Beate Zschäpe im Sommer 2004 © Handout / Reuters

Als Beate Zschäpe am 4. November 2011 aus dem brennenden Haus in der Zwickauer Frühlingsstraße rennt, schaut sie sich ein letztes Mal um. Eben noch ist sie mit einem Kanister in der Hand durch ihre Wohnung gelaufen, hatte Brandbeschleuniger auf das Hochbett und den Kühlschrank geschüttet, auf den Kratzbaum der Katzen und über den Computer, auf dem sie gerade noch nach einem Medikament gegen Übelkeit gegoogelt hatte. Dann hatte sie sich die »Paulchen Panther«-Bekenner-DVDs genommen und einige Kleidungsstücke, hatte die Wohnung in Brand gesetzt und war die knarzenden Holztreppen hinunter ins Freie gelaufen. 75.000 Euro Bargeld ließ sie im Haus zurück.

Als Zschäpe auf die Straße tritt, zerreißt ein Knall die Stille in Zwickau-Weißenborn. Die Explosion sprengt die Außenfassade des Hauses weg. Zschäpe kann noch einmal in die Wohnung sehen, von der jahrelang der Neonazi-Terror ausging. Dünne Flammen züngeln über den Fußboden, das Bett und die Wände, Fenster bersten, Glas prasselt auf die Straße. Es ist 15 Uhr. Drei Stunden zuvor haben sich ihre beiden Komplizen selbst gerichtet.

Über sechs Monate haben Ermittler des Bundeskriminalamts und der Generalbundesanwaltschaft Tausende Aktenseiten sowie 9,3 Terabyte Daten von Festplatten des Verbrechertrios ausgewertet und Hunderte Augenzeugen vernommen. Aus den Erkenntnissen ergibt sich heute ein sehr präzises Bild, was in den letzten Stunden vor Beate Zschäpes Verhaftung geschah.

Sie trägt an jenem Novembertag des vergangenen Jahres eine schwarze Hose, eine schwarze Fleecejacke und rotbraune Lederschuhe. Ihre dunkel gefärbten Haare fallen ihr über das runde Gesicht hinter der rahmenlosen Brille. In ihren Händen hält sie zwei Körbchen mit ihren Katzen Lilly und Heidi.

Am Ende rettet die Frau, die mit zwei Mördern zusammenlebte, ihre Katzen

Während Zschäpe aus dem Gebäude rennt, sieht sie eine Nachbarin vor dem Einfamilienhaus gegenüber stehen. Zschäpe stoppt und fragt die Nachbarin, ob sie auf die Katzen aufpassen könne. Die Nachbarin nickt, Zschäpe stellt ihr die Katzenkörbe vor die Füße, holt ein rotes Handy aus der Tasche und läuft in Richtung Innenstadt. Die Polizei wird bald da sein.

Zschäpe ist 36 Jahre alt, sie hat soeben alles verloren: ihre Familie, ihre Freunde, ihre Männer – und ihren Lebenssinn. Fast 14 Jahre lang hatte sie mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) gelebt. Mindestens zehn Morde an türkisch- und griechischstämmigen Kleinunternehmern und einer Polizistin sowie zwei Nagelbombenanschläge und mindestens 15 Überfälle werden der Gruppe vorgeworfen.

Zschäpe flieht an jenem Novembernachmittag vor der Polizei und vor ihrem bisherigen Leben. Während die Flammen den Dachstuhl des Hauses erreichen, versucht sie mit ihrem Handy André E. zu erreichen: den wichtigsten Unterstützer des Trios in den vergangenen Jahren. Nach zwei Kilometern Irrlauf durch Zwickau holt André E. sie mit seinem Auto ein und fährt mit ihr raus aus der Stadt. Zschäpe denkt an Selbstmord, sie will sich vor einen Zug werfen. So erzählt sie es einem Polizisten, als sie später in Untersuchungshaft sitzt.

Doch sie muss den Männern ihres Lebens noch zwei Wünsche erfüllen. Zschäpe bittet André E., sie zum Hauptbahnhof zu fahren.

Die Frau, die an diesem Abend im Zwickauer Bahnhof direkt an der Wache der Bundespolizei vorbeiläuft, ist nicht nur die einzige Überlebende der Terrorgruppe, die sich NSU nannte – sondern auch eine der wenigen rechtsradikalen Terroristinnen überhaupt. Für den Generalbundesanwalt ist Beate Zschäpe die wichtigste Angeklagte im Verfahren gegen die »Braune Armee Fraktion«. Bisher schweigt sie. Wenn die Hauptverhandlung vor dem Bundesgerichtshof gegen den NSU beginnt, wird Zschäpes Verhalten über den Prozessverlauf mitentscheiden. Die Tatverdächtige ist auch die letzte Zeugin. Sie könnte am meisten dazu beitragen, die Taten und das Motiv der Zelle zu beleuchten, aber ihre Person ist auch entscheidend für die Staatsanwaltschaft, die wahrscheinlich in diesem Herbst die Anklageschrift vorlegen wird. Sollte dann das Gericht Beate Zschäpe nicht nachweisen können, von den Morden und der rechten Ideologie gewusst zu haben, wird es schwer, den NSU als »terroristische Vereinigung« zu verurteilen. Denn eine Bande zählt in Deutschland erst als Terrorgruppe, wenn sie mindestens drei Mitglieder hat: Böhnhardt, Mundlos – und Zschäpe.

Zwar laufen gegen insgesamt 16 mögliche Helfer der Gruppe Ermittlungsverfahren, zwei von ihnen sitzen derzeit in Haft. Aber oft wussten die Unterstützer nicht einmal etwas voneinander, sodass sie mit dem Begriff »terroristische Vereinigung« schlecht zu fassen sind. Nur das Trio gab sich einen Namen und ein Logo und kannte das Ausmaß der Taten. Die Helfer, wie André E., führten die Aufträge der Zelle aus, mal mieteten sie Wohnungen und Autos, mal besorgten sie Waffen oder Ausweise und Bahncards. Beate Zschäpe ist die einzige noch lebende Aktivistin, bei der alle Stränge zusammenlaufen.

Dennoch ist bisher wenig über Zschäpe bekannt, nach dem Auffliegen der Terrorzelle wurde meist über die beiden Männer berichtet. Wer ist Beate Zschäpe? Was trieb sie an? Zschäpe selbst äußert sich gegenüber der ZEIT nicht. Aber einige ihrer früheren Kameraden sprechen, ehemalige Nachbarn, Freunde, diverse Augen- und Ohrenzeugen.

Am Zwickauer Bahnhof steigt Zschäpe an jenem Novembertag des Jahres 2011 in einen Zug nach Chemnitz. Sie hat jetzt keine Vertrauten mehr, bei ihrer Mutter und ihrer Großmutter hat sie sich seit über einem Jahrzehnt nicht gemeldet. Den Kontakt zu früheren Freunden hat sie seit ihrem Untertauchen konsequent gemieden. Sogenannte Kameraden der rechten Szene glauben, Beate Zschäpe lebe im Ausland oder sei auf Kreta gestorben.

In Chemnitz wurde die Zelle geboren. Hier fand Zschäpe 1998 ihren ersten Unterschlupf, nachdem sie mit Mundlos und Böhnhardt untergetaucht war. Die Rollen innerhalb des Trios waren von Anfang an klar verteilt: Mundlos, der belesene Ideologe, war der Kopf. Böhnhardt, der Waffennarr, war die Faust. Und Zschäpe war die Hausfrau und Mutter der »Familie« – so nennt Zschäpe das Verbrechertrio später in Untersuchungshaft selbst.

Die Männer brechen zu ihren Mordtouren auf, und Nachbarn sehen Zschäpe im Garten Wäsche aufhängen. Sie kocht fast jeden Tag. Hausbewohner sagen, es habe immer appetitlich aus der Wohnung gerochen. Für ihre beiden Männer backt Zschäpe auch schon mal Plätzchen oder ihre Lieblingskuchen aus Kindertagen. In der Küche finden Polizisten später das Buch Dr. Oetker: 1000 – Die besten Backrezepte.