In den vergangenen Jahren nannte sich Zschäpe unter anderem Bärbel, Lisa, Susann, Liese, Silvia sowie Mandy. Mindestens elf Alias-Namen werden die Ermittler des BKA später zählen. Die Dokumente für die Tarnidentitäten stammten von Bekannten, manchmal benutzte Beate Zschäpe auch Ausweise, die Diskobesucherinnen oder Rentnerinnen gestohlen wurden. Die AOK-Versichertenkarte, mit der Beate Zschäpe unter dem Namen Silvia zum Arzt ging, hatte ein Unterstützer der Frau eines vorbestraften Skinheads für 300 Euro abgekauft und an das Trio weitergegeben.

Die unauffälligen Alias-Persönlichkeiten halfen Zschäpe, der Zelle in der Öffentlichkeit den Anschein einer gewöhnlichen Wohngemeinschaft zu verleihen. Während Mundlos und Böhnhardt Menschen ermorden, Nagelbomben legen und Banken überfallen, wahrt Zschäpe die biedere Fassade. Auch deshalb kann die Zelle so lange unerkannt töten.

Die Nachbarn mögen die junge Frau und nennen sie »Diddl-Maus«

Kurz nach dem Einzug im März 2008 in die Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße 26, das letzte Versteck des NSU, stellt sich Zschäpe den Nachbarn vor – als Susann Dienelt oder mit ihrem Spitznamen Liese. Bevor es Tuscheleien im Haus gebe, wolle sie klarstellen, dass einer der beiden Mitbewohner ihr Freund sei und der andere sein Bruder. Einer Nachbarin vertraut Zschäpe einmal an, dass sie zwar schon 19 Jahre mit ihrem Freund zusammen sei, sie trotzdem noch regelmäßig Sex hätten. Kinder konnte Zschäpe nicht bekommen, weil ihr bei einer Operation die Eierstöcke entfernt worden waren. Ihre beiden Katzen Lilly und Heidi waren für Zschäpe alles. »Das waren ihre Babys«, sagt eine Nachbarin.

»Frau Zschäpe benahm sich den Männern gegenüber wie eine Ehefrau – nur für zwei Männer«, sagte ein Unterstützer des Trios. Nach innen hält Zschäpe die Gruppe emotional zusammen, nach außen ist sie die Botschafterin der Zelle. Schnell ist sie bei den Nachbarn beliebt. Der Hausmitbewohner Peter F. bringt hin und wieder frische Gurken, auch Nachbar Olaf B. schließt Zschäpe in sein Herz. Als er mit einigen Freunden hinter dem Haus sitzt und Bier trinkt, kommt überraschend Zschäpe vorbei und spendiert eine Familienpizza. Immer öfter, erzählt B., habe sich Zschäpe zu den Nachbarn gesetzt. Sie habe nie Bier getrunken, lieber Prosecco oder einen Schaumwein, den sie selbst mitgebracht habe. Die Nachbarn nennen Zschäpe »Diddl-Maus«.

Mundlos und Böhnhardt bleiben stets im Hintergrund. »Die waren sehr unscheinbar. Alles, was Öffentlichkeitsarbeit war, hat die Frau gemacht. Die Männer haben einem nie direkt in die Augen geschaut, nie gegrüßt«, erinnert sich ein Nachbar aus dem Haus gegenüber.

An einem anderen Wohnort half Zschäpe alleinstehenden Nachbarinnen auch mal, indem sie am Monatsende deren Einkäufe bezahlte oder mit deren Kindern spielte. Wenn Nachbarinnen heute über sie reden, dann fällt oft ein Wort: Vertrauen. Einmal trifft Beate Zschäpe eine Nachbarin in der Zwickauer Innenstadt und sagt ihr, dass sie ein Mobiltelefon mit Prepaidkarte brauche – aber leider habe sie ihren Ausweis zu Hause liegen lassen. Die Nachbarin erweist ihr den Gefallen und registriert das Handy auf ihren Namen. Zschäpe bedankt sich bei der Hartz-IV-Empfängerin mit einem 50-Euro-Schein.

In die Fenster ihrer Wohnung in der Frühlingsstraße hängt Zschäpe Rüschengardinen. Sie stellt Blumenkästen auf, vor der Dusche liegt ein Badvorleger, am Kühlschrank pinnt eine Autogrammkarte von »Cindy aus Marzahn«.

Alles diente der Tarnung: In einem Schrank nahe der Wohnungstür liegen bis zuletzt eine Maschinenpistole und ein Repetiergewehr mit abgeschnittenem Schaft immer griffbereit. Vor dem Küchenfenster wachsen keine echten Pflanzen, sondern Plastikblumen, das finden Beamte der Spurensicherung im Herbst 2011 heraus. Hinter den Kunstblüten hat das Trio vier Überwachungskameras versteckt.

Am 8. November 2011 versuchen die Ermittler schon vier Tage lang, aus der verkohlten Hausruine das Puzzle NSU zusammenzufügen. Doch das Wichtigste, die einzige Überlebende, finden die Fahnder nicht.

Beate Zschäpe sitzt zu dieser Zeit wieder in Zügen und irrt durchs Land. Irgendwann fasst sie einen Entschluss: Sie will zurück nach Jena. In die Stadt, in der ihre toten Komplizen in der Gerichtsmedizin des Universitätsklinikums auf Stahlbahren liegen, Sterbefallvorgang TH1380-014717-11/8 und TH1380-014715-11/0. Sie will zurück in die Stadt, in der der einzige Mensch auf der Welt wohnt, der ihr noch etwas bedeutet: die Großmutter. Zschäpe steht vor dem Haus der Oma in Jena, doch die beiden treffen sich nicht. Warum es zu keinem Treffen kam, ist noch nicht bekannt.

Am 8. November 2011 um 11.15 Uhr startet die bundesweite Fahndung nach ihr. Zu dieser Zeit betritt Zschäpe in Jena eine Anwaltskanzlei. Damit der Strafverteidiger sie vertritt, zahlt sie ihm einige Hundert Euro Vorschuss, in bar.

Gemeinsam gehen sie dann aus dem Haus, hinüber auf die andere Straßenseite, zur Polizeidirektion Jena. Um 13.05 Uhr steigen der Anwalt und seine Mandantin Beate Zschäpe die vier weißen Fliesenstufen zur Polizeistation hinauf, der Verteidiger öffnet die Tür zum verglasten Empfangsraum. Zu der Polizistin, die den beiden begegnet, sagt die meistgesuchte Frau Deutschlands: »Ich bin die, die Sie suchen.« In der Tasche hat Beate Zschäpe jetzt noch 12 Euro und 23 Cent, in Münzen, ihr letztes Geld.

Dieses Dossier ist Resultat einer Recherche, die unsere Autoren Christian Fuchs und John Goetz im November 2011 für das ARD-Magazin »Panorama« begonnen haben. Am 8. Juni erscheint im Rowohlt Verlag ihr Buch »Die Zelle. Rechter Terror in Deutschland«