Ein Zielfahnder des Landeskriminalamts Thüringen, der Zschäpe in den Neunzigern vernimmt, schilderte sie als berechnend und gefühllos.

Obwohl Uwe Mundlos von Zschäpe verlassen wurde, sucht er weiterhin ihre Nähe. Soweit heute bekannt, wird Mundlos nach Zschäpe nie wieder eine andere Freundin haben. Einer seiner Jugendfreunde sagt: »Nur weil Uwe sie noch so geliebt hat, konnte das Trio entstehen.« Von da an verbringt Zschäpe ihre Zeit mit den beiden Uwes, dem aktuellen und dem ehemaligen Liebhaber.

Mundlos und Böhnhardt werden für Zschäpe zur Ersatzfamilie. Bei den beiden Männern findet sie, was sie von zu Hause nicht kannte: Wärme, Geborgenheit und Treue – das alles sogar über eine Trennung hinaus. Auf der Suche nach Liebe entdeckt sie auch den Hass.

Erst ist sie Mundlos’ Freundin, dann Böhnhardts – die drei isolieren sich

Von 1995 an beschleunigt sich die Radikalisierung dieser drei Menschen, die sich so sehr aneinander festhalten, dass sie bald nur noch als »die Drei« bekannt sind. Regelmäßig besuchen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt die Treffen der rechten »Kameradschaft Jena« und später auch die Zusammenkünfte des »Thüringer Heimatschutzes«, einer Gruppe rund um den Neonazi und Verfassungsschutz-V-Mann Tino Brandt. Bald beschließen sie, dass »man mehr machen müsse«, erinnert sich Holger G., ein Kamerad von früher.

Noch im September 1995 soll Zschäpe zusammen mit Böhnhardt am Denkmal für die Opfer des Todesmarsches von Buchenwald eine Bombenattrappe abgelegt haben, heißt es in einem Aktenvermerk des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Im selben Monat werfen die beiden rohe Eier auf das Mahnmal für die Opfer des Faschismus im thüringischen Rudolstadt. Der Verfassungsschutz beginnt, Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt zu beobachten.

Das Trio verbringt jetzt die gesamte Freizeit in der braunen Szene. Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt fahren zu Konzerten des rechten Liedermachers Frank Rennicke. Sie laufen bei Rudolf-Heß-Gedenkmärschen mit. Hier erleben sie das Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit, nach dem die drei gesucht haben.

Mit mindestens acht Bombenattrappen, denen auch echter TNT-Sprengstoff beigelegt ist, versetzt das Trio von 1996 bis 1998 seine Heimatstadt Jena in Schrecken. Die Kisten mit den aufgemalten Hakenkreuzen finden Kinder und Passanten vor dem Theater, unter einer Tribüne im Fußballstadion des FC Carl Zeiss Jena, vor einer Gedenkstätte zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus. In den Silvestertagen 1996 gehen Briefbombenattrappen bei der Polizeiinspektion, dem Ordnungsamt und der Jenaer Lokalredaktion der Thüringischen Landeszeitung ein. Die Garage, in der die Bombenattrappen hergestellt werden, hat Beate Zschäpe angemietet.

Außerdem engagiert sie sich in der später als verfassungsfeindlich eingestuften und verbotenen »Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e. V. (HNG)«. Für den Verein besucht Zschäpe »politische« Häftlinge der rechten Szene in Gefängnissen. Aber all das ist ihr, Mundlos und Böhnhardt bald nicht mehr genug. Sie wollen nichts mehr mit den »Stadtglatzen« zu tun haben, die sich nur für Saufen und Prügeln interessieren. Mundlos liest Hitlers Mein Kampf, die drei empfinden sich bald als Elite der rechten Szene. Die Sprüche der Kameraden reichen ihnen nicht mehr. Es geht ihnen jetzt um Taten, nicht mehr um Worte. Als das Landeskriminalamt Thüringen im Januar 1998 die »Bombenwerkstatt« in der von Zschäpe angemieteten Garage entdeckt, taucht das Trio unter und wird endgültig zu einer Zelle. Die nächsten 13 Jahre und neun Monate sind Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos auf der Flucht.

Am drittletzten Tag dieser Flucht, am 5. November 2011, fährt Beate Zschäpe mit einem ICE nach Eisenach. Zuvor hat sie in Leipzig die Propagandavideos in den Briefkasten geworfen. In Eisenach angekommen, läuft sie unauffällig durch das Wohngebiet, in dem sich Mundlos und Böhnhardt einen Tag zuvor in ihrem Wohnwagen erschossen haben. Zschäpe will den Ort noch einmal sehen, an dem ihre Familie zerbrach.

Dann fährt sie im Zickzack durch die Republik. Am Zugfenster fliegen Städte wie Bremen, Hannover, Uelzen und Magdeburg vorbei. Später kommt sie zurück nach Eisenach, fährt weiter nach Weimar, dann nach Halle an der Saale.

Diese Frau im Zug, berichten Augenzeugen, habe auf sie gewirkt wie unter Schock. Zu diesem Zeitpunkt sei Zschäpe bereits äußerlich verwahrlost gewesen und habe ausgesehen, als habe sie tagelang nicht geduscht.

Zum Arzt geht Zschäpe mit falschen Papieren – auf den Namen »Silvia«

Als Beate Zschäpe am Vormittag des 7. November 2011 in Halle ankommt, verlässt sie schnell den Bahnhof – nur fort von den Überwachungskameras und dem Revier der Bundespolizei – und streift dann ziellos durch die Innenstadt. Sie überquert Plätze und schlendert an Geschäften entlang. Eine Frau sagt später, Zschäpe habe mit offenen Augen geträumt. Zschäpe schaut nicht nach rechts und links, als sie bei Rot eine Straße mit Schienen überquert. Ein lautes Quietschen ertönt, eine Straßenbahn bremst hart ab, im letzten Moment kann Zschäpe zur Seite springen.

Zitternd taumelt sie einer alten Frau in die Arme. Die beiden setzen sich auf eine Bank und gehen dann noch einen Kaffee trinken. Das Glockenspiel des Roten Turms am Hallmarkt spielt.

Auf die Rentnerin wirkt Zschäpe aufgewühlt, verängstigt, eingeschüchtert. Als die alte Frau Zschäpe zurück zum Bahnhof begleitet und sie dabei stützt, trägt die Rentnerin Zschäpes Leopardenoptik-Handtasche. Immer wieder schaut sich Zschäpe um. »Ich bin Beate... es reicht, wenn Sie da sind und mir Ruhe und Sicherheit geben«, sagt sie. Es ist das erste Mal seit Langem, dass sich Zschäpe einem fremden Menschen mit ihrem echten Namen vorstellt.