Drei Männer sind an einem warmen Tag im Frühsommer zum Abendessen verabredet. Es steht viel auf dem Spiel: Gigantische Schulden drohen das Staatswesen zu erdrücken. Die armen Bundesländer wollen die Schulden der Gemeinschaft aufbürden, die reichen plädieren für getrennte Kassen. Da macht einer der drei einen Vorschlag: Die Zentrale übernimmt ihre Schulden, dafür wird das Land von den wohlhabenden Mitgliedsstaaten aus regiert.

Die Episode trug sich fast auf den Tag genau vor 222 Jahren in New York zu. Der Architekt des Kompromisses hieß Alexander Hamilton, der als amerikanischer Finanzminister eine Lösung für die finanziellen Lasten nach den Unabhängigkeitskriegen finden musste. Der Deal stärkte die Zentralregierung und legte den Grundstein für den Aufstieg der Vereinigten Staaten von Amerika.

Wenn man so will, wurden die USA auf Schulden errichtet – und die große Frage dieser Tage ist, ob sich die Geschichte in Europa wiederholt. Noch stemmt sich die deutsche Regierung dem vehement entgegen. Auch wenn Berlin mit dieser Position in fast allen internationalen Gremien isoliert ist, will Angela Merkel den Zerfall der Währungsunion mit möglichst geringen Eingriffen verhindern. Doch der hat längst begonnen. Das gemeinsame Finanzwesen zerbricht in seine Einzelteile. Das könnte der deutschen Krisenpolitik die Basis entziehen – und Entscheidungen erzwingen, auf die das Land nicht vorbereitet ist.

Die Griechen müssten heute höhere Zinsen bezahlen als Pakistan

Eigentlich sollte das Kapital innerhalb des Währungsraums frei zirkulieren. Doch neuerdings macht es wieder an Staatsgrenzen halt. Die Banken holen ihr Geld zurück in die Heimat, und sie haben damit begonnen, ihre Geschäftsaktivitäten nach Ländern zu organisieren. Kredite vergeben sie nur noch dort, wo sie auch das dafür notwendige Geld für die Refinanzierung erhalten.

Diese Praxis hat für die Institute einen entscheidenden Vorteil: Würde ein Land aus der Währungsunion ausscheiden und seine neue nationale Währung im Wert kräftig sinken, dann würden nicht nur die Forderungen der Bank entsprechend entwertet, sondern auch die Verbindlichkeiten. In der Bilanz sähe das deutlich besser aus.

Für deutsche Banken bedeutet das, sich vor allem in der Heimat zu betätigen: Allein in den vergangenen beiden Jahren haben sie ihr Engagement in den Mitgliedsstaaten der Währungsunion um 162 Milliarden Euro zurückgefahren. Vor allem im Krisenstreifen am Mittelmeer. Die Institute in den Schuldenländern wiederum tun sich schwer, die Lücke zu füllen, weil Kunden dort ihr deponiertes Spargeld abziehen. Insgesamt hat allein Italien nach Berechnungen der amerikanischen Großbank Citigroup seit 2011 rund 160 Milliarden Euro an das Ausland verloren.

Häufig ist die nackte Angst am Werk. Die Banken müssen sich auf alle Eventualitäten vorbereiten – und der Zusammenbruch der Währungsunion ist inzwischen eine reale Gefahr. Das Problem: Die Probe für den Ernstfall macht diesen Ernstfall überhaupt erst möglich.

Inzwischen ist allen klar, dass etwas passieren muss

Wenn sich die Banken aus dem Süden zurückziehen, kommen die dortigen Unternehmen kaum noch an frisches Kapital für Investitionen. So verlangen deutsche Institute für einen mehrere Jahre laufenden Firmenkredit heute im Schnitt 3,4 Prozent Zinsen, italienische Institute dagegen nehmen 5,7 Prozent im Jahr. Und selbst in den hoch industrialisierten Provinzen Norditaliens lehnen die Banken etwa die Hälfte der Kreditanträge ab. Kapital wird also teurer und knapper. Folglich fallen die italienischen Unternehmen im Wettbewerb zurück, was die Krise in Italien verschärft.

Weite Teile der griechischen Wirtschaft sind vom Kreditverkehr schon ganz abgeschnitten, selbst Öl erhält das Land nur noch gegen Vorkasse. Die Krise habe zu einer »deutlichen Verschlechterung« des gemeinsamen Finanzwesens in Europa geführt, mit erheblichen Nachteilen für die Wirtschaft, warnt die Europäische Zentralbank.

Der Markt für Staatskredite ist noch maroder. Zinsunterschiede gelten dort zwar nicht per se als schlecht, weil die Finanzmärkte auf diese Weise die Regierungen disziplinieren – sie belohnen solide Staaten mit günstigen Konditionen und bestrafen unsolide Länder mit hohen Zinsen. Doch längst ist jedes Maß verloren gegangen. Die Regierung in Madrid muss für frisches Kapital von privaten Investoren mehr als sechs Prozent Zinsen berappen und gerät dadurch immer stärker in die Bredouille.

Die Finanzagentur der Bundesrepublik hingegen hat sich in der vergangenen Woche viereinhalb Milliarden Euro zu einem Zinssatz von null geliehen, weil die Investoren um beinahe jeden Preis ihr Geld im stabilen Deutschland anlegen wollen. Die Bundesregierung zahlt für den Kredit also – nichts.

Wenn es ums Geld geht, stehen die meisten Krisenländer heute wieder da, wo sie vor Einführung des Euro schon mal waren: am Rand. Nur haben sie jetzt noch einen Nachteil. Denn damals konnten ihre nationalen Notenbanken zur Not Geld drucken, wenn hypernervöse Märkte ihnen den Kredit versagten. Dann stieg zwar die Inflation, aber wenigstens hielt man die Wirtschaft halbwegs am Laufen.

Nun entscheidet nur noch eine Notenbank für alle. Und die Europäische Zentralbank in Frankfurt kann gar nicht auf die Bedürfnisse der einzelnen Krisenländer eingehen. Die sind damit den Anlegern und Spekulanten ausgeliefert. So erging es bisher nur Schwellen- und Entwicklungsländern in Afrika, Asien oder Lateinamerika. Tatsächlich müsste Griechenland heute höhere Zinsen bezahlen als Pakistan oder Venezuela, wenn es Geld aufnehmen wollte. Eine Reihe von europäischen Ländern habe »die Fähigkeit verloren, ihre Wirtschaft zu stabilisieren«, so Joachim Fels, Chefvolkswirt der Investmentbank Morgan Stanley.

Als Deutschland die Agenda 2010 hatte, funktionierte die Währungsunion

Die Währungsunion wurde einst ersonnen, um den Primat der Politik in Zeiten globaler Märkte zu sichern, jetzt stärkt sie eher noch die Märkte und schwächt die Politik. Sie sollte ihre Mitglieder schützen, doch so, wie sie derzeit verfasst ist, vergrößert sie für viele nur die Not.

Inzwischen ist allen klar, dass etwas passieren muss. Die Bundesregierung vertraut auf Rezepte, die sich aus ihrer Sicht im eigenen Land bewährt haben. Wie einst die Deutschen sollen jetzt die Italiener und Spanier privatisieren, deregulieren und reformieren. Wer etwas über nachhaltige Wirtschaftspolitik lernen will, der finde in Deutschland »Anschauungsmaterial«, sagt Steffen Kampeter, Staatssekretär im Finanzministerium.

Was er nicht sagt, was aber die wissenschaftlichen Berater der Bundesregierung in internen Papieren dokumentiert haben: Heute sind die Umstände ganz andere. Als Deutschland die Agenda 2010 umsetzte, funktionierte die Währungsunion noch. Die Zinsen blieben für die Deutschen auch in den schwersten Krisenmonaten stabil. Weder die Demonstrationen gegen Hartz IV noch das Scheitern der rot-grünen Koalition sorgte bei den Geldgebern für Verunsicherung.

Deutsches Wachstum könnte sich abschwächen

Die Finanzierung der deutschen Unternehmen war deshalb nie in Gefahr – und der Staat konnte sich bei der Sanierung der öffentlichen Finanzen die notwendige Zeit lassen. Deutschland benötigte sieben Jahre, um nach der Jahrtausendwende von den ungesunden Defizithöhen wieder herunterzukommen – Griechenland, Italien, Spanien und Portugal sollen dasselbe in weniger als der Hälfte der Zeit schaffen. Selbst den gewöhnlich strengen Ökonomen der Industrieländerorganisation OECD geht das zu weit. Die Konsolidierung sei zum Teil »exzessiv«, sagen sie.

Der deutsche Reformeifer wurde auch deshalb relativ schnell belohnt, weil die Konjunktur im Rest Europas boomte und Italiener, Spanier und Franzosen dank steigender Einkommen den Unternehmen in Deutschland die Waren abkauften, die sich die Bundesbürger wegen der Lohnkürzungen im eigenen Land nicht mehr leisten konnten. Nun boomt zwar Deutschland, die Kaufkraft steigt. Doch niemand weiß, wie lange das anhält. Schon berichtet die hiesige Industrie, dass sie weniger Aufträge erhalte. Das deutsche Wachstum könnte sich abschwächen.

Spätestens dann wird der deutsche Weg für Italien oder Spanien unbeschreitbar.

Aus Sicht der OECD-Ökonomen muss die Währungsunion überhaupt erst wieder funktionsfähig werden, damit die Reformen auch im Süden wirken können. Sie empfehlen den Euro-Ländern, ein gemeinsames Sicherheitsnetz für ihre Banken zu spannen und auch gemeinsam neue Schulden aufzunehmen.

Das wäre die Alexander-Hamilton-Lösung für Europa.

Sie würde jene politische Union etablieren, die die Deutsche Bundesbank schon immer als unabdingbar für das Funktionieren einer Währungsunion erachtet hatte. Die Vorteile: Krisenstaaten bekämen mehr Spielraum, um ihrer Schulden Herr zu werden. Das komplizierte Geflecht aus Rettungsschirmen und Hilfsprogrammen würde durch ein einziges großes Instrument ersetzt. Statt der nationalen Schulden zählten für die Finanzmärkte nunmehr die Schulden des Währungsraums insgesamt – und die sind im globalen Vergleich nicht sonderlich hoch.

Deutschland müsste indes höhere Zinsen zahlen, weil die Deutschen für Spanier und Italiener mit haften würden. Brüssel müsste weitreichende Eingriffsrechte in die nationalen Haushalte bekommen, weil ja die Finanzmärkte die Staaten nicht mehr bestrafen könnten, wenn sie über die Stränge schlagen. Dabei ist ungeklärt, wie eine solche Kompetenzabgabe demokratisch legitimiert werden kann.

Bei einem gemeinsamen Abendessen der Staats- und Regierungschefs der EU in der vergangenen Woche wurde über das Thema erstmals ausführlich diskutiert – ohne Ergebnis. Die Länder des Nordens scheuen sich, die Haftung auszuweiten, die Länder des Südens wehren sich gegen das Hineinregieren.

Am 28. Juni trifft man sich in Brüssel wieder. Die Frage ist, wie lange es den Euro noch gibt, wenn dann wieder nichts geschieht.

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