, dann Böhnhardts – die drei isolieren sich

Von 1995 an beschleunigt sich die Radikalisierung dieser drei Menschen, die sich so sehr aneinander festhalten, dass sie bald nur noch als »die Drei« bekannt sind. Regelmäßig besuchen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt die Treffen der rechten »Kameradschaft Jena« und später auch die Zusammenkünfte des »Thüringer Heimatschutzes«, einer Gruppe rund um den Neonazi und Verfassungsschutz-V-Mann Tino Brandt. Bald beschließen sie, dass »man mehr machen müsse«, erinnert sich Holger G., ein Kamerad von früher.

Noch im September 1995 soll Zschäpe zusammen mit Böhnhardt am Denkmal für die Opfer des Todesmarsches von Buchenwald eine Bombenattrappe abgelegt haben, heißt es in einem Aktenvermerk des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Im selben Monat werfen die beiden rohe Eier auf das Mahnmal für die Opfer des Faschismus im thüringischen Rudolstadt. Der Verfassungsschutz beginnt, Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt zu beobachten.

Das Trio verbringt jetzt die gesamte Freizeit in der braunen Szene. Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt fahren zu Konzerten des rechten Liedermachers Frank Rennicke. Sie laufen bei Rudolf-Heß-Gedenkmärschen mit. Hier erleben sie das Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit, nach dem die drei gesucht haben.

Mit mindestens acht Bombenattrappen, denen auch echter TNT-Sprengstoff beigelegt ist, versetzt das Trio von 1996 bis 1998 seine Heimatstadt Jena in Schrecken. Die Kisten mit den aufgemalten Hakenkreuzen finden Kinder und Passanten vor dem Theater, unter einer Tribüne im Fußballstadion des FC Carl Zeiss Jena, vor einer Gedenkstätte zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus. In den Silvestertagen 1996 gehen Briefbombenattrappen bei der Polizeiinspektion, dem Ordnungsamt und der Jenaer Lokalredaktion der Thüringischen Landeszeitung ein. Die Garage, in der die Bombenattrappen hergestellt werden, hat Beate Zschäpe angemietet.

Außerdem engagiert sie sich in der später als verfassungsfeindlich eingestuften und verbotenen »Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e. V. (HNG)«. Für den Verein besucht Zschäpe »politische« Häftlinge der rechten Szene in Gefängnissen. Aber all das ist ihr, Mundlos und Böhnhardt bald nicht mehr genug. Sie wollen nichts mehr mit den »Stadtglatzen« zu tun haben, die sich nur für Saufen und Prügeln interessieren. Mundlos liest Hitlers Mein Kampf, die drei empfinden sich bald als Elite der rechten Szene. Die Sprüche der Kameraden reichen ihnen nicht mehr. Es geht ihnen jetzt um Taten, nicht mehr um Worte. Als das Landeskriminalamt Thüringen im Januar 1998 die »Bombenwerkstatt« in der von Zschäpe angemieteten Garage entdeckt, taucht das Trio unter und wird endgültig zu einer Zelle. Die nächsten 13 Jahre und neun Monate sind Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos auf der Flucht.

Am drittletzten Tag dieser Flucht, am 5. November 2011, fährt Beate Zschäpe mit einem ICE nach Eisenach. Zuvor hat sie in Leipzig die Propagandavideos in den Briefkasten geworfen. In Eisenach angekommen, läuft sie unauffällig durch das Wohngebiet, in dem sich Mundlos und Böhnhardt einen Tag zuvor in ihrem Wohnwagen erschossen haben. Zschäpe will den Ort noch einmal sehen, an dem ihre Familie zerbrach.

Dann fährt sie im Zickzack durch die Republik. Am Zugfenster fliegen Städte wie Bremen, Hannover, Uelzen und Magdeburg vorbei. Später kommt sie zurück nach Eisenach, fährt weiter nach Weimar, dann nach Halle an der Saale.

Diese Frau im Zug, berichten Augenzeugen, habe auf sie gewirkt wie unter Schock. Zu diesem Zeitpunkt sei Zschäpe bereits äußerlich verwahrlost gewesen und habe ausgesehen, als habe sie tagelang nicht geduscht.

Zum Arzt geht Zschäpe mit falschen Papieren – auf den Namen »Silvia«

Als Beate Zschäpe am Vormittag des 7. November 2011 in Halle ankommt, verlässt sie schnell den Bahnhof – nur fort von den Überwachungskameras und dem Revier der Bundespolizei – und streift dann ziellos durch die Innenstadt. Sie überquert Plätze und schlendert an Geschäften entlang. Eine Frau sagt später, Zschäpe habe mit offenen Augen geträumt. Zschäpe schaut nicht nach rechts und links, als sie bei Rot eine Straße mit Schienen überquert. Ein lautes Quietschen ertönt, eine Straßenbahn bremst hart ab, im letzten Moment kann Zschäpe zur Seite springen.

Zitternd taumelt sie einer alten Frau in die Arme. Die beiden setzen sich auf eine Bank und gehen dann noch einen Kaffee trinken. Das Glockenspiel des Roten Turms am Hallmarkt spielt.

Auf die Rentnerin wirkt Zschäpe aufgewühlt, verängstigt, eingeschüchtert. Als die alte Frau Zschäpe zurück zum Bahnhof begleitet und sie dabei stützt, trägt die Rentnerin Zschäpes Leopardenoptik-Handtasche. Immer wieder schaut sich Zschäpe um. »Ich bin Beate... es reicht, wenn Sie da sind und mir Ruhe und Sicherheit geben«, sagt sie. Es ist das erste Mal seit Langem, dass sich Zschäpe einem fremden Menschen mit ihrem echten Namen vorstellt.

Die Nachbarn mögen die junge Frau und nennen sie "Diddl-Maus"

In den vergangenen Jahren nannte sich Zschäpe unter anderem Bärbel, Lisa, Susann, Liese, Silvia sowie Mandy. Mindestens elf Alias-Namen werden die Ermittler des BKA später zählen. Die Dokumente für die Tarnidentitäten stammten von Bekannten, manchmal benutzte Beate Zschäpe auch Ausweise, die Diskobesucherinnen oder Rentnerinnen gestohlen wurden. Die AOK-Versichertenkarte, mit der Beate Zschäpe unter dem Namen Silvia zum Arzt ging, hatte ein Unterstützer der Frau eines vorbestraften Skinheads für 300 Euro abgekauft und an das Trio weitergegeben.

Die unauffälligen Alias-Persönlichkeiten halfen Zschäpe, der Zelle in der Öffentlichkeit den Anschein einer gewöhnlichen Wohngemeinschaft zu verleihen. Während Mundlos und Böhnhardt Menschen ermorden, Nagelbomben legen und Banken überfallen, wahrt Zschäpe die biedere Fassade. Auch deshalb kann die Zelle so lange unerkannt töten.

Die Nachbarn mögen die junge Frau und nennen sie »Diddl-Maus«

Kurz nach dem Einzug im März 2008 in die Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße 26, das letzte Versteck des NSU, stellt sich Zschäpe den Nachbarn vor – als Susann Dienelt oder mit ihrem Spitznamen Liese. Bevor es Tuscheleien im Haus gebe, wolle sie klarstellen, dass einer der beiden Mitbewohner ihr Freund sei und der andere sein Bruder. Einer Nachbarin vertraut Zschäpe einmal an, dass sie zwar schon 19 Jahre mit ihrem Freund zusammen sei, sie trotzdem noch regelmäßig Sex hätten. Kinder konnte Zschäpe nicht bekommen, weil ihr bei einer Operation die Eierstöcke entfernt worden waren. Ihre beiden Katzen Lilly und Heidi waren für Zschäpe alles. »Das waren ihre Babys«, sagt eine Nachbarin.

»Frau Zschäpe benahm sich den Männern gegenüber wie eine Ehefrau – nur für zwei Männer«, sagte ein Unterstützer des Trios. Nach innen hält Zschäpe die Gruppe emotional zusammen, nach außen ist sie die Botschafterin der Zelle. Schnell ist sie bei den Nachbarn beliebt. Der Hausmitbewohner Peter F. bringt hin und wieder frische Gurken, auch Nachbar Olaf B. schließt Zschäpe in sein Herz. Als er mit einigen Freunden hinter dem Haus sitzt und Bier trinkt, kommt überraschend Zschäpe vorbei und spendiert eine Familienpizza. Immer öfter, erzählt B., habe sich Zschäpe zu den Nachbarn gesetzt. Sie habe nie Bier getrunken, lieber Prosecco oder einen Schaumwein, den sie selbst mitgebracht habe. Die Nachbarn nennen Zschäpe »Diddl-Maus«.

Mundlos und Böhnhardt bleiben stets im Hintergrund. »Die waren sehr unscheinbar. Alles, was Öffentlichkeitsarbeit war, hat die Frau gemacht. Die Männer haben einem nie direkt in die Augen geschaut, nie gegrüßt«, erinnert sich ein Nachbar aus dem Haus gegenüber.

An einem anderen Wohnort half Zschäpe alleinstehenden Nachbarinnen auch mal, indem sie am Monatsende deren Einkäufe bezahlte oder mit deren Kindern spielte. Wenn Nachbarinnen heute über sie reden, dann fällt oft ein Wort: Vertrauen. Einmal trifft Beate Zschäpe eine Nachbarin in der Zwickauer Innenstadt und sagt ihr, dass sie ein Mobiltelefon mit Prepaidkarte brauche – aber leider habe sie ihren Ausweis zu Hause liegen lassen. Die Nachbarin erweist ihr den Gefallen und registriert das Handy auf ihren Namen. Zschäpe bedankt sich bei der Hartz-IV-Empfängerin mit einem 50-Euro-Schein.

In die Fenster ihrer Wohnung in der Frühlingsstraße hängt Zschäpe Rüschengardinen. Sie stellt Blumenkästen auf, vor der Dusche liegt ein Badvorleger, am Kühlschrank pinnt eine Autogrammkarte von »Cindy aus Marzahn«.

Alles diente der Tarnung: In einem Schrank nahe der Wohnungstür liegen bis zuletzt eine Maschinenpistole und ein Repetiergewehr mit abgeschnittenem Schaft immer griffbereit. Vor dem Küchenfenster wachsen keine echten Pflanzen, sondern Plastikblumen, das finden Beamte der Spurensicherung im Herbst 2011 heraus. Hinter den Kunstblüten hat das Trio vier Überwachungskameras versteckt.

Am 8. November 2011 versuchen die Ermittler schon vier Tage lang, aus der verkohlten Hausruine das Puzzle NSU zusammenzufügen. Doch das Wichtigste, die einzige Überlebende, finden die Fahnder nicht.

Beate Zschäpe sitzt zu dieser Zeit wieder in Zügen und irrt durchs Land. Irgendwann fasst sie einen Entschluss: Sie will zurück nach Jena. In die Stadt, in der ihre toten Komplizen in der Gerichtsmedizin des Universitätsklinikums auf Stahlbahren liegen, Sterbefallvorgang TH1380-014717-11/8 und TH1380-014715-11/0. Sie will zurück in die Stadt, in der der einzige Mensch auf der Welt wohnt, der ihr noch etwas bedeutet: die Großmutter. Zschäpe steht vor dem Haus der Oma in Jena, doch die beiden treffen sich nicht. Warum es zu keinem Treffen kam, ist noch nicht bekannt.

Am 8. November 2011 um 11.15 Uhr startet die bundesweite Fahndung nach ihr. Zu dieser Zeit betritt Zschäpe in Jena eine Anwaltskanzlei. Damit der Strafverteidiger sie vertritt, zahlt sie ihm einige Hundert Euro Vorschuss, in bar.

Gemeinsam gehen sie dann aus dem Haus, hinüber auf die andere Straßenseite, zur Polizeidirektion Jena. Um 13.05 Uhr steigen der Anwalt und seine Mandantin Beate Zschäpe die vier weißen Fliesenstufen zur Polizeistation hinauf, der Verteidiger öffnet die Tür zum verglasten Empfangsraum. Zu der Polizistin, die den beiden begegnet, sagt die meistgesuchte Frau Deutschlands: »Ich bin die, die Sie suchen.« In der Tasche hat Beate Zschäpe jetzt noch 12 Euro und 23 Cent, in Münzen, ihr letztes Geld.

Dieses Dossier ist Resultat einer Recherche, die unsere Autoren Christian Fuchs und John Goetz im November 2011 für das ARD-Magazin »Panorama« begonnen haben. Am 8. Juni erscheint im Rowohlt Verlag ihr Buch »Die Zelle. Rechter Terror in Deutschland«