Euro-KriseAllein

Die Währungsunion im Zerfall: Die Banken des Nordens ziehen sich aus dem Süden zurück, der sich kaum noch finanzieren kann. Alle warten auf Deutschland. von 

Bundeskanzlerin Angela Merkel in Brüssel

Bundeskanzlerin Angela Merkel in Brüssel  |  © dpa

Drei Männer sind an einem warmen Tag im Frühsommer zum Abendessen verabredet. Es steht viel auf dem Spiel: Gigantische Schulden drohen das Staatswesen zu erdrücken. Die armen Bundesländer wollen die Schulden der Gemeinschaft aufbürden, die reichen plädieren für getrennte Kassen. Da macht einer der drei einen Vorschlag: Die Zentrale übernimmt ihre Schulden, dafür wird das Land von den wohlhabenden Mitgliedsstaaten aus regiert.

Die Episode trug sich fast auf den Tag genau vor 222 Jahren in New York zu. Der Architekt des Kompromisses hieß Alexander Hamilton, der als amerikanischer Finanzminister eine Lösung für die finanziellen Lasten nach den Unabhängigkeitskriegen finden musste. Der Deal stärkte die Zentralregierung und legte den Grundstein für den Aufstieg der Vereinigten Staaten von Amerika.

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Wenn man so will, wurden die USA auf Schulden errichtet – und die große Frage dieser Tage ist, ob sich die Geschichte in Europa wiederholt. Noch stemmt sich die deutsche Regierung dem vehement entgegen. Auch wenn Berlin mit dieser Position in fast allen internationalen Gremien isoliert ist, will Angela Merkel den Zerfall der Währungsunion mit möglichst geringen Eingriffen verhindern. Doch der hat längst begonnen. Das gemeinsame Finanzwesen zerbricht in seine Einzelteile. Das könnte der deutschen Krisenpolitik die Basis entziehen – und Entscheidungen erzwingen, auf die das Land nicht vorbereitet ist.

Die Griechen müssten heute höhere Zinsen bezahlen als Pakistan

Eigentlich sollte das Kapital innerhalb des Währungsraums frei zirkulieren. Doch neuerdings macht es wieder an Staatsgrenzen halt. Die Banken holen ihr Geld zurück in die Heimat, und sie haben damit begonnen, ihre Geschäftsaktivitäten nach Ländern zu organisieren. Kredite vergeben sie nur noch dort, wo sie auch das dafür notwendige Geld für die Refinanzierung erhalten.

Diese Praxis hat für die Institute einen entscheidenden Vorteil: Würde ein Land aus der Währungsunion ausscheiden und seine neue nationale Währung im Wert kräftig sinken, dann würden nicht nur die Forderungen der Bank entsprechend entwertet, sondern auch die Verbindlichkeiten. In der Bilanz sähe das deutlich besser aus.

Für deutsche Banken bedeutet das, sich vor allem in der Heimat zu betätigen: Allein in den vergangenen beiden Jahren haben sie ihr Engagement in den Mitgliedsstaaten der Währungsunion um 162 Milliarden Euro zurückgefahren. Vor allem im Krisenstreifen am Mittelmeer. Die Institute in den Schuldenländern wiederum tun sich schwer, die Lücke zu füllen, weil Kunden dort ihr deponiertes Spargeld abziehen. Insgesamt hat allein Italien nach Berechnungen der amerikanischen Großbank Citigroup seit 2011 rund 160 Milliarden Euro an das Ausland verloren.

Häufig ist die nackte Angst am Werk. Die Banken müssen sich auf alle Eventualitäten vorbereiten – und der Zusammenbruch der Währungsunion ist inzwischen eine reale Gefahr. Das Problem: Die Probe für den Ernstfall macht diesen Ernstfall überhaupt erst möglich.

Leserkommentare
  1. Vernünfte mit ihren jeweils anderen Handlungsweisen in Europa halten einander nicht aus.

    Ich war in meiner aktiven Zeit viel unterwehs und habe gelernt: Man KANN mit Inflatiuon wirtschaften, lebt dann aber ganz anders (mit Schulden und Sofortausgabe aller Einnahmen - deshalb die vielen "Bauruinen", sprich: erst nach und nach über Jahre je nach Geldeingang fertiggestellten Häuser in manchen Ländern) als jemand, der spart und mit dem Geldwert rechnet und Verschuldung ohne im Voraus penibel berechnete Rückzahlungslasten grundsätzlich meidet.

    BEIDES kann vernünftig sein, ist aber nicht miteinander zu vereinbaren.

    Im Augenblick versuchen einige, beide Seiten umzuerziehen in die Richtung des bisher nicht von ihnen gelebten Modells. Ich glaube nicht, dass dies wirklich erfolgreich sein kann - es müsste zuviel umgestellt werden und nicht nur privates Konsumverhalten. Eine Mischung aus den beiden Verhaltensweise ist auch kaum möglich. (Zu Deutschland: immerhin hat die deutsche Sparsamkeit die zwei Hyperinflationen der 20er und 40er Jahre ungebrochen überlebt).

    Man sperrt doch auch einen gestandenen Bauarbeiter mit Neigung zu Softpornos und Hardrock nicht mit einer Mozart und Gefühlsohnmachten liebenden Nonne in eine gemeinsame Gefängniszelle.

    Es sei denn, man WILL die Katastrophe.

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    So ist es nicht, aber zur Katastrophe wird es führen. Die Sparsamkeitsfanatiker wollen die Südländern leiden sehen.

    Die Sparer würden nicht sparen, wenn sie aus dem Sparen selbst nicht schon Gewinn ziehen würden. Der ist heimlich wollüstig selbstzüchtiger Art.

    Indem wir die Sparsamkeit den Südländern aufzwingen bekommt's einen Blubb Missionierungssadismus oben drauf, verstärkt durch den Umstand, dass den Südländern das Sparen nicht die Freude bringt wie den Austeritätsanhängern.

    Wir sind 30 Jahre nach der Einheit an dem Punkt, vor dem Frankreich und England Angst hatten. Deutschland breitbeinig in der Mitte Europas bläht die Backen, weitet die Nüstern und beharrt: Glück und Zukunft nach unserem Maßstab - alles oder nichts.

  2. und keiner behaupte, man hätte das nicht vorhersehen können.

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  3. „Die Zentrale übernimmt ihre Schulden, dafür wird das Land von den wohlhabenden Mitgliedsstaaten aus regiert.“

    Eine Art Plutokratie also auf Staatenebene. Ich ziehe die Demokratie vor. Die „Südstaaten haben“ Besseres verdient, als von Deutschland regiert zu werden.

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    ...es bleibt den Südstaaten durchaus unbenommen zu verhungern, wenn es die von Ihnen so genannte 'Plutokratie' nicht gibt.

    Oder glauben Sie im Ernst, daß so zerfahrene, zerfranste und letztlich nationalverliebte Demokratien wie dort ihren Einwohnern mehr Brot in den Mund schieben können als bisher?

    Entweder - oder. Bisserl Pleitegehen geht nicht so wirklich, das merkt auch bald Hollande. Nicht?

  4. sie verstehen den artikel so, ich hingege lese daraus:
    1. heute, jetzt, in der krise, können wir die gelegenheit nutzen, den euro-raum enger zusammenwachsen zu lassen und so etwas wie die (erfolgreichen) usa werden.
    2. ein bisschen solidarität von seiten deutschlands gegenüber den südlichen euro ländern gäbe diesen die zeit reformen durchzusetzen.
    3. denn gerade D hat vom euro profitiert und es liegt (auch) im deutschen interesse die währungsunion nicht zerplatzen zu lassen. wer kauft denn bitte sonst noch bmw&co?

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    Ich sehe das genau so.
    Auch ich meine, die Krise könnte ein Motor sein um Europa zusammenwachsen zu lassen.
    Aber, wie am gegebenen Beispiel aus den USA, müssen beide Seiten ihr Interesse am Gemeinsamen erkennen.
    Mit Deutschlands Solidarität alleine ist es nicht getan. Es muss auch die Bereitschaft des Nehmers zum Aufgeben von Souveränität gegeben sein.

    es gibt keine Zeit mehr, wir gehen gerade zugrunde! Man erstickt in so ein System!

    Ich baue auf Griechenland, dieses kleine so belächelte Land wird uns erneut zeigen was DEMOKRATIE IST!!!

    Hoffentlich bald, sehr bald!

    Gruß
    Montessori

    "3. denn gerade D hat vom euro profitiert und es liegt (auch) im deutschen interesse die währungsunion nicht zerplatzen zu lassen. wer kauft denn bitte sonst noch bmw&co?"

    Mich wundert, daß sich das Märchen vom Euro-Profiteur BRD immer noch so lange hält.
    Es sollte doch inzwischen bekannt sein, daß die von der BRD in die PIIGS-Staaten exportierten "bmw&co", unglaublich aber wahr, von der BRD selber bezahlt werden". Nämlich durch die Target2-Salden ...

    Hier ein leichter Zugang zum Thema:

    http://mediathek.cesifo-g...
    (Darin die Videos "Die europäische Fiskalunion" und "Ist der Euro noch zu retten?")

    die BMWs & Co. werden hauptsächlich durch Chinesen und Russen gekauft, nicht so sehr durch Griechen und Portugiesen.

    Und solche Güter kaufen sowieso eher reichen Menschen, die es auch nach dem Austritt entsprechender Länder aus Währungsunion geben wird und die solche Autos weiterhin kaufen werden, so ist es.

    Oder was glauben Sie, wie viele durchschnittlich verdienenden Griechen und Portugiesen neue teuren BMW und Mercedes kaufen? Das ist sowieso die Oberschicht, die das weiter machen wird.

    • Bornie
    • 02. Juni 2012 9:21 Uhr

    Da gibt es ein EU Land in dem es möglich geworden ist bereits eingegangene Verträge rückwirkend zu ändern und damit den Geldgeber zu enteignen. Wer gibt Garantien für die restlichen Staaten, die Geld brauchen? Warum soll das was Griechenland kann nicht auch für Spanien funktionieren?

    Mein Ohrwurm singt beim lesen des Artikels: "Hey ich will mein Geld zurück....."

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  5. Eine dramatische Aussage.
    Sachlich geechtfertigt oder sollen im Bild-Stil Klicks generiert werden?
    Den Autor Schieritz wird an dieser Aussage gemessen werden.

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  6. wenn der Ruf deutschland aus dem Euro Raum rauszuschmeissen laut wird (was leider NİEMALS passieren wird denn der Euroraum braucht eien Zahlmeister) dann sollten wir uns bedingungslos diesem Wunsch beugen!

    20 Leserempfehlungen
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    Das wäre für uns kaum weniger katastrophal, wie ein Austritt für Griechenland eine Chance wäre.

    Eine DM würde gegenüber dem heutigen Euro-Wert sofort um 40 % aufwerten, das würde unsere Exportindustrie zum Stillstand bringen und ausufernde Arbeitslosigkeit nach sich ziehen, weil, was oft von z. B. Frankreich bemängelt wurde, die deutsche Nachfrage dank lang durchgehaltenem Lohnverzicht am Boden ist und schlicht kein Binnenmarkt da ist, um Einbrüche abzufedern.

    Aber Ihr Kommentar zeigt deutlich, wie selbstbezogen, isolationistisch und wirtschaftsfern viele Deutsche denken.

    Man kann nicht immer nur nehmen, nehmen, nehmen, wenn man nicht riskieren will, dass irgendwann die anderen nichts mehr zum Geben haben. Die Welt ist endlich, das zumindest sollte Ihnen die Diskussionen um Staatshaushalte und Milliardenbankkonten inzwischen beigebracht haben.

    Man kann nicht immer nur nehmen, nehmen, nehmen, wenn man nicht riskieren will, dass irgendwann die anderen nichts mehr zum Geben haben.
    Was ich allerdings überhaupt nicht nachvollziehen kann ist, wie Sie um alles in der Welt diesen Satz ausgerechnet auf den mit Abstand grössten ZAHLMEİSTER der EU beziehen!
    Das sollte doch eher gen Südeuropa gerichtet sein!

    • hkeske
    • 02. Juni 2012 9:26 Uhr

    Soweit ich weiß, regelt sich im neoklassischen System der freien Wettbewerbswirtschaft alles von selbst. Das gilt auch für den Wettbewerb der Nationen - wenn jeder und immer nur an sich selber denkt und seinen Nutzen maximiert, dann ist grundsätzlich allen am besten gedient. Jeder Versuch, in dieses sich selbst regulierende System einzugreifen, bedeutet die Anmassung von Wissen und kann nur schädlich sein. Ist das nicht der Stand der Wissenschaft?

    Na also. Griechenland, Portugal, Spanien, Italien etc. und deren Probleme oder ökonomischer Untergang nennt man doch einfach Anpassungsprozeß oder so ähnlich.

    Nun haben wir einfach Vertrauen und schauen uns an, wie diese Länder nach der "Anpassung" aussehen werden.

    Ich vermute mal, dort wird in Zukunft Zucht und Ordnung herrschen, Disziplin und Fleiß, frühes Aufstehen und harte Arbeit, und das alles begleitet von mindestens anfangs eher spärlichen Konsumgewohnheiten.

    Und mal ehrlich: Ist das nicht genau das, was diese Völker sich schon lange wünschen? Jedenfalls die Unternehmer als führende Elite? Na also. Der Rest muß nur noch erst auf Trab gebracht werden.

    Diesen Völkern kann doch gar nichts besseres passieren.

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    dieses wort klingt verdammt alt und suspekt...
    sind sie sicher, dass in europa heutzutage noch völker leben? sind wir nicht eher menschen, mit gleichen rechten, basierend auf unsere gemeinsame geschichte?

    "Und mal ehrlich: Ist das nicht genau das, was diese Völker sich schon lange wünschen? "

    NEIN!!! DAS IST ES NICHT!

    Das liest sich wie die Schilder in ein Lager!

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