RechtsterrorismusBeate, die braune Witwe

Beate Zschäpe ist die einzige Überlebende der rechten Terrorzelle »Nationalsozialistischer Untergrund«. Sie kochte für die Männer, wusch die Wäsche, verwaltete das Geld aus Überfällen – und war die gute Seele der Killer. Was hat sie angetrieben? von  und John Goetz

Beate Zschäpe im Sommer 2004

Beate Zschäpe im Sommer 2004  |  © Handout / Reuters

Als Beate Zschäpe am 4. November 2011 aus dem brennenden Haus in der Zwickauer Frühlingsstraße rennt, schaut sie sich ein letztes Mal um. Eben noch ist sie mit einem Kanister in der Hand durch ihre Wohnung gelaufen, hatte Brandbeschleuniger auf das Hochbett und den Kühlschrank geschüttet, auf den Kratzbaum der Katzen und über den Computer, auf dem sie gerade noch nach einem Medikament gegen Übelkeit gegoogelt hatte. Dann hatte sie sich die »Paulchen Panther«-Bekenner-DVDs genommen und einige Kleidungsstücke, hatte die Wohnung in Brand gesetzt und war die knarzenden Holztreppen hinunter ins Freie gelaufen. 75.000 Euro Bargeld ließ sie im Haus zurück.

Als Zschäpe auf die Straße tritt, zerreißt ein Knall die Stille in Zwickau-Weißenborn. Die Explosion sprengt die Außenfassade des Hauses weg. Zschäpe kann noch einmal in die Wohnung sehen, von der jahrelang der Neonazi-Terror ausging. Dünne Flammen züngeln über den Fußboden, das Bett und die Wände, Fenster bersten, Glas prasselt auf die Straße. Es ist 15 Uhr. Drei Stunden zuvor haben sich ihre beiden Komplizen selbst gerichtet.

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Über sechs Monate haben Ermittler des Bundeskriminalamts und der Generalbundesanwaltschaft Tausende Aktenseiten sowie 9,3 Terabyte Daten von Festplatten des Verbrechertrios ausgewertet und Hunderte Augenzeugen vernommen. Aus den Erkenntnissen ergibt sich heute ein sehr präzises Bild, was in den letzten Stunden vor Beate Zschäpes Verhaftung geschah.

Sie trägt an jenem Novembertag des vergangenen Jahres eine schwarze Hose, eine schwarze Fleecejacke und rotbraune Lederschuhe. Ihre dunkel gefärbten Haare fallen ihr über das runde Gesicht hinter der rahmenlosen Brille. In ihren Händen hält sie zwei Körbchen mit ihren Katzen Lilly und Heidi.

Am Ende rettet die Frau, die mit zwei Mördern zusammenlebte, ihre Katzen

Während Zschäpe aus dem Gebäude rennt, sieht sie eine Nachbarin vor dem Einfamilienhaus gegenüber stehen. Zschäpe stoppt und fragt die Nachbarin, ob sie auf die Katzen aufpassen könne. Die Nachbarin nickt, Zschäpe stellt ihr die Katzenkörbe vor die Füße, holt ein rotes Handy aus der Tasche und läuft in Richtung Innenstadt. Die Polizei wird bald da sein.

Zschäpe ist 36 Jahre alt, sie hat soeben alles verloren: ihre Familie, ihre Freunde, ihre Männer – und ihren Lebenssinn. Fast 14 Jahre lang hatte sie mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) gelebt. Mindestens zehn Morde an türkisch- und griechischstämmigen Kleinunternehmern und einer Polizistin sowie zwei Nagelbombenanschläge und mindestens 15 Überfälle werden der Gruppe vorgeworfen.

Zschäpe flieht an jenem Novembernachmittag vor der Polizei und vor ihrem bisherigen Leben. Während die Flammen den Dachstuhl des Hauses erreichen, versucht sie mit ihrem Handy André E. zu erreichen: den wichtigsten Unterstützer des Trios in den vergangenen Jahren. Nach zwei Kilometern Irrlauf durch Zwickau holt André E. sie mit seinem Auto ein und fährt mit ihr raus aus der Stadt. Zschäpe denkt an Selbstmord, sie will sich vor einen Zug werfen. So erzählt sie es einem Polizisten, als sie später in Untersuchungshaft sitzt.

Neonazi-Terror in Deutschland
Morde, ungeklärte Anschläge und Reaktionen
1996 und 1997

© Frank Doebert/Ostthueringer Zeitung/dpa

Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe fallen 1996 zum ersten Mal auf. Sie sollen eine Puppe mit gelbem Davidstern an einer Autobahnbrücke aufgehängt haben. 1997 deponieren sie einen mit Hakenkreuz bemalten Sprengstoffkoffer in der Jenaer Innenstadt.

Januar 1998

© Heinz Hirndorf/dpa

In Jena hebt die Polizei die Bombenwerkstatt der drei mutmaßlichen Rechtsterroristen aus. Das Labor war in einer Garage versteckt. Die Fahnder stellen Rohrbomben sicher, die mit dem Sprengstoff TNT gefüllt sind. Das Trio flieht. Noch offen ist, wer ihnen bei der Flucht half.

28. September und 19. Dezember 1998

© Wolfgang Kumm/dpa

Auf das Grab des früheren Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, werden zwei Anschläge verübt. Der Fall wurde nie aufgeklärt, die Ermittler untersuchen mögliche Verbindungen zu den drei Neonazis.

1999 bis 2011

© Polizeidirektion Gotha/dpa

14 Banküberfälle werden Böhnhardt und Mundlos zugeordnet: Chemnitz: 6. und 27.10.1999, 30.11.2000, 23.9.2003, 14. und 18.5.2004, 22.11.2005; Zwickau: 5.7.2001, 25.9.2002 und 5.10.2006; Stralsund: 7.11.2006 und 8.1.2007; Arnstadt: 7.9.2011; Eisenach: 4.11.2011. Sie fliehen mit dem Fahrrad. 

27. Juli 2000

© Christian Ohlig/dpa

Ungeklärt ist auch der Splitterbombenanschlag an einer Düsseldorfer S-Bahn-Station. Zehn Einwanderer aus Osteuropa werden schwer verletzt, eine Frau verliert ihr ungeborenes Kind. Der Anschlag läuft ähnlich ab wie der in Köln 2004. War auch hier das Jenaer Trio beteiligt?

9. September 2000

© dpa

In Nürnberg wird der 38-jährige türkische Blumenhändler Enver S. erschossen. Eine der verwendeten Waffen ist die bei allen folgenden Taten genutzte Pistole, eine Ceska, die später in der Zwickauer Brandruine gefunden wird. Enver S. ist das erste Opfer der Mordserie.

19. Januar 2001

© Jan Woitas/dpa

Eine Deutsch-Iranerin wird in einem Kölner Lebensmittelgeschäft durch einen in einer Keksdose versteckten Sprengsatz schwer verletzt. Hinweise darauf, dass das Trio hinter dem Anschlag steckte, finden sich auf der in der Zwickauer Brandruine (Bild) gefundenen DVD.

13. Juni 2001

© dpa

In Nürnberg stirbt der 49 Jahre alte, türkische Änderungsschneider Abdurrahim Ö. Er wurde mit zwei Kopfschüssen niedergestreckt. Ein Komplize des Täters soll draußen in einem Auto gewartet haben.

27. Juni 2001

© dpa

In Hamburg wird der 31-jährige Gemüsehändler Süleyman T. in seinem Laden ermordet. Drei Schüsse haben ihn in den Kopf getroffen. Die Polizei geht von zwei Tatwaffen aus.

29. August 2001

© dpa

In München wird der 38 Jahre alte, türkische Gemüsehändler Habil K. erschossen. Auch er wird in den Kopf getroffen, mit zwei Schüssen.

25. Februar 2004

© dpa

In Rostock wird der 25 Jahre alte Dönerladen-Aushilfsverkäufer Yunus T. ermordet. Der Türke war erst zehn Tage in Deutschland.

9. Juni 2004

© Federico Gambarini/dpa

Durch einen Nagelbombenanschlag in Köln werden 22 Menschen verletzt. Im November 2011 wird der bislang ungeklärte Fall neu aufgerollt, weil die Neonazis sich auf ihrer DVD zu dem Anschlag bekannt haben.

9. Juni 2005

© dpa

In Nürnberg stirbt an seinem Dönerstand der 50 Jahre alte Besitzer Ismail Y. Ein Kunde findet ihn hinter der Theke. Fünf Schüsse haben ihn getroffen. Zeugen sagen, zwei Männer hätten auf ihn geschossen.

15. Juni 2005

© dpa

Der 41-jährige Theodorus B. wird in seinem Laden, einem Schlüsseldienst in München, erschossen. Er stammt als einziges Opfer aus Griechenland.

4. April 2006

© dpa

In Dortmund wird in den Mittagsstunden an einer vielbefahrenen Straße der türkischstämmige Kioskbesitzer Mehmet K. mit mehreren Kopfschüssen getötet. Der 39-Jährige hinterlässt eine Frau und drei Kinder.

6. April 2006

© Uwe Zucchi/dpa

Halit Y., der 21 Jahre alte türkische Betreiber eines Internetcafés in Kassel, wird ebenfalls mit Kopfschüssen getötet. Am Tatort befand sich ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes. Er soll auf dem Dachboden seines Hauses Bücher zur Nazizeit gehortet haben.

25. April 2007

© Norbert Försterling/dpa

In Heilbronn wird Michèle Kiesewetter, eine aus Thüringen stammende, 22 Jahre alte Bereitschaftspolizistin, erschossen. Ihr Kollege überlebt schwer verletzt.

4. November 2011

© Carolin Lemuth/dpa

Nach einem Banküberfall werden Bönhardt und Mundlos tot in ihrem ausgebrannten Wohnmobil bei Eisenach gefunden. In Zwickau geht ihre Wohnung in Flammen auf. In den Trümmern werden Waffen und eine DVD entdeckt, mit Bekenntnis zu den Morden und einigen Anschlägen.

8. November 2011

© Jan Woitas/dpa

Beate Zschäpe stellt sich der Polizei in Jena und wird wegen dringenden Verdachts der Gründung der Neonazi-Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) festgenommen. Seither sitzt die 36-Jährige in Untersuchungshaft.

13. November 2011

© Franziska Kraufmann/dpa

Holger G. wird in Niedersachsen festgenommen. Er soll Mitglied des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) sein und dem Trio Ausweise überlassen haben. Holger G. wurde schon 1999 observiert, doch der niedersächsische Verfassungsschutz stufte ihn nur als Mitläufer ein.

15. November 2011

Die CDU fasst auf ihrem Parteitag in Leipzig einstimmig den Beschluss, ein neues Verbotsverfahren gegen die NPD zu prüfen. Auch die SPD fordert wieder, die Partei zu verbieten. In dem Zusammenhang wird auch diskutiert, ob der Einsatz der V-Leute vom Verfassungsschutz überprüft werden muss. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich will ein Zentralregister einrichten, in dem alle Informationen über Neonazis gespeichert werden sollen.

Am gleichen Tag wird bekannt, dass das Neonazi-Trio eine Liste angefertigt hatte, auf der auch Politiker verzeichnet waren.

16. November 2011

© Polizei Sachsen/dpa

Beate Zschäpe trägt nichts zur Aufklärung der Mordserie bei. Sie schweigt. Derweil wird die Liste der Fahndungspannen immer länger. Polizei und Verfassungsschutz hatten offenbar Dutzende Chancen verpasst, die Neonazi-Gruppe zu finden.

18. November 2011

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger will als Reaktion auf die Ermittlungspannen die Zahl der Verfassungsschutzämter in Deutschland reduzieren. Die Länder sind dagegen. Vereinbart wird auf einem Krisengipfel aber, ein Abwehrzentrum Rechts und eine zentrale Neonazi-Datei einzurichten.

21. November

© Christof Stache/AFP/Getty Images

Es wird bekannt, dass Uwe Mundlos durch eine Behördenpanne an gefälschte Ausweispapiere kam. BKA-Chef Ziercke verwirrt mit der These, die Polizistin Michèle Kiesewetter sei doch gezielt getötet worden. "Unsinn", heißt es dazu aus Thüringen.

22. November
Kristina Schröder

© Sean Gallup/Getty Images

Die Mittel für Initiativen gegen Rechtsextremismus sollen, anders als von Familienministerin Kristina Schröder ursprünglich geplant, nun doch nicht gekürzt werden. Zudem will die Bundesregierung die Angehörigen der Opfer entschädigen.

24. November

© Franziska Kraufmann/dpa

In Brandenburg wird der 32-jährige André E. festgenommen. Er soll die Bekenner-DVD der NSU produziert haben. Im Mai 2009 soll er dem Trio Bahncards überlassen haben, die auf ihn und seine Frau ausgestellt waren.
 

29. November

© Uli Deck/dpa

Der ehemalige NPD-Funktionär Ralf W. wird in Jena verhaftet. Dem 36-Jährigen wird unter anderem vorgeworfen, der Neonazi-Gruppe eine Schusswaffe und Munition besorgt zu haben. W. war bis Mai 2008 Vize-Chef der thüringischen NPD.

11. bis 13. Dezember

Der mutmaßliche Unterstützer Matthias D. wird gefasst. Der 36-Jährige, der wie André E. aus dem sächsischen Johanngeorgenstadt stammt, soll in Zwickau zwei Wohnungen für die Gruppe angemietet haben.

Derweil wächst bei Schwarz-Gelb die Skepsis gegenüber einem erneuten NPD-Verbotsverfahren. Man fürchtet angesichts der vielen V-Leute in der NPD (offenbar mehr als 130) einen erneuten Misserfolg.

In den folgenden Tagen wird bekannt, dass die Ermittler auch Spuren der Terrorzelle nach Berlin und in die Schweiz untersuchen. Möglicherweise war sie an einem Mord in Zürich beteiligt.

Januar 2012
01 Sebastian Edathy im Untersuchungsausschuss

© Sean Gallup/GettyImages

Ein Untersuchungsausschuss des Bundestages geht den Ermittlungsfehlern nach. Dabei kommt heraus, dass die bayerische Polizei bei der Fahndung gar einen Dönerimbiss betrieb. Auch in Thüringen und Sachsen untersuchen die Parlamente die Vorgänge.

Februar 2012
Staatsakt

© Sean Gallup/Getty Images

In einem Staatsakt wird der NSU-Opfer gedacht. Eine Straße in Kassel soll nach einem der Opfer benannt werden. Jetzt untersucht auch eine Bund-Länder-Kommission die fehlgeschlagene Suche nach dem Trio.
 

März 2012
02 Beate Zschäpe

© BKA/dpa

Die Bundesanwaltschaft arbeitet daran, Beate Zschäpe eine direkte Beteiligung an den Morden nachweisen zu können. Zschäpe soll der Motor der Gruppe gewesen sein, Haushalt und Finanzen verwaltet haben.

2. Mai 2012
03-Untersuchung nach Mord

© Marcus Föhrer/dpa

Acht Männer türkischer Abstammung ermordeten die Rechtsextremen. Doch auch die türkischen Behörden glaubten nur an ein kriminelles Killerkommando aus dem eigenen Land, wie die ZEIT herausfindet.

15. Mai 2012

In Thüringen wurde bei der Suche nach den untergetauchten Terroristen von 1998 bis 2001 geschlampt, urteilt ein Gremium der Landesregierung unter Vorsitz von Ex-Bundesrichter Gerhard Schäfer. Bereits zu Jahresbeginn haben die Landesverfassungsschützer eingeräumt, dass über einen Mittelsmann Geld an die Neonazis fließen sollte, um an deren Tarnidentitäten zu kommen. Der Plan scheiterte. Für die Observation des Trios stellt auch die Parlamentarische Kontrollkommission des Sächsischen Landtages dem eigenen Verfassungsschutz ein verheerendes Zeugnis aus.

Ende Mai 2012

Der mutmaßliche NSU-Helfer Holger G. ist auf freiem Fuß. Er soll den drei Rechtsextremisten Waffen besorgt haben. Der Bundesgerichtshof entschied: G. wusste eventuell nicht, wofür sie eingesetzt werden. Zwei Wochen später werden auch Carsten S. und Matthias D. aus der Untersuchungshaft entlassen. Im Juni wird der Haftbefehl gegen den mutmaßlichen NSU-Helfer André E. aufgehoben. Er soll an dem Bekennervideo der NSU mitgearbeitet haben, der BGH hält ihn aber nicht für dringend tatverdächtig

2. Juli 2012
Die Terrorzelle

© BKA/dpa

Ein Referatsleiter des Bundesverfassungsschutzes hat im November 2011 Akten zu V-Leuten aus dem Umfeld der NSU vernichtet. Bis Ende Juni war das dem Geheimdienstchef angeblich nicht  bekannt.

Juli 2012

Als Konsequenz aus der "Reißwolf-Affäre" bittet Verfassungsschutzchef Fromm um seine frühzeitige Pensionierung. Wenige Tage später verliert der Präsident des Thüringischen Geheimdienstes, Thomas Sippel, seinen Posten. Auch der Leiter der sächsischen Behörde, Reinhard Boos, tritt zurück.  Protokolle einer Telefonüberwachung des Bundesamtes von Ende 1998 waren nicht an die Untersuchungsausschüsse weitergegeben worden.

5. Juli 2012

Fromm spricht vor dem Bundestagsausschuss. Er offenbart Chaos in seiner Behörde, weiß nicht, warum sensible Akten vernichtet wurden. Die Vermutung der FDP, Zschäpe sei als Informantin angeworben worden, wird dementiert.

Juli 2012

© Michael Gottschalk/dapd

Noch nachdem die Straftaten des NSU bekannt wurden, sind zahlreiche weitere Akten zu den drei Rechtsextremisten vernichtet worden. Die Behörden erklären das mit dem Datenschutz, die Opposition vermutet Vertuschung.

Juli 2012

© Jim Lo Scalzo/EPA/dpa

Zwei Kollegen der Polizistin Michele Kiesewetter sind zeitweise Mitglieder im rassistischen Ku-Klux-Klan (KKK) gewesen. Einer von ihnen war ihr Gruppenführer, wusste also, wo sie sich aufhielt. Einen Zusammenhang mit dem Mord schließt der Innenminister Friedrich aus.

September 2012

© BKA/dapd

Der Militärgeheimdienst MAD hat 1995 eine Akte über die rechtsextreme Gesinnung des Wehrdienstleistenden Uwe Mundlos erstellt. Der Verteidigungsminister wusste dies seit März. Der Bundestagsuntersuchungsausschuss wurde nicht informiert.

14. September 2012

© Steffi Loos/dapd

Ein früherer Vertrauter des NSU hat jahrelang für das LKA Berlin gespitzelt. Thomas S. lieferte 2002 Hinweise auf den Aufenthaltsort der Truppe in Thüringen. Innensenator Frank Henkel wusste seit März von S., gab die Information aber nicht an den Ausschuss weiter.

Doch sie muss den Männern ihres Lebens noch zwei Wünsche erfüllen. Zschäpe bittet André E., sie zum Hauptbahnhof zu fahren.

Die Frau, die an diesem Abend im Zwickauer Bahnhof direkt an der Wache der Bundespolizei vorbeiläuft, ist nicht nur die einzige Überlebende der Terrorgruppe, die sich NSU nannte – sondern auch eine der wenigen rechtsradikalen Terroristinnen überhaupt. Für den Generalbundesanwalt ist Beate Zschäpe die wichtigste Angeklagte im Verfahren gegen die »Braune Armee Fraktion«. Bisher schweigt sie. Wenn die Hauptverhandlung vor dem Bundesgerichtshof gegen den NSU beginnt, wird Zschäpes Verhalten über den Prozessverlauf mitentscheiden. Die Tatverdächtige ist auch die letzte Zeugin. Sie könnte am meisten dazu beitragen, die Taten und das Motiv der Zelle zu beleuchten, aber ihre Person ist auch entscheidend für die Staatsanwaltschaft, die wahrscheinlich in diesem Herbst die Anklageschrift vorlegen wird. Sollte dann das Gericht Beate Zschäpe nicht nachweisen können, von den Morden und der rechten Ideologie gewusst zu haben, wird es schwer, den NSU als »terroristische Vereinigung« zu verurteilen. Denn eine Bande zählt in Deutschland erst als Terrorgruppe, wenn sie mindestens drei Mitglieder hat: Böhnhardt, Mundlos – und Zschäpe.

Zwar laufen gegen insgesamt 16 mögliche Helfer der Gruppe Ermittlungsverfahren, zwei von ihnen sitzen derzeit in Haft. Aber oft wussten die Unterstützer nicht einmal etwas voneinander, sodass sie mit dem Begriff »terroristische Vereinigung« schlecht zu fassen sind. Nur das Trio gab sich einen Namen und ein Logo und kannte das Ausmaß der Taten. Die Helfer, wie André E., führten die Aufträge der Zelle aus, mal mieteten sie Wohnungen und Autos, mal besorgten sie Waffen oder Ausweise und Bahncards. Beate Zschäpe ist die einzige noch lebende Aktivistin, bei der alle Stränge zusammenlaufen.

Dennoch ist bisher wenig über Zschäpe bekannt, nach dem Auffliegen der Terrorzelle wurde meist über die beiden Männer berichtet. Wer ist Beate Zschäpe? Was trieb sie an? Zschäpe selbst äußert sich gegenüber der ZEIT nicht. Aber einige ihrer früheren Kameraden sprechen, ehemalige Nachbarn, Freunde, diverse Augen- und Ohrenzeugen.

Am Zwickauer Bahnhof steigt Zschäpe an jenem Novembertag des Jahres 2011 in einen Zug nach Chemnitz. Sie hat jetzt keine Vertrauten mehr, bei ihrer Mutter und ihrer Großmutter hat sie sich seit über einem Jahrzehnt nicht gemeldet. Den Kontakt zu früheren Freunden hat sie seit ihrem Untertauchen konsequent gemieden. Sogenannte Kameraden der rechten Szene glauben, Beate Zschäpe lebe im Ausland oder sei auf Kreta gestorben.

In Chemnitz wurde die Zelle geboren. Hier fand Zschäpe 1998 ihren ersten Unterschlupf, nachdem sie mit Mundlos und Böhnhardt untergetaucht war. Die Rollen innerhalb des Trios waren von Anfang an klar verteilt: Mundlos, der belesene Ideologe, war der Kopf. Böhnhardt, der Waffennarr, war die Faust. Und Zschäpe war die Hausfrau und Mutter der »Familie« – so nennt Zschäpe das Verbrechertrio später in Untersuchungshaft selbst.

Die Männer brechen zu ihren Mordtouren auf, und Nachbarn sehen Zschäpe im Garten Wäsche aufhängen. Sie kocht fast jeden Tag. Hausbewohner sagen, es habe immer appetitlich aus der Wohnung gerochen. Für ihre beiden Männer backt Zschäpe auch schon mal Plätzchen oder ihre Lieblingskuchen aus Kindertagen. In der Küche finden Polizisten später das Buch Dr. Oetker: 1000 – Die besten Backrezepte.

Leserkommentare
  1. 49. [...]

    Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde mittlerweile moderiert. Die Redaktion/ls

    Antwort auf "[...]"
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    Dieser Artikel dreht sich um gefühlte, vermutete und nachvollzogene Ideen, die von einigen Fakten gehalten werden sollen.

    Ähnlich ist es bei fast allem, was mit diesem Thema zu tun hat.

    Ermittlungsergebnisse kennt kaum jemand und die Tatsache, dass die "Unterstützer" aus der Untersuchungshaft frei kommen, zeigt mehr über Fakten als über Vermutungen.

    Ich würde mich freuen, wenn man mehr über Wissen als über Fühlen, Vermuten oder Glauben schreibt, da das Thema zu ernst ist.

  2. Dieser Artikel dreht sich um gefühlte, vermutete und nachvollzogene Ideen, die von einigen Fakten gehalten werden sollen.

    Ähnlich ist es bei fast allem, was mit diesem Thema zu tun hat.

    Ermittlungsergebnisse kennt kaum jemand und die Tatsache, dass die "Unterstützer" aus der Untersuchungshaft frei kommen, zeigt mehr über Fakten als über Vermutungen.

    Ich würde mich freuen, wenn man mehr über Wissen als über Fühlen, Vermuten oder Glauben schreibt, da das Thema zu ernst ist.

    Antwort auf "[...]"
  3. wenn er eine Berichterstattung über die Fakten ergänzen würde.
    Das Problem ist nur das keine Fakten bekannt sind.

    Das einzige was man neben küchenpsychologischen Erkenntnissen herauslesen kann, ist das hier jemand in Panik geraten ist und sich nach einer kopflosen Flucht der Polizei gestellt hat.

    Zu den eigentlichen Fakten steht hier gar nichts. Woher kam das Geld? Hat mal jemand Einnahmen (Bankraub, etc) und Ausgaben verglichen? Zum Schluss waren noch 75000 Euro in der Wohnung? Was man für ein Leben im Untergrund braucht ist heute durch Bankraub nicht mehr so einfach zusammen zu bekommen. Woher kam also das Geld?

    Gibt es dafür das die Polizistin in Heilbron von dem Trio ermordet wurde schon Beweise? Ich erinnere mich nur an die wildesten Theorien und wirklich seltsame Zufälle. Von möglichen persönlichen Beziehungen bis zu irgendwelchen Geheimdiensten die anwesend gewesen sein könnten.

    Wie auch in den Leserbeiträgen schon gefragt wurde, warum haben sich die Männer umgebracht? (Eine geplante Ausweiskontrolle durch einen einzelnen Polizisten als "umstellt" zu bezeichnen ist ein bisschen überzogen, vor allem bei Leuten denen unterstellt wird in ähnlicher Situation schon einmal eine Polizistin ermordet zu haben).

    Ich denke das dieses Trio aus völlig durchgeknallten Rechten bestand kann als gesichert gelten. Das sie eine Menge Morde begangen haben ist hochgradig wahrscheinlich, aber das muss ein Gericht entscheiden.

    Zusatzpunkte gibt es für die Frage nach den Hintermännern.

    Eine Leserempfehlung
  4. Aber vielleicht hat sie die 75 000 Euro ja im Taxi gefunden und sie stammen nicht aus 12 Überfällen auf Sparkassenfilialen.
    Da sie 75000 Euro in der Wohnung zurückliess, die sie eigenhändig abfackelte, statt das Geld auf ihre Flucht mitzunehmen, wo sie es sicher gut hätte gebrauchen können, kann man völlig plausibel behaupten, dass sie von dem Geld gar nicht gewusst hat.

    Vielleicht ist es den Uwes auch gelungen 9,nochwas Terabyte Daten zu produzieren, ohne dass sie irgendwann mal was davon mitgekriegt hat.
    Wenn Sie die entsprechende Stelle nochmal lesen, werden sie feststellen, dass da nichts davon steht dass "die Uwes" 9 Terabyte an Daten *produziert* haben. In der Praxis heisst das einfach nur, dass die Polizei mehrere Festplatten mit einer summierten Speicherkapazität von 9 Terabyte gefunden hat. Die darauf enthaltenen Daten dürften zu 99% "ganz gewöhnliche" illegal kopierte Filme und Musik sein und keine selbst produzierten Daten.

    Eine Leserempfehlung
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    Vielleicht haben Sie Recht. Aber an einem Tag, an dem einem plötzlich alle Felle davonschwimmen (kriminelle Identität fliegt soeben auf, langjährige Liebhaber haben den Freitod gewählt), kann man auch mal zu Handlungen neigen, die nicht ganz so rational sind.

  5. Vielleicht haben Sie Recht. Aber an einem Tag, an dem einem plötzlich alle Felle davonschwimmen (kriminelle Identität fliegt soeben auf, langjährige Liebhaber haben den Freitod gewählt), kann man auch mal zu Handlungen neigen, die nicht ganz so rational sind.

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    Was den Freitod angeht, hatte ich "laut momentaner Sachlage" in Klammern mit eingefügt. Es waren allerdings V-förmige Klammern, daher wurde diese Anmerkung wahrscheinlich als Tag erkannt und nicht abgebildet.

  6. 54. PS. :

    Was den Freitod angeht, hatte ich "laut momentaner Sachlage" in Klammern mit eingefügt. Es waren allerdings V-förmige Klammern, daher wurde diese Anmerkung wahrscheinlich als Tag erkannt und nicht abgebildet.

    Antwort auf "Weiß nicht."
    • EVV
    • 08. Juni 2012 21:07 Uhr

    von den Morden und der rechten Ideologie gewusst zu haben, wird es schwer, den NSU als »terroristische Vereinigung« zu verurteilen."

    Kleiner Hinweis.
    Es wird auch schwer die NSU als »terroristische Vereinigung« zu verurteilen, solange nicht der Nachweis geführt werden kann, dass diese herbeihalluzinierte Organisation überhaupt existierte.
    Und es wird mit der Verurteilung auch ein paar Problemchen geben, wenn nicht langsam mal ein klitzekleiner Beweis gefunden wird, der die Täterschaft der Drei an den unterstellten Morden belegt.

    So weit unser Gruß aus dem Rechtsstaat. Wir schalten zurück zum Krampf gegen Rechts.

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    Dass der Rechtsstaat einer Verurteilung im Weg ist, weil man dummerweise ohne Beweise nicht verurteilen kann?

    Das ist aber auch blöde, wo man sich doch in den Medien bereits den Ausgang des Verfahrens klar gemacht hat.

    Was braucht es noch einen Rechtsstaat, wenn man ohne viel besser gegen Rechts urteilen könnte?

    Verrückte Welt!

    • keibe
    • 09. Juni 2012 19:53 Uhr

    "Krampf gegen Rechts". Die ulkige Lesart ändert aber wenig an dem Fakt, dass diese Terminologie von Rechten verwandt wird, um gesellschaftliches Engagement gegen rechtsextremistische Gesinnung zu verunglimpfen. Woher ich das weiß? Googeln Sie mal nach dem Begriff und zählen Sie die Seitenverweise auf rechtsextreme Quellen. Dann stöbern Sie dort mal ein wenig (hier ist die Tor-Anonymisierungssoftware empfehlenswert), nicht dass Sie noch in falschen Verdacht geraten.

    Das hier

    "Es wird auch schwer die NSU als »terroristische Vereinigung« zu verurteilen, solange nicht der Nachweis geführt werden kann, dass diese herbeihalluzinierte Organisation überhaupt existierte."

    erinnert etwas an die Zeit nach der unrühmlichen Zeit Deutschlands: da gab es zwar zig Tote, aber kein Deutscher wars. Hier gibt es zwar paar Mordopfer, aber diese Drei scheinen für Sie über jeden Verdacht erhaben.

  7. Dass der Rechtsstaat einer Verurteilung im Weg ist, weil man dummerweise ohne Beweise nicht verurteilen kann?

    Das ist aber auch blöde, wo man sich doch in den Medien bereits den Ausgang des Verfahrens klar gemacht hat.

    Was braucht es noch einen Rechtsstaat, wenn man ohne viel besser gegen Rechts urteilen könnte?

    Verrückte Welt!

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