Rechtsterrorismus : Beate, die braune Witwe
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Beate Zschäpe ist vermutlich Halbrumänin

Zschäpe organisiert den Alltag der Zelle: Sie leiht mehr als 300 Filme und Egoshooter-Computerspiele bei einer Videothek in Zwickau und kauft den Männern Brillen. Wenn Böhnhardt und Mundlos planen, eine Bank auszuspionieren oder einen Menschen zu erschießen, sucht Zschäpe ihnen Unterkünfte in der Nähe, zum Beispiel Campingplätze oder Mietwohnwagen. Das haben Kriminaltechniker rekonstruiert, die Zschäpes Festplatte untersucht hatten. Außerdem verwaltet Zschäpe das Geld der Gruppe. Urlaubsbekanntschaften erinnern sich, dass Zschäpe alle Rechnungen bar bezahlte, oft lugten aus ihrem Portemonnaie die großen Scheine.

Die Generalbundesanwaltschaft geht davon aus, dass Zschäpe »eine Art emotionaler Mittelpunkt dieser Gruppe« war. So sagt es der stellvertretende Generalbundesanwalt Rainer Griesbaum. »Aus unseren Ermittlungen können wir schließen, dass sie wesentlichen Einfluss hatte zum Beispiel auf die finanziellen Regelungen innerhalb der Gruppe und dass sie aber auch die Ideologie der Gruppe stark vertreten hat.«

Ihr halbes Leben verbrachte Beate Zschäpe mit den rechtsextremistischen Killern Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Sucht sie bei den beiden etwas, was sie woanders nicht gefunden hatte?

Von Beginn ihres Lebens an wurde Beate Zschäpe das Gefühl vermittelt, nicht gewollt zu sein und nicht geliebt zu werden. Als ihre Mutter Annerose A. am 2. Januar 1975 mit Verdacht auf Nierenkoliken ins Krankenhaus eingeliefert wird, hofft sie auf einen Arzt, der ihren krampfartigen Schmerz im Unterleib behandelt. Doch Annerose A. ist nicht krank. Sie bekommt ein Kind, sie liegt in den Wehen.

Annerose A. ist damals 22 Jahre alt. Niemand habe die Schwangerschaft bemerkt, heißt es, sogar eine befreundete Krankenschwester ahnte nichts. Die junge Mutter hat einen – in der DDR begehrten – Studienplatz für Zahnmedizin in Bukarest bekommen. Sie will die Ausbildung in Rumänien nicht verlieren.

Zwei Wochen nach der Geburt gibt die Mutter das Baby Beate zur Oma

Als Annerose A. zwei Wochen nach der Geburt zurück nach Rumänien geht, lässt sie ihr Baby in Jena zurück. In Bukarest wartet jemand auf sie: Parallel zu ihrem deutschen Freund hat Annerose A. einen rumänischen Geliebten. Dieser Mitstudent sei Beates Vater, wird die Mutter dem Bundeskriminalamt in einer Zeugenvernehmung sagen. Der jedoch erkennt die Vaterschaft bis zu seinem Tod im Jahr 2000 nicht an.

Beate Zschäpe, die Frau, die als Erwachsene alles dem Hass auf Ausländer unterordnen wird, ist vermutlich Halbrumänin. Nach allem, was man heute über sie weiß, hat sie ihre Herkunft gekannt.

In Jena kümmert sich zuerst die Großmutter um das Baby, im Alter von zwölf Wochen kommt das Mädchen in die Kinderkrippe. Als Beate ein halbes Jahr alt ist, nimmt der deutsche Freund von Annerose A. das Kind zu sich. Mit dem Mann, einem alten Jugendfreund, war A. erst zwei Tage vor Beates Geburt zusammengekommen. Während eines Urlaubs heiratet A. ihn. Beate erhält zunächst seinen Nachnamen.

Beate Zschäpes Mutter möchte sich gegenüber den Medien nicht äußern, aber der Stiefvater gibt der ZEIT sein bisher einziges Interview. »Mit dem Kind war ich länger zusammen als mit der Mutter«, sagt er. Während des Gespräches in seinem Haus in Thüringen schweigt er oft, ein Ratloser auf der Suche nach Erklärungen. Er verstehe bis heute nicht, sagt der Stiefvater, wie Annerose A. ihr eigenes Kind so im Stich lassen konnte, ganz am Anfang seines Lebens.

Nach Annerose A.s Rückkehr aus Rumänien zerbricht die Beziehung bald, Beates Stiefvater wirft seine Frau aus der gemeinsamen Wohnung, das Paar lässt sich scheiden. Die Mutter heiratet wieder, lässt sich nach drei Jahren erneut scheiden. Einen richtigen Vater, sagt sie den Ermittlern später, habe ihre Tochter Beate nie gehabt.

In den ersten drei Jahren seines Lebens trägt das Mädchen Beate drei Nachnamen: zuerst den Namen der Mutter, dann den Namen des Stiefvaters und schließlich den Namen des zweiten Ehemanns ihrer Mutter: Zschäpe.

In den knapp 15 Jahren von ihrer Geburt bis zur Wende zieht Beate mit ihrer Mutter sechs Mal in Jena und Umgebung um. Die letzte gemeinsame Wohnung ist ein einziges Zimmer mit Schlafnische, das sich Mutter und Tochter teilen. Die Mutter verliert ihre Jobs, Geld ist knapp. Beate lernt früh, mit wenig auszukommen.

Oft gibt die Mutter ihr einziges Kind zur Oma. Bei ihr, so scheint es, fühlt sich Beate geborgen. Im Sommer fahren die Großeltern mit ihrer Enkelin im grauen Trabant aus der Stadt hinaus in ihren kleinen Garten. Dort spielt das Mädchen im Wald, klettert in Ruinen, kriecht in Höhlen. Nach ihrer Verhaftung im Jahr 2011 wird Beate Zschäpe sagen, dass sie ein »Omakind« gewesen sei.

Das Verhältnis zu ihrer Mutter wird mit den Jahren immer schlechter. Zu Hause ist Beate Zschäpe selten, wird immer öfter beim Schwarzfahren und Stehlen erwischt. Wenn die Tochter heimkommt und die Mutter mit ihr reden will, knallt das Mädchen die Tür seines Zimmers zu.

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Kommentare

85 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

Wenn es um "Glauben" geht, dann sind wir hier richtig...

Dieser Artikel dreht sich um gefühlte, vermutete und nachvollzogene Ideen, die von einigen Fakten gehalten werden sollen.

Ähnlich ist es bei fast allem, was mit diesem Thema zu tun hat.

Ermittlungsergebnisse kennt kaum jemand und die Tatsache, dass die "Unterstützer" aus der Untersuchungshaft frei kommen, zeigt mehr über Fakten als über Vermutungen.

Ich würde mich freuen, wenn man mehr über Wissen als über Fühlen, Vermuten oder Glauben schreibt, da das Thema zu ernst ist.

Schlecht, ärgerlich und besorgniserregend!

Der Artikel konterkariert die ansonsten gute Berichterstattung von Zeit und insbesondere Zeit-Online über die menschenverachtenden Umtriebe der Rechten in Deutschland.

Eine politische und gesellschaftliche Katastrophe - die nur durch Zufall bekanntgewordene Mordserie rechter Terroristen an 9 Migranten und einer Polizistin - wird herunter gekocht zu einer privaten Homestory, mit viel Einfühlungsvermögen für die Täter und einer großen Portion Phantasie.

Und damit stochern die Autoren genauso im Nebel herum wie die große Zahl der Mitarbeiter in den vielen Sicherheitsbehörden, die jahrelang bei der rechten Mordserie einen politischen, nämlichen einen rassistischen Hintergrund nicht mal denken und somit auch nicht verfolgen konnten.

Nein, dieser Artikel setzt die Tragödie im Umgang mit der rechten Gefahr in Deutschland fort. Er steht exemplarisch für die Unfähigkeit oder den fehlenden Willen, in politischen und weltanschaulichen Zusammenhängen zu denken.

Und deshalb verärgert mich dieser Artikel nicht nur, er macht mir auch große Sorgen!